Schaut her, was wir spielen

von Hartmut Krug

Radebeul, 16. März 2014. Im weitläufigen, gläsernen Foyer des Theaters beginnt das Spiel mitten unterm Publikum, das an diesem Abend mit seinen kleinen Papphockern von Spielort zu Spielort wandert. Am Tresen der Foyerbar servieren zunächst drei Schauspieler ein "Berliner Frühstück". Ein Asylant sucht in einer Kneipe Unterschlupf und träumt vom Frühstück, während mit den Trillerpfeifen der Polizei gedroht wird und leise Schuberts "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" erklingt.

Von Beginn an entwickelt dieser Abend dabei eine besondere Form. Es wird weniger Erzähltheater geboten, als dass Möglichkeiten des Theaterspiels vorgeführt und befragt werden. Und es wird mit Brauns Szenen, die sich durch Elend, Leid und Ungerechtigkeit unserer Welt bohren, stets auch danach geforscht, ob und wie man sich wehren könnte. Vielleicht mit einem Aufstand?

Formwille und philosophischer Sprachraum

Brauns Parabelszenen versuchen die Welt zugleich zu befragen wie zu erklären. Mit einer Sprache, deren metaphorischer Kraft und zuweilen formaler Kraftmeierei das Ensemble eine offen fragende Spielweise entgegensetzt. Die Brauns Kunstmedium eines philosophischen Sprachraums mit den unterschiedlichsten Mitteln zugleich zu bedienen wie aufzusprengen sucht. Nicht alle Szenen gelingen gleich überzeugend, doch alle bewegen das Publikum in ihrem Wollen, sind lebendiges politisches Theater.14.Provinz3 560 MartinReissmann uGefesselt vom Zivilisationsmüll: Julia Rani und Anke Teickner © Martin Reißmann

Volker Brauns Theaterstücke sind nicht mehr präsent auf deutschen Bühnen. Als passe die Art, mit der Braun unsere Gesellschaftsform mit engagiertem Ernst und strengem dichterischem Formwillen befragt (ganz ohne Jelineksche Wort- und Sinnwitzeleien), nicht mehr in die neue Zeit nach der Wende. Im Westen kommen sie wohl gar nicht mehr auf die Bühnen. In Berlin, wie kürzlich am Maxim Gorki Theater Die Übergangsgesellschaft, nur in besserwisserisch zerstörter Form. Während sich in Ostdeutschland nur noch kleine Theater ihrer annehmen. Sein Stück "Was wollt ihr denn", das sich mit den Flüchtlingsströmen übers Meer beschäftigt, wurde nach seiner Senftenberger Uraufführung im Jahr 2005 nicht nachgespielt. Ohnehin sind es vor allem Erzählungen oder Romane von Braun wie "Helle Haufen", die in Rudolstadt, Senftenberg oder eben Radebeul auf die Bühne gelangen.

Freundschaft versus Eigentum

Die siebenteilige Szenenfolge "Die 14. Provinz", die jetzt an der Landesbühne Sachsen in Radebeul erstmals vollständig auf die Bühne kam, gibt es seit rund zehn Jahren. Sie wurde bereits als Hörspiel gesendet und erreichte mit Lesungen einzelner Szenen schon ein kleines Publikum. Die Radebeuler Bühnen-Uraufführung der gesamten Szenenfolge entstand auf Initiative aller Sparten des Theaters mit Schauspielern, Tänzerinnen und Orchestermitgliedern. Ohne Regisseur, aber mit viel dramaturgischer Betreuung im offenen Probenprozess – und stets neben der normalen Arbeit. Herausgekommen sind Spielsituationen von unterschiedlicher Qualität, die aber alle getragen sind von einer demonstrativen, suchenden Vorführhaltung. Der Gestus ist ein unterspielender, die Aufforderung lautet: Nun guckt euch doch mal an, an was wir uns versuchen.

So schminken sich zwei Schauspieler demonstrativ vor uns, ein wenig weiß der eine, ein wenig schwarz der andere (Bühnenwatch hat Folgen!). Sie erklimmen mit der Szene "Der Hausfreund" ein Podest und zeigen, dass es zwischen Schwarz und Weiß bei den herrschenden Eigentumsverhältnissen keine Freundschaft geben kann. Der Weiße führt vor, was er hat, und der von ihm als Freund titulierte will nicht dessen Freundschaft, sondern dessen Eigentum, zu dem auch das weiße Fleisch der Ehefrau gehört. Den beiden Darstellern gelingt es zwar souverän, das allzu Didaktische dieser Szene im Spiel aufzulösen, aber nicht, den in manchen Szenen anklingenden Heiner-Müller-Ton Brauns, der diese Szene besonders stark beherrscht, beiseite zu spielen.

Glückhafte Ensembleleistung

Dem in Spiel und Engagement ungemein überzeugenden, deutlich jungen und aus vielerlei Ländern stammendem Ensemble gelingt es mit Spielwitz und engagiertem Ernst, spielerisch offene Textuntersuchungen zu Brauns lehrstückhaft durchkomponierten Szenen des Schreckens zu liefern. So, wenn zwei Frauen Plastikmüll ausschütten, sich mit einer Plastikbahn aneinander fesseln und aus Cosmopolitan-Heften vom Elend der sogenannten Dritten Welt vorlesen: Die Natur wird zerstört, die jungen Frauen gehen in die Städte, und selbst der Mythos von der alten Göttin hilft nicht mehr. Die Szene "Der Bastard", in der eine Muslimin ihre Vergewaltigung durch einen Serben zugleich als Vermählung phantasiert und die Vergewaltigte dann wegen ihrer Schwangerschaft sozial ausgegrenzt wird, gibt es in zwei Versuchen. Als erschreckendes und verwirrendes Erzählspiel und als ebenso anrührend kleines, aber feines Konzert mit einem Quartett und zwei Sängerinnen, für das eigens eine Komposition entstand.

Und die Geschichte von den russischen Müttern, die ihren jungen Soldatensöhnen nach Tschetschenien folgen, um sie vom Militär zurück zu fordern, wird erst als Sprechperformance mit Mikrofon und Tänzerin gegeben, worauf dann eine russischsprachige Tänzerin virtuos einen Pianisten und sein Gerät mit ihren Emotionen umtanzt.

Es ist dies ein Abend, der auf glückhafte Weise zeigt, was ein engagiertes Ensemble in der sogenannten Provinz zu leisten fähig ist. Wenn am offenen Schluss in der Szene "Die 14. Provinz", womit die emigrierten Chilenen gemeint sind, die die Wahlberechtigung in ihrer alten Heimat behalten sollen, eine Theatergruppe vorgeführt wird, die aus einem Regisseur und vier jungen Darstellerinnen besteht, die von ihrem Leben unter dem Motto "Wage zu leben" erzählen, dann löst der Abend sich im lockeren Spiel und der Hoffnung auf, jeder solle so leben können, wie er wolle.

 

Die 14. Provinz
von Volker Braun
Uraufführung Konzeption und Dramaturgie der Einzelszenen: Gisela Kahl, Uta Girod, Manuel Schöbel, Peter Kube, Elisabeth Guzy, Damian Popp, Judith Zieprig. Projektbetreuung: Judith Zieprig
Mit: Karolina Dieter, Grian Duesberg, Cordula Hanns, Patrizia Häusermann, Michael Heuser, Clémentine Herveux, Olaf Hörbe, Sandra Maria Huimann, Jost Ingolf Kittel, Johannes Krobbach, Peter Kube, Anna Paunok, Damian Popp, Hans-Peter Preu, Julia Rani, Silke Richter, Anke Teickner, Manuel Schöbel, Judith Speckmaier, Malwina Stepien.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.landesbuehnen-sachsen.de

 

Kritikenrundschau

Ob Brauns zornig-weltbürgerliche Sammlung für die Bühne tauge, bleibe unbeantwortet, so Andreas Herrmann in den Dresdner Neuesten Nachrichten (18.3.2014). "Es bleiben meist szenische Übungen, nur vier der insgesamt neun Teilszenen wirken fertig, alle anderen wie eine öffentliche Probe". Gelungene szenische Ideen seien rar. Neben einer ästhetischen Leitlinie fehle es dem Abend auch an dramaturgischem Zuschnitt.

Mit dem Projekt setze das Ensemble ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus und Fremdenhass, betont Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (18.3.2014). "Die Aufführung trägt Improvisationscharakter, der Eintritt ist frei." Dass die Texte größtenteils abgelesen werden, hemme Rhythmus und Tempo der Darbietungen. Auch kritisiert Kasselt die "modischen" Ortswechsel, hebt aber die gelungenen Szenen ausführlich hervor.

 
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