Hilflos auf dem Rücken

von Elisabeth Maier

Basel, 16. Mai 2014. Blutrotes Licht schimmert durch Papierornamente, die auf einem Rahmen über der Bühne hängen. Darunter strampelt der Soldat Zoli mit den Beinen. Wie eine Schildkröte in hilfloser Position liegt er auf dem Rücken, ringt ums Überleben. Worte ersticken in seiner Kehle. Klangfetzen heizen die fiebrige Atmosphäre auf. Mit starken Szenen wie dieser setzt Patricks Gussets Uraufführung von Melinda Nadj Abonjis "Schildkrötensoldat" jenen jungen Männern ein Denkmal, die im Militär zu Tode gedemütigt wurden.

Im Stücklabor kennen lernen

Die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji, die in Serbien geboren ist, spürt in ihrem Text den Grausamkeiten im Krieg auf dem Balkan und in anderen Armeen der Welt nach. Das tut die Autorin, die 2010 für ihren Roman "Tauben fliegen auf" den Deutschen und den Schweizer Buchpreis bekam, in ihrer markanten poetischen Sprache. Kluge gesellschaftliche Analyse trifft sich bei ihr mit der Gabe, atmosphärisch dicht zu schreiben.

Das Stücklabor Basel hat die Prosaautorin und Musikerin mit dem Basler Schauspieler und Regisseur Patrick Gusset zusammengeführt. Dieses besondere Schweizerische Förderprogramm bindet Autoren ein Jahr lang an ein Haus – auch Luzern (Martina Clavadetscher) und Bern (Philipp Löhle) sind dieses Jahr mit von der Partie. Es gibt ihnen die Möglichkeit, den Theaterbetrieb von innen kennenzulernen. Im Fall von Nadj Abonji entstand eine reizvolle Reibung.

schildkroetensoldat1 560 simonhallstroem uVerheddert © Simon Hallström

Als Bäcker in einem Dorf haben die Eltern das Leben des jungen Zoli längst vorgezeichnet. Er ist das, was man ein Weichei nennt. Stark jongliert die Schauspielerin Joanna Kapsch in der Rolle des Heranwachsenden mit Rollenmustern. Dass eine Frau den jungen Mann spielt, ist eine starke Setzung.

Als er zum Militär geht, verheddert er sich in der Uniform, die Kostümbildnerin Svenja Gassen mit tomatenroten Teufelsfratzen geschmückt hat. Der bösartige Leutnant, bei David Berger eine maskuline Variation der Mutterfigur, zwingt ihn dazu, in einer Nacht 576 Pfannkuchen zu backen. Danach baut Zoli wegen Übermüdung einen Motorradunfall und stirbt. Er ist nicht der einzige, der sein Leben lassen muss. Bei einem Gewaltmarsch stirbt sein fettlebiger Freund Jenö, bei Andreas Bittl ein einfach gestrickter Ja-Sager, der vom Kommandanten an den Rucksack des Gefährten gefesselt und grausam zu Tode gehetzt wird. Mit starrem Blick sitzt Joanna Kapsch in Chasper Bertschinger Bühnenraum, die beweglichen Rahmen mit den Papierbildern sind jetzt wie in einem Grab auf den Boden gepresst. Mit bebender Stimme berichtet Kapsch vom Geschehen.

Um Sprache kämpen

Nadj Abonjis Wortgewalt übersetzen Musiker und Schauspieler in ein Szenario, das von Klängen, Bildern und von Momenten der Stille lebt. Die Sprachmelodie, die ihren Texten inne wohnt, spinnt die Synthesizermusik von Lukas Huber und Jannik Giger weiter.
Aber Gusset und das über weite Strecken so überzeugende Ensemble ziehen einen Handlungsfaden unpassenderweise gar ins Lächerliche: Zolis schwieriges Verhältnis zu den Eltern, das die Autorin im Text zwischen Macht, Gewalt und Sprache ansiedelt. In der Inszenierung stöckelt David Berger als Mutter im schrillen Kostüm allzu affig durch den Raum.

Die Sprachgewalt der Autorin sperrt sich eigentlich gegen einen dynamisch gestrickten Plot. Dass Gusset in seiner Textfassung dennoch einen findet, geht auf Kosten der Poesie und der Atmosphäre. Solche Defizite zeigen, dass die Kommunikation zwischen der Autorin und der Bühnenpraxis offenbar nicht immer ganz einfach war. Aber nicht zuletzt wegen dieser unterschiedlichen Blickwinkel ist Melinda Nadj Abonjis Theaterexperiment hoch spannend.

 

Schildkrötensoldat (UA)
von Melinda Nadj Abonji
Regie: Patrick Gusset, Bühne: Chasper Bertschinger, Kostüme: Svenja Gassen, Musik: Jannik Giger und Lukas Huber, Dramaturgie: Eva Böhmer.
Mit: Joanna Kapsch, Andreas Bittl, David Berger und dem Musiker Lukas Huber.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Schildkrötensoldat" sei "der polyfone innere Monolog eines Verstummten, ein ungemein bildstarkes Stück Prosa, das wie ein grosses, rhythmisches Gedicht dahinfliesst, stockt, einem den Atem verschlägt, weiterfliesst und dabei die Innenwelt eines Geschundenen offenbart, der sich – obwohl er immer wieder fällt und gefällt wird – etwas berührend Aufrechtes bewahrt", schwärmt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (19.5.2014). Die Inszenierung aber begegne dem Text mit einem "veräusserlichenden Bebilderungswahn", auf den Regisseur Patrick Gusset nur in einer Szene verzichte – es sei "die beste des Abends und sein wild pochendes Herzstück". Schlienger argumentiert schließlich mit der Autorin gegen die Aufführung: Für Melinda Nadj Abonji sei "die Perspektive aus dem einen Kopf von Zoli bedeutungstragend. Das werde nun durch die gegenstandsverliebte Dialogfassung banalisiert." Die wirkliche Uraufführung stehe dem Stück noch bevor.

Bei Meldina Nadj Abonji komme "erst die Poesie, dann der Plot. Soll heissen: Der Panzer muss erst geknackt werden, bevor ein Drama daraus wird", meint Martin Halter im Tages-Anzeiger (19.5.2014). Dafür sei Patrick Gusset "der richtige Mann" Er, "Sohn eines Jamaikaners und einer Schweizerin, teilt mit Abonji nicht nur Fremdheitserfahrungen und Identitätskonstruktionen zwischen den Kulturen: Auch für ihn ist Sprache mehr als nur Mitteilung." Er suche und finde "immer wieder surreale Bilder und Szenen", und es seien "gerade die Brüche, Widersprüche und Rhythmuswechsel zwischen sanfter Sprachmusik und scharfkantigen Bildsplittern, schwarzweissem Balkanblues und schrillen jamaikanischen Farborgien, die den Abend zu einem über weite Strecken gelungenen Experiment machen."

Simon Aeberhard meint in der Basler Zeitung (19.5.2014), dass Patrick Gusset für den Text von Melinda Nadj Abonji eine "gewaltsame Bildsprache" finde, die genau passe, "weil sie auf maximale Drastik setzt, wo der Text seine Sprachmächtigkeit ansonsten an verspielte Lyrismen zu verlieren droht." Der "spröde Wörtersalat" werde von Gusset "als grelle und schnelle Textpartitur in der symbolisch verdichteten Umgebung surrealistischer Szenen" angerichtet und serviert. In den Bildern seien "immer wieder atmosphärische Momente fragiler Poesie zu entdecken, zu denen die musikalische Kulisse ganz wesentlich" beitrage.

 

 
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