Romulus der Große - Theater Heilbronn
Das Herz eines Hühnerzüchters
7. Juni 2025. Ein Herrscher, der sein Reich und dessen Kultur verachtet und zufrieden Hühner züchtet? Friedrich Dürrenmatt hat diesem seltsamen Römerkaiser in "Romulus der Große" ein Denkmal gesetzt, und Regisseur Gustav Rueb setzt am Theater Heilbronn auf die Dürrenmatt'sche Komik.
Von Thomas Rothschild
Friedrich Dürrenmatts "Romulus der Große" von Gustav Rueb am Theater Heilbronn inszeniert © Jochen Quast
7. Juni 2025. Im ersten Akt sitzt der zunehmend präsente Oliver Firit als Kaiser auf der Couch wie in einer amerikanischen Seifenoper. Im dritten Akt sitzt er auf einem Bett. Dazwischen und danach überlässt er den anderen die unaufgeräumte Bühne. 1949 schrieb Friedrich Dürrenmatt die vieraktige Komödie "Romulus der Große", die vom Morgen des 15. März bis zum Morgen des 16. März im Jahr 476 über die Bühne geht. Die Rückkehr der klassischen "Einheit der Zeit" im modernen Gewand des 20. Jahrhunderts. Und eine heroisierte historische Figur, die sich eher wie ein römischer Oblomow im Schlafrock verhält.
Römischer Oblomow
Friedrich Dürrenmatt scheint auf merkwürdige Weise aus der Zeit gefallen. Von den mehr als zwanzig Theaterstücken des neben Max Frisch erfolgreichsten Schweizer Dramatikers der Nachkriegszeit haben mehr oder weniger nur "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker" überlebt. Sein drittes, mehrfach überarbeitetes Stück, "Romulus der Große" von 1949, wird heute kaum noch aufgeführt. Dabei ist die deutschsprachige Literatur nicht gerade reich an Komödien. Sie werden dem Boulevard überlassen und können in der Regel mit der englischen, der italienischen oder der französischen Konkurrenz nicht mithalten. Selbst der Untertitel von Dürrenmatts "Romulus", "Eine ungeschichtliche historische Komödie", klingt eher verquält als witzig.
Das Glück des täglichen Frühstückeis: Dürrenmatts Komödie, von Gustav Rueb inszeniert am Theater Heilbronn © Jochen Quast
Der dominierende Kunstgriff, dessen sich Dürrenmatt bedient, ist aus zahlreichen historischen Komödien auf der Bühne und der Leinwand bekannt, beispielsweise aus Paul Czinners Film "Katharina die Große" mit Elisabeth Bergner in der Titelrolle der russischen Zarin: Die "Verkleinerung" von traditionell überhöhten, heroisierten legendären Persönlichkeiten, sozusagen eine Umkehrung der Ständeklausel.
Geh schlafen, Präfekt
Wenn Figuren der außertheatralen Wirklichkeit reden und handeln wie "das gemeine Volk", verstoßen sie gegen eine dem Theater eigene Erwartungshaltung, und genau das wirkt eben komisch. Lachen reduziert das Aufgeblähte auf ein menschliches Maß. In seinem Essay "Anatomie des Gag" schrieb Václav Havel: "Eines der Grundthemen des Humors ist das falsche Pathos. Und eines der Grundprinzipien des Humors ist die Entpathetisierung." Das passt exakt auf Dürrenmatts Technik des Komischen. Romulus: "Geh schlafen, Präfekt, die heutige Zeit hat dein Heldentum in eine Pose verwandelt!"
In Heilbronn bleibt der Schweizer Regisseur Gustav Rueb gottlob unterhalb der Klamaukgrenze. Asterix und Monty Python lassen sich allenfalls erahnen. Mit seinen geschliffenen Dialogen und den ausführlichen Regieanweisungen steht "Romulus der Große" noch fest in der Tradition dramatischer Konventionen.
Herrscher auf der Couch, Monty Phyton lässt von ferne grüßen: Oliver Firit als Romulus © Jochen Quast
Gustav Rueb versucht gar nicht erst, die Konstruktion aufzubrechen oder die Sprache zu "modernisieren". Fotos von Politikern mit Lorbeerkränzen, ein Monitor, Autos, ein Schallplattenschrank aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: die anachronistischen Aktualisierungen beschränken sich auf Details des Bühnenbilds und der Requisiten. Die Musik zitiert den Italowestern.
Was als Anspielung auf den Zustand der Welt verstanden werden konnte, als das Stück geschrieben wurde, hat auch in einer veränderten Welt noch seine Gültigkeit. Und sei es ex negativo. Denn in der Realgeschichte des 20. Jahrhunderts existierte kein Romulus, der angesichts einer mörderischen Vergangenheit den Untergang des eigenen Reichs herbeigesehnt und, statt zu herrschen, Hühner gezüchtet hätte. Zwischen Dürrenmatts römischem Kaiser und Adenauer gibt es keine Ähnlichkeit. In seiner Regierungserklärung sagte der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland in jenem Jahr, in dem Dürrenmatt seine Komödie schrieb: "Wenn die Bundesregierung so entschlossen ist, dort, wo es ihr vertretbar erscheint, Vergangenes vergangen sein zu lassen, in der Überzeugung, dass viele für subjektiv nicht schwerwiegende Schuld gebüßt haben, so ist sie andererseits doch unbedingt entschlossen, aus der Vergangenheit die nötigen Lehren gegenüber allen denjenigen zu ziehen, die an der Existenz unseres Staates rütteln."
Lachen über Trump
Und heute? Welcher deutsche Politiker käme auf die Idee, an der Existenz seines Staats zu rütteln? Dürrenmatts Romulus erscheint uns utopischer denn je. Liegt es an mir? Liegt es an Dürrenmatt? Gelacht habe ich am 6. Juni nicht über "Romulus", sondern über Donald Trump und Elon Musk. Der tritt als Verkörperung von Odoakers Neffe Theoderich am Ende sogar in Heilbronn auf.
Gelacht wurde auch im Publikum wenig. Aber der heftige Schlussapplaus signalisierte Zufriedenheit.
Romulus der Große
Eine ungeschichtliche historische Komödie in vier Akten von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Gustav Rueb, Bühne: Florian Barth, Kostüme: Juliane Molitor, Nina Kroschinske, Musik: Fiete Wachholtz, Licht: Niko Bock, Dramaturgie: Christine Härter.
Mit: Oliver Firit, Sarah Finkel, Sophie Maria Scherrieble, Judith Lilly Raab, Richard Feist, Tobias D. Weber, Nils Brück, Felix Lydike, Stefan Eichberg, Sabine Unger, Tobias Loth, Lennart Olafsson,
Premiere am 6. Juni 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.theater-heilbronn.de
Kritikenrundschau
"Romulus der Große" sei "auf den ersten Blick luftig leichtes Theater ohne große Reibungsfläche", schreibt Ranjo Doering in der Heilbronner Stimme (10.6.2025). Doch in Dürrenmatts Vorlage stecke "Substanz und Komplexität". Regisseur Gustav Rueb "umschifft den Klamauk", Dürrenmatts Sprache erhalte nur selten ein Update", so der Kritiker. "Verweise in die Gegenwart gehen vor allem in Richtung USA", etwa, "wenn für das Kaiserreich – Amerika lässt grüßen – der Slogan 'Make Rome Great Again' vorgeschlagen" werde. "Nach zweieinhalb Stunden mit Pause endet ein vergnüglicher Abend. Das Premierenpublikum honoriert die tolle Ensembleleistung mit langem Applaus."
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