I wish we all could be Surfin'

6. April 2025. Ein kleines Solo zur größtmöglichen Konfliktlage: Yousef Sweid erzählt aus seinem Leben im Nahen Osten und zeigt sich im Schnittpunkt diverser Identitäten: palästinensisch, israelisch, jüdisch, arabisch-christlich – auch berlinerisch. Stand-Up-Theater voller Lockerheit und offener Wunden.

Von Janis El-Bira

Yousef Sweids "Between the River and the Sea" am Gorki Berlin © Ute Langkafel MAIFOTO

6. April 2025. Wer vor den Komplexitäten des Nahen Ostens schon lange die Fahnen gestrichen hat, lasse sich besser nicht in die privaten Lebensumstände von Yousef Sweid einweihen: Akute Schwindelgefahr! Ein palästinensischer Israeli aus Haifa, aufgewachsen erst in einem arabisch-christlichen, dann jüdischen Umfeld, Geschiedener zweier israelischer Exfrauen, Vater von jüdisch-arabischen, vor allem aber: Berliner Kindern, Flat-White-Trinker und Schauspieler.

Im kleinen Studio des Gorki-Theaters hat er zusammen mit der Regisseurin Isabella Sedlak ein Solo eingerichtet, dessen hochbrisante Titelanspielung an diesem Abend – man erwähnt es aktuell gerne – weder Polizei noch Protest auf den Plan rief. Im Gorki-Betrieb allerdings, sagt Sweid gleich zu Anfang, sei man ein bisschen nervös geworden. Ganz zu Unrecht, wie sich schnell zeigen wird.

Stand-Up in konfliktreicher Umgebung

"Between the River and the Sea" ist so ziemlich das genaue Gegenteil einer Parole. Ein Stand-Up, minimalistisch bis zur Jogginghose. Bloß eine schmale Stunde im Theaterdunkel und doch irgendwie mittendrin in der kompliziertesten Konfliktlage dieser Welt. Aber vom Krieg, sagt Sweid, will er gar nicht sprechen, auch nicht vom 7. Oktober. Er tut es dann doch, kurz vor Ende, in einer Art mündlicher Zerfallschoreographie, die alles bis dahin in Worten und Gedanken Errichtete einstürzen lässt.

Und Sweid, der am Gorki schon in Arbeiten seiner Exfrau Yael Ronen auf der Bühne stand, beherrscht sie natürlich, diese wundersame theatermagische Kunst, aus Nichts was zu machen. Einen palästinensischen Aktivisten zum Beispiel, der ihn schon als Schüler für den Widerstand gewinnen will. Später seine Kumpel aus der israelischen Armee, die beim Basketballspielen von den Vorgängen an den Checkpoints erzählen. Den eigenen Vater, der von ihm verlangt, sein Arabersein nicht zu verleugnen. Auch den Sohn, dem das Wort Antisemitismus nicht einfällt, weil er in seiner internationalen Berliner Bubble nie damit konfrontiert wurde. Die ersten Freundinnen, jüdische und arabische Mädchen, die Arbeit im Kibbuz und die so seltsam verwandten Nachtleben von Tel Aviv und Ramallah.

Between the River 02 1200 Ute Langkafel MAIFOTOYousef Sweid im Studio des Maxim Gorki Theaters © Ute Langkafel MAIFOTO

Sweid schüttelt das alles leichterhand aus dem Ärmel. Mit Witz und im für gutes Erzählen notwendigen Bewusstsein, selbst der absolute Mittelpunkt zu sein. Und manchmal, zwischen aller überbetonten Lockerheit, reißen die Identitätszuschreibungen durch Andere auch Wunden, die kein Joke wieder zu schließen vermag: "Sie haben hier Angst vor dir, weil du Araber bist, und sie hassen dich, weil du Jude bist."

Flat White trinken und trinken lassen

Es ist eine Stärke dieses durchaus wärmenden Abends, dass Sweid sich den Rest jener Naivität seines kindlichen Ichs nicht nehmen lässt, das auf dem Schulhof schon rein sachlich nicht versteht, warum ein Mitschüler ihn einen "stinkenden Araber" schimpft. Und es wäre wohl zu zynisch, hier in manchen Momenten auch den Blick durch die Brille einer gebildeten, wohlständigen und interkulturell parkettsicheren Berlin-Mitte-Society zu erkennen, die gar nicht nachvollziehen kann, warum man sich für all das überhaupt noch die Köpfe einschlägt, statt längst gemeinsam vor der Küste des Gazastreifens auf dem Surfbrett zu stehen. Die alle Religiosität, die mehr beansprucht, als bloß kultureller Identitätsbestandteil zu sein, nur noch als Spaltprodukt aus tribalistischer Urzeit betrachten kann. Und die diesen ganzen Konflikt und alles, was an ihm dranhängt, zwar so richtig satt hat, aber auch nicht weiß, was man noch tun könnte. Yousef Sweid, immerhin, benennt seinen Teil entwaffnend ehrlich: Flat White trinken und trinken lassen. Wären doch bloß mehr wie er.

 

Between the River and the Sea
von und mit Yousef Sweid
Regie und Co-Autor*in: Isabella Sedlak, Musik: Thomas Moked Blum, Dramaturgie: Murat Dikenci, Dramaturgische Mitarbeit: Irina Szodruch, Lichtdesign: Team Studiobühne.
Mit: Yousef Sweid.
Premiere am 5. April 2025
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

"Ein schöner, kluger, lustiger und ungeheuer menschenfreundlicher Abend, den es gerade jetzt braucht", ist dies für Barbara Behrendt von rbb|24 (6.4.2025).

Kluger Witz grundiere den Soloabend, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (6. April 2025). “Was sich dabei in der Tiefenschicht unter dem befreienden Humor herausschält, ist eine sehr genaue Studie über Identitätskonstruktionen, mit denen die Selbstverständlichkeit des 'Dazwischen' verschwindet.”

"Gerade weil im Nahostdiskurs die Positionen oft klar, alle Argumente längst ausgetauscht sind, möchte man von den Nuancen, von Biographien wie Sweids, mehr hören", schreibt Anna Vollmer in einem Porträt des Abends für die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (15.6.2025).

Kommentare  
Between the River ..., Berlin: Ronens Handschrift
Diese Tonlage und diese Handschrift sind regelmäßigen Besuchern des Gorki-Theaters bestens vertraut: das lustvolle Spielen mit Identitätsverknäuelungen, das Durcheinanderwirbeln und Auseinandernehmen von Stereotypen, die ironische Lässigkeit, mit der Autobiographisches und Autofiktionales gemixt werden, der provozierende Titel, der auf eine Hamas-Parole anspielt. Das ist typisch Yael Ronen.

Doch die Meisterin der Polit-Komödie hat das Gorki nach vielen Erfolgen verlassen, seit der vergangenen Spielzeit arbeitet sie wieder an der Schaubühne und versuchte, den Schmerz über das Massaker vom 7. Oktober im Musical „Bucket List“ zu verarbeiten. Präsent ist sie an diesem eine Stunde kurzen Abend dennoch und das in mehrfacher Hinsicht: Natürlich schimmern ihr Stil und ihre Handschrift durch. Sie sitzt aber auch in Persona in der letzten Reihe Mitte, wo sie von Shermin Langhoff herzlich begrüßt wird, bevor die Intendantin weiter mit dem Abenddienst durch den kleinen Raum wuselt, um weitere Lücken zu finden, in denen noch mehr Interessenten ihren Platz finden könnten. Mit ihrem vollen Namen taucht Ronen darüber hinaus ganz explizit im Solo von Yusef Sweid auf, das er mit Isabella Sedlak entwickelt hat. Der palästinensisch-israelische Schauspieler lernte Ronen bei einer Theater-Produktion kennen, zog mit ihr nach Berlin und war mit ihr verheiratet.

Entgegen aller Befürchtungen des Betriebsbüros, die angesichts einschlägiger Erfahrungen und des provokativen Titels nahelagen, blieb es an diesem Premierenabend im Studio des Gorki-Theaters ruhig: kein Krawalll, keine Zwischenrufe. Stattdessen ein nachdenklich-heiterer Stand-up-Monolog eines Mannes, der Zeit seines Lebens immer wieder aufgefordert wurde und wird, in diesem seit Jahrzehnten andauernden Nahost-Konflikt Stellung zu beziehen. Dafür steht vor allem die Stimme seines Vaters, der längst im kanadischen Exil lebt, und die sich leitmotivisch in den Monolog einmischt und ein klares Bekenntnis zur palästinensischen Seite fordert. Doch Sweids Leben ist viel zu facettenreich und verknäuelt für derartiges Schwarz-Weiß, am wohlsten fühlt er sich fernab der Fronten in der multinationalen Berlin-Mitte-Bubble, wo die Digital Natives an ihren Apple-Devices bei Flat White oder ähnlichen Modegetränken an irgendwelchen Projekten werkeln. In dieser Bubble ist auch der Sohn von Sweid und Ronen aufgewachsen, der nach dem 7. Oktober seinen Vater angeblich fragte, was das eigentlich sei, dieser Antisemitismus, und dem das letzte Wort mit der Utopie eines friedlichen Trips von Istanbul nach Mekka ohne jede Grenzen gehört.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/06/between-the-river-and-the-sea-gorki-theater-kritik/
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