Bülowstraße - Grips Theater Berlin
Für immer Fan
21. Februar 2025. Das Berlin-Musical ist das Erfolgs-Genre des Grips Theater. Jetzt wurde mit "Bülowstraße" nachgelegt. Der Stoff über eine 19-Jährige, die durch eine Berliner Party-Nacht taumelt, bleibt hitverdächtig. Den Treibstoff liefert das gleichnamige Konzept-Album von LEA.
Von Christian Rakow
"Bülowstraße" nach dem gleichnamigen Album von LEA, Text von Juri Sternburg, von Sigrun Fritsch am Grips Theater Berlin inszeniert © David Baltzer / Bildbühne
21. Februar 2025. Das ist der Stoff, aus dem Hits gemacht sind. Ein Mädchen taumelt durch Berlin, will in diesem Moloch von einer Großstadt bestehen, will mit sich selbst ins Reine kommen, aber der Dreck ist hartnäckig. Sie trudelt hierhin, dorthin, durch den Kiez, in Kneipen, an Bahngleise, schwimmt mit dem Strom, trifft Menschen, die auch schwimmen, Menschen wie Treibholz. Alles ist mit poppiger Musik unterlegt und von Schauspielern verkörpert, die wirklich extrem gut singen und die, egal wie alt, eine sagenhafte Jugendlichkeit ausstrahlen. Eine Hommage ans Berliner U-Bahnnetz gibt’s obendrauf.
Ja, wir sind am Grips Theater. Und nein, es geht nicht um den Urklassiker "Linie 1". Zumindest noch nicht. Das neue Musical heißt "Bülowstraße", entworfen nach dem gleichnamigen Konzeptalbum der Sängerin Lea, die in der Zielgruppe der 15- bis 19-jährigen seit ihren selfmade Anfängen auf YouTube 2017 eine stabile Größe ist, auch schon einige Ehrungen abgeräumt hat. Autor Juri Sternburg hat nach den Songs des Albums die Figuren des Theaterabends modelliert, schickt sie in kurze Spielszenen, die wiederum vor allem dazu da sind, die live intonierten Lieder zu Liveband-Begleitung anzuschieben.
Atemlos durch Berlin
Wir erleben die 19-jährige Mila und ihren Freundeskreis, irgendwo im titelgebenden Bülowstraßen-Kiez in Berlin-Schöneberg. Das Mädchen: im Dauersuff, schleppt sich von Party zu Party, in geflickter Jeans-Jacke, sympathisch verpeilt, bezwingend in ihrer Sehnsucht nach Zuneigung. Johanna Meinhard spielt sie, und sie spielt hinreißend, singt hinreißend. Sie ist das Gesicht des Abends. An ihrer Seite: zwei liebevolle Sidekicks, die den Absprung aus dem komatösen Jugendleben suchen: Timur (Daniel Pohlen), ihr engster Kumpel, der ihr sein Schwulsein verheimlicht, und ihre Freundin Yasmin (bei der Premiere Berit Vander für die erkrankte Lisa Klabunde), die für die Schauspielschulaufnahme probt und sich den anderen langsam entfremdet.
Eine Clique irgendwo im Kiez: "Bülowstraße" mit vorne Johanna Meinhard als Mila © David Baltzer / Bildbühne
An das Trio docken hier und dort weitere Figuren an: Jens Modalski als Jerome, Quasi-Lover von Mila, Slacker, Taugenichts, mit "Aperol" am Start, nicht gerade der Mann fürs Leben. Milas Eltern (René Schubert, Katja Hiller): Totalausfälle, versoffen, zerstritten. Immerhin gibt’s den Kneipier im "Würfelbecher" (Marcel Herrnsdorf), mit dem Mila im Duett den Mond besingen kann. Denn in den Songs sagt man sich, wie es ist, wie man fühlt, wohin man sich träumen wollte, wenn träumen noch möglich wäre.
LEAs Deutschpop spät in der Nacht
Und hier muss nun doch "Linie 1" zur Sprache kommen. Weil es gezeigt hat und immer noch zeigt (es steht ja nach wie vor im Spielplan), wie konkret so ein Berlin-Musical ausschauen kann, wie beiläufig es über die Linden am Görlitzer Park spricht und dabei gigantisch weit ausgreift. Wie es das Lebensgefühl des ganzen untergehenden West-Berlins und West-Deutschlands der 1980er einzufangen vermochte. No future, aber etwas Zweisamkeit geht immer. Und Ohrwürmer finden sich auch. In Fülle.
Früh am morgen? In der Berliner Party-Nacht: Jens Mondalski und Johanna Meinhard © David Baltzer / Bildbühne
Gerade hiergegen schmiert das ähnlich gelagerte "Bülowstraße" denn doch ein wenig ab. Nicht weil Regisseurin Sigrun Fritsch (die vom Opernfach kommt) das musikalisch nicht astrein in die Arena bringen würde, in diesen engen, stets irre pulsierenden Raum des Grips Theaters, den Fritsch als Bühnenarrangeurin durch Videos mit Stadtansichten aufreißt. Es sind kurioserweise die den Abend inspirierenden Songs, die man sich eigentlich schöntrinken müsste (wenn man als Kritiker nicht berufsbedingt zur Nüchternheit verdonnert wäre). Das ist geglätteter Deutschpop in Silbermond-Tradition, gelegentlich biegt er auch mal zu Helene Fischer ab, schlagert und schnulzt, und häuft eine Schablone auf die nächste: "Manche Gefühle, die hören nie auf…", "Du bist so anders, aber doch so wie ich / Und gibst mir Mut …", "Das Einzige, was zählt, ist nur das Jetzt...". So blümelt und wolkelt es und hat dann ungefähr noch so viel mit Berlin zu tun wie mit Buxtehude oder Basel oder whatever.
Viel Herzblut
Klar kann man sagen: Wenn schon die Fußgängerzonen immer ähnlicher werden und die Einkaufscenter-Menschen immer gleicher, wenn die Popmaschine allerorten ölig schnurrt, dann ist genau das vielleicht der authentische Ausdruck unserer Gegenwart, der Klang unseres Lebensgefühls. Aber ehrlich, das geht von Nina Chuba bis Schmyt schon auch origineller.
Lea bei der Zugabe mit dem Song "Mutprobe"
Das Gute jedoch: Es spielt höchstwahrscheinlich gar keine so große Rolle. Denn wenn sie eines am Grips können, dann mit Herzblut über jeden Makel hinwegspielen. Im tiefsten Einverständnis mit einem Publikum, das hingebungsvoll mitgeht, das am Schluss frenetisch johlt und trampelt und auch die Zugabe abfeiert, bei der Premiere mit Auftritt von Lea höchstpersönlich. Wer als Fan kam, wird als Fan gehen. Und für alle anderen gibt es Bier an der Bar.
Bülowstraße
nach dem gleichnamigen Album von LEA | Text von Juri Sternburg
Nach einer Idee von Konstantin Scherer
Musik und Songtexte von Lea-Marie Becker, Konstantin Scherer, Robin Haefs, Wim Treuner u.a.
Regie und Bühne: Sigrun Fritsch, Bühne: Sönke Ober, Kostüme: Pierre-Yves Dalka, Choreografie: Luka Marie Putniņa, Video: Jānis Putniņš, Musikalische Konzeption/ Music Supervisor: Konstantin Scherer, Robin Haefs, Wim Treuner, Musikalische Leitung und Arrangements: Caspar Hachfeld, Szenische Musik: Konstantin Scherer, Wim Treuner, Caspar Hachfeld, Phil the Beat, Thilo Brandt, Jonathan Walter, Bojan Assenov, Album BÜLOWSTRASSE: Urheber & Verlage BÜLOWSTRASSE, Dramaturgie: Tobias Diekmann, Theaterpädagogik: Gitanjali Schmelcher, Jana van Beek, Martin Krappmann, Lea Wendschuh.
Mit: Johanna Meinhard, Berit Vander, Lisa Klabunde, Daniel Pohlen, Marcel Herrnsdorf, Jens Mondalski, Katja Hiller, René Schubert, Julia Horváth, Caspar Hachfeld, Hui-Fang Lee-Kronenberger.
Premiere am 20. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause
www.grips-theater.de
Kritikenrundschau
Ein "Coming-of-Age-Songbook über Brüche mit den Eltern, Freundschaften, die auseinanderdriften, und den Wunsch nach Zugehörigkeit und Zusammenhalt", erlebte Patrick Wildermann für den Tagesspiegel (22.2.2025) am Grips Theater. Es gehe "vor allem darum, über die Songs ein Lebensgefühl zu transportieren. Das gelingt vor allem der singenden Hauptdarstellerin Johanna Meinhard großartig (bei der stürmisch geforderten Premieren-Zugabe auch im Duett mit Lea). Sie vermittelt, was es bedeutet, Fuchs zu sein."
Für die Morgenpost (22.2.2025) berichtet Elena Philipp: "'Bülowstraße' wird sicher ein Hit. Die Schauspielerinnen und Schauspielern sind hervorragend, als Gesangs-Profis und charismatisch-agile Darsteller." Beglückt verlasse die Kritikerin das Theater dennoch nicht: Im Vergleich zu "Linie 1" fehlten in "Bülowstraße" Lokalkolorit und Berlin-Flair "fast völlig"."Die Konflikte der Figuren, ihr inneres Ringen, werden in Text und Song vermittelt, aber selten schauspielerisch ausagiert."
"Johanna Meinhard und das Ensemble performen die LEA-Songs aus ihrer jeweiligen Rolle heraus, was dem Liedtext eine bezwingende Unmittelbarkeit gibt", berichtet Katja Kollmann in der taz (24.2.2025). Juri Sternburgs "kurze, prägnante Dialoge machen komplexe zwischenmenschliche Beziehungen sichtbar. Es sind in ihrer Lebensrealität sehr konkrete Figuren, die hier gezeichnet werden. Sternburg gibt jeder Figur ihre eigene Aufrichtigkeit. Er bettet LEAs Bülowstraßen-Lieder organisch in die Textvorlage ein und so entsteht ein ziemlich genialer Synergieeffekt: LEAs Songs gewinnen durch die Bühnenerzählung an Tiefe, gleichzeitig kommt die Handlung durch die diskrete, genaue Poesie der Lieder zu einer emotionalen Essenz, die berührt."
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