Vergessen oder Nicht-Vergessen

von Jens Fischer

Hannover, 24. Januar 2020. "Let's talk Tacheles!", drängt die israelische Gästin des Schauspiels Hannover, Hadas Kalderon, die fünf Kolleg*innen ihres Performance-Teams. Thema: Erinnerungs-"Weltmeister" Deutschland. Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt werden können. Am nahenden Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, wird der sechs Millionen ermordeten Juden und aller anderen Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Am 27. Januar 1945 hatte die Sowjetarmee die Überlebenden des KZs Auschwitz befreit. Muss das erwähnt werden? Jedenfalls warnen besorgte Wissenschaftler, dass das Wissen über den Holocaust, also Deutsche als Täter, in der dritten und vierten Generation der Nachgeborenen rapide nachlasse – im Gegensatz zu dem Wissen über die Bombennächte des 2. Weltkriegs, mit Deutschen als Opfer.

Von der Zeit umgeschliffen

von Jan Fischer

Hannover, 11. Dezember 2019. Erinnerungen sind immer ein Problem. Sie sind glitschig und tendieren dazu, sich zu verändern, wenn man sie zu oft betrachtet. Das weiß auch Nadja in "Was nie geschehen ist" am Schauspiel Hannover. "Irgendwann“, sagt sie, als ihre Mutter Françoise vom Mai '68 in Paris erzählt, "war aus der Erinnerung eine Geschichte geworden, und aus der Geschichte ein Mythos". Blöd nur, dass Nadja gerne mehr erfahren würde – über ihre Mutter, über ihre Großmutter, über sich selbst.

Iphigenies Freiheit

von Jens Fischer

Hannover, 8. Dezember 2019. Warum spendiert Iphigenie ihren Körper mit stolz behaupteter Freiwilligkeit der Schlachtbank, dem Opferaltar der Artemis? Die ist stinksauer, dass des Mädchens Vater Agamemnon eine Hirschkuh in ihrem Hain geschossen hat und verweigert daraufhin der griechischen Flotte den Wind, den sie zum Auslaufen gen Troja braucht. Erst nach dem Tochteropfer würden Lüfte wieder die Segel blähen. Da Regisseurin Anne Lenk hinter den Kulissen des Tragödienpersonals der Motivation Iphigenies nachspüren will, hat sie Euripides' "Iphigenie in Aulis" als familiäres Psychodrama hergerichtet. Motto des Abends könnte das am Schauspielhaus Hannover in großen Leuchtlettern funkelnde Zitat aus dem Stück sein: "Lebe und rette".

Niemals hörig werden

von Jens Fischer

Hannover, 23. November 2019. Sie ist 16 Jahre alt. Und wohl alle, die das auch mal waren, werden sich erinnern: Das ist kein Spaß. Sondern höchst dramatisch. Bestes Theater. Akut Betroffene sprechen gar von Tragödienpotenzial. Denn die Wirkungskraft des Hormoncocktails im Körper ist gerade gewaltig, es herrscht totale Verwirrung, fortgesetzt sprießen Haare, Lüste, Ideen – zur Beruhigung gilt Chillen als Antwort auf alle Fragen. Aber zur Selbstfindung sucht sie Grenzen und dabei scheint alles Provokations-würdig, was das bedrohliche Erwachsenwerden so langweilig wirken lässt.

Mann sein, Frau sein, irgendwas sein

von Jan Fischer

Hannover, 25. Oktober 2019. Als Orlando als Sondergesandter in Konstantinopel plötzlich als Frau aufwacht, ist das größte Problem zunächst einmal ein grammatikalisches: "Sie", das ist jetzt der Körper, "Er", das sind die Erinnerungen, der Kern, der unter der Oberfläche liegt: "Orlando", sagt Corinna Harfouch, die zu diesem Zeitpunkt als Erzählerin von Virginia Woolfs Vorlage fungiert, "war eine Frau geworden, das ließ sich nicht leugnen, aber in jeder anderen Hinsicht war Orlando derselbe geblieben." Sie – er, besser: SieEr fährt darauf hin zurück nach England und muss erst einmal, über die nächsten 300 Jahre mit dem neuen Leben als Frau zurecht kommen: Die Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert mit Orlando als Mann und endet – im Buch – 1928 mit Orlando als androgynem Wesen, Mutter, Besitzer*in eines Autos.

Manspreading bei der Reise nach Jerusalem 

von Falk Schreiber

Hannover, 9. Oktober 2019. "Wir haben die Schnauze gestrichen voll von schuppigen alten Männern, die dir auf Hochzeiten freundlich die Hand tätscheln, während sie ihre Wahrheiten über den Lauf der Welt verkünden", echauffiert sich die Autorin (Ruby Commey). Ja. Wir haben die Schnauze gestrichen voll, aber leider ist da immer wieder ein alter Mann, der Wahrheiten verbreitet, ein alter Mann, der Macht hat und gönnerhaft sein kann, und wenn er besonders gönnerhaft ist, dann fickt er eine wütende, junge Autorin, und die darf sich dann bedanken. #metoo in a nutshell, aber es ist ja nicht falsch, was Ella Hickson in der ersten Szene ihres Stücks "The Writer" zeigt.

Als gäbe es ein Morgen

von Jens Fischer

Hannover, 15. September 2019. In lähmender Ereignislosigkeit sediert der Schmerz zerborstener Träume eine überflüssige, sich selbst überdrüssige Ratlosigkeitsgesellschaft in schwer lastende Melancholie; Menschen verzweifeln im Müßiggang an der Sinn- und Orientierungslosigkeit ihres Daseins und im trägen Groove ewiger Langeweile schaut die Inszenierung beim Warten und Vergehen der Zeit zu. Gegen diese Tschechowregie-Konvention versucht sich Stephan Kimmig an "Platonow". Hinter einer in den Zuschauerraum gezogenen Veranda startet das Ensemble hochzeitsfidel in den Abend und zeigt, wie zeitlos modern die Figuren sind, leiden sie doch mehr am individuellen Menschsein denn an politischen Verhältnissen.

Das träge Tröpfeln der Zeit

von Jan Fischer

Hannover, 13. September 2019. Schauen wir uns das einmal an. Aus rot wird gelb, auf der Raucherterrasse hängt nun ein beleuchteter Sinnspruch aus "Iphigenie", für das Foyer wurden neue Fliesen und ein neuer Kronleuchter angeschafft, und über der Bar gibt es ein paar neue Lichtleisten. Mehr Licht also: Nach zehn Jahren mit dem ehemaligen Intendant Lars-Ole Walburg startet das Schauspiel Hannover unter Leitung von Sonja Anders in die neue Spielzeit.

Vom Wolf vernascht

von Jens Fischer

Hannover, 23. Mai 2019. Finale! Party? "It's better to burn out than to fade away" ist jedenfalls das Motto der Abschiedswochen der zehnjährigen Ära von Lars-Ole Walburg als Intendant des Schauspielhauses Hannover. So wird bei der letzten Premiere nochmal ganz groß aufgefahren. Das gesamte Ensemble steht auf der Bühne, mit Statisten und Mitarbeitern diverser Abteilungen.

Candypop Gesellschaftskritik

von Jan Fischer

Hannover, 27. April 2019. Nichts ist hier echt. Auf einen Peppa-Wutz-Aufsteller steht mal "Prada", mal "Pradada", mal "Gucci", mal "Guccci". Die goldenen McDonald's-Bögen sind doppelte Bögen. Beim Hello-Kitty-Logo sind die Augen etwas nach unten verrutscht, so dass es eher an ein entblößtes Dekolletee erinnert. In der Mars-Riegel-Schriftart ist das Wort "Marx" zu lesen.

Diskurshölle Deutschland

von Falk Schreiber

Hannover, 21. März 2019. Mein wunderbarer Waschsalon. Ein frappierend einleuchtendes Einstiegsbild hat Bühnenbildner Daniel Wollenzin da gefunden für Alexander Eisenachs "Räuber-Ratten-Schlacht", einer "deutschen Tragödie" nach Texten von Friedrich Schiller, Gerhart Hauptmann und Heiner Müller am Schauspiel Hannover: eine Wand aus 28 Waschmaschinen, golden, clean, aseptisch. Und in einer regt sich etwas. Eine riesige Ratte (Andreas Schlager), aber Vorsicht: Der Nager ist kein Gast aus Hauptmanns Drama "Die Ratten", es ist der deutsche Gartenzwerg. Gutmütig, naiv, ein bisschen nervig. Ein Chor hebt an zum nationalen Erweckungsgesang, aber die Ratte brabbelt alles Pathos weg und scharwenzelt geschäftig durch die Szene. Lustig. Jedenfalls hängt die Ratte frisch gewaschene Nationalflaggen auf eine Wäscheleine, aber mittendrin hängt eine Hakenkreuzfahne. Da ist die lustige Ratte entsetzt. "Die braunen Flecken gehen einfach nicht raus!" Womit die Grundthese von "Räuber-Ratten-Schlacht" schon in den ersten Minuten des knapp vierstündigen Abends formuliert wäre.

Stelzvogel-Gollum im Miniwunderland

von Jan Fischer

Hannover, 17. Januar 2019. Der Aufstieg des Faschismus findet im in heimeliger Holztäfelung statt. Auf der Bühne des Schauspiel Hannover erstreckt sich eine Flucht aus braunem Holz bis zu einem Vorhang ganz hinten im Fluchtpunkt des Bühnenbildes, dessen Atmosphäre irgendwo zwischen von der Zeit vergessener Eckkneipe und 50er-Jahre Amtsstube liegt. Aber vorneweg erzählt – ganz episches Theater – erst einmal ein Ansager, was das Publikum zu erwarten hat. "Was wir heute Abend zeigen", meint er, "kennt der ganze Kontinent". Es sei der Aufstieg der "braunen Legende". Immer wieder schiebt er dabei Darsteller und Darstellerinnen aus dem Weg, die schnell noch ein Bier oder einen Kurzen trinken.

Alle vergiften!

von Frank Kurzhals

Hannover, 12. November 2018. Die Sprache des Österreichers Werner Schwab ist äußerst akrobatisch und verschwurbelt, sie ist sinnlich, lyrisch und Soziolekt gewordene Banalität, wunderbar metapherngesättigt und also hochassoziativ. Damit steht sie regelmäßig in Konkurrenz zu ihrer bühnenhaften Inszenierung. Die Bilder des Theaters reichen selten an Schwabs bildreiche Sprache heran, oft sind sie lediglich deren Illustration. Am Schauspiel Hannover ist Regisseurin Lucia Bihler nun mit "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" ein Coup gelungen.

An den Bluttöpfen

von Jan Fischer

Hannover, 18. Oktober 2018. Das Blut fließt reichlich im Schauspiel Hannover. Beim Schlussapplaus sehen sie ganz schön zerzaust aus, die drei Lady Macbeths (Lisa Nathalie Arnold, Johanna Bantzer, Sarah Franke), die drei Macbeths (Jakob Benkhofer, Philippe Goos, Daniel Nerlich) – und König Duncan (Henning Hartmann) ist auch nicht mehr ganz frisch. Das Kunstblut klebt an den Kostümen, den roten und weißen Kleidern, der schäbigen langen Unterwäsche. Es bröckelt ihnen von Gesicht und Händen. Nur der Saxophonist Bendik Giske in seinem Mittelding aus Reizwäsche und Anzug ist einigermaßen sauber geblieben.

Engführung zum Nationalsozialismus

von Jan Fischer

Hannover, 31. August 2018. Der Untergrund der Weimarer Republik ist trügerisch. Jedenfalls der der weißen Halbkugel auf der Bühne. Bei jedem Schritt der Figuren am Staatsschauspiel Hannover wabbelt er bedrohlich. Als könnte er sich jeden Augenblick auftun, um wie Treibsand all die bunten, inflationsgebeutelten Figuren zu verschlucken.

Mein lieber Schwan

von Frank Kurzhals

Hannover, 4. Mai 2018. Schwarze Schwäne sind selten. Wenn sie auftauchen, sind Unheil und Missverständnis nicht weit. In der Ibsen-Inszenierung von Alexander Eisenach, Hausregisseur am Schauspiel Hannover, wimmelt es nur so vor schwarzen Schwänen. Gleich zu Anfang erscheint einer, so groß, so dass Hedda Gabler auf ihm reiten kann, vor dramatisch kirschblutrotem Vorhang. Geführt wird das elegante Tier von ihrem Ehemann Jörgen Tesman, mit dem sie frisch verheiratet von einer sechsmonatigen Hochzeitsreise zurückkommt. Sie, die starke, schöne und gelangweilte Generalstochter, hat ihn geheiratet, um sich eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu sichern, nicht aber aus Liebe. Er ist von ihr zuerst bezaubert, dann wird er sehr schnell verzaubert. Das Drama nimmt seinen Lauf. Es findet in Hannover nicht in der gerade gekauften Villa beider statt, für die sich Tesman verschuldet hat, sondern in einem ewig im Kreis fahrenden Zug mit seinen kleinen und großen Abteilen des Lebens.

Erklären, Verklären

von Frank Kurzhals

Hannover, 15. März 2018. Jede Schöpfungsgeschichte erzählt von gescheiterten Hoffnungen. So auch die "Edda", die jedem Isländer von Kindheit an literarisch vertraut ist. Als heidnischer Schöpfungsmythos ist sie in Island im Alltag so gegenwärtig wie das dort um das Jahr 1000 eingeführte Christentum. Das zumindest behaupten Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason, die jetzt ihr Verständnis von Anfang und Ende der Welt à la "Edda" in Hannover fulminant auf die Bühne gebracht haben. Ganze drei Monate probten sie, um den schier unendlich verwobenen Stoff bühnenreif werden zu lassen. Gekürzt und konzentriert auf dreieinhalb Stunden atmet die Inszenierung das wohlige Pathos des Großen und Ganzen, dekoriert mit skurrilen Petitessen.

Zerbrochen und verbunden

von Tim Schomacker

Hannover, 20. Januar 2018. Ein sehr gleichmäßiges Raster aus weißen Drehstühlen auf schwarzem Bühnengrund. So geordnet geht es selten zu im Kopf des neunjährigen Oskar Schell. Vom Zuschauerraum aus sehen wir diese Ordnung (die nicht mehr ist als eine ersehnte Vorstellung), bloß für einen kurzen, späten Moment zu Beginn des zweiten Teils. Gleich wird sie wieder verwischt, Richtung Realität in Unordnung gebracht werden.

Amboss oder Hammer sein

von Jens Fischer

Hannover, 8. Dezember 2017. Spielplatzfidel toben die Darsteller wie Kinder und Hundebabys um Klettergerüste herum. Bühne und Zuschauerraum sind gleichermaßen hell erleuchtet: Noch funktioniert die Zivilisation. Vereint Kultur und Natur – den seinen tierischen Wurzeln entfremdeten Menschen und das vermenschte Haustier. In der Jack London-Adaption am Staatsschauspiel Hannover changiert das Schauspieler-Quintett zwischen Hunde- und Menschengesten; die Grenzen zwischen den Spezies sind fließend. Unheilschrille Klangakzente bringen allerdings eine Unwucht ins ausbalancierte Spiel. Kalkulierte Zerreißungen des friedensstiftenden Firnis. Mit der Sehnsucht nach einem ursprünglicheren Dasein. Die Jack London getrieben hat ins Unbehauste. Er vernahm, erhörte, verfiel dem Ruf der Wildnis. Seinen Bestseller fröstelt Clara Weyde mit Wind-, Schnee- und Sturmlärmmaschinen nun in den Hannoveraner Ballhof.

Revue des Rassismus

von Jan Fischer

Hannover, 7. Dezember 2017. Leicht neigt sich die Bühne zum Publikum hin, Wände und Boden führen perspektivisch zu einem Fluchtpunkt, der unsichtbar bleibt, die Kulisse wird begrenzt von einem gigantischen Ventilator, aus dem immer wieder großzügig Hazerdampf gepustet wird. Komprimiert zeigt dieses Bühnenbild im Grunde schon die Idee hinter Sascha Hawemanns Inszenierung von Ayad Akthars "Geächtet", das zur Zeit an deutschen Bühnen rauf und runter gespielt wird. Hawemanns Raum sollte so nicht existieren und er verweist in seiner Bauweise auf künstlerische Illusionen von Tiefe einerseits, trickreich den Zuschauerraum als Erweiterung der Bühne umfassend, und ermöglicht gleichzeitig – dadurch, dass durch den verzerrten Bau der Boden hinten höher ist als vorne – eine gute Sicht auf das Geschehen. Das Bühnen- als Zerrbild signalisiert: Hier ist alles künstlich.

Rauchen, saufen, alles geht kaputt

von Jan Fischer

Hannover, 21. Oktober 2017. Die erste Regel in Martin Laberenz‘ Inszenierung von "Der Entertainer" lautet: Wer auf der Bühne steht, muss immer mindestens einen Drink oder eine brennende Zigarette in der Hand halten, am besten beides. Die zweite Regel in Martin Laberenz‘ Inszenierung von "Der Entertainer" lautet: Wer Text hat, muss mindestens ein Lied singen. Und im Prinzip ist damit die Inszenierung des Stoffes von John Osborne in Hannover hinreichend beschrieben.

In die Wildnis

von Jens Fischer

Hannover, 31. August 2017. Sie lebt in den surrealen Welten des Mythos. Fühlt überlebensgroß, ist betörend unfassbar in ihrem Tun und Lassen. Zum Furchteinflößen ungeheuerlich. Opfert das Leben der Liebe, ihren Vater der eigenen Freiheitslust und ihre Heimat einem Mann, der das nicht wert ist. Er betrügt, verlässt, verbannt sie. Medea öffnet die Pandorabüchse kreatürlicher Wut, ruft "Entsetzliches gestaltet sich in mir" – und tötet ihre Kinder, den Gatten und seine neue Flamme. Zumindest in der Dramatisierung des Euripides. Franz Grillparzer ist Sympathisant der Legendin und daher zurückhaltender mit den Morden. Er will zeigen, wie sie wurde, was sie ist, versucht den Menschen Medea psychologisch zu erklären. Tom Kühnel nun will zur Saisoneröffnung am Schauspiel Hannover dasselbe – nutzt aber andere Mittel und versucht den Mördermuttermythos Medea zu analysieren, indem er die Titelrolle dreifach besetzt.

Hygiene, Schnitzel, Bier 

von Kornelius Friz

Hannover, 11. August 2017. Im August ist Theaterpause. Die Schauspieler fliegen in den Urlaub, die Regisseurinnen verziehen sich zum Denken in ihre dunklen Kammern. Das Publikum genießt es derweil, auch mal ohne schlechtes Gewissen zu Hause bleiben zu dürfen. Und die Bühnen der deutschen Theaterhäuser können sich erholen von einer weiteren Spielzeit voller Kunstblut, Laienchöre und Live-Videos.

Lenins Stern

von Tim Schomacker

Hannover, 25. März 2017. Am Ende singt Lenin Udo Jürgens. Dahinter prangt der Name grün und klassisch-kyrillisch an der Fassade des mehrtreppigen Spanholzplattenbaus, den man als Rednertribüne wie Mausoleumsfront nutzen kann. Lenins Name, natürlich, nicht etwa der von Udo Jürgens. Auf dem Vordach hockt eine geisterbahngroße Lenin-Marionette mit analog grellgrünen Augen. "Gebt mir Eure Angst / Ich geb‘ Euch die Hoffnung dafür." Und um einiges an Hoffnung war es ja auch gegangen bis dato. Um Hammer und Sichel, die – mit Žižek und Lenin – "die Hoffnung beschworen, dass die Geschichte endlich auf der Seite derer sein würde, die für brüderliche Gerechtigkeit kämpfen".

Knallfrösche statt Sprengköpfe

von Christian Rakow

Hannover, 23. Februar 2017. "Für eine Idee sterben, das ist die einzige Möglichkeit, dieser Idee würdig zu sein." Zackkkk. "Revolutionär ist nur die Bombe." Wummmm. So hämmert es in Albert Camus' Terroristendrama "Die Gerechten". Standpauken für Standpunkte, Amboss-Schläge der Argumente.