In die entgegengesetzte Richtung

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 17. November 2013. Die schönste Szene kommt gleich am Anfang: Bettina Hoppe steht in einem offenen gekachelten Raum, auf dessen Wände die Silhouette von Salzburg projiziert ist, und pfeift. Und wie sie pfeift! Eröffnet einem eine ganze Welt. Sie ist kurz, lang, lustig, dramatisch. Es ist die Welt von Thomas Bernhard, dem österreichischen Außenseiter und Heimatkritiker, der seine Kindheit und Jugend in einer fünfbändigen Autobiografie niedergeschrieben hat, die als Schlüssel für sein Werk angesehen wird. Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese hat aus diesen fünfhundert Seiten, unterteilt in die Bücher "Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte" und "Ein Kind", fünfzig Seiten für die Bühne herausdestilliert. Und zusammen mit fünf Schauspielern eine gelungene, konzentrierte Inszenierung daraus gemacht.

Die Musikalität der Außenseiter: Bernhard und Schubert

Die Zuschauer sitzen bei Hoppes Pfeifen im Halbdunkeln, und Töne von Franz Schubert – wie Bernhard ein österreichischer Außenseiter – strukturieren den teilweise fast filmisch anmutenden Abend, geben ihm eine Hintergrundmelodie. Reeses Leib- und Magenschauspielerin steht in einem dunkelblauen Anzug da und erzählt in so unterschiedlichen Tempi aus so unterschiedlichen Perspektiven über Bernhards ihm verhasste Salzburger Schulzeit, dass es eine Freude ist. Dritte Person, erste Person. Fürchterliches Salzburg. Mit vierunddreißig Gleichaltrigen in einem stinkenden Internats-Schlafsaal. In der Schuhkammer mit Geige und Selbstmordgedanken. Mitten im Krieg, zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus. Hoppe braucht nichts außer dem Silberpapier einer Mozartkugel, das sie sich ans Revers steckt. Die Sätze passen perfekt zu ihrer intellektuellen Art, sich immer ein wenig Abstand von ihren Figuren zu erspielen.

Wille2 560 BirgitHupfeld uBernhardesk: Bettina Hoppe und Josefin Platt als Harlekin © Birgit Hupfeld

Dann Viktor Tremmel. Ganz anders. Genauso wunderbar, ausgebildet wie Bernhard am Mozarteum in Salzburg. Der junge Mann will unbedingt "in die entgegengesetzte Richtung" der ihm verhassten Schule, und Tremmel verkörpert den Lehrling im Lebensmittelgeschäft von Karl Podlaha als fröhlichen Bub mit kurzen Hosen. Trotzdem: "Mein Leben ist nichts als Stören und Irritieren." Große Bernhard-Sätze. "Der Wille zur Wahrheit ist... der rascheste Weg zur Fälschung." Eine wunderbare Pantomime der Vermittlungssituation auf dem Arbeitsamt mit Hoppe, die auf der Bühne geblieben ist. Und dann kommt Josefin Platt als Harlekin, dem das Blut vor lauter Lungenkrankheit zum Mund heraustropft, der aber noch im Salzburger Landeskrankenhaus ein Marionettentheater mit an Schnüren hängenden Patienten erkennt. Kunst als Rettung. So ist es auch im vierten Teil, in dem Vincent Glander von Sanatorien erzählt und braunen Spuckflaschen. Aber auch davon, wie er sonntags in die Messe geht, um Schubert zu hören.

Zeig Deine Wunden

Der vierte und der fünfte Teil, den sich Glander und Peter Schröder teilen, sind wie das Vorherige unterhaltsam, jedoch teilweise sehr plakativ inszeniert. Warum muss Vincent Glander sein eigenes Lungensputum trinken, warum muss er sich das Hemd öffnen, um zu zeigen, wohin ihm sein Bauchpneu operiert wurde, warum zeigt Schröder eine rote Wunde am Bein, die vom Fahrradunfall zeugen soll? Die Worte hätten die Schauspieler auch so getragen, so wie sie sie den ganzen Abend getragen haben. Bernhard, der Bettnässer. Das uneheliche Kind eines Mannes, dessen Namen er nicht mal erwähnen darf. Der junge Mann, der zu krank für jeden Beruf ist, aber nicht für seine Berufung, das Schreiben.

Am Ende stehen die Schauspieler zu fünft im gekachelten Raum. Die verhasste Salzburg-Silhouette scheint hinter ihnen auf, und Hoppe pfeift über die elitäre Heimatstadt hinweg "Leise flehen meine Lieder". In einem Interview hat Thomas Bernhard einmal gesagt: "Jemand, der in der Wüste geboren ist, wird immer wieder dort hingehen, auch wenn er weiß, dass er dort eines Tages verdursten wird." Zurück bleibt der Eindruck eines Mannes, der immer wieder fast stirbt und doch ein ungewöhnlich lebendiges Leben geführt hat im ständigen Kampf gegen seine Krankheit. Ein einfacher Abend, klar strukturiert, mit den unterschiedlichsten Facetten der Schauspielkunst. Aber hätte für das Bühnenbild nicht auch eine kleinere Spielstätte gereicht, oder wofür dient der viele ungenutzte Platz in der Bühnentiefe? Vielleicht sollen es einfach viele Zuschauer sehen.


Wille zur Wahrheit. Bestandsaufnahme von mir
von Thomas Bernhard
Theaterfassung von Oliver Reese
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Elina Schnizler, Musik: Jörg Gollasch, Video: Konny Keller, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Bettina Hoppe, Viktor Tremmel, Josefin Platt, Vincent Glander, Peter Schröder.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

In Sachen Bernhard ist Oliver Reese erprobt: In Berlin inszenierte er 2008 Thomas Bernhards Drama Ritter, Dene, Voss. Mehr über die Arbeiten des Frankfurter Schauspielintendanten finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

Kritikenrundschau

"Drei Stunden hört man gefesselt den Monologen von fünf Schauspielern zu, lacht, mal amüsiert, mal vor Abscheu, hält ergriffen den Atem an, entspannt sich für einige Minuten, um dann wieder zu erstarren", schreibt Dieter Bartetzko in der FAZ (19.11.2013). "Einige wenige Requisiten, etwas Pantomime, etwas Kunstblut und ab und an Musik – das sind die bewährten, von Reese perfekt eingesetzten Grundmittel des Theaters." Den Abend aber (…) trage das Wort. Man müsse nicht den gängigen Bernhard-Kult teilen, um nach Reeses Inszenierung in Thomas Bernhard einen zur Kenntlichkeit verzerrten Tasso des zwanzigsten Jahrhunderts zu sehen. "Berechtigt begeisterter Applaus."   

"Reese kann auf ein konzentriertes Ensemble bauen", schreibt Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (19.11.2013), das den späteren Schriftsteller als Atemlosen zeige, "den die Zauberflöte der Kunst zum Weiterleben verführt". Das sei fein inszeniert, ein schlichtes Kammerspiel. Bisweilen verliere es sich in Sentimentalität oder Drastik. "In drei Stunden indes wird diese verstörende, selbstbezügliche, närrisch-zerquälte Existenz plastisch." Manche Länge, manch Läppisches müsse man aushalten.

"Eigentlich fehlt es diesem Abend an nichts", schreibt Alexander Jürgs in der Welt (19.11.2013). "Die Schauspieler sind hervorragend." Die minimalistische, von Franz Schubert inspirierte Klaviermusik von Jörg Gollasch füge sich gut in die Inszenierung ein. Hansjörg Hartung habe ein starkes, sehr karges Bühnenbild entworfen. "Der Funken will trotzdem nicht so richtig überspringen." Zu gehetzt, zu ausschnitthaft wirke es, wie Reese die Entwicklung des jungen Bernhard nacherzählt. "Für die fünf Romane braucht er am Ende gerade einmal zweieinhalb Stunden: Der Sprachgewalt von Thomas Bernhard wird dieser Schnelldurchlauf nicht gerecht."

"Ein Abend, der zu Kopf steigt und zu Herzen geht", findet Shirin Sojitrawalla in der tageszeitung (21.11.2013). Reese besetze Bernhards Tonlagen mit fünf unterschiedlichen Temperamenten, "die das Traurige, das Anekdotische, das Unsagbare, das Niederschmetternde und das Zarte des Textes auf jeweils grandios eigenwillige Weise verkörpern."

 

 
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