Ach ja, die Welt geht unter!

9. Juni 2024. In diesem Tiroler Kurort schimmert das Licht wie in einer Kunstinstallation von James Turrell. Der perfekte Ort also, um der traurigen Gegenwart Lebewohl zu sagen. Aber so einfach ist das nicht in Joshua Groß' Roman – und auch nicht in Philipp Arnolds Inszenierung, die die Fluchtgemeinschaft mit dem Publikum sucht.

Von Maximiian Sippenauer

"Prana Extrem" am Münchner Volkstheater © Gabriela Neeb

9. Juni 2024. Der Abend sei, so verlautbaren es die drei Schauspieler:innen gleich zu Beginn in ganz unironischem Pathos, ein Experiment. Man wolle zerfließen, zerschmelzen, den gegenwärtig grassierenden Fatalismus einander herausexorzieren. Dazu werde man, so die Drohung, auch Teile des Publikums auf die Bühne holen. Schließlich wolle man entkommen, und zwar gemeinsam. Die Zuschauer:innen hier in der kleineren Bühne 2 des Münchner Volkstheaters rutschen etwas mulmig auf ihren Sitzen herum angesichts dieser vollmundigen Ankündigung einer kollektiven Transformation… 

Willkommen in Kurbruck

Die Bühne ist rosa. Kein Barbie-Rosa, sondern das Rosa eines Sonnenuntergangs oder eines Sonnenaufgangs. Ein Transitrosa eben – ein Rosa der Veränderung. In dieses rosa getaucht entfaltet sich die Bühne als ein einziger, sanfter Abhang, an dessen Horizont ein isochromes Bergpanorama dräut und dahinter lichtblau der Himmel. Wir befinden uns in Kurbruck im Inntal. Ein fiktives Tiroler Örtchen mit Skisprungschanze, Thermalquelle, einem Wald am Südhang und einem James Turrell-Museum, an dessen geometrisch stark reduzierten Licht- und Farbzauber die Bühne optisch angelehnt ist. Hier also treffen drei junge Menschen aufeinander. Lorenz, der gerade den Tod seines Freundes verwinden muss. Ninsch, eine Nachwuchsskispringerin im Vorbereitungsstress kurz vorm großen Sommer-Grandprix und Silas, schon Mitte 30, ein Autor von Sci-Fi-Fanfiction mit Liebeskummer: Denn seine Freundin ist gerade weit oben im Himmel, als Astronautin auf der ISS. Alle drei eint ein Mischgefühl aus personal trouble und "Ach ja: Fuck, die Welt geht unter".

Ganz sie selbst und doch so viele: Lorenz Hochhuth, Silas Breiding © Gabriela Neeb

Gespielt werden sie von Lorenz Hochhuth, Nina Noé Stehlin und Silas Breiding. Die Figuren tragen also nicht die Originalnamen der "Prana Extrem" – Romanvorlage von Joshua Groß, sondern die der Schauspieler:innen. Dies soll vermutlich stärker den metanarrativen Gedanken, dass diese Geschichte jeden einzelnen von uns betreffe, unterstreichen, was aber insofern nicht ganz aufgeht, da man von den Dreien relativ wenig Persönliches erfährt. Im Gegenteil: Gerade zu Anfang wirkt das Persönliche wie eine Behauptung, eine künstliche Persona, die zwar Nähe stiften will, aber dadurch Distanz schafft, dass man ihr kein Wort abnimmt.

Dies liegt auch am Schauspiel: Die drei zer- und überartikulieren die schönen kleinen Kennenlerndialoge regelmäßig ins Sentenzhafte, und Hochhuth fuchtelt zu jeder Silbe derart bedeutungsschwanger mit den Fingern, dass der Eindruck entsteht, er dirigiere sein eigenes Sprechen. Und so erinnern die kleinen, bald melancholischen, bald schönen mit reichlich Funfacts ausgeschmückten Anekdoten und Abenteuer, mit denen die drei zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenfinden, an blasierte Altklügeleien: Kennste Tarkowsky? Kennste Herzog? Kennste Lil‘ Wayne? Kennste Donna Harroway und die Kurzgeschichte, in der Mensch und Falter eine Symbiose eingehen? Kennste? Das wird aber bald besser.

Wo bleibt die große Verflüssigung?

Die drei beeindrucken sich nämlich nicht nur unentwegt gegenseitig mit ihren kulturellen Referenzsystemen, sondern unternehmen auch kleine Exkursionen. Etwa eine Nachtwanderung, wo sie gemeinsam Silas Astronautenfreundin auf der ISS zuwinken. Sie besuchen das James Turrell-Museum, und begutachten beeindruckt die Skisprungschanze. Diese kleinen Szenen sind sehr spielerisch erzählt, was vor allem daran liegt, dass Regisseur Philipp Arnold und sein Videokünstler Sebastian Pircher, kleine Trickfilmsets entwickelt haben, die die Schauspieler:innen im Bühnenraum live auf- und abbauen. Minitaturwelten, die dann in Groß auf die Bühne projiziert werden. So evozieren zwei Pappfelsen, ein zerknitterter Pulli und etwas Bühnennebel ein wolkenverhangenes Inntal. Und die Nahaufnahme einer Luftpolsterfolie wirkt wie die Mosaikfliesenrückwand eines Thermalbades.

Und so plätschert und fließt die Vorstellung zunehmend kurzweiliger vor sich hin, mit jeder Szene spielen die drei entkrampfter, wobei der Erzählzusammenhang selbst episodisch bleibt. Die Freunde entdecken bauchige Libellen, die natürlich auch vom Klimawandel bedroht sind. Man echauffiert sich über das humane Mindset – ein toxisches Zerstörer-Mindset –, und schließlich erfährt man auch, dass das titelgebende "Prana" etwas mit Atmung und Verflüssigung zu tun hat und plötzlich denkt man: Ja Halt! Gab es da nicht das große Versprechen eines gemeinsamen Verschmelzens, eines gemeinsamen Entkommens?

... und dann darf auch das Publikum

Genau da beginnt das große Finale: Lorenz und Silas holen zwei Personen aus dem Publikum auf die Bühne – im Fall der Premiere sind es Jonathan, dessen Job ich vergessen habe, und ein Hutmacher, dessen Name ich nicht mehr erinnere, die aber trotzdem erwähnt sein wollen, weil sie dem Abend endlich eben genau jene persönliche Note verleihen, die von Anfang an postuliert wird. Die beiden werden einzeln hinter die Bühne geführt und sitzen dort gedrängt wie in einer Skisprung-Sprecherkabine neben ihren Entführern und plaudern – in Vollbild auf die Bühne projiziert. Zunächst ist das so etwas leicht erzwungener Small-Talk, dann plötzlich werden die Gespräche unerwartet skurril und deep. Jonathan etwa spricht mit Lorenz über den Verlust von dessen Freund und erklärt ihm tröstend, dass dieser nun durch unzählige Paralleluniversen schwimme – wie einer jener Mantarochen, die die beiden bei ihrem letzten gemeinsamen Tauchurlaub auf Hawaii gesehen hätten. Kurze intensive Gespräche in einer umarmenden psychedlischen Prosa, die zugleich authentisch und künstlich wirken.

Prana Extrem 4 C GabiNeeb uEntkommen gemeinsam: Nina Noé Stehlin, Lorenz Hochhuth, Silas Breiding © Gabriela Neeb

Irgendwann ahnt man, dass die beiden Laien – ah, die tragen ja auch Kopfhörer – ihre Gesprächsanteile souffliert bekommen, doch das verstärkt fast noch den schrägen Zauber der Situation. Hier spricht das Publikum und durch dieses der Text. Am Ende spielen alle fünf gemeinsam mit Plastik-Dinos und einem Lolli, der als Meteorit dient, das Aussterben der Saurier nach. Man könnte dieses Ende angesichts des präapokalyptischen Heute als fatalistisches Bild lesen. Ist es aber nicht.

In Werner Herzogs hier wiederholt zitiertem Skispringer-Film "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner" heißt es, während Steiner in der letzten Einstellung in Zeitlupe über einen Hang gleitet: Eigentlich müsse Steiner ganz allein auf der Welt sein. Er, Steiner und sonst niemand. Erst dann müsse er keine Angst mehr haben. Gegen diesen Herzogschen Sollipsismus beschwört "Prana Extrem" die heilende Kraft eines empathischen Kollektivs: Entkommen wird nie ein individueller Akt sein.

 

Prana Extrem
Nach dem Roman von Joshua Groß
Regie: Philipp Arnold, Bühne und Kostüme: Veronika Müller, Musik Joel Jaffe, Thalia Killer, Video: Sebastian Pircher, Beleuchtung: Arndt Rössler, Dramaturgie: Leon Frisch, Regieassistenz: Camilo Störmann, Ausstattungsassistenz: Marion Kunz, Soufflage: Maren Pertiet, Inspizienz: Theresa Derksen-Bockermann, Regiepraktikum: Michael Tyrese Nguyen, Ausstattungspraktikum: Anouschka Fechter.
Mit: Silas Breiding, Lorenz Hochhuth, Nina Noé Stehlin.
Premiere am 8. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

Kritikenrundschau

Regisseur Arnold und Dramaturg Frisch hätten für den Abend eine Bühnenfassung erstellt, "für die sie sich wie in einem Steinbruch am Text bedient haben", berichtet Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (9.6.24). Handlungen und Figuren seien "extrem verkürzt und verschmolzen", es handele sich um "ein intellektuelles Experiment, das mit den sinnlichen Mitteln der Bühne umgesetzt werden soll". So habe man "oft den Eindruck, die Zeit steht still" was zwar "perfekt die Stimmung in Joshua Groß’ Roman wiedergibt, aber für ein dynamisches Medium wie Theater doch zäh zu werden droht", so die Kritikerin. Bevor das allerdings "zu kippen" drohe, habe der Regisseur "einen Clou" eingebaut, von dem sie nur verraten wolle, dass er "prächtig" funktioniere.

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