Kindheiten - Ballhaus Ost
Kindsköpfe im Dienst der Wahrheit
16. Mai 2025. Dass Kinder gerne Erwachsene spielen, ist klar. Andersherum kann's allerdings schnell peinlich werden. Nicht so beim Kollektiv vorschlag:hammer, das an einem Abend "von Erwachsenen für Erwachsene mit Kindern" als Drei- bis Zehnjährige auf der Bühne steht. Ein mehr als doppelbödiges Vergnügen!
Von Sophie Diesselhorst
"Kindheiten" von vorschlag:hammer am Berliner Ballhaus Ost © Nicolas Rosener
16. Mai 2025. Selten soviel gelacht im Theater. Aber worüber eigentlich? Klar, es ist per se sehr komisch, wenn Erwachsene Kinder spielen. Aber alleine dieser Effekt würde über 80 Minuten nicht tragen. Obwohl Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann, Clara Minckwitz und Stephan Stock sich mit Verve und schauspielerischer Virtuosität in ihre Aufgabe schmeißen. Von wegen Performer*innen!
Vorschlag:hammer haben Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren interviewt. Die Gesprächssituationen gestalten sich je nach Alter des Kindes recht unterschiedlich. Frontal wie in der Eröffnungsszene, in der Gesine Hohmann vor einem zu hoch gestellten Mikrofon steht und voller Emphase über ihre Fußballleidenschaft spricht. Über die Traumtore, die sie – der sechsjährige Junge, der hier befragt wird – schießen will und über den steinigen Weg, der zu diesen Toren führt, die Niederlagen, die als Mitglied der schulischen Fußball-AG an der Tagesordnung sind, und die halt zum Fußballerleben dazugehören.
Ganz bei Schiller
Mehr Action ist auf der bis auf einen Pappkarton mit ein paar Requisiten leeren Bühne, wenn Stephan Stock den Volten seines Interviewpartners hinterherstolpert, dessen Spielideen nur so sprudeln und den erwachsenen Gesprächspartner stark auf die Probe stellen (Stock spielt beide). Als böser Legozauberer tritt das Kind auf, schlägt dann auf einmal vor, ein Hörspiel zu hören, bei dem die Lieblingsstellen laut mitgesprochen werden. Sobald es sich der erwachsene Interessent zu gemütlich macht in seiner Begeisterung für eine der Tätigkeiten, wird schon ungeduldig der nächste Vorschlag gemacht: Wollen wir was bauen? "Wir spielen immer" bestätigt das Kind auf die Frage, was es mit seinen Freunden mache, ums Reden geht es ihnen noch nicht, und damit sind sie ganz bei Schiller und absolut richtig auf der Theaterbühne.
Ums Verhältnis zu den Erwachsenen geht es in den porträthaften Szenen natürlich immer wieder. Um die Gewalt väterlichen Wohlwollens, der kindlichen Protest mit freundlicher Ignoranz aussitzt. Oder in der Szene, in der eine wohlwollende Lehrerin die Geschichte eines Kindes vorträgt, die gleichzeitig von zwei Kinderdarsteller*innen performt wird. Sie trägt den ominösen Titel "Das Reiterhofgeheimnis", und es wird auch ein Geheimnis bleiben, denn gerade als es spannend wird und die Lehrerin so richtig in ihrer Erzählerinnenrolle aufgeht, nimmt die Autorin ihr den Zettel weg und fängt an, die Namen aller Pferde auf dem Reiterhof vorzulesen. Von Cosmo über Galaxia bis zu Zenith.
Ausprobieren des mächtigen Instruments der Sprache
Es sind viele, aber das sind – aus kindlicher Perspektive – die wirklich wichtigen Informationen, und der kindlichen Perspektive spürt "Kindheiten" konsequent nach und hält sich mit eigenen, erwachsenen Spielideen weise zurück.
Besprechung der Lage: Ensemble © Nicolas Rosener
Also vermischen sich hier Realität und Fiktion, kommen die Geschichten mal mit komischer Lakonie rüber, mal redundant, so wie Kinder eben erzählen. Beides ist poetisch, ergibt es sich ja aus der Neugier auf die Sprache, dieses mächtige Instrument, das die Kinder gerade erst neu ausprobieren. "Wir strolchen durch das Zimmer, wir strolchen durch die Küche, wir strolchen durch den Flur, wir strolchen einfach. / Gestern habe ich den Rhein gemalt”, solche tollen streams of consciousness fließen hier durch den Saal, wobei das Kind, das hier spricht, auch sehr stolz darauf ist, den zweiten Platz bei einem Vorlesewettbewerb belegt zu haben, und mit dem Gedanken spielt, an einem Gedichtewettbewerb teilzunehmen.
Bewusst nicht junges Theater
Der kindliche Stolz, sich einem Publikum zu präsentieren, und besteht es nur aus einem interessierten Interviewer, spielt dem Vorhaben natürlich in die Karten und hilft den Performer*innen dabei, ernst zu bleiben und nicht aus der Rolle zu fallen, egal wie laut im Publikum gegackert wird. Hier steht nicht weniger auf dem Spiel als die Würde der Kinder, die vorschlag:hammer das wertvolle Rohmaterial für den tollen Stücktext geliefert haben. Als Ausbeuter framen sie sich in einer Umkehr-Szene, in der sie auf der Bühne sich selbst spielen und wir, das Publikum, die Rolle der Kinder einnehmen, an denen sie nun ihr Interesse artikulieren, unbeholfen, überbemüht, berufsjugendlich. Netterweise haben die echten Kinder trotzdem mitgemacht und uns diesen Abend "von Erwachsenen für Erwachsene mit Kindern" beschert, der ganz bewusst nicht als Junges Theater gelabelt ist, sondern uns Erwachsene stattdessen an etwas erinnern und mit etwas anstecken möchte.
Wenn man die genaue Beobachtungsgabe und den anarchischen Spieltrieb der Kinder ernst nimmt, dann sind sie so entlarvend, dass man – vielleicht aus Notwehr – gar nicht anders kann, als laut zu lachen. Dieses Lachen hat dann wiederum etwas enorm Befreiendes, als dürfte man doch kurz nochmal wirklich mitspielen. Absurdes Theater vom Allerfeinsten, das ganz bestimmt hochverdientermaßen zum Festivalhit avancieren wird.
Kindheiten
von vorschlag:hammer
Von und mit Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann, Clara Minckwitz und Stephan Stock, Produktionsleitung: Melina Hylla.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Premiere am 15. Mai 2025
pumpenhaus.de
theater-roxy.ch
www.ringlokschuppen.ruhr
www.werkraum-schoepflin.de
www.ballhausost.de
Kritikenrundschau
"'Kindheiten' zielt darauf, Erwachsene zum Zuhören zu sensibilisieren", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (16.5.2025) und ist angetan: Die kindlichen Geschichten würden "nicht als herrlich putzig ausgestellt, sondern bedingungslos ernst genommen", die Kinder würden "auch nicht zu kleinen Unschuldsengeln verkitscht". Dass sie hier nicht selbst auf der Bühne stehen, um ihre Geschichten zu erzählen, entspräche zwar "nicht dem state of the art des Theaters für junges Publikum", so der Kritiker. "Aber diese Performance verfolgt eben ein anderes Konzept. Eins, das hervorragend aufgeht. Die Vermittlung der Kindererzählungen durch Erwachsene schärft die Auseinandersetzung mit der eigenen Bereitschaft, sich wirklich auf diese Inhalte einzulassen – statt sich damit abzulenken, wie die Kinder denn so auf der Bühne performen."
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