Pfeffersäcke und Internationalität

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. April 2013. "D". Das ist das neue Logo des Hamburger Schauspielhauses: ein großer, fett eingekreister Buchstabe "D", Deutschland, "das erinnert an diese hässlichen Plaketten fürs Auto, die einem im Urlaub früher peinlich waren", lacht die designierte Intendantin Karin Beier bei der Spielplanpressekonferenz und holt damit den ersten Teil des Theaternamens wieder ins Bewusstsein: Das mit 1200 Plätzen größte Sprechtheater der Republik heißt zukünftig nicht mehr nur "Das Schauspielhaus" wie zuletzt, es heißt wie zu besten Zeiten nun wieder "Deutsches Schauspielhaus".

Bevor man Beier allerdings überschäumenden Nationalstolz unterstellt, sei gesagt: Dieses "Deutschland" ist ein dekonstruiertes, eines, das geprägt ist von Beiers internationalem Theaterdenken. "Was ist deutsch?" ist die Frage, die über dem gesamten Spielplan zu stehen scheint, und angesichts der migrantischen, globalisierten und multikulturellen Großstadt gibt Beier gleich die Antwort mit: Deutschland, das ist vor allem ein internationalistisches Konstrukt.

Beginn einer Liebe

Ein Gedanke, mit dem Beier in Hamburg offene Türen einrennt: "In keiner anderen Stadt in Deutschland ist Internationalität so prägnant wie in Hamburg", da wanzt sich die gebürtige Kölnerin ein wenig an ihre zukünftige Wirkungsstätte ran, die sich viel darauf einbildet, Tor zur Welt zu sein. Ganz falsch ist die Beobachtung gleichwohl nicht. Internationales Denken und Pfeffersack-Kapitalismus, das passt schon, und entsprechend darf Beier ihre Verpflichtung ans Schauspielhaus auch als "Liebesheirat" verklären.

Zumal sie die dann auch relativiert: "Das zieht immer das Bild von leidenschaftlichen, hässlichen Ehekrächen nach sich." Gelächter im zahlreich erschienenen Pressepublikum, aber Beier hat recht: Die 47-Jährige muss das Schauspielhaus nach mageren Jahren zurück in die erste Liga der deutschsprachigen Bühnen führen, dafür wurde sie mit beträchtlichen Mitteln vom Schauspiel Köln an die Elbe gelockt, aber weil Beiers Erfolge in Köln nicht enden wollten, stiegen die Erwartungen an ihre Pläne für Hamburg so hoch, dass Beier diese Erwartungen gar nicht anders als enttäuschen kann.

Urgesteine und neue Kräfte

Immerhin, die neue Chefin unterläuft jede Erwartung ganz geschickt, indem sie erstmal nicht den so befürchteten wie ersehnten Kahlschlag am Haus durchführt. Mit Martin Pawlowsky, Michael Prelle, Samuel Weiss, Ute Hannig und Markus John werden immerhin fünf Schauspieler übernommen. Und Schauspielhaus-Urgestein Michael Propfe kehrt in die Dramaturgie zurück – Propfe war Chefdramaturg während der künstlerisch unbefriedigenden Intendanz Friedrich Schirmers und zuletzt noch als Gast dem Haus verbunden, diese Personalie ist also eine echte Überraschung.

Ansonsten setzt Beier im Ensemble wie schon in Köln auf eine Mischung aus großen Namen und Nachwuchskräften: Joachim Meyerhoff kommt von der Burg, Götz Schubert vom Deutschen Theater, Bettina Stucky aus Zürich. Erwartbar waren einige Wechsel aus Köln: Maria Schrader und Charly Hübner, Beier-Gatte Michael Wittenborn und die Schauspielerin des Jahres 2011, Lina Beckmann. Dass Josef Ostendorf, der erst vor einem Jahr das benachbarte Thalia Theater verlassen hatte, um "mehr frei zu arbeiten", an eine Hamburger Bühne zurückkehrt, ist eine kleine Spitze gegen den zuletzt immens erfolgreichen lokalen Konkurrenten. Und mit der britischen Sängerin Rosemary Hardy sowie der Japanerin Sachiko Hara bringen zumindest zwei Ensemblemitglieder einen expliziten Migrationshintergrund mit – der Plan, die multikulturelle Gesellschaft im Ensemble abzubilden, hatte ja schon in Köln nicht funktioniert, also versucht es Beier in Hamburg gar nicht erst.

Internationale Regisseure

Den internationalen Anspruch ihres Programms erfüllt Beier dafür bei der Auswahl ihrer Regisseure: Katie Mitchell (UK) inszeniert die Martin-Crimp-Uraufführung "Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino" (24.11.). Maja Kleczewska (Polen) führt Regie bei Shakespeares "Sturm" (7.12.). Christoph Marthaler (Schweiz) macht aus Karl Jaspers' Dissertation "Verbrechen aus Heimweh" ein Stück über "la maladie suisse": "Heimweh &Verbrechen" (22. 2.). Johan Simons (der Intendant der Münchner Kammerspiele ist Niederländer) verantwortet Genets "Neger" (Ende Mai 2014). Und Vincent Magaine (Frankreich) inszeniert sein eigenes Stück "Désolé, so lieben wir bei uns" (14.6.) – "Französische Schauspieler kolonisieren deutsche Schauspieler und das deutsche Publikum", so kündigt Beier die Premiere an.

Außerdem gibt es mit "Schwarze Augen, Maria" eine der mittlerweile bekannten performativen Installationen von Signa (Österreich/Dänemark), die belgische Gruppe Berlin inszeniert den dritten Teil ihres "Horror Vacui"-Zyklus namens "When you forget", William Kentridge (Südafrika) zeigt am 31.1. und 1.2. sechs performative Vorträge namens "Drawing Lessons" (die später von Joachim Meyerhoff reenacted werden), und es wird ein globales Theaternetzwerk namens "Hunger for Trade" aufgebaut, für das Bühnen in Hamburg, Brüssel, Manchester, Bukarest, Bamako, Bangalore, Sao Paulo und Pretoria Stücke über den Internationalen Nahrungsmittelmarkt entwickeln – der Hamburger Beitrag "Cargo Fleisch" kommt von Clemens Bechtel (25.4.).

Kraftakt zur Eröffnung

Bei so viel internationaler Ambition wirken die übrigen Pläne fast konventionell: Sebastian Baumgarten inszeniert einen Musiktheater-Schauspiel-Bastard namens "Die Ballade vom Fliegenden Holländer" zur Musik des kanadischen Jazz-Pop-Neue Musik-Grenzgängers Chilly Gonzales (28.12.), Karin Henkel macht Dostojewskis "Schuld und Sühne" (24.1.), Sebastian Nübling eine Simon-Stephens-Uraufführung mit dem Arbeitstitel "Carmen" (15.3.), Herbert Fritsch Molières "Die Schule der Frauen" (5.4.), Roland Schimmelpfennig sein eigenes Stück "Spam" (Mitte Mai), und Friederike Heller dramatisiert Marie NDiayes "Drei starke Frauen" unter dem Titel "Nach Europa".

Außerdem inszeniert Karin Beier natürlich auch selbst: die aus Renovierungsgründen verhältnismäßig spät angesetzte Spielplaneröffnung am 15.11.. "Die Rasenden" ist eine Verknüpfung von "Orestie", "Troerinnen" und "Iphigenie", es geht um, so Beier, die "Schnittstelle zwischen Religion und Politik", an der man einige der Probleme der Gegenwart feststellen könne. Der Eröffnungs-Kraftakt wird zwischen sieben und neun Stunden dauern und entsteht in Zusammenarbeit mit den Hamburger Neue-Musik-Spezialisten Ensemble Resonanz. Und es gibt eine weitere Inszenierung der Hausherrin: die Recherche "Pfeffersäcke im Zuckerland" über die Hamburger Kolonie Dona Francisca in Brasilien, die gekoppelt wird mit dem neuen Elfriede-Jelinek-Text "Strahlende Verfolger" (11.1.).

Alles auf Null

Mit Dona Francisca greift Beier auf ein spezielles Hamburger Sujet zurück: die Kolonial- und Auswanderergeschichte der Hansestadt. Ebenfalls in diesem Themenkomplex entsteht ein Stadtprojekt von Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner: "New Hamburg", das auf die unzähligen Auswanderer-"Hamburgs" rund um die Welt anspielt und eine Stadtgründung in Zeiten der Migrationsgesellschaft simulieren soll. "Alles auf Null“, beschreibt Bicker, der seit einem Jahr recherchiert, Kontakte knüpft und Netzwerke spinnt, das Konzept, das an frühere sozio-performative Aktionen des Schauspielhauses anknüpfen soll, an ein Theater, für das Namen wie Christoph Schlingensief oder Matthias von Hartz stehen. "Ein Stadttheater im wörtlichen Sinne, das politische, soziale und künstlerische Entwürfe kreiert." Solch ein Theater wurde in Hamburg zuletzt vor acht Jahren gemacht – auch wenn einzelne Protagonisten bleiben, erinnert mit diesem Programm nichts mehr an die künstlerische Stagnation der Zwischenzeit.

 

 
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