Berlin Kleistpark - Maxim Gorki Theater
Den Eidechsenschwanz tragen
12. Dezember 2021. Nach Oranienplatz nun "Berlin Kleistpark": In seinem neuen Abend am Maxim Gorki Theater baut Regisseur Hakan Savaş Mican viele Filmszenen ein, in denen es durchs nächtliche Berlin geht. Die Stadt als Transitbereich der Identitäten. Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte - und eine Mutter-Sohn-Beziehung.
Von Stephanie Drees
Durch die Stadt: "Berlin Kleistpark" © Ute Langkafel
11. Dezember 2021. Gegen die Wand. Knock, Knock, die Fingerknöchel hauen gegen eine Stelle, es klingt hohl und Moria sagt "dünn wie Papier". Adem, ihr Freund, Gefährte, Liebhaber, Lebensabschnittsgefährte und Noch-Nicht-Ehemann (ja, genau, hier liegt schon mal ein Hase ganz tief im Pfeffer) kann beschwichtigen: Die sei keine "tragende", die könne man rausreißen. Dann habe sie das, was sie immer wollte: ein "amerikanisches Wohnzimmer". "Das wird ganz schön eng hier für uns beide", ist einer von Morias passiv-aggressiven Spitzen in dem kurzen Gesprächsgame, das die beiden offensichtlich schon viele Mal gespielt haben. "Warum bist du so aggressiv?", fragt sie. "Aggressiv sein", sei eben bei ihm als Türke so etwas wie ein Hobby, antwortet er.
Also, Kopfsprung in die verbale Pärchen-Rollenprosa. Selbstironie der reflektierten Großstadtneurotiker? Es spricht auf den ersten Blick vieles für diese Exposition in Hakan Savaş Micans "Berlin Kleistpark", dem zweiten Teil seiner "Stadt-Trilogie". Mican inszeniert sein Stück am Maxim Gorki Theater selbst.
Schönste Stadtkulissen
Wie schon im ersten Teil, Berlin Oranienplatz, in dem er den jungen, verkrachten Großstadtcowboy Can am letzten Tag vor seinem Haftantritt durch das urbane Dickicht ziehen lässt, gibt es eine weitere Protagonistin, die nicht im Programmheft aufgeführt ist: Die Stadt, in deren Schoß die Stories von Ankommen, Bleiben, Begegnung und (Selbst-)Verortung liegen. Das gefilmte Berlin ist hier auch ein Transitbereich der Identitäten. Die Figuren sitzen in Autos und Zügen, Bilder der Schöneberger Straßenzüge Nähe Kleistpark werden immer wieder in das Bühnenbild hineinprojiziert – oder, anders: sind Teil dieses Bühnenbilds.
Ein Guckkasten steht auf der Bühne. Projiziert wird auch auf den Rahmen des Kastens, auf ihm sehen wir durch die Auslassung in der Mitte nur Teile der Bilder, die wir auf der Rückwand in Gänze sehen. In der Mitte steht eine Jazzband und spielt Live-Musik. Französische Chansons, Lieder mit Motiven aus der türkischen Musiktradition, gesungen von der Schauspielerin Sesede Terziyan, die Moria spielt. In sich verschachtelte Bühnenmittel und verschachteltes Erzählen. Großer Budenzauber.
Großstadtcowboys unterwegs: Taner Şahintürk am Steuer, Sesede Terziyan am Mikrofon © David Baltzer / bildbühne.de
Was so – man muss es angesichts der Beliebtheit von Wohnungskauf-Szenen in der Gegenwartsdramatik so bezeichnen – schon fast klischeehaft boulevardesk seinen Anfang nimmt, stellt sich erzählerisch schnell als größer konstruiert heraus. Moria und Adem haben verschiedene kulturelle Wurzeln, er türkische, sie israelische.
Ankommen oder Abhauen
So weit, so wenig spektakulär, mag man angesichts ihrer Verwurzelung in Deutschland sagen, denn es vereint sie (zumindest an der Oberfläche) mehr, als sie trennt: Beide haben studiert, beide sind erfolgreich in der Juristerei, beide können sich den Kauf einer 4-Zimmer-Wohnung in der Skalitzer Straße leisten. Hypothetisch. Denn subkutan haben beide auch gemeinsam, dass sie der Sache mit der Bindung, die eine gemeinsame Wohnung hochsymbolträchtig mit sich bringt, nicht so richtig trauen.
Moria, die Sesede Terziyan in einer interessanten Mischung aus forschender Weltneugier und hochkonzentrierter Verletzlichkeit spielt, überlegt noch, ob sie nicht in den Melting Pot New York abhauen soll. Größere berufliche Chancen, mehr Aufregung und weniger Diskriminierung aufgrund dieses "Eidechsenschwanzes", der sich Familiengeschichte nennt und den Menschen mit Migrationsgeschichte unweigerlich hinter sich herziehen – wie ihre Freundin Lea während einer Zugfahrt bemerkt. Adem hingegen ist in einer spätpubertären Entwicklungsphase steckengeblieben. Ein großer, Schlager schmetternder Junge. Einer von der Ja-aber-Fraktion, der Schwierigkeiten hat, sich emotional einzulassen. About a boy.
Star im Hintergrund
Recht schnell wird klar, dass er seine Liebesbeziehung nicht erden kann, solange er die Beziehung zu einer anderen Frau seines Lebens nicht klar hat: Meryem, seiner Mutter. Und, wie so oft, hält der Besuch der (Schwieger-)mutter ein Brennglas auf all die Fragen, die wir an erster Stelle mit uns selbst klären müssen: Wer, wo mit wem wollen wir sein. Und was nicht.
Diese Meryem ist der eigentliche Star, sowohl im Stück als auch in der Inszenierung. Einerseits eine hemdsärmelige, traditionsbewusste Frau, die klischeehaft viel über Sesamringe, Kinderkriegen und das Glück der Familie spricht. Anderseits eine dandyhafte, dauerrauchende, lebenshochintelligente Diva, die der Schwiegertochter in spe nach ihrer Offenbarung, die Tochter eines israelischen Generals (so ein "Metzger" wie Ariel Scharon) zu sein, flugs die Verschwesterung anbietet. Çiğdem Teke und Sema Poyraz spielen Meryem an den Enden dieses Spannungsfeldes.
Mutter-Sohn-Beziehung mit offenen Fragen: Taner Şahintürk und Çiğdem Teke © UteLangkafel MAIFOTO
Wie schon in "Berlin Oranienplatz" verblendet Hakan Savaş Mican Theater und Film. Auf einen Bühnendialog der (wirklich guten) Schauspieler:innen folgt eine Filmszene, in der Adem mit seiner plötzlich gänzlich anders aussehenden Mutter im Auto durch Berlin fährt. Nicht nur für Rückblenden und zeitliche Sprünge nutzt Mican diesen Effekt. Die Mutter scheint für Adem ein anderer Mensch zu sein, als sie plötzlich (heimlich schwerstkrank und totgeweiht) in seinem Anfangvierziger-Leben steht und reinen Tisch machen will.
Einst für das Schuften in einer Fabrik nach Deutschland gekommen, ließ sie ihren Sohn als Kind in der Türkei. Nun lebt sie wieder in ihrem Heimatland, der erwachsene Sohn in Deutschland. Hinsichtlich vertrauensvoller Mutter-Sohn-Bindung hätten die beiden also einiges zu klären.
Viel Show, punchy Dialoge
Leider lösen sich all diese vielversprechenden Regie-Ideen dramaturgisch nicht wirklich ein. Es gibt viele Geplänkel-Gespräche, die zeigen sollen, wie es unter der Oberfläche in den Charakteren brodelt. Es gibt wenig Entwicklung und viel Show, einige punchlinige Dialoge, bevor, ja…Was eigentlich? Das neue Leben beginnen kann? Zumindest scheint dieses anzuklopfen.
Zur Live-Musik drapiert der Abend verblüffend klischeehafte Filmbilder. Ihre Zeichensprache erinnert mitunter an die von Schmusebarden-Videoclips: Die Kamera folgt Moria, wie sie langsam die Treppen einer U-Bahnstation erklimmt oder fängt bedeutungsschwer ein, wenn sie die Vorhänge an den Fenstern ihrer neuen Wohnung kraftvoll zur Seite schiebt. All das ist gleichermaßen bemerkenswert und schade, denn Hakan Savaş Mican geht an diesem Abend einem spannenden, wenig beleuchteten Thema nach: der abwesenden, der arbeitenden, der für die Arbeit emigrierten Mutter. Aber, das muss man der Fairness halber festhalten: Sesede Terziyan kann toll singen.
Berlin Kleistpark
2. Teil der Stadt-Trilogie
Text und Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Alissa Kolbusch, Musik: Jörg Gollasch, Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Natalie Plöger, Lizzy Scharnofske, Video: Mikko Gaestel, Kostüme: Miriam Marto, Licht: Arndt Sellentin, Dramaturgie: Yunus Ersoy, Holger Kuhla, Livemusik: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Natalie Plöger, Lizzy Scharnofske.
Mit: Sema Poyraz, Abak Safaei-Rad, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Çiğdem Teke, Sesede Terziyan, Mehmet Yılmaz.
Premiere am 11. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.gorki.de
Kritikenrundschau
"Berlin Kleistpark" sei "erkennbar der persönlichste Teil von Micans Stadt-Trilogie – ohne dass die Geschichte je privat würde", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (13.12.2021). "Sentimental" werde sie schon gar nicht, dafür sorge schon Micans "Talent für treffsichere Screwball-Comedy". Dem Abend gelinge eine "mehrschichtige Erzählung (...), die fassbar macht, was es bedeutet, im wahrsten Sinne aneinander vorbei zu leben", so der Kritiker.
"Migration macht etwas mit Menschen. Und mit Familien. Beidem spürt Mican nach", so Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (13.12.2021). Er verknüpfe Filmisches mit Dokumentarischen, Film mit Theater und Musik mit Emotionen. "Alles verwebt Mican zu einem warherzigen und sehr persönlichem Abend." Was Hakan Savaş Mican wirklich gut kann: Beziehungen zwischen Menschen erzählen, die Zwischentöne, die Untertöne, die Verletzungen.
"Man sollte viel öfter in Berlin spazieren gehen und dieser Stadt zuhören. Mican öffnet einem dafür Ohren, Augen und Herz. Seine Theaterabende verfügen über die Kraft echter Begegnungen. Man möchte fast von Heimatgefühl sprechen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (online 12.12.2021)
Mican verarbeite Autobiografisches, kulturelle Zerrissenheiten zwischen der Türkei und Berlin. In Videoprojektionen ziehen Berliner Stadtlandschaften über die gesamte Bühne vor den Augen des Publikums vorbei, so Eberhard Spreng im DLF Kultur heute (12.12.2021). "Die Stärke der Aufführung liegt sicher nicht in detaillierter Seelenerkundung sondern in ihrer medialen Verknüpfung bis hin zu Chanson und Varieté, für deren Musik ein Band in der Bühnenmitte sorgt." Fazit: Eine Großstadtballade mit starken melancholischen Einfärbungen und vielen Momenten existentieller Unbehaustheit.
"Einsame Nachtbilder" verzahne Hakan Savaş Mican mit "den Live-Szenen auf der Bühne", was den Filmregisseur erkennbar werden lasse, so Barbara Behrendt im rbb (12.12.2021). Dieser Teil der Trilogie wirke zudem "deutlich härter, hoffnungsloser, weniger schwärmerisch" als sein Vorgänger. Durch die "wechselnden Schauspieler, die verschiedenen Zeiten und Filmsequenzen" sei er aber auch "kryptischer und verworrener". Dennoch: Das Schicksal einer ganzen Einwanderergeneration sei "so noch nicht erzählt" worden.
Mican, "ein kluger, warmherziger Geschichtenerzähler", blicke mit dieser Arbeit auf "seine eigene Familiengeschichte", berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (14.12.2021). "Die Raffinesse der berührenden Inszenierung liegt unter anderem darin, die Einsamkeit der Mutter, die Fremdheit ihres Sohnes nicht zu verkitschen, sondern genau, ratlos und nüchtern zu zeichnen und mit trockener Komik auszubalancieren. Sichtbar wird das lebenslängliche Echo der Kindheit von Arbeitsmigranten, die überfordert versuchen, sich in der Fremde zurecht zu finden."
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Liebe:r "JarvisBln", Regisseur und Haus betiteln den Teil selbst als zweiten der "Stadt-Trilogie", diese bezieht sich offensichtlich auf die Arbeiten, die am Maxim Gorki Theater gezeigt wurden / werden:
https://www.gorki.de/de/berlin-kleistpark
Viele Grüße aus der Redaktion
Oranienplatz sollte im Frühjahr 2020, Kleistpark im Frühsommer 2020 herauskommen, KarlMarxPlatz im Herbst 2020.
War auf Gorki & NeuKöllnerOper - Seite mal so angekündigt .
An eine Soap aus dem Nachmittagsprogramm erinnert tatsächlich der Plot über die Liebe zwischen Lisa aus Marzahn (Sesede Terziyan) und Cem aus Neukölln (Taner Şahintürk). Kurz nach dem Mauerfall finden die beiden trotz aller Widerstände zueinander. Vom Alltagsrassismus, den vor allem Lisas Großvater, ein Staatsopern- und Schubert-Afficionado (Falilou Seck) verinnerlicht hat, über die rassistischen Brandanschläge der 1990er Jahre bis zu dem für viele Ostdeutsche schmerzhaften Prozess, die Regeln des Kapitalismus im Crashkurs zu lernen, packen Mican und sein Team eine Überfülle von Themen in die mehr als zwei pausenlosen Theaterstunden. Und ja, leider trieft hier am Ende auch der Kitsch, wenn die Familie wieder zueinander findet.
Dass sich dieser Abend aber dennoch lohnt, liegt an der musikalischen Qualität des Ensembles und Peer Neumanns Live-Band. Mican kann wieder mit seinem Theatertreffen-Traumpaar Sesede Terziyan/Taner Şahintürk auftrumpfen. Alissa Kolbusch hat ihnen auf die Gorki-Bühne einen Laufsteg gebaut, auf dem sie gemeinsam mit Anastasia Guareva und Falilou Seck zu großer Form auflaufen. „Berlin Karl-Marx-Platz“ wird zur emotionalen Rockoper: Hits und Balladen von Nick Cave, Queen, Nine Inch Nails werden hier in perfekten Arrangements fast im Minuten-Takt abgefeuert.
Wenn Sesede Terziyan ihr „I want it all“ in den Saal schmettert, ist das durchaus programmatisch gemeint. Intendantin Shermin Langhoff und ihr Team biegen auf die Schlusskurve ein, aber nicht mit leiser Wehmut, sondern mit vollem Elan. Im Rahmen des 7. und letzten Berliner Herbstsalons jagt in diesen Wochen eine Premiere die nächste.
„Berlin Karl-Marx-Platz – Ein letztes Liebeslied“ hatte am 1. November 2025 auf der Gorki-Bühne und ist die Neufassung einer gleichnamigen Musical-Produktion, die Mican 2021 für die Neuköllner Oper realisierte. Das Gorki kündigt es auf der Website als zweite Uraufführung „mit neuem Atem, neuem Text, neuer Musik, neuer Besetzung“ an.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/11/11/berlin-karl-marx-platz-gorki-theater-kritik
Im dritten Teil der Berlin Trilogie eine Ehegeschichte zwischen West und Ost, zwischen 1991 und 1999. Diesmal habe ich den Eindruck, dass der Geschichte „eine Richtung“ fehlt. Mag ja sein, das, was Sina als Unternehmerin „macht“, reale Vorbilder hat; mir kommt das sehr ausgedacht vor. Es wird grossartig gesungen, nur die Einlagen wirken wie Shownummern. Und ja, das ewige Problem: es ist zu lang … eine halbe Stunde …
Mican hat das Geschichtenerzählen zu einer stilistisch unverwechselbaren Form gebracht. Nun kann es (formal und inhaltlich) weitergehen …
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(Anm. Redaktion. Mit der Zusendung dieses Kommentars gestern hat etwas technisch nicht geklappt. Da ist kein Kommentar eingegangen. Herzlich, Christian Rakow)