Fidele Jungs an der Kandare der Souffleuse

12. April 2025. Luk Perceval inszeniert Samuel Becketts postapokalyptischen Klassiker mit Blick fürs Kreatürliche: Es wird eingenässt, erotisch geknuddelt und hündisch der BE-Rang erklommen. TV-Topstar Matthias Brandt ist auch mit von der Partie.

Von Christine Wahl

Samuel Becketts "Warten auf Godot" in der Regie von Luk Perceval am Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann

12. April 2025. Sie haben Konjunktur, die Herren Wladimir und Estragon, die auf einer Landstraße an einem Baum auf einen dritten Herrn warten, von dem sie nicht wissen, wer er ist und was sie eigentlich von ihm wollen. Am Schauspielhaus Bochum laufen die beiden derzeit auf einer Drehscheibe gegen die Sinnlosigkeit des Daseins an, am Münchner Residenztheater versuchen sie, selbige mit sehr irdischem Slapstick zu bekämpfen.

Blasenschwäche und kaputte Füße

Und am Berliner Ensemble muss Wladimir jetzt erst mal die Hose trocknen. Er leidet an Blasenschwäche, und selten hat das Kreatürliche so deutlich über das Transzendente obsiegt wie in Luk Percevals Interpretation des Beckett-Klassikers "Warten auf Godot". So erfüllen die zahlreichen Scheinwerfer, die die Bühnenbildnerin Katrin Brack zu einem atmosphärischen Setting irgendwo zwischen postapokalyptischer Industriebrache und heimelig-nostalgischem Theaterfundus gruppiert hat, vor allem als Wäscheständer ihren Zweck.

Paul Herwig ist als Wladimir umfassend damit beschäftigt, seine nassen Beinkleider auf ihnen zu positionieren. Wo Sisyphos in Camus' Philosophie des Absurden den Stein unermüdlich wieder den Berg hinauf hievt, nachdem er heruntergerollt ist, steigt Wladimir im Theater des Absurden à la Perceval leitmotivisch aus seiner nassen Hose heraus und wieder in sie hinein, nachdem sie am Scheinwerfer leidlich getrocknet ist.

Warten auf Godot1 1200 Joerg Brueggemann uErschöpft vom endlosen Warten: Paul Herwig (als Wladimir) mit Matthias Brand (Estragon) im Arm. Im Hintergrund: Oliver Kraushaar (Pozzo) © Jörg Brüggemann

Auch Wladimirs Kompagnon Estragon hat mit seinen physischen Malaisen buchstäblich alle Hände voll zu tun, bei ihm sind es bekanntermaßen die Füße. Matthias Brandt, der gerade einen Preis für seine "nuancenreiche Sprechweise" gewonnen hat, sitzt in schwarz glitzernden Hotpants und einer zerrissenen Netzstrumpfhose an der Rampe und macht sich an seinen Chelsea Boots zu schaffen, während er in wirklich lehrbuchreifem Nihilisten-Timbre erklärt, dass "nichts zu machen" sei. Mustergültiger Verneinungs-Granteler, der er ist, wird er seinen Sitzplatz an diesem Abend nicht übertrieben häufig verlassen – und wenn, dann in einer formvollendeten Hinke-Choreografie.

Unter Aufbietung aller Kraft

Was Brandts Estragon an depressiver Unterspanntheit übers Szenario transportiert, kompensiert Herwigs Wladimir mit Hyperexpressivität: Er trällert hier ein Liedchen, macht da ein Hüpferchen und verströmt den Charme eines Klassenclowns, dem man es nicht so richtig übelnehmen mag, wenn die Witze nur bedingt zünden, herzensguter Kerl, der er in seiner Naivität doch ist.

Auf der Landstraße nichts Neues, könnte man also meinen – bis die beiden plötzlich innehalten und mit offenen Mündern zur Seite starren, als würde dort jemand ein Kaninchen aus dem Hut zaubern. Aber nein, es ist noch nicht die personifizierte Herr-Knecht-Dialektik namens Pozzo und Lucky im Anmarsch, sondern die Souffleurin Antonia Schirmer, die vergleichsweise unspektakulär auf einem Stuhl sitzt und Becketts Regieanweisungen einzusprechen beginnt: "Estragon gelingt es unter Aufbietung aller Kraft, seinen Schuh auszuziehen", artikuliert sie in einer Überdeutlichkeit, die dem Abend ohnehin eigen ist. "Er schaut hinein, fühlt mit der Hand darin herum, dreht den Schuh um, schüttelt ihn aus…" und so weiter.

Frauenstimme im Männer-Reigen

Als Zuschauerin teilt man die Überraschung der Bühnenprofis durchaus – wenngleich man in seinem gestischen Ausdruck deutlich zurückhaltender bleibt: Was ist das für eine Instanz, die sich hier – in einem Existenzialistendrama – von der Seitenlinie aus einmischt? Sollte sich Godot tatsächlich in einer (dramaturgischen) Strippenzieherin materialisiert haben, weil wir uns am Ende doch bloß auf einer stinknormalen Theaterprobe befinden und nicht in der Postapokalypse, die das wahre Leben schreibt? Oder haben wir es einfach mit einem Fall inszenierter Geschlechtergerechtigkeit zu tun? Wollte der Regisseur auf verschlungenen Wegen eine weibliche Stimme in den Abend einspeisen, weil ihm Becketts testamentarische Verfügung, dass "Warten auf Godot" nur mit Männern besetzt werden dürfe, womöglich antiquiert vorkam?

Warten auf Godot3 1200 Joerg Brueggemann uHerr-und-Knecht-Spiele: mit Jannik Mühlenweg (als geschundenem Lucky) und Oliver Kraushaar (als Gebieter Pozzo). Im Hintergrund: Paul Herwig (Wladimir) © Jörg Brüggemann

Es ist nicht die einzige Frage, die an diesem Abend offenbleibt. Warum steht die Souffleurin im zweiten Teil mit auf der Bühne, obwohl das Berliner Ensemble eigentlich noch nie durch Textkenntnisschwächen von sich reden gemacht hat? Bahnt sich zwischen Estragon und dem Pozzo von Oliver Kraushaar, dessen Testosteron unter dem hellblauen Kreissparkassenanzug geradezu hervorplatzt, eine Liaison an? Schließlich schält er den Depressiven der beiden Wartenden in einer Art Bodenringen aus einem gefühlten Dutzend Unterhosen heraus, während sein Knecht Lucky, den Jannik Mühlenweg als Kampfhund in Unterwäsche gibt, bei seinem Denkermonolog in den Zuschauerraum entfleucht und unter einigem Hallo über die Lehnen hinweg durch die Sitzreihen klettert. Dort hat sich die Metafrage, warum Wladimir und Estragon gerade hier und heute wieder so en vogue sind, längst in alle Winde zerstreut.

 

Warten auf Godot
von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Regie: Luk Perceval, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musikalische Leitung: Rainer Süßmilch, Philipp Haagen, Licht: Mark van Denesse, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Matthias Brandt, Paul Herwig, Oliver Kraushaar, Jannik Mühlenweg, Roderich Gramse, Jürgen Linneweber, Philipp Haagen (Live-Musik).
Premiere am 11. April 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minten, eine Pause

www.berliner-ensemble.de

Kritikenrundschau

Die Rolle der Souffleurin sei "eine von mehreren problematischen Regie-Entscheidungen", findet Barbara Behrendt bei rbb24 (12.4.2025). "Denn die höchst artifiziellen Figuren zwischen Albtraum und Groteske halten einen gehörig auf Abstand." Von der "Einfachheit der Beckettschen Sätze, von der Zuneigung zu den Figuren" sei an diesem Abend "wenig spürbar." 

Für die Morgenpost (14.4.2025) berichtet Katrin Pauly: "Zweieinhalb Stunden dauert der zweiaktige Abend und nach der Pause sind die Zuschauerreihen durchaus schon gelichtet. Es gibt zwar manches zu gucken, bisschen Action, viel Körperlichkeit und allerlei Gags, wenn etwa die Kabel der Leuchten für einen Kurzschluss sorgen oder als Telefonanlage herhalten müssen, aber insgesamt bleibt vieles dann doch eher vordergründig, fügt sich nicht schlüssig zusammen."

Ein "radikal unkomödiantisches, unprätentiöses Gegenwartsspiel der Verzweiflung" sah Doris Meierhenrich für die Berliner Zeitung (14.4.2025) und ist angetan: "Eine immer wieder neu auftretende Bedeutungshoheit peitscht und fesselt sich die Worte und Sprache willkürlich zurecht. Ein großer, spannender Abend, dessen Verzweiflung hellsichtig macht."

Luk Perceval schenkt "dem Berliner Publikum einen überzeugend zeitentrückten Abend. Wo gerade alle sich im Kopfschütteln über die Weltlage überbieten, bleiben hier zweieinhalb Stunden lang die Köpfe ganz still. Wird durcheinander geschwiegen – und gerade dadurch verrückt gemacht", berichtet Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.4.2025). Diese Inszenierung zeige "vielleicht vor allem, dass es in diesem Stück, in diesem Leben nicht nur ums Warten, sondern auch ums Bleiben geht. Ums Stille bewahren. Darum, die Zeit treu miteinander zu verbringen, im Leben, im Träumen, in Gedanken. Ums Beieinander-Bleiben trotz aller Umstände."

Eine albtraumhafte Inszenierung in faszinierendem Bühnenbild, gespielt "mit grimmigem ruppigem Überdruck" sah André Mumot für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (11.4.2025). Mit der Regie-Interpretation hatte der Kritiker gleichwohl Schwierigkeiten, denn im Auftritt der Souffleuse würde das Agnostische des Beckett-Stückes relativiert. Die Beziehung der Hauptfiguren wiederum werde sehr "laut", "sehr vordergründig gespielt", die fünfzigjährige gemeinsame Wartenszeit nehme man den beiden nicht ab.

"Ein schwergängiger Abend. Ein Zuviel, das am Ende zu wenig ist", stöhnt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (12.4.2025) auf. "Perceval hat es mit den Hosen und gibt Rätsel auf in einem ohnehin rätselhaften Stück." Die beiden Helden kommen "nicht wirklich zu ihren Ritualen, finden kaum ihren Rhythmus. Becketts Sprachartistik wird übertönt und überdröhnt von Live-Musik mit Klavier und Tuba. Irgendwie wirken sie allein gelassen, die Regie kann sich nicht entscheiden."

Obwohl nichts ausgedeutet oder vereindeutigt werde, fehle es diesem Abend keineswegs an Klarheit und Wucht. "Das liegt an den archetypischen Bildern von Gewalt, Verfolgung und Verzweiflung, die Beckett geschaffen hat und deren unnachahmliche Kraft Perceval wieder in Erinnerung ruft." Dafür brauche es präzise Schauspieler wie Brandt und Herwig, so Jakob Hayner in der Welt (20.4.2025). "Dass Beckett bei seinem Stück auch die Verfolgung und Ermordung der Juden vor Augen hatte, ist bis heute eine überzeugende These. Mit Percevals erschütternder Inszenierung versteht man, warum Intellektuelle wie Theodor W. Adorno an Beckett nicht vorbeikamen: Weil der einen ästhetischen Ausdruck für das Grauen gefunden hatte."

Von einer "eindrücklich minimalistischen, schauspielerisch ungemein feinen und reichen" Arbeit berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.4.2025). "Das Merkwürdige und Umwerfende dieser gänzlich von wohligem Zynismus oder Feierlichkeitstonfällen freien "Godot"-Inszenierung ist, wie sie gerade in der komödiantischen Leichtigkeit und Feinheit des Spiels, besonders im Zusammenspiel von Brandt und Herwig, einen Sog und eine Art objektiver Verlorenheit entwickelt, deren Wahrheit man sich nicht entziehen kann (und nicht entziehen will)."

Kommentare  
Warten auf Godot, Berlin: Warten auf Sinn
der text könnte hier und heute ungeheuer aktuell und treffend sein- in dieser inszenierung ist er es leider nicht.
warum, wieso, weshalb die ganze muehe? das müsste der regisseur erklären, sehen kann ich es nicht. schade!
Warten auf Godot, Berlin: Antonia Schirmer
Dass ich das noch erleben darf: Antonia Schirmer, früher durfte ich sie sogar "Joni" nennen, Schwester der Hamburger Schauspielerin Cornelia, hier besprochen im Beruf der Souffleuse! Glückwunsch, aus vollem Herzen!
Warten auf Godot, Berlin: In erwartbaren Bahnen
Die Beckettsche Tristesse und Lethargie wird an diesem langen Premierenabend einmal gründlich aufgemischt: Hund Lucky (Jannik Mühlenweg) klettert und krabbelt über die Köpfe des Publikums hinweg. Sobald er das Parkett hinter sich hat, entert er die Ränge, sein überfordertes Herrchen Pozzo (Oliver Kraushaar) keuchend in seinem Schlepptau, der vergeblich versucht, ihn einzufangen.

Diese Showeinlage, die an den noch animalisch-grunzenderen Auftritt von Tim Werths in Ivica Buljans Marstall-Inszenierung „Der Balkon“ (2018) erinnert, damals inspiriert von Ruben Östlunds Kunstbetriebs-Farce „The Square“ (2017), ist eine willkommene Abwechslung zur bekannten Nicht-Handlung des Samuel Beckett-Klassikers „Warten auf Godot“.

Davor und danach ergehen sich TV-Stargast Matthias Brandt (Estragon) und Paul Herwig (Wladimir) im Ping-Pong ihrer Verzweiflungsseufzer. Während sie stumpf auf den mysteriösen Godot warten und über ihre Malaisen klagen, hibbelt Herwig nervös zwischen den Scheinwerfern herum, die Katrin Brack auf die ansonsten leere Bühne gestellt hat. Von Ferne sieht das gesamte Equipment wie Felsbrocken in einer unwirtlichen Endzeit-Landschaft aus. Bei näherem Betrachten erkennt man die Theater-Szenerie, die noch dadurch unterstrichen wird, dass Souffleuse Antonia Schirmer live mit auf der Bühne ist und von einer Seitenloge aus stoisch die Beckettschen Regieanweisungen einliest. André Mumot und Christine Wahl rätselten in den ersten Besprechungen, ob und was der belgische Regiealtmeister Luk Perceval uns mit diesem Erzähl-Kniff sagen will.

Ansonsten schleppt sich der Abend mit Promi-Besetzung in den erwartbaren Bahnen dahin.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/12/warten-auf-godot-berliner-ensemble-kritik/
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