Kleist-Krimi

17. Mai 2024. Mathias Spaan, ursprünglich Schauspieler, hat sich am Münchner Volkstheater mit der Romanadaption "8 ½ Millionen" einen Namen als Regisseur gemacht. Als Spiel-Ermöglicher und Szenenübergangs-Tüftler erweist er sich auch in seiner neuen Inszenierung, wenn auch mit etwas fataler Neigung zur Überdeutlichkeit.

Von Sabine Leucht

"Der zerbrochne Krug" am Volkstheater München © Arno Declair

17. Mai 2024. Eine Art Fernsehstudio, Interviewzeit. Eine Frau setzt sich vor die Kamera. Ihr Gesicht erscheint übergroß auf der bühnenhohen Gaze: "Wir hatten den ganzen Hühnerstall voller Perlhühner", sagt sie im authentischen Dokumentarfilmton. Friedliche Tiere, die nur aggressiv werden, wenn man sie ihres natürlichen Lebensraums beraubt. Nachtaktiv außerdem, stabile soziale Verbände. "Mehr darf ich über die Zeit damals nicht sagen. Über den Prozess…, über den zerbrochnen Krug." Ernsthaft? Nicht mehr als diese Perlhuhn-Exegese? 

Damals und heute

Es ist ein Schweigegebot der anderen Art, das Regisseur Mathias Spaan über die junge Eve Rull verhängt, die in Kleists Lustspiel "Der zerbrochne Krug" das Opfer von Machtmissbrauch und sexueller Nötigung ist. Da gehört ihr die erste Szene ganz allein, und dann das. Die letzte Szene gehört ihr auch, diesem Mädchen in der grünen Sweatjacke, das den kompletten Abend in heutigen Freizeitklamotten durchwandert, während die meisten anderen Figuren zwei Outfits haben: Eines für die Prozesszeit im 17. Jahrhundert, in die Sätze gehören wie "der Herr Gerichtsrat kömmt", und eines für die Gegenwart des Dokumentarfilms, der auf den Prozess zurückschaut. In dieser Gegenwart poliert der nämliche Gerichtsrat seine Aussage. Gerade hat er noch gelacht über die Perücken-Story des Dorfrichters Adam, nun scheint sie ihm "schlüssig": Er hat sie an den Stuhl gehängt, die Perücke, dann hat die Katze darin "gejungt". Also ist sie jetzt nicht mehr da. Was ist denn bitte an der Geschichte verdächtig?

Körnige Vergangenheit, Gegenwart in grüner Jacke: Steffen Link, Pascal Fligg, Jan Meeno Jürgens, Anne Stein © Arno Declair

Jan Meeno Jürgens spielt diesen Mann, dem der Dorfrichter schnuppe, aber die Würde des Amtes heilig ist, mit einer wunderbar aasigen Glätte. Anne Stein als Eve agiert hochkonzentriert und ohne jeden Schnörkel. Sie schweigt viel und steht bisweilen nur als Beobachterin am Rande des Gerichtsaals, der auf Anna Armanns Drehbühne eines von drei Tortenstücken einnimmt, auf denen magischerweise vier Räume Platz finden. Neben dem Gericht das Aufnahmestudio, die Wohnung des Dorfrichters und eine schauerromantische crime scene: Die Hausfassade im nebligen Halbdunkel, fest mit einem finsteren Baumgerippe verwachsen, wird immer dann bespielt, wenn Aussage gegen Aussage steht und die "Wahrheit" (re)konstruiert werden muss.

Kriminalistische Studie

Abenteuerliche Varianten kommen dabei zustande. In einer hat Eves Mutter Marthe eine Affäre mit dem Schreiber Licht, in einer anderen variieren Steffen Link, Max Poerting und Jan Meeno Jürgens wieder und wieder jene Szene, in der der Krug in Eves Kammer zerbrach und der geheimnisvolle Täter von ihrem Verlobten Rupert mit einer Axt, nein, einem Kreuz, nein, einer losen Türklinke zum Fenstersturz getrieben wurde. Ein irrer Reigen mit permanent wechselnden Positionen und vielen "Das war's aber nicht!", den Mathias Spaan, der vor seinem Regiestudium selbst Schauspieler war, sicher auch gerne gespielt hätte. Erst seit 2020 steht er nun auf der anderen Seite und hat am Münchner Volkstheater bereits eine viel beachtete Visitenkarte abgegeben, die ihn als Spiel-Ermöglicher und Szenenübergangs-Tüftler ausweist. 

Der zerbrochne Krug 13 MVT Jan Meeno Jürgens MAx poerting Steffen Link c Arno Declair.jpg Im Kleist-Studio: Jan Meeno Jürgens, Max Poerting, Steffen Link © Arno Declair

In der Romanadaption "8 ½ Millionen" ging es um die Erfindung dessen, was man Wahrheit nennt. Nun macht Spaan eine kriminalistische Studie aus einem Stück, in dem eigentlich von Beginn an alles auf der Hand liegt. Und das, ohne allzu viel am Kleist-Text zu ändern. Der Dorfrichter Adam, den Pascal Fligg etwas zu knuffelig-drollig spielt, hat so viele Blessuren am Körper, und man schaut ihm von Beginn an so offensichtlich beim Lügen zu, dass an seiner Täterschaft nichts zu deuteln ist. In Richtung Eve sichert ihn nur sein Versprechen ab, Ruperts Einberufung zur Miliz zu verhindern. In Richtung der anderen schützt ihn schon bei Kleist eine Mischung aus Obrigkeitshörigkeit, egoistischen Karriereinteressen und historisch gewachsenen Männerbünden. Letzteres betont Spaan noch. Sein faszinierendes Raumkarussell, durch das die Akteure wie in einer Sherlock-Holmes-Verfilmung mit "Petroleum"-Lampen geistern, dreht immer mehr in Richtung #MeToo-Zeitalter.

Überdeutliches Ende

Einmal ist Eve alleine im Saal, alle Stimmen umschwirren sie von fern. Als sie endlich aussagt, aus-schreit – "Der Richter war's!" – ruhen kurz alle Augen auf ihr. Dann macht sich Adam ins Ungefähre davon, der Gerichtsrat brabbelt etwas von "sozialen Netzwerken", "haltlosen Vorwürfen" und "moralisierender Verfolgungsmentalität". Bei ihm und dem Schreiber Licht – Steffen Link als Korinthenkacker mit Anflügen von wahnsinns-nahem Übereifer – hat ein Automatismus übernommen. Man sieht sie förmlich an ihren Verteidigungsreden tüfteln und die Karrierestufen hochfallen. Mit ihnen darin bewegt sich das gesamte Bühnenbild langsam von Anne Stein weg, die an der Rampe zurückbleibt. Ein tolles Schlussbild, in dem schon alles drin ist.

Doch leider gibt es noch eine Szene, in der Stein umständlich auf die Bühne zurückkehrt und aus Ton einen neuen Krug modelliert. Hm, Frauen machen wieder alles heil, auch wenn andere es kaputt gemacht haben? Die Inszenierung macht ungefähr das Gegenteil. Sehr vieles sehr gut, aber durch das überdeutliche Ende auch ein bisschen was kaputt.

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Mathias Spaan, Bühne: Anna Armann, Kostüme: Paula de la Haye, Musik: Gabriel Cazes, Licht: Anton Burgstaller, Dramaturgie: Hannah Mey. 
Mit: Jan Meeno Jürgens, Pascal Fligg, Steffen Link, Luise Deborah Daberkow, Anne Stein, Max Poerting, Ruth Bohsung.
Premiere am 16. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 
Kritikenrundschau

"Das Münchner Volkstheater zeigt: Der Text ist ein 'Me Too'-Drama", so Christine Lutz in der Süddeutschen Zeitung (18.5.2024). Der Abend habe Wucht. "Weil Mathias Spaan eine rasante Textfassung geschrieben hat und nicht schon mit hochgezogener moralischer Augenbraue antritt, sondern das durchaus lustvolle, fast naturalistische Spiel sich langsam entwickeln lässt." Am Ende, als die Bühne leergeräumt ist, töpfere Eve. "Ein Akt der Selbstermächtigung vielleicht, ihr Versuch, Herrin ihrer Geschichte zu werden. Das ist auch der einzige Kritikpunkt an Regisseur Spaan: dass er etwas zur Überillustration neigt, zu oft mit Ausrufezeichen markiert, was die Zuschauer auch ohne Hilfe verstanden hätten."
 
"Der zerbrochne Krug" ist einfach klasse, so auch Michael Stadler in der Abendzeitung (18.5.2024). Die Regie folge der Vorlage respektvoll, reichert sie gleichzeitig um einige originelle Ideen an. "So führt die versuchte Rekonstruktion der Tatnacht zu einem irrwitzigen Eintauchen in ein Multiversum der möglichen Vergangenheiten." Vor allem staune man aber, "wie virtuos Mathias Spaan aus vielen Teilen ein großartiges Ganzes geformt hat".
 
Kommentar schreiben