Denn sie wissen nicht, was sie tun

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. Mai 2014. Schon im Foyer wird das Publikum darauf hingewiesen, dass ein Nacheinlass nicht möglich ist. Es bilden sich Schlangen vor den Toiletten. Der Publikumsdienst versucht die Gespräche der Wartenden zu dämpfen. Telefone unbedingt ausschalten! Keinesfalls in den Taschen kramen! Absolute Ruhe bewahren! Der Einlass dauert pünktliche zehn Minuten. Dann sitzt das Publikum um Lautlosigkeit bemüht im Halbfinstren. Es wird ihm vom Regisseur Claude Régy, der nie eine Aufführung seiner Inszenierungen verpasst, der Wille zur Heiligkeit abverlangt.

Überall unterdrücktes Räuspern und bemüht tonloses Schlucken. Genügt dieses Publikum den Erwartungen des Regisseurs? Folgen wir den Inszenierungsanweisungen? Oder sollten wir am Ende gar nicht hier sein? Stören wir bloß mit unseren ach so menschlichen Geräuschen? Endlich senkt sich völlige Dunkelheit über den Raum. Aus der Finsternis kommen die Figuren langsam, ganz langsam und in völliger Stille auf die Bühne. Diese erhellt sich zaghaft, das Licht bildet sachte Kontraste zwischen dem Hinten und dem Vorne.

Jemand wird es ihr sagen müssen

Wir befinden uns bei der Premiere im deutschsprachigen Raum von Claude Régys Inszenierung von Maurice Maeterlincks "Intérieur", mit der das Eröffnungswochenende der Wiener Festwochen ein stilles Ende findet. Diese japanische Fassung des 1985 in französischer Sprache veröffentlichten, eigentlich für Marionetten gedachten Stücks, wurde im Rahmen des World Theater Festivals "Shizuoka under Mt. Fuji" erstmals gezeigt und stellt Régys zweite Inszenierung des Textes dar. Die zwölf Darstellenden deklamieren in japanischer Sprache, spärliche deutsche Übertitel garantieren das Erfassen des Handlungsverlaufs.interieur1-560 koichi miura uAbstraktion aus Licht und Stille: "Intérieur" © Koichi Miura

Im Hinten ist es die Mutter die ihr jüngstes Kind in den – den ganzen Bühnenboden bedeckenden – Sand schlafen legt. Der Vater und die beiden Schwestern folgen. Vorne sind es der Greis und der Fremde, die erstmals die Stille mit ihren Stimmen durchhöhlen. Die dritte Tochter der Familie ist ertrunken. Jemand wird es der Familie sagen müssen. Irgendwann naht auch schon die Prozession, die den Leichnam bringen wird. Jemand wird es der Familie sagen müssen. Wenn der Greis als einziger dann die Schwelle zum immer stimmlosen Hinten übertritt geschieht das Unerwartete. Eine schnelle Geste der Mutter unterbricht den abstrakten Bewegungsfluss. Die Familie läuft ab. Alle Figuren gehen ab. Aus.

Schweigen … Jetzt.

Die Bühne wird nur durch kontrastierende Lichtfarben in ein Hinten, als Zuhause der Familie, und ein Vorne, wo die Figuren über den Tod der Tochter und die Aktionen im Hinten sprechen, strukturiert. Die Figuren der Familie bewegen sich voneinander isoliert wie Butoh-Tanzende durch den Sand. Durch die Zuschreibungen der Figuren im Vorne wird ein Handlungsverlauf erfassbar. Auch das Japanisch fügt sich ein in den stillen Traumfluss. Wenn beim Greis die Laute nach R2D2 klingen, so malt der Fremde voller Pathos die Geschichte des Todes eines Mädchens in den Raum.

Die ganze Langsamkeit und Ruhe ermöglicht es, den Fokus auf Details der Bewegungsabläufe zu verschieben. So finden im Blick des Publikums die Figuren doch in eine gemeinsame Handlung zusammen. Hinten das unbewusste Leben, vorne die Beobachtenden, die Zuschreibenden. Durch die Interpretation des Geschehens im Hinten durch die Figuren im Vorne wird das Publikum von Anfang an zu Mitwissenden. Obwohl noch niemand es der Familie gesagt hat, sehen wir, wie sie handelt, als ob sie es schon wüsste. In dem Moment, in dem auch die Familie zum Wissen kommt, zeigen sie uns keinen Schmerz. Der Tod hatte alles vorher schon bestimmt, die Figuren im Hinten artikulieren nicht, kommen für uns nicht zum Bewusstsein der eigenen Situation. Das schlafende Kind war von Anfang an auch ein Symbol für das tote.

Sie schauen auf. Und sie können doch nichts sehen.

Beim Schlussapplaus stellt sich heraus, dass das schlafende Kind ein wirklich schlafendes Kind gewesen ist. Hibiki Sekine blinzelt gähnend in die Scheinwerfer. Und das Publikum findet endlich zur ach so schönen Menschlichkeit zurück. Nach eineinhalb Stunden Ernst werden Tränen gelacht. Möglicherweise zeigt sich ein wenig vom Mysterium Leben in der langsamen Abstraktion, definitiv aber erfasst es uns, wenn auf der Bühne etwas so Ehrliches geschieht.

 

Intérieur
von Maurice Maeterlinck
Regie: Claude Régy, Bühne: Sallahdyn Khatir, Licht: Rémi Godfroy, Kostüme: Sallahdyn Khatir, Mai Ooka.
Mit: Soichiro Yoshiue, Yoji Izumi, Asuka Fuse, Miki Takii, Tsuyoshi Kijima, Haruyo Suzuki, Kaori Ibii, Mana Yumii, Gentaro Shimofusa, Hiroko Matsuda, Yusuke Oba, Hibiki Sekine.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Die Wiener Festwochen eröffneten in diesem Jahr mit Michael Thalheimers Inszenierung der Geschichten aus dem Wiener Wald vom Deutschen Theater Berlin (hier zur Nachtkritik).

 

Kritikenrundschau

Der rigide verlangsamte Abend evoziert im Publikum leichte Seufzer", notiert Margarete Affenzeller im Wiener Standard (13.5.2014. "Doch das totale Bremsen von Vorgängen erzeugt unheimliche Effekte". Die Inszenierung von Maurice Maeterlincks kleinem Drama Intérieur offenbare "eine kompromisslose und eindringliche Regiehandschrift, wiewohl die Umstände des Zuschauens und -hörens nicht allzu einfach sind".

"Konzis, subtil, beklemmend" findet Norbert Mayer von der Wiener Presse (13.5.2014) den Abend. Der deprimierende Stoff werde vom französischen Regisseur Claude Régy "in atemberaubend schlichter Form höchst kunstvoll umgesetzt".

 

 
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