Performing Exiles - Berliner Festspiele
Bilder der Zerrissenheit
20. Juni 2025. Das Berliner Festival "Performing Exiles" hat sich vorgenommen, im Zeitalter neuer Kriege und daraus resultierender Flucht- und Exilerfahrungen Plattform für diasporische Kunst zu sein. Die zweite Ausgabe eröffnete jetzt mit Arbeiten von Mohammad Rasoulof und Mario Banushi.
Von Christian Rakow
Mit "Destination: Origin" eröffnet Mohammad Rasoulof das Festival "Performing Exiles" in Berlin © Fabian Schellhorn
20. Juni 2025. Das "Performing Exiles"-Festival ist ein echter Seismograph für weltpolitische Beben. Das war schon so bei der Erstausgabe von zwei Jahren, als der ukrainische Lyriker und Bandleader Serhij Zhadan mit einem wütenden Eröffnungskonzert das Unrecht des russischen Angriffskrieges gegen sein Heimatland in den Saal der Berliner Festspiele wuchtete.
Dieses Mal eröffnet der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof mit einem eigens für das Festival erarbeiteten Theaterstück, das in der Emanzipationsbewegung "Frau, Leben, Freiheit" wurzelt. Aber seit einer knappen Woche herrscht Krieg zwischen dem Iran und Israel. Also wendet sich Rasoulof noch vor Beginn seines Stückes im Rahmen einer Dankesrede ans Publikum: Menschen hätten im Iran friedlich gegen das Mullah-Regime aufbegehrt, sagt er, um sie gehe es in seinem Stück. Aber jetzt fallen Bomben. Rasoulofs leise Stimme bricht weg. Der Kontakt zur Heimat sei abgerissen. Er stockt, kämpft mit den Tränen, die Übersetzerin umarmt ihn. "Man kann Demokratie nicht mit Krieg erzwingen", bringt er noch hervor.
Ohne Federlesen
Rasoulofs Theaterstück "Destination: Origin" ist ein typischer Coup von Festivalmacher Matthias Lilienthal: Rasoulof und seine Schauspielerinnen Niousha Akhshi, Mahsa Rostami und Setareh Maleki kommen vom Film. Sie sind im Exil in Deutschland, seit sie mit ihrem für den Oscar nominierten Streifen "Die Saat des heiligen Feigenbaums" daheim in Ungnade fielen. Auf der Suche nach neuen Arbeitsmöglichkeiten seien sie – von Navid Kermani vermittelt – zu Lilienthal gekommen, der das Team ohne viel Federlesen unters Dach der Berliner Festspiele holte und noch einige Häuser als Koproduzenten einspannte (Düsseldorf, Mannheim, Mülheim an der Ruhr, Thalia Hamburg mit seinen Lessingtagen). Als Dramaturg ist Lilienthal in der Inszenierung auch dabei. Er habe dafür gesorgt, dass "Destination: Origin" halbwegs nach Theater ausschaue, sagt Rasoulof in seiner Dankesrede.
Zustände der Unfreiheit
Das Stück erzählt von eben diesem Werdegang der Exilkünstler*innen am Beispiel einer Schauspielerin. Niousha Akhshi, Mahsa Rostami und Setareh Maleki teilen sich die Rolle auf: die Heldin stößt während der iranischen Protestbewegung zum Filmteam, bei dem man ohne Hijab spielen kann, aber im Geheimen dreht. Bald fliegt sie auf, Repressalien setzen ein, die Frau kommt nicht mehr regulär außer Landes, entscheidet sich für die Flucht über die Berge. In Berlin angekommen, warten andere Nöte: die Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Es ist ein humorvolles Ende (offenbar vor Kriegsbeginn entworfen), im Beisein der deutschen Spielerin Eli Riccardi.
Choreografische Ästhetik: "Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof © Fabian Schellhorn
Rasoulof kleidet die schlanke dokumentarische Erzählung in eine choreographische Ästhetik: Die Frauen durchstreifen einen Wald aus herabhängenden Seilen und Tauen, wenn sie das Leben im iranischen Regime anklingen lassen. Es sieht ein wenig nach "Herakles und die Hydra" aus, Heiner Müller-Style, wie einst bei Konstanze Lauterbach. Die Zerrissenheit zwischen Heimat und Fremde wird eingangs im Bild einer Marionette gezeichnet, die sich auseinander schraubt und schief wieder zusammensetzt.
Im Finale sind die Frauen an einer Vitrine angeleint, die einen abgestorbenen Baumstamm beherbergt: eine Übersetzung für das ambivalente Sehnen nach dem Herkunftsort (dem titelgebenden "Origin"). Es sind einfache symbolische Choreografien (von Laurie Young, ehemals Sasha Waltz & Guests), die verschiedene Zustände von Unfreiheit und Heimatlosigkeit poetisch abbilden. Aber in ihrer Direktheit, ihrem fast altmodischen Purismus entwickeln sie eine Kraft.
Formbewusste Bildfindungen
Vor zwei Jahren bei der Erstausgabe punktete "Performing Exiles" vor allem mit Party-Feeling und dem programmatischen internationalen Berlin-Flair. Die Bar war ein cooler GI-Club, überall gab's Ecken zum Rumlungern. Die Kunst blieb dagegen teils recht hermetisch, textlastig, in rasendem Englisch übertitelt, kein Vergnügen für Nichtmuttersprachler*innen (und die Muttersprachler*innen bilden inmitten des anwesenden Berliner Szenepublikums doch eher die Ausnahme).
An diesem Punkt geht das (wieder mit herrlichem Bar-Design aufwartende) diesjährige Festival den entscheidenden Schritt weiter. Mohammad Rasoulofs ruhiger Abend bringt in sorgsamer Dosierung Farsi zu Gehör (das wiederum Englisch übertitelt wird), doch im Wesentlichen tragen die formbewussten Bildfindungen. Im zweiten Auftaktstück wird gleich komplett auf gesprochene Sprache verzichtet.
"Goodbye, Lindita" von Mario Banushi © Theofilos Tsimas
Der gebürtige Albaner und in Griechenland aufgewachsene Regisseur Mario Banushi legt mit "Goodbye, Lindita" ein gut einstündiges Trauerritual vor. Mit schauerromantischen Zügen. Lindita ist gestorben, ihre Familie hockt apathisch vorm Fernseher oder am Schlafzimmerbett. Aber nicht lange, denn bald entsteigt die Tote noch einmal ihrem Sarg, wird gebadet und gewaschen und in eine Art Brautkleid gehüllt, das sich zum Totenornat wandelt. Weihrauch wabert. Inmitten von Blumenbouquets findet Lindita ihre doch wohl letzte Ruhe. Das Fenster springt auf, Sturm braust, Hundegebell und Sirenen jaulen auf. Mutter steigt durch ein Loch in der Wand und trifft im Offenen auf eine Marienfigur, die in einem Vogelnest hockt.
Banushis Arbeit, die 2023 schon beim Dresdener Festival Fast Forward lief und 2024 zu Radikal Jung eingeladen war, mischt mit breitem Pinsel christlich-orthodoxe Bildsprache und Zeremonielles aus der Balkan-Region unter die karge Familienansicht. Der Abend ist eine einzige große Metapher des Abschieds. Eigenwillig, etwas creepy und eindrucksvoll meditativ. Ein Bühnenrequiem wie geschaffen auch für Berlin, das ja mal Heimstatt der besonders düsteren deutschen Romantik war. E.T.A. Hoffmann hätte seine Freude gehabt: an Linditas letzter Ehrenrunde.
Performing Exiles Festival 2025
Kuratorische Leitung Matthias Lilienthal
Ko-Kuration Sophie Blomen
Destination: Origin
von Mohammad Rasoulof
Text & Regie: Mohammad Rasoulof, Bühne & Kostüm: Yashi, Dramaturgie: Matthias Lilienthal, Produktionsleitung: Claudia Peters, Komponist: Karzan Mahmood, Regieassistenz: Yasi Moradi,
Künstlerische Beratung des Regieteams: Amin Sadraei, Videodesign: L Wilson-Spiro, Choreografie: Laurie Young, Bühne & Kostüm Assistenz: Viet Thanh Tran, Übersetzung & Übertitel: Golbarg Zolfaghari (Panthea), Outside Eye: Sima Djabar Zadegan.
Mit: Niousha Akhshi, Mahsa Rostami, Setareh Maleki, Eli Riccardi.
Premiere am 19. Juni 2025 in Berlin
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
Goodbye, Lindita
von Mario Banushi
Regie: Mario Banushi, Dramaturgie: Sophia Eftychiadou, Bühne & Kostüme: Sotiris Melanos, Musik: Emmanouel Rovithis, Licht: Tasos Palaioroutas, Technische Leitung: George Gizas, Produktionsleitung: Efi Panourgia, Bühnentechnik: Panos Koutsoumanis, Lichttechnik: Georgios Kalantzis, Georgios Athanasiou, Tontechnik: Dimosthenis Livitsanos, Requisite: Michalis Adamis.
Mit: Mario Banushi, Babis Galiatsatos, Alexandra Hasani, Erifyli Kitzoglou, Katerina Kristo, Helene Habia Nzanga, Eftychia Stefanou, Chryssi Vidalaki.
Premiere am 29. März 2023 in Athen
Gastspiel am 19. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.berlinerfestspiele.de
Kritikenrundschau
"Es sind eindringliche Szenen, die 'Destination: Origin' offeriert, auch wenn manches in seiner Symbolik in der Distanz bleibt", schreibt Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (21.6.2025) über Rasoulofs Arbeit. "Notgedrungen bleibt das Stück fragmentarisch. Rasoulof hat es, wie er sagt, in Flugzeugen geschrieben, unterwegs im Ungewissen. Das Schlussbild gibt Rätsel auf. Ein Baumstumpf in einer Vitrine, die Schauspielerinnen sind mit Seilen damit verbunden. Sie wollen sich losmachen, geraten ins Stolpern – wohl beim Versuch, ihre Wurzeln aufzugeben?" Begeistert zeigt sich der Rezensent von Mario Banushis Festivalbeitrag: "So etwas sieht man selten. Formal mag die Performance an Kreationen von Ersan Mondtag erinnern, aber hier geht es einfacher zur Sache, weniger kontrolliert und kalkuliert und so viel emotionaler."
"Die Inszenierung ist nicht nur der Versuch, die Flucht- und Diktaturerfahrung zu verarbeiten oder wenigstens zu dokumentieren und von der inneren Zerrissenheit zu erzählen, sie ist selbst ganz praktisch Teil dieser Flucht", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (22.6.2025). "Anders als in seinen Filmen der genauen Alltagsbeobachtung findet Rasoulof dafür in seinem Theaterdebüt große, starke, manchmal vielleicht auch etwas überdeutliche Bilder."
Auch Jenni Zylka von der taz (23.6.2025) ging der Rasoulof-Abend nahe: Die "vielleicht stärkste und eingehendste Szene" zeige einen Dialog zwischen einer Frau, die in einem aufgerichteten Bett steht oder auch dort angebunden ist, und einer Matratzenverkäuferin, die immer wieder fragt: 'Wie fühlen Sie sich? Ist Ihnen bequem?'"
Natürlich "merkt man dem einstündigen Genremix aus Installation, biografischer Erzählung und symbolisch überhöhten Choreografien die Unvertrautheit mit den Ökonomien der Bühne durchaus an. Dennoch gelingen dem Abend atmosphärische Bilder, die die traumatische Gegenwart besonders der Frauen im Iran greifbar machen", schreibt Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (23.6.2025) über Rasoulofs Abend. Mario Banushi bietet dann "Schamanenkunst, in die man anders hineingeht als wieder hinaus“. Banushi zeige anders als Rasoulof eine Bühnenhandlung ohne Worte. "Dafür spricht die sich langsam ins immer Surrealere, Unerwartete hinein mäandernde Szenerie umso bildgewaltiger."
"Man spürt durchaus, dass Rasoulof die Theatermittel noch nicht vertraut sind. Aus pathosgeladenen Bildern, Monologen, später auch Videos auf den Straßen von Berlin erwächst ein allzu bedeutungsschwangerer Stil-Mix, der sich nicht wirklich zu einem Ganzen fügt", berichtet Barbara Behrendt für rbb|24 (20.6.2025). "Am stärksten sind die Monologe und die kleinen realistischen Spielszenen. Beim pointierten, emotionalen, bildhaften Erzählen ist der Autor und Regisseur ein Könner." Die Arbeit von Mario Banushi "erzählt bildstark, aber äußerst kryptisch und symbolbeladen, ganz ohne Worte von der Bestattung von Banushis Stiefmutter Lindita", passe aber nicht ganz zum Programm von "Performing Exiles", das als Festival "ja gerade die reiche Szene der Berliner Exil-Künstler:innen vorstellen möchte statt Gastspiele aus aller Welt".
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Mohammad Rasoulof, einer der interessantesten, politisch subversivsten Filmemacher Irans, war lange auf dem Radar des Regimes. Sein achter Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ konnte nur heimlich gedreht werden, wurde jedoch zu einem der stärksten Filme des vergangenen Jahrs. In Cannes wurde er bei der Premiere lange gefeiert und mit dem Spezial-Preis der Jury ausgezeichnet, Deutschland, wo er mittlerweile Zuflucht gefunden hat, reichte ihn als Oscar-Nominierung ein.
Zuflucht brauchten nach diesem Film auch drei junge Frauen, die als Töchter eines regimetreuen Beamten und deren Freundin wichtige Rollen übernahmen: Niousha Akhshi, Mahsa Rostami und Setareh Maleki sind nach Berlin geflohen und suchen auf dem Mietmarkt, der dank so vieler politischer Fehlentscheidungen und der Gier ausländischer Investoren verwüstet ist, eine Wohnnung. Um die Auflagen der Behörden zu erfüllen und eine Beschäftigung vorzuweisen, entwickelte Rasoulof die Idee eines Theaterstücks, in dem Flucht und Exil thematisiert werden.
Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani brachte Rasoulof mit Matthias Lilienthal zusammen, der die Dramatugie von „Destination: Origin“ übernahm und neben den Lessingtagen am Hamburger Thalia, die er bis zu seiner Volksbühnen-Intendanz leitet, mit dem Nationaltheater Mannheim, dem Düsseldorfer Schauspielhaus und dem Theater an der Ruhr weitere Koproduzenten ins Boot.
Aus dieser Not geboren entstand eine kleine Performance für die schwer zu bespielende Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele, die sich durchaus sehen lassen kann. In assoziativen Miniaturen deutet das exilranische Trio, das von der deutsch-amerikanischen Ernst Busch-Absolventin Eli Riccardi verstärkt wird, die Unterdrückung im iranischen Regime an. Schlingen werden um Hälse gelegt, mit Fußfesseln werden schwere Brocken über die Bühne gezerrt.
Neben kleinen Songs und komödiantischen Auflockerungen durchbricht ein Monolog die ansonsten stumme Performance. Auf Farsi mit englischen Übertiteln, die in den vorderen Reihen nur mit Verrenkungen zu lesen sind, erzählen die Performerinnen von der Angst beim Ausreise-Versuch nach Istanbul, vom Einziehen des Passes am Flughafen, von der Flucht über die Berge und vom schwierigen Ankommen in der Fremde.
Irgendwo zwischen Skizze und ausgefeiltem Abend steckt derzeit „Destination: Origin“.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/21/destination-origin-berliner-festspiele-kritik/
(...)
Drei der Darstellerinnen haben die Hauptrollen in Rasoulofs gefeiertem Film Die Saat des heiligen Feigenbaum gespielt: Niousha Akhshi, Mahsa Rostami und Setareh Maleki. Die vierte, Eli Riccardi, kam in Berlin dazu, sie verbindet das Dort mit dem Hier, das Dazwischen mit der illusion des Ankommens. Sie spielen ihre Geschichte. Der Text, aufgeteilt unter den Spielerinnen, erzählt die Geschichte des Films, der sie zusammenbrachte und nun hierher verschlug. Seine konspirative Produktion vor dem Hintergrund der Protestbewegung, die anschließende Verfolgung und Flucht. Eine individuelle Geschichte, die hier zu einer kollektiven wird, das Verschlungensein von Fluchterfahrugen ineinander. Und die auch die Geschichte dieses Abends ist, der scih selbst in seiner Entstehtung, in seiner Herkunft („origin“) erzählt, die zu seinem Zielpunkt („destination“) wird.
Der Augangspunkt ist das Ziel, der Anfang das Ende, das Hier das Dort, die Gegenwart die Vergangenheit. Poetisch, bildmächtig, symbolgetränkt und zugleich nüchtern, sachlich, abgeklärt, berichtet Destination: Origin von sich selbst und den Menschheitserfahrungen, die er in sich trägt, die sich in ihm verknäueln, die führen in ein Matratzengeschäft, in dem die Frage, ob es bequem sei zur existenziellen wird, die edle Schlafunterlage zum neonumkränzten Tatort, die eigenen Wurzeln in form eine hinter Glas eingezwängten Baumrests zum toten Souvenir. Und so entgrenzt sich dieser Abend, kann und will die Realität nicht draußen halten, wird zum Existenzzweck seiner selbst und Überlebensmittel seiner Erschaffende. Aufenthaltsbewahrer und symbolisch universelle Kunst. alles zugleich, nichts davon ohne das andere zu denken. Hier wird Leben Kunst und Kunst Leben und auch das ist nicht genug. Diese Bühne ist Heimat, bewahrt sie, beschwört sie und kann sie doch nicht ersetzen. Denn auch Kunst braucht ein Dach über dem Kopf, eine Aufenthaltsgenehmigung, einen halbwegs vollen Kühlschrank. Und selbst dann kann alles jederzeit in sich zusammenbrechen. Wenn Bomben fallen, wenn die Realität ihre künstlerische Verarbeitung, beider fragile Koexistenz ad absurdum führt und den Deal zwischen beiden aufkündigt. Ein kurzer, atemberaubender Abend, den als Theater zu bezeichnen viel zu kurz greift.
Komplette Rezension:https://stagescreen.wordpress.com/2025/06/23/hauptdarsteller-wirklichkeit/
https://www.nationaltheater-mannheim.de/spielplan/destination-origin/3204/
Tamara Trunovas Stil ist in Berlin bekannt: assoziative Suchbewegungen mit vielen Kulturbetriebs-Querverweisen und noch mehr Selbstironie gepaart mit einem gehörigen Schuss politischen Aktivismus für ihr von Russland angegriffenes Heimatland prägten schon frühere Arbeiten der künstlerischen Leiterin des Left Bank Theatre Kyiv.
Birgit Lengers und Uli Khuon stellten am Deutschen Theater Berlin ihre Arbeiten „Bad Roads“, die sehr düster vom seit 2014 weit vor der Vollinvasion Russlands schwelenden Krieg im Osten der Ukraine erzählte, und „Ha*l*t“ vor, eine Reflexion, welche Spielräume es für die Kunst in Zeiten des Krieges geben kann.
Zwei Jahre später dauert der Krieg immer noch an und knüpft „Confronting the Shadow“ an den Vorgängern an. Nicht im Berliner Festspiele-Stammhaus, sondern im Ballhaus Ost, einer der umtriebigsten Freie Szene-Bühnen der Stadt, erleben wir knapp 2,5 Stunden, die sprunghaft Themen antippen, Figuren und Motive mixen und mit Genres spielen. Dokumentarische Auftritte eines kriegsversehrten Veteranen stehen recht unverbunden neben Ausflügen in die US-Pop-, Kino- und TV-Kultur von Marge Simpson bis David Lynch sowie Exkursen in die Theatergeschichte von William Shakespeare bis Heiner Müller. Viel Ironie, etwas Slapstick und Klamauk runden den Kessel Buntes, dessen Grundtenor ist: Der Westen soll den Verteidigungskampf der Ukraine nicht vergessen. Eine Politkabarett-Nummer rekapituliert das zähe Ringen um die Lieferung der Leopard-Panzer, bevor es den nächsten Seitenhieb gegen erfolgreiche russische Künstler*innen wie Kirill Serebrennikow, Marina Davydova und Timofej Kuljabin gibt, die weiterhin größere Bühnen bekommen als die ukrainischen Exilanten.
Dramaturgisch ist der ursprünglich für eine Stunde angesetzte Abend, der mehr als doppelt so lang wurde, recht holprig. Ungeschickt geplant war, dass die Zeit für den Shuttle-Transfer von der anderen Festival-Vorstellung „Four Walls“ vom HAU in den Prenzlauer Berg viel zu optimistisch kalkuliert war, so dass sich der Beginn fast um eine halbe Stunde verschob und das Publikumsgespräch erst kurz vor Mitternacht beginnen konnte. Vielleicht wäre es dem ukrainischen Team gelungen, einige Gedanken zu den wichtigen Fragen ihrer Arbeit präziser zu präsentieren, aber nach einer langen Arbeitswoche ist ein Mitternachtstalk nur noch für die wenigsten ein sinnvolles Angebot.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/28/confronting-the-shadow-performance-kritik/