Atem der Angst

von Elisabeth Maier

Luzern, 21. März 2014.Die Zuschauer finden sich in die Rolle einer Beerdigungsgesellschaft versetzt, an einer langen, mit weißem Leinentuch gedeckten Tafel. Oder wohnen sie dem letzten Abendmahl bei? Mit dieser starken Setzung beginnt Marco Štormans Uraufführung von Katja Brunners Stück "Ändere den Aggregatzustand Deiner Trauer oder Wer putzt Dir die Trauerränder weg?" im UG, der kleinen Spielstätte des Theaters Luzern. Im neuen Stück der Überraschungssiegerin des Mülheimer Dramatikerpreises 2013 geht es um das Tabu-Thema Tod. Verstörend komisch nähert sich die 22-jährige Schweizer Autorin dem Trauerprozess an, der nach dem Freitod eines Jungen in seinem Umfeld einsetzt – über der Erde ebenso wie darunter.

Glaskästen mit ekelhaften Maden aus Plastik und Videoprojektionen der widerlichen Tierchen in Schwarz-Weiß sind überflüssiger Ballast in Marco Štormans dichter Regiearbeit. Der Regisseur beweist ansonsten ein feines Gespür für die Atmosphäre des Texts der jungen Autorin und Performerin, die dem Tod seine hässliche Maske vom Gesicht zerrt. Als "Maden und ihre Larven", "todgeweihtes Kindwesen" und "alt Gewordene" bewegen die Schauspieler sich virtuos auf dem schmalen Grat in die Zwischenwelt der Untoten.

Die Furcht vor der eigenen Vergänglichkeit
Viola Valsesias klug konzipierter Bühnenraum eröffnet dem Ensemble großartige Spielräume. In einen engen Glaskasten, der ihr buchstäblich die Luft zum Atmen raubt, ist die "alt Gewordene" gedrängt. Atem der Angst beschlägt die Scheibe. Da hilft alles Putzen nichts. Kostümbildnerin Silvana Arnold hat für den kräftigen Schauspieler Jörg Dathe eine Ganzkörpermaske mit Fetzen und Geschwüren aus hautfarbenem Stoff geschaffen. Sie kehrt die Hässlichkeit des Alters gnadenlos nach außen. Furcht vor der eigenen Vergänglichkeit spricht aus jedem der Sätze, die Brunner dieser wie auch ihren anderen Kunstfiguren in den Mund legt. Gewalt und Aggression, mit der Menschen sich und ihr Leben selbst zerstören, finden sich in ihrer kraftvollen Sprache wieder.

Trauer3 560 IngoHoehn uBettina Riebesel, Hans-Caspar Gattiker, Jörg Dathe und Clemens Maria Riegler © Ingo Höhn

Anders als in ihrem formal deutlich strenger strukturierten Erfolgsstück "Von den Beinen zu kurz", das aus unterschiedlichen Perspektiven das Tabu-Themas Kindesmissbrauch betrachtet, hat sich Brunner in ihrem neuen Text für eine offene szenische Konzeption entschieden. Satzfetzen und Reflexionen über den Tod, auch ein großer Monolog, quellen wie Schlamm aus Ritzen. Jeder Versuch der Akteure, in einen Dialog zu treten, versandet im seelischen Ödland.

Ersticken am Zitronenkern
Diese strukturelle Herausforderung löst Štormans Regie stark: Thomas Sehers quälend leise, synthetisch schockgefrostete Musik jagt dem Publikum nicht nur zarte Schauer über den Rücken. Die großartige Klangkulisse verknüpft den zerklüfteten Textkörper zur stimmigen Komposition. Auch chorisches Sprechen setzt der Regisseur ein. Das aber so sparsam, dass die Wirkung groß bleibt.

Dies wird Brunners grandioser Sprachkunst sehr gerecht. Ihren sinnlich aufgeladenen Bildern wohnt Zärtlichkeit inne. Wenn das zauberhafte Kindwesen, verkörpert von Emma-Lou Herrmann, in einer der wenigen, nervtötend flimmernden Filmsequenzen im rosa Himmelbett mit kitschigen Heiligenbildern den Zeugungsakt beschreibt, ist das einfach wunderschön.

Das aber ist nur die eine Seite: Dann wieder sprengt Hass schon einzelne Sätze. Bettina Riebesel als Mama, selbst eine Projektion aus dem Reich der Toten, liest in einer anderen filmischen Passage mit der Taschenlampe die Geschichte eines Jungen, dessen Yuppie-Eltern ihn ins Frühchinesisch und Kinderyoga schicken. Da erstickt der Knirps an einem Zitronenkern. Auch so schreibt Brunner, böse und schamlos ironisch.

Ausgebleichtes Mitleid
In Marco Štormans Inszenierung wandeln die Figuren auf Graberde, mit Stiefmütterchen aus dem Plastiktopf bepflanzt. Auch Brunner lässt die Menschen durch einen Morast waten, in dem sie ständig zu versinken drohen. Teilnahmslos steht der Tod, von Clemens Maria Riegler elegant als Gentleman im weißen Anzug angelegt, daneben. Er kann nur warten, bis ihn die Menschen aus der Tabuzone befreien. "Geht, Maden, geht an die Ränder Europas, dort wird sich schöner verendet als hier", sagt der Sensenmann.

Trauer2 560 IngoHoehn uClemens Maria Riegler, Emma-Lou Herrmann © Ingo Höhn

Hans-Caspar Gattiker und Paula Herrmann als "Maden und ihre Larven" sind verzweifelte Kunstfiguren, die zitternd um ihre Existenz ringen. Wenn Tote im Krematorium verbrannt werden, haben die gefräßigen Insekten nichts mehr zu essen. Christian Baus als Fuchs – das kitschige Bild der Freundschaft von Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" wird durch den Fleischwolf gedreht – humpelt frustriert durchs Leben, jammert über das "ausgebleichte Mitleid" und sehnt sich Hähnchenknochen herbei.

Die Lust am Spiel mit Form und Sprache, der Mut zum Experiment, der auch manchmal scheitern darf, zeichnen die hoch gepriesene Schweizer Dramatikerin ebenso aus wie den sensiblen Regisseur. Manchmal verheddert sich Štorman in albern überdrehter Ironie. Wenn Maden und Hinterbliebene zum x-ten Male über die "augenkrebserregenden" bunten Windräder auf Kindergräbern lamentieren, ist das einfach platt. Auch Brunners Text enthält Unfertiges, provokant Ausgelassenes. Das sind aber nur störende Details an einem bemerkenswerten Theaterabend, der Lust macht auf weitere Stücke von Katja Brunner.
 

Ändere den Aggregatzustand Deiner Trauer oder Wer putzt Dir die Trauerränder weg? (UA)
von Katja Brunner
Inszenierung: Marco Storman, Bühne: Viola Valsesia, Kostüme: Silvana Arnold, Musik: Thomas Seher, Dramaturgie: Ulf Frötzschner.
Mit: Jörg Dathe, Emma-Lou Herrmann, Christian Baus, Bettina Riebesel, Hans-Caspar Gattiker, Paula Herrmann, Clemens Maria Riegler.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.luzernertheater.ch

Kritikenrundschau

Irene Widmer von der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) schreibt in der Luzerner Zeitung (22.3.2014), oft seien solche Theatertexte, "in denen um viele Ecken gedacht, aber kaum gehandelt wird", eine Einladung für unmotivierte Regieeinfälle. "Nicht so für Storman. Von den Maden, die über die ganze Dauer des Stücks als Memento mori an die Wand projiziert, bis zu den typischen Friedhofsblumen Stiefmütterchen, die auf dem Tisch angepflanzt werden, stiftet alles Sinn."

Barbara Villiger Heilig schreibt auf nzz.ch (24.3.2014): Alles, was Brunner schreibe, "umkreist ein Begriffsfeld, umschreibt einen Zustand: Trauer." Der Todesfall des Knaben, der immer wieder auftaucht, sei "das greifbarste 'Handlungselement' " eines Stücks, dem es laut Autorin um "das Abrichten von Kindern zu Leistungsmaschinen" gehe, das aber "ganz konkret den ersten und letzten Dingen" nachspüre. Am ausdrucksstärksten formuliere sich Brunners "suchend-ausufernder Sprachmäander" im "sozialen Gerede, das den Freitod-Schock bändigen will". Anderes, wie der Fuchs, wirke "manieriert und an den Haaren herbeigezogen". Štormans "dezente Inszenierung" verzichte auf illustrative "Bebilderung" und verschaffe der Wirkungsmacht des Worts Geltung. Ein "Hör-Stück in makaber-kreatürlichem visuellem Rahmen". Wer die "notwendige Konzentration" aufbringe, empfinde deutlich "den Nachhall seiner Gedankenfülle". "Eine Wohltat".

Stephan Reuter schreibt in der Basler Zeitung (24.3.2014): Brunners Texte seien "Rohlinge, herausgebrochen aus der stollentiefen Fantasie einer 22-jährigen Zürcherin". Der Titel ihres dritten Theaterstücks erinnere an Rene Pollesch, die "flächige Suada, die bösartigen Pointen, die Sprachspiellust an Elfriede Jelinek". Leider sei die Luzerner Auftragsarbeit nicht geglückt. Die Alptraumfiguren seien "morbid aufgetakelt". Zu "mehr Konturen habe es in Marco Stormans Inszenierung nicht gereicht. Manche Chorszene verwelkten in "anklagender Deklamation", dem Abend fehle "das Markante, das Packende, ein Gedanke, der sich im Zuschauerkopf entzünden kann". An diesem Rohling müssten ein Regisseur und sein Ensemble "schleifen", bis sie "drastische, aber auch notwendige Bilder in den Text gepflockt" kriegten und das "riskant montierte Stimmenkonzert" in Theater verwandelten.

Flavio Marius schreibt auf Kulturteil.ch, dem Kritikenportal für Luzern und Umgebung (23.3.2014) von "komplexen Sprachgebilden, die jenseits der allgemeinen Verständlichkeit lagen". Die "Dichte an Sprache" münde in der "explosionsartigen Äusserung des Verdrängten: Selbstmord". Der "einzige greifbare Bestandteil der Geschichte". Mit der "Preisgabe des Grundes für die vorherrschende Trauerstimmung" stelle sich auch eine "Klarheit der Sprache" ein. In diesem Moment seien die Dialoge fassbarer geworden. "Eine wütende Auseinandersetzung anlässlich der Beschneidung des Bedürfnisses nach Individualität durch die gesellschaftliche Normierung der Gefühle." Leider fehlte es der Inszenierung aber an Deutlichkeit, um Brunners Monolog mit Überzeugung in ein Bühnenstück zu verwandeln.

Kurt Beck schreibt in der Zentralschweiz am Sonntag (23.3.2014): Das Stück sei ein "happiger Brocken", schwer zu schlucken, und hätte man Zeit zu bedenken, was einem an Unverdaulichem in den Wortkaskaden eingeflösst werde, müsste man einiges wieder hochwürgen". Die "ganze Welt" stecke im Stück von Brunner, vom "Urknall bis zur lebensverlängernden Hightechmedizin", vom "Suizid bis zum Frühchinesisch". Vor allem gehe es um "Vergänglichkeit und Trauer". Der Text sei "dicht, abgründig und gewaltig irritierend", die "Action" spiele im eigenen Kopf. In Marco Stormanns Inszenierung sei "der Gruseleffekt hautnah", wenn ein "Zombie" einem ins Gesicht hustet.

 

 
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