Vor dem Ruhestand - Schauspiel Stuttgart
Der Widerstand schläft nicht
22. Februar 2026. Kann man mit Thomas Bernhards Alt-Nazis noch etwas anfangen, wo doch die neuen Nazis schon da sind? Unbedingt, findet Regisseur Martin Kušej und lässt Bernhards inzestuöse Familie Höller aus der Zukunft auf uns schauen. Ein erschreckender Abend.
Von Verena Großkreutz
"Vor dem Ruhestand" am Schauspiel Stuttgart © Toni Suter
22. Februar 2026. Die alten Nazi-Höllers, die Mörder ohne Reue, die hinter verschlossenen Rollläden ihre alten Nazi-Riten und Nazi-Netzwerke im Nachkriegsdeutschland weiterpflegten, sind mittlerweile ausgestorben. Heute sitzen die Faschos im Bundestag und in den Landtagen, mit eigenen Plänen im Kopf, und sorgen dafür, dass sagbar wird, was einst tabu war – vom Volk gewählt. Auch in Baden-Württemberg sieht es nicht gut aus. Bei der Landtagswahl am 8. März wird wohl die als gesichert rechtsextrem geltende AfD ihre Parlamentssitze verdoppeln können – auf 20 Prozent.
Was hätte Thomas Bernhard wohl heute angesichts solcher politischen Entwicklungen für Stücke verfasst? Vermutlich anderes als "Vor dem Ruhestand", das familiäre Horrordrama um drei einander ausgelieferte, in abgeschotteter Symbiose lebende Hass-Geschwister, die jährlich den Geburtstag von Heinrich Himmler feiern. Bernhard schrieb das Stück 1979 als Reaktion auf die Filbinger-Affäre. Claus Peymann brachte es noch im selben Jahr am Stuttgarter Schauspiel zur Uraufführung. Hans Filbinger, baden-württembergischer Ministerpräsident mit mörderischer nationalsozialistischer Vergangenheit, hatte Bernhard Pate gestanden für die Figur des ehemaligen SS-Offiziers und KZ-Kommandanten Höller, der nach dem Krieg unbehelligt Karriere als Gerichtspräsident gemacht hat, ohne auch nur einen Deut von seiner nationalsozialistischen Ideologie aufgegeben zu haben.
Kurz vor der Machtübernahme
Jetzt, viele Jahrzehnte später, hat Martin Kušej in Stuttgart "Vor dem Ruhestand" inszeniert. Und er machte das einzig Richtige: Er hat das Stück systematisch aktualisiert. Wir befinden uns von Anfang an in der nahen Zukunft. Blick aufs Ehebett, das Nazi-Höller offenbar mit seiner Schwester Vera teilt. Er macht sich Zähne putzend für die Arbeit beim Gericht fertig, sie liegt noch im Bett, während aus dem Radiowecker die Stimme eines Nachrichtensprechers tönt, der von Brandanschlägen, von Wahlergebnissen und der bevorstehenden Machtübernahme der AfD berichtet.
Offenbar hat das inzestuöse Verhältnis zwischen Höller und Vera anders als bei Bernhard bereits drei Kinder hervorgebracht. Draußen im Garten (englischer Rasen und Sichtschutzhecke) sieht man eine Rutsche und eine Schaukel. Die unterschiedlichen, weitläufigen Räume, in die sich Annette Murschetzs geniales Bühnenbild flugs verwandeln kann, wirken modern, steril und minimalistisch, weisen aber auffällige Details auf. Im Küchenesszimmer prangt etwa ein großes Triptychon an der Wand: "Die Vier Elemente" vom NS-Oberkunstrichter Adolf Ziegler, das in der NS-Zeit millionenfach reproduziert wurde und vier nackte Frauen als lebendig gewordene Skulpturen darstellt. Und im ansonsten spartanisch eingerichteten Kinderzimmer überrascht ein prall gefüllter Waffenschrank, nichts Gutes verheißend. Die schnellen Bühnenverwandlungen werden durch Blacks überbrückt. Stückzitate werden dann auf den Zwischenvorhang projiziert, unterlegt von düsteren, bedrohlich pulsierenden, aufschäumenden, ratternden, wummernden Klängen (Musik: Bert Wrede).
Die deutsche Küche ist kalt: Therese Dörr, Katharina Hauter und Matthias Leja im Bühnenbild von Annette Murschetz © Toni Suter
Kušej nimmt Bernhards Figuren ernst. Er verzichtet auf comedyhafte, lächerlich machende Übertreibungen, setzt vielmehr auf die zwischentonreiche, entlarvende Sprache Bernhards. Die Spannung ist enorm, die das Ensemble auf der Bühne entfaltet – sprachlich wie körperlich. Therese Dörr spielt Clara, die querschnittgelähmte Schwester im Rollstuhl und wehrloses Opfer der Demütigungen und menschenverachtenden Fantasien ihrer Geschwister. Auch wenn Clara oft passiv und zum Zuhören und Beobachten verdammt ist oder sich beim Lesen "linker" Zeitungen aus ihrer Zwangslage wegdenkt: Es ist spürbar, warum die beiden anderen sich allein durch ihre Blicke getriggert fühlen.
Wer ist Clara?
Ohnehin kann sie – explosiv aus der Haut fahrend – deren Lügengespinste schnell zum Zerplatzen bringen, ein glaubwürdiger Zug angesichts all der angestauten Wut und Verzweiflung. Bei Kušej ist Clara zudem Opfer ihres eigenen Bombenanschlags geworden, als Aktivistin eines linken Befreiungskampfes. Ist Clara hier vielleicht eine politische Gefangene ihrer beiden nationalsozialistisch aktiven Geschwister? Könnte man so deuten. Jedenfalls ist sie deutlich hipper als ihre Geschwister: trägt eine trendy sechseckige Brille, eine lila Homewearhoodygarnitur und weiße Sneaker.
Das eheähnliche Verhältnis zwischen Höller und Schwester Vera scheint ohnehin gezielt dem Zeugen "arischen" Nachwuchses zu gelten. Vera ist ihrem Bruder in der Gesinnung eng verbunden, ihm stets voller Bewunderung zu Diensten (inklusive manueller Befriedigung). Clara ist sie ausschließlich körperlich überlegen. Katharina Hauter spielt Vera als eine, die durchaus den Willen besitzt, eines Tages in der Welt der Politik mitzuspielen. Textet sie Clara aggressiv zu mit den gleichen menschenfeindlichen Tiraden ihres Bruders, wirkt das gelegentlich so, als bereite sie sich gerade auf eine Rede vor – wie sie da so mit ihren langen, blonden Haaren in beigen Stilettopumps und blauem Minikleid am Bühnenrand hin und her geht.
Widerstandskämpferin? Therese Dörr als Clara (vorn), Katharina Hauter, Matthias Leja © Toni Suter
Antisemitische Ausfälle und antidemokratische Hasstiraden, "Wir werden siegen!"-Floskeln undsoweiter – Matthias Leja spielt Höller passend latent gewalttätig. Und gegenüber Clara, der Hilflosen, bricht es dann auch heraus aus ihm: stößt sie im Rollstuhl blitzartig in Richtung Gartenmauer, drückt sie unter Wasser, rasiert ihr die Haare ab.
Fotoalbum des Grauens
Um den riesigen Zeitsprung von 1979 in die Zukunft mit dem Text zu versöhnen, hat sich Kušej einiges einfallen lassen. Höller ist in seiner Deutung ja frühestens Ende der 1960er-Jahren geboren worden. Die Zeiten sind dystopisch. Höller brüstet sich damit, als Richter zu gelten, der besonders viele Todesurteile fällt. Die Todesstrafe scheint also schon seit längerem in Deutschland wieder eingeführt worden zu sein. Als Clara einmal im Garten sitzt, werden Schüsse hörbar, zwei junge Leute in zerrissener blutiger Kleidung flüchten durch die Hecke in den Höller-Garten und verschwinden wieder. Kurz danach hört man Schüsse einer Hinrichtung. Und im letzten Akt, wenn Vera und Höller (in SS-Uniform) dem rituellen Anschauen des angeblichen Höller'schen Fotoalbums frönen – mit Familienfotos, KZ-Ansichten und Ablichtungen von toten Häftlingen, die Höller persönlich hingerichtet haben will – dann unterbricht Clara wütend das grausige Geschwätz: "Das Album habt ihr doch auf dem Flohmarkt gekauft!"
Und jetzt – Achtung Spoiler – der sehr überraschende Clou des Abends: Der Widerstand schläft nicht und schlummert in der eigenen Familie. Es sind die beiden älteren Kinder, die sich am Ende an Höllers Waffenschrank bedienen und die Eltern in den Morgenstunden im Schlaf erschießen. Unterm Einfluss von Tante Clara? Aus dem Radiowecker tönt dann freilich wieder eine unerfreuliche Nachricht: Alice Weidel ist nun Bundeskanzlerin und Bernd Höcke Innenminister. Ein verdammt starkes Ende, sehr wirkungsvoll, das Publikum geplättet, erschauert. Kein tosender Applaus, sondern ein sehr bedrückter. So noch nie erlebt.
Vor dem Ruhestand
von Thomas Bernhard
Regie: Martin Kušej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler, Komposition: Bert Wrede, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Benjamin Große.
Mit: Rocío Crespo, Therese Dörr, Katharina Hauter, Matthias Leja sowie Mitgliedern der Statisterie: Elsa Kuhn, Hans Kuhn, Elif Özmen, Christian Schmittner.
Premiere am 21. Februar 2026
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause
www.schauspiel-stuttgart.de
Kritikenrundschau
"Martin Kušej meldet sich als Kraftlackel und Defätist der Regie zurück und lässt es mal wieder knallen", vermeldet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (€ | 22.2.2026). Sie hat ein tolles Bühnenbild, aber auch "musikalische Sprachrhythmusstörungen" beobachtet, ausgelöst durch die Aktualisierung des Bernhard-Stücks. "Wo bei Bernhard das Böse in der Sprache liegt, oft nur in Andeutungen, macht Kušej einen auf dicke Regiehose. Man glaubt ihm ja seine politische Wut, und ein frischer Zugriff tut dem Stück gut. Aber es ist dann alles so sehr auf Effekt getrimmt – dröhnende Gewehrsalven, ein Pärchen, das vor irgendwelchen Schächern durch den Garten flüchtet –, dass es einen letztlich kaltlässt."
Wenig "Ambivalenz" in „diesen gut gemeinten Demokratienachhilfestunden mit Textmaterial von Thomas Bernhard" erlebte Nicole Golombek von der Stuttgarter Zeitung (€ | 23.2.2026). "Der typisch Bernhardsche Rede-Rhythmus wird immer wieder unterbrochen, da der Abend zu stark in Bilder, in Tableaus eingeteilt ist." Dieser sich dem "l'art pour l'art" verweigernde Abend sei nichts "für jene, die vor allem des Dramatikers Wortmacht schätzen, die berühmten Erregungs-Kaskaden, die Sprachspiralen, die zuweilen schon fast komische, oft auch schwer erträgliche Verzweiflung, in die sich die Figuren hineinreden wie in einem Jazzstück, wo einzelne Instrumente ein längeres Solo improvisieren".
"Regisseur Martin Kušej legt großes Vertrauen in die Sprache Thomas Bernhards und gewinnt damit. Wo er es aber nicht tut, rächt es sich: Der plakative Bezug zur AfD schadet mehr, als er der Sache nutzt. Wer die Wiederkehr von Hakenkreuz tragenden Himmler-Anhängern beschwört, rückt die heutige Bedrohung durch den Rechtsextremismus ungewollt in ein naives Licht", schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier (€ | 22.2.2026).
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