Kybernetiker im Glücksanzug

von Sascha Westphal

Dortmund, 10. Juni 2013. Vier Tage lang war das Dortmunder Schauspielhaus kaum wiederzuerkennen. Auf dem Vorplatz herrschte bei meist strahlendem Sonnenschein im Schatten einer kleinen DJ-Bühne Beach-Bar-Atmosphäre. Überall in der Eingangshalle standen bizarre Gebilde aus Metallstangen, Spiegeln, Glasplatten und -kolben, kleinen Glühbirnen und farbigen Leuchten herum, die nicht weniger seltsame Lichtgebilde an Wände und Decken warfen. Und das Rangfoyer hatte der Chaostreff Dortmund, eine – laut eigener Beschreibung – "bunt gemischte Gruppe aus computer-, technikbegeisterten und kreativen Menschen", in den Hackerspace verwandelt. An einem Tisch wurden hier mittels 3D-Drucker kleinere Gegenstände, etwa eine Box mit aufklappbarem Deckel, geschaffen, an einem anderen ein Quadrocopter, ein drohnenartiger Mini-Hubschrauber mit vier Propellern, gebaut.

cyberleiber kay voges 280 sascha westphal uSchauspielintendant Kay Voges: "Theater ist an sich interaktiv" © Sascha Westphal

Kunst im digitalen Zeitalter

Ziemlich genau einen Monat nach der von der Heinrich-Böll-Stiftung und nachtkritik.de in Berlin veranstalteten Konferenz "Theater und Netz", wo das Schauspiel Dortmund mit seiner Multimedia-Inszenierung Der Live-Code von Daniel Hengst gastierte, hat sich das Haus jetzt mit dem von seinem Intendanten Kay Voges initiierten und von dem Dramaturgen Alexander Kerlin organisierten "Cyberleiber Festival" auf die Suche nach den Schnittstellen zwischen Theater und Technik, Menschen und Maschinen, Vergangenheit und Zukunft begeben. Einige der großen Fragestellungen der Konferenz, die reale wie imaginäre Barrieren zwischen der Theatergemeinde und der Netzgesellschaft abbauen wollte, schwebten natürlich auch über dem viertägigen Dortmunder Happening und wurden etwa auf der Podiumsdiskussion "Überholt? Theater und Film im digitalen Zeitalter" diskutiert.

In seiner Streitschrift "Film und Kunst nach dem Kino" hat der Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage Lars Henrik Gass die These aufgestellt, dass das Kino, so wie man es im 20. Jahrhundert kannte, im Verschwinden begriffen ist. An die Stelle des Kinos, das eben immer auch ein Ort war, an dem Menschen kollektiv zusammenkamen und für eine bestimmte Zeit aus der alltäglichen Welt heraustraten, treten Filme, die überall und zu jeder Zeit im Heimkino oder auf mobilen Endgeräten verfügbar und konsumierbar sein müssen.

Ausgehend von dieser Beobachtung haben Lars Henrik Gass, die Regisseurin Claudia Bauer, der Videokünstler und Theatermacher Daniel Hengst, Alexander Kerlin und Kay Voges über das Theater als anachronistischen Ort diskutiert, als Ort, an dem man "einer bedingungslosen Attacke auf die Wahrnehmung ausgesetzt ist" (Kerlin). Dabei herrschte bei allen unterschiedlichen Auffassungen von Theater Einigkeit darüber, dass die Menschen und die Gesellschaft einen solchen kollektiven Raum brauchen.

Theater als Ort des Widerstands

Kay Voges verwies darauf, dass "Theater an sich interaktiv, eine ständige Kommunikation zwischen dem Betrachter und dem Spieler ist", und wendete sich damit gegen die Forderung einiger Netzaktivisten, dass die Theater ihre elitäre Position aufgeben und Aufführungen streamen müssten. Zugleich wünschte er sich gemeinsam mit Claudia Bauer und Daniel Hengst aber auch einen viel aktiveren Zuschauer, der direkt und unvermittelt auf das Geschehen auf der Bühne reagiert. Das Theater mag angesichts der Vereinzelung und Individualisierung des Menschen durch die neuen Techniken anachronistisch scheinen, aber gerade das macht es – so das Fazit der Diskussion – zu einem Ort des Widerstands.

live-code 560 birgit hupfeld uHackerträume: "Der Live-Code" von Daniel Hengst © Birgit Hupfeld

Wie dieser Widerstand gegen gewisse Ströme der Zeit aussehen und sich anfühlen könnte, davon legte das "Cyberleiber Festival" Zeugnis ab. Die in der Podiumsdiskussion erwähnten Barrieren und Berührungsängste wurden ansonsten im Lauf dieser vier Tage einfach ignoriert. Stattdessen hat sich das Schauspiel Dortmund der Gegenwart und ihren so unterschiedlichen Strömungen geöffnet. Für die Dauer des Festivals war es nicht mehr nur ein Ort kollektiver Kunsterfahrungen, sondern ein gemeinschaftliches Labor, in dem Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen wurden.

Mit Weltraummaschine und Bio-Adapter

Eine szenische Lesung von E.T.A. Hoffmanns phantastischer Erzählung "Der Sandmann" stand neben einem Vortrag des Medienwissenschaftlers Nils Menzler zum Thema "Kybernetik und Revolte", der das gegenwärtig vorherrschende Paradigma menschlicher (Selbst-)Optimierung durch technische Quantifizierungen des Körpers kritisch beleuchtete. Axel Holsts lyrischer Industrial-Abend "Metalloid – Extra hart arbeitendes Material", der den Maschinen der Industrialisierung Musik entlockt, traf auf Überlegungen der Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann zur "Digitalen Gesellschaft", der die großen Erzählungen der industriellen Gesellschaft verloren gegangen seien.

Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen war so etwas wie das verbindende Glied des Festivals. Sie offenbarte sich in den wundersam blinkenden und dabei so wundervoll nutzlosen Foyer-Installationen, die alle Teil einer von Jan Ehlen und dem Performance-Duo RaumZeitPiraten ersonnenen "Weltraummaschine" waren, genauso wie in dem zum Abschluss präsentierten "Bio-Adapter". Inspiriert von den Schriften des Kybernetikers Oswald Wiener, der in den 1960er Jahren einen "Glücksanzug" ersonnen hat, der den Menschen von all seinen Unzulänglichkeiten erlösen sollte, haben sich Daniel Hengst und fünf Mitstreiter innerhalb der vier Tage an einen ersten noch sehr rudimentären Prototyp gewagt. Das Ergebnis, eine skurrile Kombination von simplen Schaltkreisen, LEDs und einem pflanzlichen Überbau, bediente auf spielerisch-ironische Weise eine Utopie von einem verbesserten Menschen und warf zugleich doch auch sehr reale Fragen nach dem auf, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Claudia Bauer zeigt "Welt am Draht" von Rainer Werner Fassbinder

Ebendiese Frage steht auch im Zentrum von "Welt am Draht", Claudia Bauers Bühnenadaption von Rainer Werner Fassbinders Fernseh-Zweiteiler aus dem Jahr 1973, die eine Woche zuvor Premiere in Dortmund hatte und im Rahmen des Festivals gezeigt wurde. Zusammen mit seinem Mentor Professor Vollmer (Sebastian Kuschmann) hat der Wissenschaftler Fred Stiller (Frank Genser) an einem Großprojekt, einer in einem Computer simulierten Welt, gearbeitet. Mittels dieses Simulacrons sollten zukünftige Entwicklungen vorausberechnet werden. Doch seit Vollmers rätselhaftem Tod häufen sich Hinweise, dass Stillers Welt selbst nur eine Simulation sein könnte.

welt am draht 560 birgit hupfeld uGefangen im Simulacron: Frank Genser als Fred Stiller in "Welt am Draht" © Birgit Hupfeld

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen prägt auch Claudia Bauers Annäherung an Fassbinders Thriller. Statt auf Video- und Computertechnik zu setzen, greift sie auf die ureigensten Mittel des Theaterspiels zurück. Schließlich war die Bühne seit Anbeginn eine Art Simulationsmaschine, die Welten und Menschen erschafft, damit das Publikum etwas über sich erfährt. Auch das ist eine Form von Widerstand: dass eine Theatermacherin für diesen Science-Fiction-Stoff eben nicht auf die Zukunft und noch nicht einmal auf die Technologien der Gegenwart setzt. Sie blickt vielmehr zurück in die Vergangenheit und findet in den Motiven und Techniken des Kasperle- und Marionettentheaters eine kongeniale Entsprechung für Fassbinders Vision einer rein virtuellen Wirklichkeit. Ihre Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen sich wie Puppen und sind damit, von Anfang an als Simulationen zu erkennen. Trotzdem entwickeln sie im Lauf der Aufführung eine zutiefst anrührende Menschlichkeit, die jede Dichotomie von Mensch und Maschine außer Kraft setzt.


Festival Cyberleiber. Letzte Dramen zwischen Mensch und Maschine

cyberleiber2013.wordpress.com

Welt am Draht (DEA)
von Rainer Werner Fassbinder und Fritz Müller-Scherz
nach dem Roman "Simulacron 3" von Daniel F. Galouye
Regie; Claudia Bauer, Bühne: Bernd Schneider, Kostüme: Patricia Talacko, Musik: Martin Juhls, Licht: Sibylle Stuck, Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz.
Mit: Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Frank Genser, Sebastian Graf, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Julia Schubert.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

Mehr zu virtuellen Realitäten im Theater: In Schwerin zeigte das Künstlerkollektiv Kulturfiliale zuletzt den T.R.I.P. für einen Zuschauer. Weiteres zum Thema finden Sie auch im nachtkritik.de-Lexikoneintrag: Internet und Theater.


Kritikenrundschau

"Schon Fassbinder fehlten die Mittel der modernen Computeranimation, so dass seine raffinierte Geschichte heute seltsam altmodisch aussieht, den Retro-Charme von alten Enterprise-Folgen ausstrahlt, mit ratternden Rechnern, die ganze Zimmer füllen, und digitalen Zahlen der ersten Generation", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (3.6.2013) über den Film "Welt am Draht". Bauers Inszenierung setze "ganz auf die szenische Übertreibung, zum Beispiel in greller Schminke, weißen Masken, übertrieben künstlicher Gestik, Mimik und Betonung." Bauers Mittel, die die Schauspieler "mit Bravour" meisterten, brächten "die Würze der Ironie" in Fassbinders Techno-Thriller, "ohne die Geschichte zu verraten".

Der "Erkennungsprozess der eigenen Gelenktheit", der den "Spannungsbogen" des Fassbinder-Films ausmache, fehle in Claudia Bauers Adaption, schreibt Arnold Hohmann auf dem Onlinportal der Westdeutschen Allgemeinen derwesten.de (3.6.2013). Bei ihr sei "schon zu Beginn alles klar", stehe doch das Stückpersonal wie "Schaufensterpuppen herum". Bauer inszeniere die Vorlage als Groteske, und einzig "der hübsche Low-Tech-Blick auf etwas, das eigentlich hochmoderne Technik sein sollte", versöhnt den Kritiker ein "wenig mit dem derben Auftreten dieser Inszenierung": "Der Simulacron-Computer hat etwas von einem Waschzuber, mit simplem Pappkarton verändern die Akteure überraschend effektiv ihre Identität."

"Futter für den Kopf (oh, schöne neue Digitalwelt!) – sehr unterhaltsam serviert" – hat Kai-Uwe Brinkmann von den Ruhrnachrichten (3.6.2013) gekostet. "Die Schauspieler agieren in bizarr verdrehten Posen, sie sprechen hysterisch schnell. Das Künstliche, Marionettenhafte dieser Geschöpfe ist grell ausgestellt. Manchmal ruckelt das Programm, dann stecken die 'Identitäts-Einheiten' in einer Schleife fest. Dass sie elektronische Avatare sind, ahnen sie nicht."

 

 
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