Als wir noch spielten

20. April 2026. Tonio Schachingers vielbeachteter Roman "Echtzeitalter" erzählt von einem jugendlichen Gamer – und seiner Schulzeit vor der Corona-Pandemie. In seiner Inszenierung am Münchner Volkstheater macht Jan Friedrich das jugendliche Lebensgefühl lebendig und lässt es durch nichts schmälern.

Von Susanne Greiner

"Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater © Arno Declair

20. April 2026. Coming of Age heißt, sich mit den Regeln der Welt zu arrangieren. Die Rollen anzunehmen, die man spielen soll und neue zu testen, die den Rahmen sprengen. Dass Tonio Schachingers Protagonist Till im Roman "Echtzeittalter" Gamer ist, potenziert diese Rollenvielfalt. Die Inszenierung von Jan Friedrich, der Schachingers Roman als deutsche Erstaufführung im Volkstheater auf die Bühne zaubert, dreht das Rollenspiel noch eine Runde weiter.

"Echtzeitalter" erhielt 2023 den Deutschen Buchpreis. Schachingers Sprache ist einer der Punkte, die zu dieser (nicht unumstrittenen) Auszeichnung geführt haben: präzise, schnörkellos und mit einem prägnanten Wiener Humor. Jan Friedrich vertraut dieser Sprache und setzt Schachingers genialen Anfang ebenfalls als Startpunkt: Tills erster Besuch des Internats Marianum am Tag der offen Tür, bei dem er die Mauer um die Schule bemerkt. Nicht, weil er Angst hat, eingesperrt zu sein. Sondern weil sich die Mauer so gut zum Jumping der Gamingfiguren eignet. Wie bei dem österreichischen Autor bekommt Till auch in Friedrichs Regie dadurch sofort Kontur. Und mit der so präzisen Beschreibung der 'revolutionär' schräg statt symmetrisch über der Schulter gebundenen Pullover der gutbürgerlichen Schülerschaft hat auch Friedrich den ersten Lacher seines Publikums.

Eine vorpandemische Jugend

"Echtzeitalter" beschreibt Tills Leben von 2012 bis 2020, acht Jahre, in denen er lernt, sich durch die perfiden Angstmethoden des Dolinars, des Klassenlehrers, zu quälen. Acht Jahre, in denen er den Tod seines Vaters erlebt, das Verstehen seiner Mutter sucht, Liebe und Politik streift, und sich zum Gamer-Olymp hocharbeitet, bis er mit seiner ersten Liebe Feli, während der Coronapandemie wieder wie im Internat eingesperrt, in den Weiten der Gamer-Welt schwelgen kann.

Echtzeitalter 1 1200 Arno DeclairAbgründiges Internats-Idylll © Arno Declair

Schachingers Nachschlag, der diesem Idyll die Realitätskeule überzieht, lässt Friedrich weg. Schade, zeigt diese Passage doch, wie vergänglich Zustände sind. Und wie klein die Dramen der Kindheit und Jugend unter der Raspel Zeit werden. Man muss die Jugend verklären, allein schon, weil man sie überlebt hat, schreibt Schachinger.

Junge Schauspieler:innen mit Kindergesichts-Masken

Es ist ein junges Team, das rund um den 34-jährigen Regisseur, in seiner Jugend selbst Gamer, diesen unterhaltsamen, leise humorvollen, nie platten oder urteilenden Abend auf die Bühne bringt. Bühnenbildner Max Schwidlinski schafft ein Internat-Inneres, das als Projektionsfläche für die Live-Video-Filme der sechs Schauspieler:innen dient – eine Version der Rollenspiele, die Friedrich in die Inszenierung einbaut. Die Videos wirken aber auch selbst wie eine Computerspiel, zeigen sie dem Zuschauer doch Action aus der Ich-Perspektive.

Echtzeitalter 4 1200 Arno DeclairTanzen auf den Schultischen: Lorenz Hochhuth, Julian Gutmann, Lasse Stadelmann © Arno Declair

Die Schüler:innen tragen Kindergesichts-Masken – die sie abnehmen, wenn sie sich das Mikro schnappen und in die Rolle des Erzählers schlüpfen, der den nahezu unveränderten, lediglich gekürzten Text wiedergibt. Schließlich wechseln die Rollen auch im Ensemble: Es gibt vier Tills, je nach Lebensphase und/oder Stimmung, teilweise aber auch zeitgleich, wie in der wunderbaren Szene, in der Feli Till nach dessen Wochenendaktivitäten fragt. Überhaupt gibt es selten so zarte, unkitschige Szenen jugendlicher Verliebtheit wie hier.

Lakonisch und liebevoll

Wenn Max Schwidlinskis Drehbühne sich vor diesem ersten Treffen öffnet, atmet das Publikum auf, produzierten die Intrigen und Machtspiele im Internat doch vorher eine Enge, die sich geradezu klaustrophobisch anfühlte. Ab diesem Öffnungs-Punkt ist das Stück temporeicher, leichter. Das Ensemble zeigt ungemeine Spielfreude: Herausragend ist Genet Zegay als leicht rotzige Feli, die die Politik in Tills Leben einschmuggelt. Großartig Max Poerting, wenn er die Stimmen und Geräusche der Spielfiguren, der Schüler:innen in den Internatsszenen übernimmt, die nicht als Live-Video projiziert werden.

Echtzeitalter 5 1200 Arno DeclairUnkitschige jugendliche Verliebtheit: Lorenz Hochhuth, Genet Zegay © Arno Declair

Einen wunderbar empfindsamen Till gibt Henriette Nagel, Julian Gutmann überzeugt als perfider Dolinar, der in Lord-Voldemort-Art samt Zeigestock-Zauberstab für Schaudern, aber in Schachinger-Art auch für Lacher sorgt. Lorenz Hochhuth und Lasse Stadelmann zeigen Präsenz als Mitschüler-Spielfiguren mit jeweils eigenen Besonderheiten: wenn die Finger eine nicht hörbare klassische Melodie in Dauerschleife zu dirigieren scheinen. Oder wenn Wegducken die einzige Möglichkeit ist, dem brutalen, feisten Drangsalieren der anderen zu entgehen.

"Echtzeitalter" macht Spaß. Und trifft mit manchen Sätzen in Hirn und Herz. Es zeigt eine leicht lakonische, dennoch liebevolle Sicht auf Kindheit und Jugend, auf das Ausprobieren, auf die großen Gefühle, auf das Scheitern. Und auf all das, was im Nachhinein so viel an Bedeutung verliert, obwohl es doch mal die Welt war.

Echtzeitalter
Nach dem Roman von Tonio Schachinger
Deutsche Erstaufführung
Regie: Jan Friedrich, Bühne und Kostüme: Max Schwidlinski, Musik: Friedrich Byusa Blam, Video: Nico Parisius, Lichtdesign Anton Burgstaller, Dramaturgie: Nicholas Zöckler.
Mit: Julian Gutmann, Lorenz Hochhuth, Henriette Nagel, Max Poerting, Lasse Stadelmann, Genet Zegay.
Premiere am 19. April 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

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