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"Sie wissen, dass es kein Hier gibt!"

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 24. September 2011. "Für eine kurze Zeit war ich glücklich", seufzt Frau Gödel, und ihr Mann, der große Zeit-Theoretiker, kontert wie aus der Pistole geschossen: "Das ist viel!" Nicht nur da fällt einem Loriot und das Viereinhalb-Minuten-Ei ein.

Die Zeit ist eben ein sonderbar Ding für einen, dem schon die Mutter als Kind eingebläut hat: "Die Zeit gibt es in anderen Ländern, hier gibt es den Kaiser." Nun, in der amerikanischen Emigration, gibt es keinen Kaiser, sondern einen Präsidenten und eine Verfassung. Einstein meint es gut mit seinem Professoren-Kollegen in Princeton, er versucht sich als Einbürgerungs-Coach. Aber belehre einer einen genialen Denker, der in der eigenen Zeit-Schleife hängen geblieben ist! Der Dialog der beiden wissenschaftlichen Originalgenies wird zum liebenswürdigsten Phrasen-Desaster, bei dem Einsteins sich dem Kamm verweigernde Haare und seine Unlust auf Socken genau so zur Sprache kommen wie das Nicht-Jude-Sein von Kurt Gödel, dessen Pech es eben war, dass man ihn taxfrei zu einem solchen erklärt hat.

Ein grenzgenialer Spinner
Wieder hat der belesene und um hypothetische "Wer trifft wen?"-Stories nicht verlegene Daniel Kehlmann prominente Denker in den Ring geschickt. Diesmal wird nicht die Welt zwischen zwei Buchdeckeln vermessen, sondern es werden die Zeit-Geister losgelassen. Das Pech des österreichischen Mathematikers Kurt Gödel ist, dass er immer nur mit Escher und Bach in einem Atemzug genannt wird und die meisten zu den drei Namen ausschließlich Eschers irreale Treppen- und Raum-Konstruktionen assoziieren. Wer hat das Buch schon wirklich gelesen?

Wer also war Gödel? Ein österreichischer Mathematiker und Zeit-Philosoph. Ein schweigsamer Sonderling ("Es gibt zuviel Meinung auf der Welt", lässt Kehlmann ihn einmal sagen). Ein grenzgenialer Spinner, der sich mit seinem fanatischen Glauben an Geister irgendwie selbst hinauskatapultiert hat aus der ernsthaft-handfesten Welt der Zahlen-Wissenschaften. Und nicht nur aus dieser, sondern auch aus der echten Welt: Gödel argwöhnte, man wolle ihn vergiften – und so ist er schließlich an Unterernährung gestorben.

Daniel Kehlmann hat sich für seinen Theater-Erstling mit der ihm eigenen Akribie eingefuchst in Zeit und Umfeld. Köstliche hypothetische Begegnungen und Dialoge baut er. Der "Wiener Kreis" beim lebhaften Diskurs über Wittgenstein – das muss einem so erst einfallen. Der belesene Kehlmann zeigt, so wie als Romancier, auch als Bühnenautor Talent zur Ironie. "Sie hier?", fragt Gödel überrascht, irgendwo im hintersten Sibirien auf dem Weg ins amerikanische Exil, als der (zu dem Zeitpunkt schon tote) Kollege Moritz Schlick auftaucht. Der pariert nicht denkfaul: "Die Frage ist unter ihrem Niveau. Sie wissen, dass es kein Hier gibt."

Auf der Kippe: Raum und Zeit
Jetzt gibt es natürlich schon gar keines. Kehlmann splittet die Figur Gödel gleich in vier Personen. Das Kind, der junge Wissenschafter, der alte Exilant – und dessen Alter Ego, das den Gang der Dinge posthum im Blick auf sich selbst beäugt. Johannes Silberschneider, Rudi Widerhofer, Claudius Körber und David Rauchenberger (ein sich beeindruckend ungezwungen bewegender Bub) bilden dieses Quartett. Die Zeitebene kippt permanent – das ist die Herausforderung an die Bühnenumsetzung: Raimund Orfeo Voigt hat für Regisseurin Anna Badora einen spitz nach hinten zulaufenden, weißen Raum geschaffen, der vorne von einer vielfeldrigen Glaswand abgeschlossen wird. Da spiegeln sich die vorne Spielenden im Glas, auf Knopfdruck tauchen andere Spieler (und damit: eine andere Zeitebene) dahinter auf. Dialoge werden auf die Figuren vor und hinter der Glaswand verteilt, was reizvolle Raum- und Zeit-Brechungen ergibt.

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Blicke hinter Glas: "Geister in Princeton"
© Lupi Spuma

Vor zwei Jahren hat Kehlmann mit einem flapsigen Ausritt aufs "Regietheater" in Salzburg das Feuilleton gegen sich aufgebracht. Wegen Eigenmächtigkeiten der Regisseurin brauchte er in Graz keine Sorge zu haben. Die paar Szenen-Umstellungen seien mit ihm abgesprochen worden, betonte sie in einem ORF-Interview. Und die Dialogstruktur des Stücks ist ohnedies so, dass die Sache auf Schauspieler-Theater hinausläuft: Gerade auf dieser Ebene wird die Grazer Uraufführung dem Stück ideal gerecht. In einem starken Ensemble gelingt es, die verquersten wissenschaftlichen Sentenzen in einen ungezwungenen Alltags-Tonfall umzumünzen. All die historischen großen Wissenschafts-Geister begegnen uns als Menschen aus Fleisch und Blut, mit Liebenswürdigkeiten und Macken. Albert Einstein – Hans Peter Hallwachs – natürlich auch. Wer erträumt sich einen solchen Typen nicht als Großvater?

Männer und Frauen

Fein vor allem jene Szenen, die den "privaten" Gödel zeigen. Eine Revuetänzerin hat er geheiratet, und die Dame hat fortan mit dem Eigenbrötler einiges aufzulösen. Sie kocht Krautfleisch und er spintisiert vom Zukunfts-Vehikel. Aber das kommt wohl erst in fünftausend Jahren. Da wird es Frau Gödel zu bunt und sie redet selbst mit den "Geistern", die ihr Mann sieht. Allein: Er sieht sie in der anderen Ecke des Raums.

Männer und Frauen denken eben anders, das wusste schon Loriot. Überhaupt: Dessen Drehen an der (spieß)bürgerlichen Humorschraube fällt einem an diesem Kehlmann-Abend immer wieder ein. Es denkt und diskutiert sich ironisch-bizarr auf diesem Boulevard Philo.

 

Geister in Princeton
von Daniel Kehlmann
Regie: Anna Badora, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Beatrice von Bomhard, Licht: Tamás Bányai, Dramaturgie: Regula Schröter.
Mit: Johannes Silberschneider, Rudi Widerhofer, Claudius Körber, David Rauchenberger, Steffi Krautz, Swintha Gersthofer, Franz Xaver Zach, Fang Yu, Hans Peter Hallwachs, Stefan Suske, Franz Solar, Dominik Warta.

www.theater-graz.com/schauspielhaus


Mehr zu Daniel Kehlmann? Bei den Salzburger Festspielen 2009 rechnete er in einer vieldiskutierten Rede mit dem Regietheater ab.

 

Kritikenrundschau

"Wenn Gödels Logik im Gefolge von Einsteins Relativitätstheorie schon kein Vorher und Nachher und nicht einmal ein Ende kennt, dann macht Anna Badoras feinsinnige Regie dagegen die Domäne des Theaters stark: das Jetzt", schreibt Dirk Schümer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.9.2011). "Mal vor, mal hinter einer Glaswand – wohl mehr Bildschirm der Erinnerung als Übergang zur anderen Dimension – begegnen sich die verschiedenen Gödels zwischen Brünn und Wien und Princeton und reisen auf dem Zauberpfeil der Bühne sogar quer durch Sibirien". Bei allen musilschen Bonmots zähle die Tragik des Schutzlosen. Dennoch fragt sich Schümer: Warum Gödel?

"Hinter dieser überambitionierten Vexierspielwand werden die meisten Rückblenden ge- und ihre möglichen Vitalitätsfunken leider oft auch verspielt", meint Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.9.2011). "Sie schafft Distanz, diese gläserne Wand, sie setzt das Stück in die Vitrine, sie erfordert überdies Microports für alle Schauspieler, was hier der Intimität nicht zuträglich ist. Und die projizierten Laser- und Stroboskop-Effekte als Chiffren für das Irrationale, Außer- oder Überirdische hätte es auch nicht gebraucht." Schauspielerisch sei das alles aber sehr passabel. So richtig Funken schlage "Badoras gebremste Gelehrtendrama-Design-Regie" nicht.

"Geschickt, knapp und elliptisch baut er seine Szenen, die Dialoge sind handwerklich perfekt, im besten Sinne 'witty' gearbeitet", befindet Ulrich Weinzierl in der Welt (26.9.2011). Kehlmann und Badora "führen den ganzen blutigen Aberwitz der Epoche vor Augen - in einer philosophischen Boulevardtragikomödie voll Ironie und Empathie zugleich." Je weiter das Geschehen in Richtung psychischer Verfinsterung fortschreite, desto beklemmender wirke die Komik: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer - die reine, die absolute Vernunft tut es nicht minder."

Anna Badora nehme sich allzusehr zurück, meint Colette M. Schmidt im Wiener Standard (26.9.2011): "Sie lässt weitgehend vom Blatt spielen: Ein inszenatorisches Defizit, das das Stück aber ohne jede Fadesse überlebt."

 
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