Der Sound der Drohkulisse

4. November 2024. In der Szenensammlung "Furcht und Elend des dritten Reiches" porträtierte Brecht den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Timofej Kuljabin zieht in seiner Inszenierung Linien ins Heute und zeigt, was einer Zivilgesellschaft droht, die nicht rechtzeitig die Kurve kriegt.

Von Steffen Becker

"Furcht und Elend des Dritten Reichs" von Timofej Kuljabin in Karlsruhe © Chris Frühe

4. November 2024. "Auf den Dörfern patrouillieren Jungs abends und schauen, dass noch alle Plakate hängen und melden Abreißer sofort weiter. Bürger fragen, was man verteilt und stellen mit dorffester Stimme klar, dass hier nur Blau verteilt werden darf. Ansonsten 'würde es brenzlig'." Was im Vokabular aus der Zeit gefallen und sehr weit weg klingt, ist der Post eines rechten Aktivisten vom Sommer 2024. Er dokumentiert den Wahlkampf in Thüringen und wie eine Drohkulisse auf dem Land alle anderen Stimmen verstummen lässt. AfD-Politiker haben den Post retweetet. 

"Furcht und Elend des dritten Reiches" von Bertolt Brecht ist fast 90 Jahre alt. 30 auf Berichten über Alltagsereignisse im nationalsozialistischen Deutschland basierende Szenen verfasste Brecht zwischen 1935 und 1943. Es braucht nur ein paar kleine Anpassungen, dass einem die Inszenierung am Staatstheater Karlsruhe nahe tritt. Aus Führer wird Präsident. Kostüme und Bühne changieren zwischen aktuell (Apple-Geräte) und historisch (Volksempfänger) und aktivieren damit den "Kann immer und überall passieren"-Modus. 

Wiederholung der Geschichte

Es inszeniert ein russisches Team, das dort nicht mehr arbeiten kann wegen Protests gegen die "Spezialoperation", die nicht Krieg heißen darf. Auch dazu hat Brecht eine (hellseherische) Szene geschrieben: Eine Frau bekommt die Nachricht, dass ihr Bruder bei einer Flugübung abgestürzt sei. Ihr Mann verbietet ihr, darüber zu sprechen, dass er doch im spanischen Bürgerkrieg eingesetzt war. History repeating itself! 

Die Inszenierung von Regisseur Timofej Kuljabin steigert das Unwohlsein über historische Parallelen mit geschicktem Sounddesign. Kratzende und dräuende Streicher und digital verstärkte Alltagsgeräusche drücken aufs Gemüt – das Klappern von Besteck und das Surren einer Telefonwählscheibe übertönen die ängstlichen Stimmen der Protagonisten.

FurchtundElend2 1200 Chris FrueheProtagonisten der "Spitzel"-Geschichte: Frida Österberg, Timo Tank © Chris Frühe

Als klug erweist sich die Entscheidung, einzelne Szenen zu zerlegen. Der Abend schafft so einen Spannungsbogen, den das als panoramahaftes Porträt des nationalsozialistischen Alltags konzipierte Original nicht hat. Die Drehbühne schiebt die einzelnen Episoden langsam ins Dunkel und zoomt die nächste wieder herein in eine grelle LED-Umrandung (Bühne: Oleg Golovko). Regisseur Kuljabin und Dramaturg Roman Dolzhanskiy stellen in ihrer Fassung den "Spitzel" und die "jüdische Frau" in den Mittelpunkt. 

Selbstverzwergung

Frida Österberg und Timo Tank fragen sich, was ihr Sohn gehört und, noch schlimmer, in der Jugendorganisation gemeldet haben könnte. Szene zu Szene schrumpft die Fensterfront nach außen, und das Bild des innen alles beobachtenden "Präsidenten" wächst. Österberg und Tank werden immer fahriger, und in vorauseilendem Gehorsam relativieren sie bereits einander ihre Haltung zum Regime – als säßen sie nicht zu Hause, sondern auf einem Verhörstuhl. Die Schauspieler dehnen diesen Prozess der Selbstzensur und -Verzwergung schmerzvoll aus. Sie flüstern nur noch, aber ihre (Sprach-)Gesten schreien "Angst essen Seelen auf". Es ist fast körperlich unangenehm, ihnen dabei zusehen zu müssen. 

FurchtundElend A.Mueller 1200 ChrisFrueheHighlight: Anne Müller in der Rolle der jüdischen Emigrantin © Chris Frühe

Anne Müller als "jüdische Frau" lädt hektisch ihre Mobil-Geräte auf, während sie vor der Abreise letzte Anrufe tätigt. Die sollen sicherstellen, dass jemand nach ihrem Mann schaut, wenn sie weg ist. Ihr zittert die Stimme, während sie allen etwas zu laut lachend versichert, dass es ihr gut gehe. Später versucht sie sich an einem erklärenden Video an ihren (nicht-jüdischen) Mann – der seine Erleichtung nach ihrer Abreise kaum verhehlt. Anne Müllers Performance zwischen resigniert, auf Adrenalin im Angesicht von Bedrohung und wütend über die eigene Hilflosigkeit ist das Highlight des Abends.

Unter autoritärem Druck

Man erkennt in dieser Inszenierung also sehr gut, wie Menschen sich deformieren lassen vom autoritären Druck und ihn an andere weitergeben. Man erahnt das Gefühl von jemandem im Altenburger Land, für die/der Björn Höckes Dorf-Trupps eine reale Bedrohung sind. 

FurchtundElend3 1200 Chris FrueheSterbeszene mit Nazi-Sohn: Nikita Buldyrski, Heisam Abbas, Lisa Schlegel, Gunnar Schmidt © Chris Frühe

Man erfährt nicht, was die autoritäre Logik mit denen macht, die sie herbeiführen. Kuljabin und Dolzhanskiy verzichten auf die schon im Brecht-Original raren "Gewinner". Lediglich das Nazi-Artefakt eines Sohnes schafft es in die Aufführung. Der versucht am Sterbebett des Vaters, dem Pfarrer aus dessen Trostworten einen Strick zu drehen. Zu wenig, um die Leerstelle zu füllen. 

Andererseits konsequent, ein Theaterpublikum weniger unterhalten zu wollen mit dem Grusel vor dem Bösen als es mit Bildern zu verstören, was einer Zivilgesellschaft droht, die nicht rechtzeitig die Kurve kriegt. Mit herzlichen Grüßen von Putin.

Furcht und Elend des Dritten Reiches
von Bertolt Brecht
In einer Fassung von Roman Dolzhanskiy
Regie: Timofey Kuljabin, Bühne: Oleg Golovko, Kostüme: Vlada Pomirkovanaya, Musik: Timofei Pastukhov, Licht-Design: Oskars Pauliņš, Dramaturgie: Roman Dolzhanskiy, Bastian Boß.
Mit: Heisam Abbas, Michel Brandt, Nikita Buldyrski, Laman Leane Israfilova, Anne Müller, Frida Österberg, Lisa Schlegel, Gunnar Schmidt, Rebecca Seidel, Timo Tank.
Premiere am 3. November 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

Kritikenrundschau

Eine "Topografie Zerfalls" erlebte Björn Hayer für die Deutsche Bühne (4.11.2024) in Karlsruhe: "Eine Gesellschaft verliert ihre Menschlichkeit und erstarrt im Angesicht einer extrem perfiden, überragenden und nicht mehr aufzuhaltenden Macht." Mit der Verwendung von Handys und Laptops werde die Aktualität dieser Problemlage angedeutet. "Sieht man von der etwas zähflüssigen Komposition, die insbesondere auch Brechts recht statischer Vorlage geschuldet ist ab, so kommt die Stärke des Abends allen voran in seiner Mahnung zum Ausdruck. Die Vergangenheit könnte die Zukunft werden, wenn wir nicht achtsam sind, so die finstere, aber dringliche Botschaft."

"Diese stimmige Brecht-Inszenierung ist ein sehenswerter Abend, der nachdenklich macht auch über den Zustand unserer Gesellschaft", schreibt Rüdiger Krohn in den Badischen Neuesten Nachrichten (5.11.2024). Timofey Kuljabin konzentriere sich in seiner Inszenierung "darauf, die anhaltende Brisanz der Szenen aus ihrer Sprache zu entwickeln – bis hin zum Verstummen der Figuren, deren stille Tragik in den leisen Tönen eine geradezu schmerzliche Kraft entfaltet. Die knapp zweistündige, pausenlose Vorstellung gewinnt an Intensität durch Weglassen, an dramatischem Ausdruck durch Verknappung der Mittel".

Mit dieser Premiere sei Karlsruhe "ein großer Wurf geglückt", sagt Birgit Möthrath in der Rheinpfalz (5.11.2024). Timofey Kuljabin habe Brechts Vorlage "behutsam überarbeitet", aber es habe "schließlich nicht vieler Eingriffe bedurft, den Stoff einer aktuellen Deutung zu öffnen", schreibt die Rezensentin. "Vor allem aber macht die Inszenierung die Wirkung des Terrors an der Sprache fest, daran, wie die Angst jede Äußerung auf einen Flüsterton dimmt".

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