Anschwellender Nachtgesang

30. November 2024. Wenn das Leben zum Mythos wird: May Ayim war Aktivistin und gilt als ikonische Figur der Schwarzen Community in Deutschland. Ihre Bedeutung als große Dichterin wird dabei leicht verdeckt. Lamin Leroy Gibba macht sich auf, die Spuren von Ayims Poesie neu zu lesen.

Von Esther Slevogt

"Blues in schwarz weiss" von May Ayim am Maxim Gorki Theater © Ute Langkafel MAIFOTO

30. November 2024. Das Gedicht, das auch diesen Abend überschreibt, kommt ganz am Ende: "Blues in schwarz weiss" von May Ayim, kurz nach der Wende entstanden. "während noch immer und schon wieder / die einen verteilt und vertrieben und zerstückelt werden / die einen / die immer die anderen sind und waren und bleiben sollen erklären sich die / eigentlich anderen / zu den einzig wahren / erklären uns die eigentlich anderen: / noch immer den krieg", heißt es da unter anderem. 

Der Text entstand vor dem Hintergrund des explodierenden Rechtsextremismus nach 1989: als der eben noch selbstermächtigende Ruf gegen die tyrannische DDR-Obrigkeit "Wir sind das Volk“ der Leipziger Montagsdemonstrationen einen rassistischen Turn erlebte und ihm der Halbsatz "Ausländer raus!“ hinzugefügt worden war. Und dann ein diese Parolen skandierender Mob zum Schrecken für all jene wurde, die nicht in das völkische und rassistische Raster passten, für das diese Parolen dann standen. Und etwa in Eberswalde im November 1990 Antonio Amadeo von Neonazis erschlagen wurde. 

Auf den Spuren der Worte

Auf der Bühne im Studio Я des Berliner Gorki Theaters stehen die Schauspielerinnen Benita Bailey und Ruby Commey und performen auf dem verspiegelten, nach hinten ansteigenden Bühnenpodest diesen Text jetzt wie einen anschwellenden Nachtgesang. Leise, eindringlich erst – so wie das Gedicht selbst sich erst tastend auf den Spuren der Worte in sein Thema und die Bedrohung schraubt, die sein Gegenstand ist. Um dann anzuheben, das deutsche in ein globales Szenario der Unterdrückung aber auch des Aufstands dagegen zu überführen.

"Blues in schwarz weiss“ (bzw. eigentlich "blues in Schwarzweiß") ist auch ein Gedichtband von May Ayim überschrieben, der 1995 im Orlanda Frauenverlag erschien. Er liegt diesem Abend über die 1960 geborene Dichterin zu Grunde, die sich 1996 das Leben nahm. Wie bei Ingeborg Bachmann oder Sylvia Plath hat auch bei Ayim ein exemplarisches Schicksal sie zur Identifikations- und Kultfigur gemacht, die weit über ihr literarisches Schaffen hinaus geht – ihr bedeutendes Werk jedoch allzu oft überdeckt. Weil man in May Ayim eher die Aktivistin und Sprecherin einer Community sieht, als die große Dichterin, die sie war.

Blick in den Spiegel: Ruby Commey © Ute Langkafel MAIFOTO

Dem versucht jetzt dieser Abend des 1994 in Hamburg geborenen Schauspielers, Autors und Regisseurs Lamin Leroy Gibba zu begegnen, der nun die Gedichte May Ayims auf die Bühne bringt: als Porträt dieser ungewöhnlichen Künstlerin, die zuerst den Begriff "afrodeutsch" prägte, ihre krassen Alltags-Rassismuserfahrungen in ebenso lapidare wie abgründige Verse goss – und damit auch für den Begriff "Konkrete Poesie" noch einmal einen völlig neuen Horizont aufriss.

In Dur und in Moll

Der Abend ist eine Art Biopic und Werkschau in einem: Ayim taucht in zwei Versionen auf, einmal in Dur und einmal in Moll könnte man sagen: Während Ruby Commey ihre Version der Dichterin eher in einen trockenen Schmerz mit sarkastischen Untertönen kleidet, grundiert Benita Bailey ihre Figur mit emotionalen, warmen Farben. In dieser Reibung entsteht eine sehr spannende Tiefenbohrung auf der Suche nach der Frau hinter dem Mythos – und ihrer exemplarischen Geschichte: wie sie 1960 als Kind einer weißen Deutschen und eines Schwarzen Medizinstudenten aus Ghana geboren wird, die Mutter (die sie nie kennenlernen wird) sie gleich nach der Geburt weggibt, sie die ersten zwei Lebensjahre im Heim verbringt, bis sie von einem Ehepaar Opitz adoptiert wird, und die Grausamkeiten einer typisch deutschen wie gewalttätigen Erziehung durchläuft, die in ihrem Leben noch einmal eine rassistische Potenzierung erfährt.

Wie sie dann früh beginnt, diese Erfahrungen in Verse zu setzen, und ihnen in dieser poetischen Verfremdung, in diesem unverwechselbaren Sound plötzlich ein universeller Charakter zuwächst, der diese Texte so groß und so bedeutend macht. Und wie der afrikanische Teil ihrer Identität erst noch ein Sehnsuchtsfluchtpunkt aus der deutschen Misere ist, der sie so schutzlos ausgeliefert ist. Am Ende gehört er stabil zu ihr dazu. So, wie May Ayim eigentlich zum deutschen literarischen Kanon zählen müsste.

Ein Vexierbild

Der Abend kam in der Gorki-Reihe "Fremde Poesie?" heraus, die sich vorgenommen hat, lyrische Werke auf die Bühne zu bringen, die sich mit dem Fremdsein befassen. Das Kunststück von "Blues in schwarz weiss" besteht darin, dass er Spotlights auf Dichtung und Dichterin, ihren Mythos richtet und verschiedene Lesarten ihres Schreibens und Sterbens anbietet. Trotzdem bleibt er ein Vexierbild. Und macht große Lust auf dieses dichterische Werk, das so tief in der Geschichte dieses Landes und seiner Misere wurzelt. Der es dann aber auch auf so wundersame Weise Flügel verleiht.

Blues in schwarz weiss
von May Ayim
Fassung von Lamin Leroy Gibba
Regie: Lamin Leroy Gibba, Bühne: Joan Ling-Li Nesbit-Chang, Kostüme: Mathieu Amadou, Sounddesign: MINQ, Dramturgie Murat Dikenci.
Mit: Benita Bailey & Ruby Commey.
Premiere am 29. November 2024
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

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Blues in schwarz weiss, Berlin: Leise Molltöne
Hommage an die afrodeutsche Aktivistin und Lyrikerin May Ayim und Empowerment-Abend für die zahlreich im Publikum vertretenen Persons of Colour ist die Collage „Blues in schwarz weiss“ von Lamin Leroy Gibba, die seit November 2024 in der von Murat Dikenci kuratierten Reihe „Fremde Poesie?“ im Studio des Gorki Theaters läuft.

Weniger als 90 Minuten dauert dieser stille Abend: zwei PoC-Spielerinnen (Benita Bailey & Ruby Commey) sprechen abwechselnd oder im Chor Texte von oder über May Ayim. Wie Esther Slevogt in ihrer Nachtkritik schrieb, ist der Abend beides in einem: Biopic und Werkschau. Wir erfahren einiges über den Aktivismus von Ayim und ihren Suizid im Jahr 1996 kurz nach Veröffentlichung ihres Gedichtbands „Blues in schwarz weiss“, der dem Abend den Titel gab.

Von ihren eingestreuten Texten hinterlässt das gleichnamige Gedicht den stärksten Eindruck. Ayim schrieb über ihre Verzweiflung über rechtsextremistische Brandanschläge im wiedervereinigten Deutschland und ein neues Bedrohungsgefühl angesichts des rassistischen Mobs vor dem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen oder anderswo. Was hätte sie wohl gedacht, gesagt und geschrieben nach einer Woche, in der erstmals AfD, FDP, CDU und CSU im Bundestag gemeinsam für eine wesentlich schärfere Asyl- und Migrationspolitik stimmten.

„Blues in schwarz weiss“ ist ein kleiner Abend in leisen Molltönen, der ganz auf das Wort setzt. Die Spielerinnen tragen die Texte auf einer Rampe vor Spiegelwand (Bühne: Joan Ling-Li Nesbit-Chang) vor.

Wesentlich aufgekratzter ging es nach einer Pause bei einer Präsentation der ersten beiden Teile der Serie „Schwarze Früchte“ weiter. „Blues in schwarz weiss“-Regisseur Gibba konzipierte die ARD-Produktion als Head-Autor und spielt die Hauptrolle des jungen schwarzen, schwulen Mannes Lalo, der überfordert durch sein Leben taumelt. In wichtigen Rollen dieser Grimmepreis-nominierten, im Oktober 2024 veröffentlichten, nach US-Vorbild im Writers Room geschriebenen Serie sind auch bekannte Theaterschauspieler zu sehen: Nick Romeo Reimann spielt Tobias, an den sich Lalo in einer On-Off-Beziehung klammert, Benjamin Radjaipour ist der exzentrische Künstlerfreund Bijan. Nach einem Reinschnuppern in die ersten beiden Episoden und einem kurzen Publikumsgespräch feierte das Gorki in den Black Her*His*Story Month Februar hinein.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/02/01/blues-in-schwarz-weiss-schwarze-fruechte-gorki-kritik/
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