Wie Jungs so sind

2. Juni 2024. Zum Saisonabschluss gönnen sich die vier Gorki-Publikumslieblinge Emre Aksızoğlu, Knut Berger, Jonas Dassler und Taner Şahintürk einen bunten Männerabend. Es geht um Geschlechterrollen und Deutschsein, es wird albern, rührend und sentimental – und Stofftiere lernen fliegen.

Von Frauke Adrians

"Ciao" am Gorki Theater © Ute Langkafel / MAIFOTO

2. Juni 2024. Ciao Spielzeit! Die Saison neigt sich dem Ende, auch am Gorki. Höchste Zeit, auf die Bühne zu bringen, was man noch gesagt haben wollte. Vier Männer singen, rocken, kalauern und deklamieren sich durch einen Abend, der kein Theaterstück und auch mit dem selbstgewählten Begriff "Bandprojekt" noch hochtrabend bezeichnet ist. "Loseblattsammlung mit Stofftieren" wäre passend, denn Letztere werden zu Beginn ins Publikum geschleudert mit der Aufforderung, sie zurückzuwerfen, etwa in "Momenten, die Sie berühren werden oder extrem langweilen".

Männer in Leggins

Um es kurz zu machen: Stofftierwürfe aus Langeweile blieben bei der Premiere die Ausnahme. Dafür hagelte es Teddys, Plüschfrösche und -saurier Richtung Bühne, als Emre Aksızoğlu, Knut Berger, Jonas Dassler und Taner Şahintürk die letzten Minuten ihres Programms ihren Müttern und einer Schwester widmeten und stellvertretend für sie "verabschiedeten" – sprich, symbolisch auslöschten –, was diese Frauen zeitlebens belastet und gequält hat: den Rassismus, die Ängste und Zwänge, die Anfeindungen, das Gefühl von Fremdheit und Zweitklassigkeit. Das war tatsächlich berührend.

Wenn der Abend ein Thema hat, dann ist es die Frage nach Männer- und sonstigen Geschlechterrollen und deren Überwindung. Alles in allem wählen die vier Herren einen eher komödiantisch-selbstironischen Zugang. Schon wie sie auftreten: Socken in Adiletten, zartrosa Ballonseide-Blousons, glitzernde Leibchen. Ein Tanga-Slip. Und Leggins; äußerst figurbetonend und in allen Farben von Mülltütenblau über Pink bis Leopardenmuster. Diese Leggins, erzählen sie im Nachwort, seien das Einzige gewesen, worauf sie sich bei der Stück-Entwicklung sofort hätten einigen können. Wobei auch diese Aussage vermutlich Teil ihrer Rollen ist; immerhin wirkt an dem Gesamtkunstwerk "Ciao", das keinen Regisseur hat, ein "Co-Autor Stand-up" mit.

Auf dem Weg zu Gott

Für die Stand-up-Comedy, soweit sie stattfindet, ist in erster Linie Emre Aksızoğlu zuständig. Für Diskussionen über Männlichkeit und Deutschsein hingegen zeichnen alle gemeinsam verantwortlich. Da wird Jonas Dassler als der Einzige ohne Migrationshintergrund ausgemacht, während die anderen drei sich zur "marginalisierten migrantischen Arbeiterklasse" rechnen; prompt arbeitet er sich mit gespieltem Eifer daran ab, die "Inhalte der anderen zu integrieren" – und was dergleichen Worthülsen mehr sind.

Ciao4 1200 UteLangkafelMaiFotoJonas Dassler zwischen Kampf mit dem Vorhang und Kuscheltier © Ute Langkafel / MAIFOTO

Da trauert Taner Şahintürk in seinem Solo – "Monolog-Slot" ist die zeit- und theaterhausgemäße Bezeichnung dafür – dem bedingungslosen Grundeinkommen nach und pflegt via Klappleiter einen direkten Draht zu Gott. Und Knut Berger, Schlagzeuger des selbsterklärten Bandprojekts, bilanziert zur "Ciao"-Entstehungsgeschichte: Vier Männer-Egos, das sei "einfach die Hölle" gewesen.

Echt lieb

Wahrscheinlich ist die Musikauswahl, die die vier druckvoll und doch elegant verrocken, auch deshalb so weiblich. Von Gladys Knight bis Billie Eilish reicht das Spektrum, und der Rausschmeißer, "Don’t stop believin‘" von Journey, klang schon in den 80er Jahren, wie so vieles in jenem Jahrzent, ziemlich "non-binär" avant la lettre.

Kurz gesagt: Vier junge Schauspieler haben einen Abend lang viel Spaß und nehmen das Publikum gern und großzügig mit. Manchmal werden sie albern, manchmal sentimental; wie Jungs so sind. Man hört und sieht ihnen gern zu, trotz der hochnotpeinlichen Leggins. "Das ist echt lieb", sagt Jonas Dassler angesichts des frenetischen Premierenapplauses. Und man weiß nicht recht, ob das Ironie ist oder echte Rührung.

Ciao
Ein Band-Projekt
Uraufführung
Dramaturgie: Valerie Göhring, Bühne: Paul Bauer, künstlerische Mitarbeit: Maryam Zaree, musikalische Mitarbeit: Julian Knoth, Co-Autor Stand-up: İlkan Ateşöz
Mit: Emre Aksızoğlu, Knut Berger, Jonas Dassler, Taner Şahintürk
Premiere am 1. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

Von einem "Abend in gewohntem Gorki-Stil" berichtet Barbara Behrendt im rbb (2.6.24): "Autofiktionale Geschichten, wütende Monologe an der Rampe, Musik, Gefühl, gesellschaftspolitische Anklagen, mit denen man offene Türen einrennt". Die Szenenideen fänden dabei "nicht zu einem Ganzen zusammen", es bleibe "eine rudimentäre Stoffsammlung, die in unterschiedliche Richtungen ausfranst". Dennoch, so das Fazit der Kritikerin: "Eine sympathische Szenen-Collage zur Feier des Spielzeitendes und ein gefühlvolles Rock-Konzert für den Gorki-Fanclub."

Einen "übergriffigen Männerwohlfühlabend, der patriarchaler kaum sein kann", hat Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (2.6.24, €) im Gorki gesehen. Es handele sich um "zwei Stunden, in denen die vier eigentlichen Bandleader durch viel Rauch und Stroboskop-Licht mal mit explosivem Punkrock allen Scheiß der Welt zusammenschreien, mal mit rührseligen Schnulzen ihre armen Mütter und sich selbst bemitleiden oder sich mit den Bühnenarbeitern anlegen". Das "selbstironische Spiel mit dem Lächerlichen, Unperfekten" halte dabei ihre "ansonsten bedenklich egomanen, auch exhibitionistischen Auftritte zumindest eine Halbzeit lang in noch erträglicher Balance".

"Ciao" mäandere "ironisch zwinkernd zwischen Theaterbetriebsklamauk und WG-Diskussionen", schreibt Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (3.6.24, €). Das sei "mal lustig, mal arg gewollt", aber insgesamt ereile einen an diesem Abend ein bisschen oft "die Ahnung, dass die Schauspieler hier lose aneinanderketten, was sie schon immer mal auf der Bühne machen wollten", zumal "nicht mal alle Songs zünden". Später aber, wenn alle sagten, "was sie für ihre Mütter verabschieden wollen, die Diskriminierungen, Arschloch-Chefs, die Gefühle der Fremdheit und der Zweitklassigkeit", löse sich auch der Titel ein. "Und wenn dann am Ende alle - also auch das Publikum - " Don' t stop believin " singen", so der Kritiker, "dann ist aus 'Ciao' viel mehr geworden als die erhoffte Sommersause mit Witzen über toxische Männlichkeit. Sondern einer dieser Momente, wegen denen man ins Theater geht."

Kommentare  
Ciao, Berlin: Spaß
So gelöst und fröhlich habe ich Gorki-Intendantin Shermin Langhoff lange nicht gesehen: lauthals stimmt sie in den Schluss-Song „Don´t stop believing“ ein, einen 80er Jahre-Hit der US-Band Journey. Von ihrem Lieblingsplatz direkt vor der Bühnenrampe aus macht sie ihre gewohnten Ansagen, lobt ihr Gorki-Publikum für seine Begeisterungsfähigkeit und lädt in den Garten, um die Sommerpause einzuläuten.

Der zweistündige Abend ist ein buntes Sammelsurium, in dem sich die vier einfach mal an E-Gitarre und Schlagzeug oder als Stand-up-Comedian ausprobieren. Einen roten Faden oder eine klare Dramaturgie wird man vergeblich suchen, auch die Tonlage switcht munter hin und her zwischen ziemlich albern und melancholisch-ernster Hommage an die Mütter und Schwestern des Quartetts zum Finale.

„Ciao“ ist ein Abend, der den Jungs und dem harten Kern der Gorki-Community einfach nur Spaß machen soll und die Reihen schließt: Frontal wendet sich Emre Aksızoğlu in seinem Stand-up-Solo an die CDU von Kultursenator Joe Chialo. Wo soll er hin, falls Langhoffs Intendanz in zwei Jahren nicht verlängert werden sollte? Nach diesem politischen Appell, das postmigrantische Theater zu erhalten, geht es aber gleich mit den nächsten Gags im Fips Asmussen-Stil weiter.

Viele Themen, die das Gorki und sein Publikum umtreiben, werden an diesem musikalischen „Ciao“-Abend angetippt: von Queerness bis Integration von Minderheiten, vom Gefühl, nicht dazu zu gehören bis zu toxischer Männlichkeit. Ironisch wird immer wieder darauf angespielt, dass Jonas Dassler die meisten Soli bekommt, den größten Sexappeal hat, der einzige Hetero-Cis-Mann ohne Migrationshintergrund ist und viele wohl nur seinetwegen ins Theater gekommen sind.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/07/13/ciao-gorki-theater-kritik/
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