Eine wie die

18. Mai 2024. Kampf um individuelle Freiheit? Von wegen. Nora Schlocker und Alexander Eisenach betonen in ihrer Inszenierung von "Maria Stuart" am Münchner Residenztheater, wie sehr sich die beiden Königinnen gleichen und wie wenig wir unserem Schicksal entkommen können.

Von Martin Jost

Friedrich Schillers "Maria Stuart" von Nora Schlocker und Alexander Eisenach am Münchner Residenztheater inszeniert © Sandra Then

18. Mai 2024. Friedrich Schillers "Maria Stuart" hat in der Mitte einen ganz klassischen Höhepunkt: Das Aufeinandertreffen der Königinnen Elisabeth und Maria. Im Residenztheater sehen wir die Szene einmal und dann gleich noch einmal. Zunächst ist Pia Händler Königin Elisabeth von England und Lisa Stiegler die Maria. Dann tauschen sie die Halskrausen und die Rollen und durchleben ihre Begegnung noch einmal.
Dieses Motiv zieht sich durch den Abend: Die Zufälligkeit der Rollenverteilung, das Spiegelbildliche der Hauptfiguren, die zwei Seiten derselben Medaille.

Und tatsächlich ist die Rollenverteilung – genau wie das königliche Geburtsrecht – Zufall. Ganz zu Anfang fragt ein Höfling ins Publikum: "Sie mit der Brille: Wer soll sie sein?“, und zeigt dabei auf Pia Händler. Und ein Mann mit Brille sagt: "Elisabeth", und so kommt es, dass Pia Händler heute die Königin von England spielt. Beide Schauspielerinnen haben beide Rollen gelernt und vor jeder Vorstellung wird neu ausgelost, wer England regieren darf und wer geköpft wird.

Eingesperrte Herrscherinnen

Das Konzept stammt von Nora Schlocker. Aufgrund ihrer Erkrankung musste Alexander Eisenach für die Endproben und Einrichtung einspringen, so dass beide für die Regie verantwortlich zeichnen.
Händler und Stiegler in ihren puderweißen Masken und kurzen roten Haaren tun alles, um ununterscheidbar zu sein. Bei ihrem ersten Auftritt lehnen sie so aneinander, dass jede ohne die andere umfallen müsste. Dabei tippeln sie auf einem roten Teppich eine lange, steile Schräge hinab, eine Art Laufsteg mit erzwungener Perspektive. Von dieser Rampe abgesehen ist der schwarze Bühnenraum bis zur Hinterwand leer und kahl (Bühne: Irina Schicketanz).

Inmitten des Hofgefolges, dem Bericht des Gesandten (Thomas Reisinger) zuhörend: Lisa Stiegler und Ensemble in "Maria Stuart" © Sandra Then

Mitunter dreht sich die Rampe, so dass wir die zentralen Dialoge aus allen Perspektiven sehen. Ansonsten spielen nur noch große Spiegel auf der Bühne eine Rolle. Der eine, eigentlich eine Spiegel-Mauer, steht zunächst für das Gefängnis der schottischen Königin und schließlich für Elisabeths Eindruck, in ihrer Rolle als Monarchin eingesperrt zu sein. Der zweite Spiegel hängt über dem Geschehen und lässt uns die Szene nicht nur von vorn, sondern auch von schräg oben aus dem Himmel betrachten.

Zwei Seiten einer Medaille

Das Spiel der beiden Hauptfiguren ist exzentrisch. Von den fünf Männerrollen, die einen manierierten Höflings-Habitus pflegen, unterscheiden die Königinnen sich deutlich. Stieglers Maria Stuart ringt mit ihrem Körper um Kontrolle wie eine Marionette im Freiheitskampf. Ihr Gesicht zeigt Grimassen, als hätte sie ein verdorbenes Stück Luft abgebissen. Elisabeths Bewegungen spiegeln diejenigen Marias, aber in dem breiten Reifrock, den sie mittlerweile trägt, wirken sie viel gefährlicher für die Umstehenden. Nur in Elisabeths schwachen Momenten hält ihr Kronrat sie wie eine Puppe (Choreografie und Körperarbeit: Sabina Perry).

Im Jahr 2015 stritt das Internet über ein Foto, auf dem manche Menschen ein blau-schwarzes und andere ein weiß-goldenes Kleid zu sehen meinten. Auf diese Farbwelt haben Jana Findeklee und Joki Tewes ihre Kostüme festgelegt – noch so ein Symbol für das Zwei-Seiten-einer-Medaille-Motiv. Goldgelbe Wamse, Reifröcke und Puffärmel stehen dabei für alles Englische, Dunkelblau bleibt der Katholikin Maria Stuart sowie dem Gesandten des katholischen Frankreich (Thomas Reisinger in einer Doppelrolle als Ritter Paulet und Graf Aubespine) vorbehalten. Je intimer die Szene, desto mehr weiße Rüschen, Spitzen und Feinripp kommen zum Vorschein.

Je nach Perspektive

Die Fassung ist im Großen und Ganzen klug gekürzt. Es fehlen Figuren wie die Amme Maria Stuarts, mehrere Neben-Intrigen bleiben aus und viele Verse über den Streit der christlichen Konfessionen sind gestrichen. Leider fehlt aber auch Elisabeths Zögern, das unterschriebene Todesurteil zuzustellen. Ohne dieses Hadern gibt es am Ende doch eine Königin, die sich ihrer Sache viel sicherer ist, und es ist Elisabeth. Auch deshalb fällt nach der Pause die Energie auf der Bühne etwas ab. Die Figuren deklamieren in der letzten halben Stunde mit großem Abstand zueinander, nachdem sie im ersten Teil mehr interagiert haben.

Maria Stuart 4 CSandraThen uWieviel Freiraum lässt das Schicksal? "Maria Stuart" am Residenztheater München © Sandra Then

Die Abwicklung des Plots ist aber auch nicht mehr so wichtig. Was die Inszenierung sagen wollte, ist gesagt: Es ist alles eine Frage der Perspektive und die Menschen überschätzen, was sie alles anders machen könnten, wenn sie an der Stelle ihres Gegenübers wären. Das Schicksal lässt uns nicht so viele Freiräume wie wir meinen und das gilt auch für die Mächtigen.

"Maria Stuart" in München ist ein gelungener Auftritt für Schillers Text, den das Ensemble kunstgerecht darbringt. Nora Schlocker und Alexander Eisenach haben sich auf einen starken Motivraum konzentriert und ihn mit treffenden Symbolen ausgemalt.

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Nora Schlocker, Alexander Eisenach. Bühne: Irina Schicketanz. Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes. Komposition und Sounddesign: Philipp Weber, Licht: Gerrit Jurda. Choreografie und Körperarbeit: Sabina Perry. Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Pia Händler, Lisa Stiegler, Moritz Treuenfels, Oliver Stokowski, Florian Jahr, Thomas Reisinger, Vincent zur Linden.
Premiere am 17. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

"Die intellektuelle Brillanz einer Regie-Idee führt indes nicht zwangsläufig zu einem sinnlich aufregenden Erlebnis," schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (20.5.2024) "Zunächst ist da die schier zirzensische Leistung von Pia Händler und Lisa Stiegler, die beide Rollen perfekt draufhaben müssen. Zwar ist die Spielfassung geschickt auf netto gut zwei Stunden gekürzt, die zu bewältigenden Textmassen sind dennoch abenteuerlich. Noch dazu wissen ja beide vor Beginn der Aufführung nicht, wen sie spielen werden. Im Spiel selbst schlägt sich das dann so nieder: Beide sind Spiegelbild der anderen, kommen auch (vor dem Entscheid) wie siamesische Zwillinge auf die Bühne, zwei Seiten einer Medaille, janusköpfig."

In der Schlüsselszene der Begegnung tauschen sie ihre königlichen Halskrausen. "Ein beeindruckend schlichtes Bild, mit dem Nora Schlocker und Alexander Eisenacher brisante Fragen nach der Zufälligkeit des Seins stellen", schreibt Mathias Hejny in der Abendzeitung (20.5.2024). Diese neue Münchner "Maria Stuart" sei unbedingt sehenswert: "Eine starke Tragödie um persönliche politische Verantwortung in einer bewegten Epoche der Umbrüche, die ihre Ausläufer ohne umständliche Aktualisierungen in die aufgeregte Gegenwart hineindiffundiert."

Kommentare  
Maria Stuart, München: Konzept
Das Konzept für diese Inszenierung ist von Nora Schlocker, die Tausch-Idee allerdings stammt aus London, Almeida Theatre, 2018: Juliet Stevenson und Lia Williams lernten beide Rollen und es wurde am Abend ausgelost.
Maria Stuart, München: Münzenwurf
Zur Info: Bereits 2016 durften Lia Williams und Juliet Stevenson zu Beginn von Robert Ickes "Mary Stuart" Bearbeitung am Almeida in London eine Münze werfen, um die Rollen der Maria/Elisabeth live auszulosen.

https://almeida.co.uk/whats-on/mary-stuart/
Maria Stuart, München: Tauschrituale
Und weiß jemand, ob die beiden Schauspielerinnen in London auch während der Inszenierung nochmal getauscht haben? Das fand ich jetzt im Resi ja so gelungen..
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