Gittersee - Berliner Ensemble
Folgen einer Flucht
3. November 2024. Gittersee ist ein Stadtteil von Dresden und Titel von Charlotte Gneuß' Debütroman. Erzählt wird von Teenagern in der DDR anno 1976, von Stasi-Anwerbung, Flucht, Verrat. Jetzt hat Leonie Rebentisch den Roman inszeniert, der auch auf der Bühne seinen Spannungsbogen entfaltet.
Von Elena Philipp
Charlotte Gneuß' "Gittersee" von Leonie Rebentisch am Berliner Ensemble inszeniert © David Baltzer
3. November 2024. Paul hat rübergemacht. Und seine Freundin Karin, die nicht mit auf "Abenteuer" fahren wollte, wusste davon nichts. Jetzt muss sie Wickwalz erklären, wieso. Und sich entscheiden: Verrät sie die Geheimnisse der ihr nahe Stehenden oder belügt sie ihren Stasi-Offizier?
Charlotte Gneuß' Debütroman "Gittersee" zeichnet ein lebendiges Bild dieser Karin, einer selbstbewussten, eigensinnigen und bisweilen rotzigen 16-Jährigen, die sich im Verlauf der Erzählung der Stasi erst annähert und sich dann aber von der DDR-Staatsideologie und ihren Vertretern entfernt.
In der Adaption von Leonie Rebentisch am Berliner Ensemble spielt Amelie Willberg die Figur verschlossen und wachen Auges. Gefühlsausbrüche hat sie höchstens im Beisein ihrer besten Freundin Marie (Irina Sulaver), die ihr vertraut ist "wie mein Gesicht". Willbergs Karin ist resilient und hat doch das Quäntchen Vertrauensseligkeit, das sie zum Verrat bewegt. Ihr Führungsoffizier, der charismatische Wickwalz (Paul Herwig), trotz Arbeiter- und Bauernstaat vor Ort als "Gnädiger Herr" angesprochen, droht, lockt und schenkt Karin stundenweise seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Etwas, das sie von zu Hause nicht kennt.
Verführung einer Teenagerin
Ihre Mutter ist immer auf Arbeit und bei Kathleen Morgeneyer ein nervliches Wrack. Sie zerrt Karin am Kragen, rüttelt sie und ist dem Schreien so nah wie den Tränen. "Weißt Du, ich bin eigentlich ein völlig anderer Mensch", fleht sie um Verständnis, bevor sie auszieht und neben der großen auch eine sehr kleine Tochter zurücklässt. Um "die Kleine" kümmert sich ohnehin Karin – sie ist mit ein Grund dafür, dass sie Paul auf seiner vermeintlichen Fahrt zur Sonnwendfeier in der Tschechoslowakei nicht begleitet hat.
Geschichte einer Verirrung: Karin (Amelie Willberg) und Stasioffizier (Paul Herwig) im Plastikbahnen-Wald © David Baltzer
Für ihre verantwortungslose Erziehung hat die Mutter eine familienferne Erklärung: "Wenn man in einer Welt lebt, in der man nicht leben möchte, dann kann man dort nicht sein, wie man ist", gesteht Morgeneyer tränenumflort. Verfangen in ihrer verzweifelten Überforderung artikuliert sie in Charlotte Gneuß' Roman wie in Leonie Rebentischs Inszenierung die persönliche Wahrheit einer vom real existierenden Sozialismus enttäuschten DDR-Bürgerin, der die Familie beim Ausleben ihrer Restfreiheit ebenso im Weg steht wie beim Gang ins innere Exil.
Unter Druck
Karins Oma wiederum, die im Zweiten Weltkrieg als Flakhelferin ihren "Mann stehen" musste, adressiert die Enkelin im Schimpf- und Kommando-Ton. Kittelbeschürzt und stets ein Ernteerzeugnis in einen Eimer schälend, verleiht Rahel Ohm der Figur einen Rest menschlicher Wärme, den sie im Buch vermissen lässt: Immerhin ist sie als Großmutter erleichtert, dass die Stasi-Leute Karin beim Verhör nicht "angefasst" haben. Karins Vater säuft, und Leonie Rebentisch lässt ihn, wie auch Paul, gar nicht erst auftreten.
In ihrer Spielfassung gerät Karin post factum unter Druck, ihre erste große Liebe ist plötzlich verschwunden und sie ist hin- und hergerissen zwischen dem jovial verführerischen Pseudo-Feingeist Wickwalz und der herzlichen, freigeistigen Marie, die in einer Parallelszene einmal beide und von zwei Seiten gleichzeitig auf Karin einreden.
Verschlossen und doch wachen Auges: Amelie Willberg als Karin © Moritz Haase
Wie der DDR-Staat schon Teenager als Spitzel anwarb, erzählt Gneuß' "Gittersee" mit einem makellos konstruierten Spannungsbogen, der vor allem auf Karins unmittelbares Erleben abzielt. Auf der Bühne fokussiert Leonie Rebentisch, dem dialogischen Medium angemessen, auf das Verhältnis der Figuren; lässt sie vielsagende Blicke tauschen oder ein Lächeln zwischen Karin und Wickwalz, der die junge Frau wie ein kalt kalkulierender Marionettenspieler als "scharfe Beobachterin" lobt und mit Bier und Zigaretten in die Erwachsenenwelt initiiert, auch einmal einen Moment zu lange stehen; kontrastiert die grobe Körperlichkeit zwischen Mutter und Tochter mit der verspielten Zärtlichkeit von Karin und Marie, die auf einem Sitzsack in einer DDR-Zeitschrift blättern und sich mit dem Lippenstift von Maries Freundin Marlene die Münder pink malen.
Erzählerischer Sog
Auf der Bühne von Sabine Mäder wird "Gittersee", der Vorort von Dresden, in dem der Roman 1976 spielt, zu einem Streifenwald. Zwischen Plastikbahnen, die von einem deckelartigen Gewächshausdach hängen, treten die Figuren in raschem Wechsel auf und ab. Wickwalz schleicht hier halb verborgen ebenso im Hintergrund herum wie die wachsame Oma oder Pauls als Flucht-Beihelfer von der Stasi in die Ecke gedrängter Freund Rühle (Gabriel Schneider). Klar und verständlich inszeniert Leonie Rebentisch Gneuß' unter anderem für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiertes Debüt.
Und momentweise entsteht wie beim Lesen ein erzählerischer Sog. Denn diese Karin, die aus Sehnsucht nach Anerkennung die Zukunft ihrer besten Freundin preisgibt und sich dann am Stasi-Mann rächt, ist in ihrer Ambivalenz eine erlebenswerte Figur.
Gittersee
von Charlotte Gneuß
In einer Fassung von Leonie Rebentisch
Regie: Leonie Rebentisch, Bühne: Sabine Mäder, Kostüme: Luisa Wandschneider, Musik: Fabian Kuss, Licht: Frédéric Dautier, Dramaturgie: Karolin Trachte.
Mit: Amelie Willberg, Irina Sulaver, Paul Herwig, Kathleen Morgeneyer, Gabriel Schneider, Rahel Ohm.
Uraufführung am 2. November 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.berliner-ensemble.de
Kritikenrundschau
Neu und interessant an Gneuß' Roman sei gewesen, "dass er die Schutzlosigkeit einer Generation zeigte, die von den Erwachsenen im Stich gelassen wurde", schreibt Michael Wolf in der taz (4.11.2024). "Leonie Rebentisch bringt diese Perspektive auf die DDR-Geschichte nun geschickt und einfühlsam zur Geltung. Ihre Inszenierung taugt als Beispiel einer gelungenen Adaption."
Als "wirklich erstaunliches literarisches Debüt" lobt Doris Meierhenrich den Roman von Charlotte Gneuß in der Berliner Zeitung (4.11.2024). Leonie Rebentischs BE-Fassung gebe sich alle Mühe, zumindest das äußere Gerüst der Handlung in Bilder zu bringen. "Die wesentlichen inneren Prozesse aber (...) bleibt darin verschluckt. Ein verknapptes Abziehbild ist dieser Abend, zur schnellen Mitnahme."
"Charlotte Gneuß hat einen atmosphärisch dichten Roman über das schale Lebensgefühl der DDR geschrieben, der kein Wort zu viel erzählt. Und genauso handhabt es die Bühnenfassung, die die junge Regisseurin Leonie Rebentisch fürs Berliner Ensemble verfasst und inszeniert hat", gibt Barbara Behrendt auf rbb|24 (4.11.2024) zu Protokoll. "Der Abend stellt Dialoge und Handlungssplitter luftig nebeneinander, streift sowohl die Coming-of-Age-Story, die Liebesgeschichte, den Kriminalfall als auch das historische DDR-Panorama – mit Spannung und Psychologie, ohne dem Publikum das Denken abzunehmen."
Über weite Strecken folge man der Handlung wie gebannt, so Matthias Schmidt vom MDR (3.11.2024). "Geräusche und bedrückende Soundelemente halten die Spannung hoch. Aus dem Ensemble ragt Paul Herwig als geradezu mephistophelischer Stasi-Mann heraus." Schmidt resümiert: "Ein guter, ein solider Abend ist das, wenn auch vielleicht kein überragender, für den man extra nach Berlin fahren muss."
"Eine erfreulich gelungene Uraufführung dieses überaus bemerkenswerten Romandebüts" sah auch Christine Wahl und schreibt im Tagesspiegel (4.11.2024): "Der jungen Regisseurin Leonie Rebentisch gelingt in ihrer „Gittersee"-Uraufführung im Neuen Haus des Berliner Ensembles das Kunststück, die Romanvorlage (...) weitgehend verlustfrei in eine dramatische Fassung zu übertragen. Mit einer Amelie Willberg als Karin, die ebenso traumwandlerisch jeder Versuchung widersteht, ihre Figur in eine Vereinseitigung oder gar Vereinfachung zu treiben." Wie Willberg Komplexität nicht einfach nur aushalte, sondern wie sie sich darauf einlasse – "das hat wirklich Seltenheitswert!", so Wahl. Bedauerlich sei allein die Tatsache, dass nicht alle Schauspielerinnen und Schauspieler auf dem Komplexitätsniveau agierten, das ihre Figuren eigentlich böten.
Als "Glücksfall" bezeichnet Peter Laudenbach diese Romanadaption in der Süddeutschen Zeitung (5.11.2024). "Die Regisseurin traut der kargen Sprache des Romans wie der trockenen Komik", sie "zeichnet die Verpanzerungen der verhärteten Erwachsenen und die offene, auch verträumte Lebensgier von Karin und Marie in einer schönen, klaren, nie plakativen Spielweise". Die "große, tolle Entdeckung dieses Abends ist Amelie Willberg", die die Hauptfigur "Karin völlig kitschfrei als empfindliches, in sich verschlossenes Mädchen zeichnet".
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend





Durch dichte Bahnen aus weißen Lamellen schleicht sich Herwigs Stasi-Mann immer wieder aus dem Hintergrund auf die Bühne und in Karins Leben. Er bietet er die Schulter zum Anlehnen und die warmen Worte, die sie in ihrer Familie vermisst. (Der Vater ist in der Bühnenfassung komplett abwesend.) Roman und Theaterabend erzählen, wie die unsichere junge Frau in die Fänge der Stasi gerät, Leid bei Freunden anrichtet und einen überraschenden Ausweg findet. Zu leise anschwellender Musik von Fabian Kuss und in heruntergedimmtem Licht von Frédéric Dautier wird aber auch diese dramatische Zuspitzung des Plots ganz nüchtern-beiläufig im Kammerspielton erzählt, der die 230 Romanseiten und die zwei Theaterstunden prägt.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/11/03/gittersee-berliner-ensemble-kritik/
Ja, man konnte der Story in der Inszenierung folgen, aber die Mittel waren gähnend langweilig und daher schrecklich, die Szenen bloße Behauptungen, das Kostüm- und Bühnenbild nichts-sagend bzw banal, die schöne Sprache des Buches wurde brutal rausgeschmissen, nur die Spieler:innen gaben ihr bestes, vor allem Amelie Willberg, Irina Sulaver. Romanadaptionen ist schwierig, aber der Regisseurin fiel nichts ein, außer Theaterkonventionen als Klischees zu reproduzieren.
So weit, so bekannt: Die Teenagerin Karin aus Gittersee wird im Roman wie auf der Bühne verdächtigt, der großen Liebe Paul über die Grenze geholfen zu haben. Ergo: Die Stasi bedrängt sie, droht – ist aber dann auch so nett, dass Karin sich bereitwillig als Mitarbeiterin engagieren lässt und dann eine loyale Mitarbeiterin ist – bis aufgrund ihrer Denunziationen jemand verhaftet wird ...
Die Macht, die Gewalt der Stasi! Das Unrecht ist nicht vergessen. Mehr als dieses Wissen aber hat „Gittersee“ nicht zu bieten.
Amelie Willberg spielt die siebzehnjährige Karin, und die 29jährige Schauspielerin gibt sich – zusammen mit Irina Sulaver (32) in der Rolle ihrer Freundin Marie – Mühe, kindlich-jugendlich genug zu wirken, um entsprechend naiv der Stasi auf den Leim gehen zu können. Denn in Gittersee zeigt nur der Stasi-Offizier (Paul Herwig) so etwas wie Empathie – Karins jammernde Mutter (Kathleen Morgeneyer) ist innerlich schon in die dresdner Wohnung ihrer Freundin mit Warmdusche und Balkon emigriert, ihr Vater (ohne Auftritt) hat sich dem Suff ergeben, die Oma (Rahel Ohm) hat Äpfel zu schälen. Den beiden Teenies will die Regie helfen, lässt sie sich in mädchenhaften Kindlichkeitsfreuden austoben – im Gegacker der beiden um Sex und Lippenstift verrutschen diese Versuche oft aber ins Peinliche. Allerdings gibt es da den Jungen Rühle (Gabriel Schneider, 31), dem es sehr wohl gelingt, der verlangten Jungen-Authentizität gerecht zu werden.
Aus der Enge mädchenhafter Umtriebe zwischen Stasi und Spaß, von den dreißigjährigen Schauspielrinnen als authentisch behauptet, will sich die Inszenierung nicht befreien, wie auch die Autorin des Romans sich ganz der Realität ihres Plots verschrieben hat und sich ganz einer Sicht von Außen, jeder Möglichkeit des Kommentars verweigert. Dem brechtischen Effekt der Verfremdung versagt sich also auch die Inszenierung, sie sucht – trotz der immerhin geglückten Abstraktion des Bühnenbildes: Gittersee ist eine Welt aus vergitternden Plastikstreifen – im Intimen des Geschehens zu bleiben, ganz hermetisch verharrt sie im antisozialistischen Realismus des Gittersee-Geschehens der 1976er Jahre. Als wär‘s eine Stück von Fassbinder aus den 70ern – was dann allerdings sein schlechtestes gewesen wäre.
„Gittersee“, der Roman stand 2023 auf der Shortlist des Deutsche Buchpreises, er hatte mich interessiert. Nach dieser Inszenierung kann ich auf diese Lektüre verzichten. Wers aber nooch nie gehört Hat: Stasi, der lese oder gehe ins Theater.