Mozartkugel für Mielke

12. Juli 2025. Die Berliner Sommertradition, Opernklassiker an besonderem Ort patriarchatskritisch und unterhaltsam auseinanderzunehmen, wird fortgesetzt: Die fünfte Ausgabe der Festivalreihe "Berlin is not…" bringt Mozarts Zauberflöte in die alte Stasizentrale in der Normannenstraße. 

Von Frauke Adrians

"Die Zauberflöte" in der Stasi-Zentrale © Peter van Heesen

12. Juli 2025. Berlin is not Salzburg, oder doch. Wenn man, was bereits im Anfangsstadium dieses Abends geschah, Salzburg mit Mozart assoziiert und Mozart mit der Zauberflöte, dann ist die Salzburgisierung Berlins weit vorangeschritten. In den drei großen Opernhäusern der Stadt, rechnete das Theaterensemble der Mildred-Harnack-Schule vor, seien vier Zauberflöten-Inszenierungen auf den Spielplänen, "keine davon ist überarbeitet" – meint: keine davon setze sich mit dem Sexismus, dem Rassismus, der Altersdiskriminierung in dieser Oper auseinander. Ein unhaltbarer Zustand, den zu beheben das Theaterprojekt und Festival "Berlin is not Salzburg" antrat.

Im Ernst: Sexismus in der Oper – von Monteverdi bis Strauss und darüber hinaus - zu diagnostizieren, ist keine Kunst und nicht neu. Man könnte die gleiche Übung in der Literatur und im Schauspiel wiederholen und käme zur immer ähnlichen Erkenntnis, dass das Frauenbild in vergangenen Jahrhunderten aus heutiger Sicht skandalös, die Fremdenfeindlichkeit atemberaubend und der Umgang mit Minderheiten jeglicher Art unhaltbar ist. Die Gründe aufzuzählen, warum sich eine "überarbeitete" Fassung der Zauberflöte dennoch nicht durchsetzen wird, ist müßig. Aber wenn es den Mitwirkenden so viel Spaß macht, Mozart – dessen Zauberflöte viel mehr mit Wien als mit Salzburg zu tun hat – neu zu frisieren: bitte, gern!

Ohrenbetäubender Flötenunterricht 

Die Mitwirkenden sind Solokünstler*innen und Ensembles, deren Performances im Außen- und Innenbereich der Stasizentrale Lichtenberg keinen stringenten Theaterabend ergaben, eher eine Revue. Den Auftakt machten die Schüler*innen der Harnack-Schule mit einem Kurzstück, das Elemente der Zauberflöte mit solchen aus Shakespeares "Hamlet" zusammenbrachte und an einer Begründung dafür arbeitete, warum die Zauberflöte diesmal ausgerechnet in der Normannenstraße spielte; netter Versuch. Als nächstes übernahmen Hannsjana und das integrative Theater Thikwa mit einer hinreißenden Performance, die aus der vielgeschmähten Block- eine wahre Zauberflöte machte.

Zauberfloete4 1200 PetervanHeesen© Peter van Heesen

Das war Mitmachtheater im besten, wenn auch ohrenzerreißenden Sinne: An das Publikum vor der Open-Air-Bühne wurden Billigblockflöten verteilt, selbst Neulinge lernten im Crashkurs, Paul McCartneys "Hey Jude" flötend zu begleiten. Zuvor beschäftigten sich die in Superheldinnen-Kostümen steckenden Hannsjana- und Thikwa-Schauspielerinnen mit dem Phänomen des bildungsbürgerlichen Musikunterrichts, erwürgten eine überdimensionale Pappmaché-Blockflöte und leiteten das Publikum mit Textplakaten zum Zauberflöten-Mitsingen an ("meine Tochter nümmermehr"). Ein Vergnügen.

Vogelfänger-Rap

Musikalisch am nächsten dran an der Zauberflöte waren die drei genderfluiden Schlangenknaben, die im weiblichen Sopran, aber bärtig ein Who-is-who des Singspiels aufführten, einen Vogelfänger-Rap und eine Jodeleinlage mit Alphornbegleitung einlegten und von einem miesen Popsong im 80er-Jahre-Stil die Kurve zur Rachearie der Königin der Nacht kriegten. Unter Schmerzen gebaren sie eine riesige Mozart- und eine Schikanederkugel und stellten den per Séance herbeigerufenen Schikaneder wegen seines rassistischen Librettos zur Rede. Der redete sich mit der Aufklärung heraus; nichts Neues auch hier.

Outdoor im Dauerregen

Da der Abend endgültig im Dauerregen unterzugehen drohte, wurde die Drag-Show der "König*innen der Nacht" in den früheren Stasioffiziersspeisesaal verlegt. Da tanzten die gazellengleichen Sasha Glam und Bibingka zu "I am what I am" und "Rock me Amadeus", da feierte Dragqueen Kaey ihren Widerstand gegen Regenbogenfahnenverbote am Reichstag, Glitzerkleider flatterten im Windmaschinensturm; nie war mehr Lametta. Den Schlusspunkt setzten the Toten Crackhuren auf der Einhornfarm, dem Wetter zum Trotz, mit einem Outdoorkonzert.

Zauberfloete5 1200 PetervanHeesen© Peter van Heesen

Warum das alles ausgerechnet in der Stasizentrale? Nur wegen des Kontrasts: die hässlichsten aller Berliner Gebäude und "Dies Bildnis ist bezaubernd schön"? Oder, wie das Programmheft nahelegt, weil "der Ost-Berliner Macht- und Männertempel" etwas mit Sarastros Männerbund zu tun hätte? Weit hergeholt. Aber der Gedanke ist schon nett: Wenn Mielke das alles sehen könnte, die riesige Mozartkugel, den schnurrbärtigen, nichtmännlichen Moderator BroKolya und die virilen Diven und Drag-Ladys! In seinen heil'gen Hallen! Wunderbar.

Die Zauberflöte
von Wolfgang Amadeus Mozart und Glanz&Krawall
Künstlerische Leitung und Produktionsleitung: Marielle Sterra und Dennis Depta, Geländegestaltung: Katarina Stefanakos und Michael Otto, Bühnenbild: Helene Scheithe.
Mit: the Toten Crackhuren auf der Einhornfarm, Hannsjana & Theater Thikwa (Laura Besch, Deniz Dogan, Jule Gorke, Jasmin Lutze, Anne-Sophie Mosch, Rachel Rosen, Katharina Siepmann, Marie Weich), den Schlangenknaben (Jakob*, Carla Wierer, Viola Schmitzer), Kaey, BroKolya, Sasha Glam, Bibingka, Schüler*innen der Mildred-Harnack-Schule.
Premiere am 11. Juli 2025
Dauer: 4 Stunden, keine Pause

www.berlinsinot.de

Kommentare  
Zauberflöte, Berlin: Inklusiv, offen
Wir reisen extra an aus dem tiefen Westen :)

Einfach jedes Mal ein Abenteuer. Dieses Mal ein sehr bekanntes Stück, selbst für Leute die sonst Opern meiden eine klare Empfehlung! Kritisch wird die Geschichte aufgegriffen, neu interpretiert und auf erfrischende Weise umgesetzt.

Für jung und alt, inklusiv, offen!!
Zauberflöte, Berlin: Nicht verpassen!
Ich war gestern vor Ort. Kurz gesagt: wer es nicht gesehen hat, hat definitiv etwas verpasst.
Zauberflöte, Berlin: Bravo
Grandioses Spektakel!!! Trotz oder wegen des Regens - wir wissen es nicht. Unbedingt anschauen! Wer braucht schon Mozart, wenn wir Glanz und Krawall haben.
Berlin is not Salzburg, Berlin: Bewusst kritisch
Mozarts die Zauberflöte kann man wie ich gelernt habe gleich 4 mal in der gleichen Fassung in allen Berliner Opern erleben, aber nur in der Stasizentrale in Lichtenberg wird das Werk bewusst kritisch, bunt und mit viel Witz aufgeführt. Trotz des schlechten Wetter auf jeden Fall ein Besuch wert.
Zauberflöte, Berlin: Queer und antirassistisch
Wir waren am Samstag da und waren begeistert. Coole Schüler:innen, tolle Drag-Queens und -Kings, inklusive Theater und was für tolle Bands. Es ist definitiv richtig, einen kritischen Blick auf Opern zu werfen, vor allem, wenn es so vergnüglich ist. Die Bühne ist kein Museum!
Zauberflöte, Berlin: Kunst noch Kunst
Hier ist Kunst noch Kunst. Kein Gatekeeping, kein Hochglanz - einfach Menschen die kreativ sind und das teilen - aus allen Bereichen und allein dabei Kritik üben.
Wichtiger denn je finde ich : solche Projekte/Events/Angebote im Kulturraum zu erhalten !
Trotz des Regens ein tolles Spektakel-vielleicht sogar eben wegen des Regens!( Abends Konzert im Sommerregen mit tanzenden Menschen um sich!). Und die Begeisterung der Mitarbeiter die trotz allem nicht litt. ->" Hervorhebung des Kunst ist hier noch Kunst! Und es wird Kunst der Kunst wegen gemacht, und nicht wegen der Bequemlichkeiten ❤️ grandios.
Zauberflöte, Berlin: Glanz & Krawall in Bestform
Wow, was für ein Spektakel! Die vielen Kooperationspartner:innen haben uns alle wahnsinnig beeindruckt. Ob Hansjana, Thikwa, die Drag Queens die Schlangenknaben, die Band "The toten Crackhuren" oder die spielenden Schülerinnen... alle waren für sich schon beeindruckend! Und dank Glanz& Krawall war das Ganze so lebendig und aufregend in Szene gesetzt, an diesem spannendsten Spielort Berlins - der ehemaligen StasiZentrale. Es ist jedesmal so eine krasse Erfahrung, wenn an diesem Ort der rigiden (und nicht zuletzt patriarchalen) Überwachung jetzt so diverse Gruppen auftreten und gemeinsame Visionen entwickeln. So sieht lebendige Erinnerungskultur aus!

Als es am Sonntag Abend endete, war allem auf und vor der Bühne klar, dass hier was ganz Großartiges stattgefunden hat. Danke an alle Beteiligten!
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