Goldfisch im Teich der tiefen Themen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 29. Januar 2008. "Es herrscht im Theater ein Zynismus vor, der kratzt an der Menschenwürde. Dabei könnte es doch Lebensermutigung im besten Sinne sein." Jan Neumann glaubt an die Kraft von Geschichten und Gefühlen, er riskiert es lieber, dem Kitsch zu nahe zu kommen als kühle Leere zu produzieren. Darum fasst er das Theater herzhaft an. Und das gleich von drei Seiten, denn der 32-Jährige arbeitet als Schauspieler, Autor und Regisseur.

Er beschäftigt sich mit Sterbehilfe, geleugneter Schwangerschaft und Familie, und dreht dabei die großen Topoi der Kulturgeschichte witzig und mit einem genauen Blick für die Kleinteiligkeit des Lebens durch seine Gegenwartsmühle. Im Gespräch legt er ein gutes Redetempo vor, trifft gerne klare Aussagen und relativiert sie im nächsten Atemzug, Bescheidenheit markierend. Zugleich wirkt er impulsiv und emotional, seinem Tun hoch verbunden, und man möchte ihm unterstellen, er trüge sein Herz auf der Schnellsprech-Zunge.

Kleine Geschichten von großen Dingen

Indem er für das Gefühl Partei ergreift, scheint er einen Nerv zu treffen: Nach dem gern und oft proklamierten Ende der großen Erzählungen stehen die kleinen Geschichten nun wieder höher im Kurs. Sein Stück Kredit. Ein Familienhistorienspiel, das er jüngst in Frankfurt am Main uraufführte, wurde von Publikum und Kritik gleichermaßen freudig aufgenommen. Neumann selbst bezeichnet "Kredit" als "Formensuche", denn er schrieb Prosaelemente vor, entwickelte aber alle Dialoge im Probenprozess, mit fünf präzise und lustvoll agierenden Schauspielern.

Stilistisch trifft die ausladende Geste des Erzählers, der sich vor poetischen Beschreibungen nicht fürchtet, weite Bögen spannt und hintergründige Fenster aufmacht, auf höchst flüchtige, da improvisierte, lebensnahe Dialoge. Hier wie dort wird auf beiden Augen gezwinkert: Den ganz großen Dingen, etwa dem Tod, begegnet Neumann gleichermaßen mit Respekt und Humor, und zwar so selbstverständlich, als könnte das eine ohne das andere nicht sein.

Erweckungserlebnis Haußmann-Theater

Seinen Werdegang findet Jan Neumann "klassisch": In München ist er aufgewachsen, mit 15, 16 öfter ins Theater gegangen, in der Schultheatergruppe gewesen mit der Überzeugung, "dass es mehr Spaß macht, Theater zu spielen als zu gucken". Bis zu Leander Haußmanns Inszenierung von Ibsens "Gespenstern". "Sie war der Urfunke, siebenmal bin ich in dieser Aufführung gewesen und von da an permanent ins Theater gerannt."

Ohne jemandem ein Sterbenswort zu erzählen, sprach er an der Bayerischen Theaterakademie "August Everding" vor – und wurde genommen. "Da war ich einigermaßen erschrocken. Aber die Angst, dass ich mit Mitte 30 in einem Großraumbüro aufwache und es nie probiert habe, war größer." Es folgte ein Engagement am Staatsschauspiel München, nach drei Jahren nahmen ihn Elisabeth Schweeger und Anselm Weber mit ans Schauspiel Frankfurt.

Als Schauspieler im Mittelfeld

Mit dem Schreiben an seinem ersten Stück "Goldfischen" hatte er bereits während der Schauspielschule begonnen, es dann aber liegen gelassen. Bis zur Spielzeit 2002/2003. "Wir hatten keinen schönen Start in Frankfurt, und ich war als Schauspieler unter den größten Flops. Kurzzeitig wurde ich aus dem Ensemble gekündigt und saß plötzlich mit leeren Händen da – das war der Anlass, den Stücktext wieder aufzunehmen." Doch bevor die Kündigung in Kraft trat, änderte Elisabeth Schweeger ihre Meinung, da Jan Neumann zwischenzeitlich in kleineren Projekten positiv auffiel. "Natürlich bin ich verletzt oder beleidigt gewesen, aber wie das mit Beziehungen so ist: sie wachsen an solchen Brüchen auch."

Mit der Uraufführung von "Goldfischen" 2004 in Köln war Neumann nicht glücklich, "daraufhin habe ich angefangen, in der Chefetage ein bisschen zu baggern". In der Reihe "Nachtschwärmer", in der zu später Stunde Regieassistenten und Schauspieler erste eigene Arbeiten im Zwischendeck des Schauspiels zeigten, inszenierte Neumann sein Stück schließlich selbst – ein Startschuss in Sachen Regie. Es folgte eine weitere Inszenierung bei den "Nachtschwärmern", David Gieselmanns "Herr Kolpert", um das Handwerkzeug zu überprüfen. Zudem sei er mit seiner Beschäftigungslage als Schauspieler nie so ganz zufrieden gewesen: "Meine Position war eher im Mittelfeld. Ich wusste, dass ich auf Dauer so nicht glücklich werde."

Als Autor und Regisseur gefragter Allrounder

2005 wurde sein zweites Stück "Liebesruh" am Thalia Theater Hamburg uraufgeführt. Am Stadttheaters Aalen brachte er selbst 2006 "Die Nacht dazwischen" zur Uraufführung. Zudem wurde der Theaterallrounder zu den Werkstatttagen des Burgtheaters eingeladen, "und da zeigte sich schon, dass ich früher oder später in Terminkalamitäten komme, da stand eine Entscheidung an." Seit der Spielzeit 2006/07 ist er freier Schauspieler, Regisseur und Autor. Er arbeitet auch in Esslingen und Riga, wo er am New Riga Theatre unter der Leitung von Alvis Hermanis 2007 "Dunkelheld" schrieb und inszenierte.

"Es ist mir wichtig, die Stimmung auf den Proben aktiv zu gestalten", sagt Jan Neumann, "ich habe mich immer gefragt, warum man als Schauspieler bei manchen Regisseuren sehr frei ist und bei anderen wahnsinnig gehemmt." So war die Begegnung mit Alvis Hermanis sehr wichtig für ihn: "Bei der Arbeit für Sorokins 'Das Eis' habe ich noch einmal einen ganz anderen Umgang mit Emotionen auf dem Theater erfahren, er hat die Schauspieler mit ihrer Kraft und Fantasie ernst genommen, ihnen schöpferische Freiheiten gegeben und letztlich auch Mitverantwortung für den Abend."

Miteinander ja, Demokratie nein

Er bewundert Schauspielerkollegen, die auch überzeugend spielen können, wenn sie selbst mit dem Bühnengeschehen nicht ganz d’accord sind – er kann es nicht. Und erwartet das wohl auch nicht von den Schauspielern, mit denen er arbeitet. Bei den Proben setzt er auf das kreative Miteinander, ohne allerdings die Verhältnisse zu idealisieren: "Demokratie hat auf dem Theater letztlich nichts zu suchen."

Als Autor wundert er sich, "dass es so viele belanglose Stücke gibt. Um mich her, in meinem recht gewöhnlichen Leben passieren jede Menge Geschichten, es gibt einfach Dinge, die nicht erzählt werden. Bei 'Liebesruh' etwa geht es um Sterbehilfe, aber letztlich ist es eine klassische Liebesgeschichte von zwei Menschen, die miteinander alt geworden sind. Das finde ich viel spannender als das ganze rastlose Berlin-Mitte-Gehabe."

Es geht um Berührung

Ihn interessieren klassische Geschichten von Liebe, Krankheit und Tod. Schließlich geht es um Berührung, noch so ein Schlüsselbegriff. "Sie ist der Grund, warum ich gerne ins Theater gehe. Es geht darum, eine Schwelle zu überschreiten, sich auf eine produzierte Realität einzulassen, da kann Theater Unglaubliches leisten in Sachen Berührbarkeit." Dabei darf das Theater auch gern moralische Anstalt sein, schließlich seien Lernen und Bildung "großartige Dinge". So weckt er beim Zuschauer Geschichten und Assoziationen, schließt die Realität auf der Bühne nie ganz ab, damit das Publikum sich andocken kann an den offenen Enden.

Im bisherigem Tempo aber kann und will Neumann nicht weitermachen. "Im März entwickle ich ein Stück in Aalen, dann werden zwei Auftragswerke uraufgeführt, in Düsseldorf geht’s um das Singledasein, in Essen um verdrängte Schwangerschaft." Unterdessen inszeniert er in Esslingen einen "King Lear", aber "es bleibt zu wenig Zeit zum Lesen und Leben. Das hat natürlich viel damit zu tun, dass Stücke nicht nachgespielt werden. Nach 'Liebesruh' kamen gleich mehrere Intendanten und Dramaturgen auf mich zu und sagten, das sei ein toller Text, ob ich so etwas auch für sie schreiben könnte? Das hängt natürlich auch mit dem Presse-Run auf Uraufführungen zusammen, aber für einen Autor ist es relativ heftig, einen Text zu gestalten, der auf mehreren Ebenen lesbar ist, und eigentlich kann man davon gar nicht leben. Diese Debatte ist noch nicht zu Ende geführt."

 
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