Café Populaire Royal - Maxim Gorki Theater Berlin
Wer wird Kneipier?
22. November 2024. Eine handvoll Menschen konkurriert um eine Kneipe, Clou: die Nähe zur Arbeiterklasse gehört mit zur Ausschreibung, wird also vorgetäuscht. Nurkan Erpulat hat Nora Abdel-Maksouds Komödie jetzt in einer Berliner Version inszeniert: "Cafe Populaire Royal", mit kämpferischen wie bitteren Untertönen.
Von Elena Philipp
Nora Abdel-Maksouds "Café Populaire Royal" von Nurkan Erpulat am Maxim Gorki Theater inszeniert © Ute Langkafel MAIFOTO
22. November 2024. Wie Berlin nach dem Beschluss des klima- und kulturfeindlichen, aber investorenfreundlichen Sparkurses bald überall aussehen könnte, ist auf dem Weg zum Gorki bereits zu besichtigen: Der Konsumtempel, den ein führender Hardwarekonzern in der vormaligen Seniorenresidenz am Hackeschen Markt eingerichtet hat, ist voller Käufer*innen. Während es für Teile der Kultur bald heißt: Licht aus, wird anderswo besinnungslos weitergeshoppt. So äußern sich soziale Verwerfungen, die für zu viele nicht neu sind, die jetzt aber noch mehr Menschen treffen werden. Im Gorki spielen sie mit Nora Abdel-Maksouds Berliner Version von "Café Populaire" gegen diese Entwicklungen an. Und wie kürzlich in der Staatsoper begreift sich Theater als aktuell kommentierende Kunstform.
Nochmal aus der Rolle treten
"Theater kann was", sagt Çiğdem Teke. Ein Angebot sein gegen die Angst vor der Dunkelheit, zum Beispiel. Aber draußen brennt es, und sie kann das Feuer nicht löschen, improvisiert die Schauspielerin gegen die Multikrisen an und tritt erkennbar aus ihrer Rolle. Teke gibt eigentlich die Alt-Marxistin Püppi, die auch in der "Royal"-Version des ursprünglich Zürcher "Café Populaire" von einem rußverschmierten Arbeiter als Nachfolger in ihrer Sozialraum-Kneipe "Spatz" träumt. Gemütlich hat es sich die kämpferische alte Dame innerlich eingerichtet, in ihren Erinnerungen an die Rote Zelle Germanistik an der Freien Universität oder durchzechte Nächte im DDR-Künstlerklub Die Möwe, einem einst real existierenden "revolutionären Refugium für die politische Bohème", aka Brecht, Müller oder Hacks.
Kämpferisch bleiben: Çiğdem Teke, Amanda Babaei Vieira, Yanina Cerón, Aysima Ergün in "Café Populaire Royal" am Maxim Gorki Theater © David Baltzer
In der Szene über die derzeit besonders oft beschworene Wirksamkeit von Theater ist Teke eine Gorki-Schauspielerin, die dem zunehmenden Durchmarsch des Neoliberalismus, der auch im Stück eine Rolle spielt, etwas entgegensetzen muss. "Denn wir sind heute hier – und das ist ein Wunder", beschwört sie die 400-Häupter zählende Gemeinschaft des Publikums. Als den düsteren Umständen geschuldetes Pathos geht das durch, auch oder gerade weil diese Ansprache konträr läuft zu Abdel-Maksouds gut geschmierter Komödien-Mechanik.
Konkurrenz um eine Kneipe
Um den Spatz, Mariendorfs Top-Etablissement für Knödel und Kleinkunst samt heiß begehrter Einliegerwohnung, konkurrieren die Gutmenschin Svenja (Aysima Ergün) und der "Dienstleistungsprolet" Aram (Amanda Babaei Vieira), beide aus der Originalfassung bestens bekannt. Aysima Ergün, die Komik-Königin des Gorki, bietet ein Maximum an perfekt einstudierter Clownerie auf und lässt ihre Svenja mit verständnisvoller Einfühlstimme säuseln, bis "Der Don" (Yanina Cerón) als ihre "klassistische Abspaltung" in sie fährt – und sie fernsteuert "wie eine misanthropische Voodoo-Puppe".
Vorm Showglitter-Rahmen: Yanina Cerón & Aysima Ergün © Ute Langkafel MAIFOTO
Zack, hasserfüllter Blick und ausgerechnet im Live-Stream Ansprache ans "Asi-Gesocks", was die wohlmeinende Svenja in wimmerndem Entsetzen hinterlässt. Unisono und gestisch synchron sprechen Cerón und Ergün, in symbolisch schwarz-weiße Oberteile gekleidet (Kostüme: Miriam Marto), dieses ins Außen gekehrte böse Innere – eine spielerische Glanzleistung, so wie Ergüns im Bruchteil einer Sekunde switchende Emotionen.
Arbeiterklasse entdecken
Wer wird Kneipier?, fragt Nurkan Erpulats Inszenierung vor einem showgemäßen Glitterrahmen (Bühne: Gitti Scherer). Öffentlichkeitswirksam entdecken Svenja und Aram ihre Nähe zur Arbeiterklasse. Ist schließlich Teil der Ausschreibung, und als selbständige*r Arbeitskraftunternehmer*in muss man flexibel bleiben. Svenja, die als Hospizclown jobbt und für acht Follower als Kabarettistin vloggt, würde im Livestream gern gesund und günstig für Aram kochen, doch der Don fuhrwerkt dazwischen. Aram wiederum erklärt, mit rußähnlicher Kohle im Gesicht, das Amazon-Lager in dem er nanoijobbt, zum zeitgemäßen Äquivalent der früheren Minen, um sich Püppi im Wortsinne anzudienen.
Ein Entrechteter wie aus dem Musterbuch? Nora Abdel-Maksouds Enttarnungsdramaturgie folgend, kommt heraus, dass Svenja aus Würzburg ein Erbe zu erwarten hat. Und Aram ist nicht wirklich Putz-, Massage- oder Lieferspezialist, sondern Wirtschaftspsychologe auf Wohnungssuche, der ob vermeintlich besserer Chancen auf "Unterschicht" gemacht hat. Auch er kennt "die Armen" nicht aus eigener Anschauung, sondern hat ihren Habitus auf RTL2 studiert. Den russisch klingenden Akzent für seine neue soziale Rolle hat er nach dem Film-Bösewicht Ivan Drago aus „Rocky IV“ modelliert. Plötzlich ist Aram, als Aufsteiger auf der Jagd nach Distinktionsgewinn, ein Verbündeter von Svenja, weil auch er das "Cottagecore Food Studio" im gentrifizierten Schillerkiez liebt.
Berliner Beigeschmack
Derart geht es fröhlich hin und her. "Café Populaire Royal" setzt auf die Stärken des Originals, das lustvoll-hintergründig Stereotype zugleich demontiert wie bestätigt. Aber mit dem Anklang an die wahrlich finsteren Zeiten bekommt die Berlin-Fassung einen bitteren Beigeschmack. Und der Schluss aus der 2018er-Version klingt extra zynisch: "Warum man hier so gut Witze über Arme machen kann? Weil sie sich die Karten eh nicht leisten können."
Café Populaire Royal
Von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Gitti Scherer, Kostüme: Miriam Marto, Dramaturgie: Johannes Kirsten, Clara Probst..
Mit: Yanina Cerón, Aysima Ergün, Çiğdem Teke, Amanda Babaei Vieira.
Premiere am 21. November 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.gorki.de
Kritikenrundschau
Das mehr oder weniger subtile Überlegenheitsgefühl der besserverdienenden, höherwertig arbeitenden, essenden und urlaubenden Klasse werde tatsächlich ausgeleuchtet, bis kein blinder Fleck mehr übrig ist. "Und zwar so luzide und gewitzt, wie das wahrscheinlich wirklich nur die Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud beherrscht", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (23.11.2024). In der grandiosen Farce werde jede und jeder mit angemessen bösem Humor aus den eigenen Verblendungszusammenhängen gerissen.
Berliner Lokalkolorit sei in die Dialoge geflossen, die Klassismusfolklore selbst ist leicht aktualisiert und angereichert, "und doch, man muss es leider sagen, ist genau diese Aktualisierung des Stücks nicht so richtig gelungen", findet dagegen Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (23.11.2024). Die klischierten Bruchlinien und Diskurs-Crashes verwässern sich heillos im Klamaukgekreisch. Ein weiterer Grund, warum dieser Abend so wenig Fuß fassen "ist zweifellos auch Erpulats Entscheidung, der Diskurskomödie weitere Komödienrahmen aufzupacken". Fazit: "Die Schauspielerinnen selbst hecheln dieser Mehrfachpersiflage spielerisch nur hinterher. Viel Glitzer im Hospiz, wenig Biss."
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Am Gorki ist aber nicht nur ein Aufguss der Klassismus-Farce zu sehen, sondern eine aktualisierte und ergänzte Neufassung, die den Titel "Café Populaire Royal" trägt. Was ist neu an dieser Berliner Fassung? Zunächst zahlreiche Anspielungen auf Lokalkolorit, auf den Umbruch in Mitte, das seit Underground-Parties im Tacheles der 1990er Jahre kaum wiederzuerkennen ist, auf die Gentrifizierung im Schillerkiez, und auf Mariendorf, jwd am Ende der U6, als neuer Schauplatz der Zürcher Satire. Eine neue Background-Story bekommt Püppi (Çiğdem Teke), die hier eine Revoluzzerin mit Rollator und Rote Zelle Germanistik-Vergangenheit in der Rostlaube der FU Berlin ist. Als Running gag wird immer wieder eine fiktive 10. Klasse aus der Gropiusstadt im Publikum angesprochen. So weit, so amüsant.
Das Interessanteste an dieser Neufassung ist jedoch erst während der Proben hinzugefügt worden. Teke, die 2015 von den Münchner Kammerspielen kam und somit die erfahrenste Gorki-Protagonistin des Abends ist, tritt aus ihrer Rolle und zieht eine düster-wehmütige Bilanz des postmigrantischen Theaters. Senator Joe Chialo verkündete vergangene Woche die Nachfolge für Intendantin Shermin Langhoff, die 2026 nach 13 Jahren weichen soll. In einem Monolog voller Hamlet-Anspielungen spricht Teke über die Aufbruchseuphorie der frühen Jahre und die Ohnmacht angesichts des Rechtsrucks und der Remigrationspläne. Diese Minuten sind voller Wehmut und Abschiedsstimmung, sie reflektieren den gesellschaftlichen Gegenwind und die Stimmung im Ensemble. Schon für diesen Monolog lohnt sich der Besuch der ansonsten recht harmlosen Klassismus-Typenkomödie-Zweitverwertung, die dank der Ergänzungen und Aktualisierungen 20 Minuten länger ist als das Original.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/11/21/cafe-populaire-royal-gorki-theater-kritik/
nora abdel-maksoud setzt am maxim gorki noch einen drauf. nicht mehr schnöde "cafe populaire" heißt es, jetzt kommt auch noch das "royal" als sahnehäubchen oben drauf. es geht um eine immobilie, um mariendorfs "spatzen". von der selbstgenutzten einliegerwohnung bis zum kulturzentrum, alles ist möglich. ausgangspunkt ist die eigentümerin und altbolschewistin "püppi" als rollatorin, die immer noch auf die verwirklichung de marxistischen traums hofft. im hospiz begegnet sie "svenja", die es trotz hochschulabschluss nicht über den hospizclown hinaus geschafft hat. dazu gesellt sich "der don", svenjas überich, allerdings in der entgegengesetzten form des schlechtmenschen. drum herum und immer dabei der migrantische dienstleistungsprolet "aram", der sich gegen ende als nichtausländischer wisenschaftsforscher outet. klassismus ist nicht lustig, kann aber als komödie aufgeführt werden, frei nach marx bzw. hegel: geschichte ereignet sich zweimal, zuerst als tragödie, dann als farce. davon brauchen wir mehr "in zeiten wie diesen, wie hältst du durch, wann drehst du durch (fehlfarben)