Der Brüste-ab-Babyblues

von Lukas Pohlmann

Zittau, 7. März 2014. Julie ist niedergekommen. Und will jetzt runterkommen. Das Kind im Bettchen neben ihrem hat noch nicht mal einen Namen und nervt schon. Auf der Seitenbühne des Gerhart Hauptmann-Theaters in Zittau stehen Versatzstücke einer Mütterstation. Bett, Beistelltisch, Babybettchen. Das ist die Ausstattung der Deutschsprachigen Erstaufführung von Catherine Grosvenors "Gabriel". Angerichtet vom polnischen Regisseur Łukasz Witt-Michałkowski.

 Neben Julie treten auf: Gabriel, ihr Sohn, gespielt von einem Erwachsenen, und John, der Krankenpfleger. Das Thema des Abends, wie es die Ankündigung verrät: die Inszenierung eines Tabus. Denn eine nichtliebende Mutter, deren Emotionslosigkeit gegenüber ihrem Kind weit über den sogenannten Babyblues hinaus geht, wird in der Öffentlichkeit selten behandelt. Das Stück spielt wenige Stunden nach der Geburt und will in drei Bildern je eine Figurenperspektive zeigen.

Unbekannte Depression

Wer das Programmheft nicht liest, wird jedoch nicht verstehen, was Julies (Katinka Maché) Problem ist. Sie will feiern gehen und Alkohol trinken und schön sein. Sie empfindet Gabriel, ihren vor wenigen Stunden geborenen Sohn, als Fremdkörper – nach der Entbindung genauso wie vorher in ihrem Bauch. Mehr erfährt niemand. Über der ganzen Inszenierung schwebt aber die Voraussetzung, dass man über die tabuisierte postnatale Depression Bescheid wissen müsse, unter der sie wohl leidet.

gabriel1 560 pawelsosnowski uWoher die Ablehnung? (Katinka Maché) © Pawel Sosnowski

Der Abend verpasst es vollends, sich diesem Thema tatsächlich zu stellen. Dabei wäre die intelligent erdachte Ausgangssituation eines vom Erwachsenen gespielten Säuglings (Stefan Sieh) durchaus dazu angetan. Grosvenors Text drückt sich davor und bekommt von der Regie zusätzlich Hörner aufgesetzt, indem die sich lieber der Interaktion des männlichen Pflegers John (David Thomas Pawlak) mit dem Riesenbaby widmet. Dabei entstehen zwischen John und Gabriel einige seltene, spielerisch amüsante Momente. Etwa wenn Stefan Sieh die Gummigelenke eines Säuglings nachempfindet und folglich nicht in Form bleibt, wenn er gewaschen werden soll. Das ist vor allem von Sieh in seiner übergroßen Inkontinenzwindel putzig gemacht. Allerdings erzeugt es als ein Humorversuch von vielen einen schalen Beigeschmack.

Die milchvollen Brüste aufschneiden

Alles, was passiert, ist, dass im ersten Bild eine schreiende, blutende, TV-geile Mutter halbherzig von einem permanent tänzelnden (ist das eine Übersetzung der Überforderung?) Krankenpfleger dazu gebracht werden soll, ihr Kind zu stillen. Das Kind nennt sie Fotze und sie erwartet, dass man es wegnehme und verbrenne. Der Junge ist davon kurz verstört, findet aber im zweiten Bild furios schnell im Pfleger eine neue Bezugsperson. Im dritten Bild ist das Krankenhaus Gabriels Zuhause geworden, und er trifft – nun selbst Pfleger?! – seine betrunkene, selbstverstümmelte Mutter wieder. Sie hatte versucht, ihre milchvollen Brüste bei 2,5 Promille aufzuschneiden. Und da wird es dann endgültig zum vermeintlichen Tabubruch missbraucht, das Klischeebild der kurzröckigen, partygeilen Egomanin mit dem Alkoholproblem.

Hier findet schlicht nichts statt. Kein Verstehen, kein Mitfühlen, aber auch keine bilderrauschende Überforderung, die sich etwas schwer Erklärbarem immerhin mit künstlerischen Mitteln zu nähern versucht. Auch die Spieler bleiben blutleer: Der erste Auftritt definiert die Figur bis zum Stückende, der Ton bleibt immer gleich. Bei dem einen ist es der leicht überdrehte Duktus des Erwachsenen, der kindliches Staunen nachempfindet, beim anderen der gutmütige Ton eines TV-Serienpflegers. Die Regie vertraut fatalerweise einer vermeintlich progressiven Textvorlage blind.

Der Höhepunkt des Unbehagens: Der Gabriel, der nun scheinbar Pfleger ist, weist seiner Mutter den Weg zur Heilung, in dem er ihr die Augen verbindet, ihr eine Metallwanne in die Hand drückt, von der sie glaubt, dass darin ihr Kind liege. Dann gaukelt er ihr vor, sie würde es in der krankenhauseigenen Verbrennungsanlage endgültig tilgen. Trotzdem ist sie plötzlich das Problem los und kann sich ganz Gabriels pseudoreligiöser Absolution hingeben. Der nennt sie schön und einen Engel (!) – und gibt ihr so, was sie ihm zu Beginn nicht geben konnte.

 

Gabriel (DSE)
von Catherine Grosvenor
Regie & Ausstattung: Łukasz Witt-Michałkowski, Dramaturgie: Kerstin Slawek.
Mit: Katinka Maché, David Thomas Pawlak, Stefan Sieh.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.g-h-t.de

 

Kritikenrundschau

Catherine Grosvenor, die dem Zuschauer mit der Tragikomödie "Gabriel" über fehlende Mutterliebe einiges abverlange, schreibe "knapp, radikal, drastisch, bissig, auch sentimental", meint Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (10.3.2014). "Eine Vorlage, die den Schauspielern viel Raum für die Interpretation lässt." Regisseur Lukasz Witt-Michalowski erzähle das Stück "nicht voller Betroffenheit, sondern ist offen für Hoffnung und Vergebung." Die Inszenierung geize "nicht mit Comedy-Elementen, verliert aber nicht die Ernsthaftigkeit und entlässt die Zuschauer nachdenklich." Die Aufführung bekräftige "den Anspruch der Zittauer Schauspielintendantin Dorotty Szalma, das Theater mit neuen Spiel- und Ausdrucksformen zu bereichern".

 

 
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