Donation - Maxim Gorki Theater
Gewebe alter Wunden
26. April 2025. Als Filmregisseur ist Atom Egoyan weltbekannt. Nun bringt er mit der Schauspielerin Arsinée Khanjian einen Teil seines Archivs und mit ihm die armenische Geschichte auf die Bühne. Können Kostüme zur Erinnerung an die Aghet, den Genozid an den Armenier*innen, beitragen?
Von Falk Lörcher
"Donation" von Atom Egoyan und Arsinée Khanjian am Maxim Gorki Theater © Ute Langkafel MAIFOTO
26. April 2025. Ein Lastwagen fährt vor den Haupteingang des Maxim Gorki Theaters. Der Fahrer – in leuchtend-gelber Bauarbeiter-Jacke, mit Zigarette im Mund – steigt aus, knüpft die LKW-Plane auf und fährt die Laderampe herunter. Mehrere auf Paletten zusammengeschnürte Pappboxen werden ins Gorki-Foyer gekarrt – mit Hubwagen und Kippe im Mundwinkel, versteht sich. Als Videoprojektion verfolgt das Publikum die Reise der Kartons, die sich links und rechts auf der Bühne stapeln.
Stoff zur Bewältigung historischer Traumata
In den Pappboxen befinden sich Kostüme aus Atom Egoyans Film "Ararat" (2002), die aus einem kanadischen Archiv als Schenkung an den Gorki-Fundus übergehen sollen. "Ararat" verknüpft persönliche Geschichten mit der kollektiven Erinnerung an die Aghet und beleuchtet, wie Kunst und Film zur Bewältigung historischer Traumata beitragen können. Donation" ist die zweite Theaterarbeit des Duos aus Regisseur Atom Egoyan und der Schauspielerin Arsinée Khanjian am Gorki und wird Rahmen der Programmreihe "100 + 10 – Armenian Allegories" gezeigt, die nicht nur an den Beginn des Völkermordes vor 110 Jahren erinnern soll, sondern auch an das internationale Stillschweigen.
Khanjian teilt sich die Bühne mit Edgar Eckert, der Khanjian als Archivar Günther interviewt. Was hat es mit den Kostümen auf sich und warum sollen sie ausgerechnet an das Berliner Theater übergeben werden? "Well, with any luck, they might become a source of … revenue", versucht Khanjian zögerlich und nur wenig überzeugend zu vermitteln. Sie selbst hat als Schauspielerin in zahlreichen Filmen über den Genozid an den Armenier*innen mitgewirkt und setzt sich auch als Aktivistin und Enkelin von Überlebenden für das Gedenken und die Aufarbeitung der Massaker und Todesmärsche 1915/16 ein, die ihre Großeltern überlebt haben.
Armenische Geschichte im Gespräch
Unter den angelieferten Objekten befinden sich vor allem historische, traditionelle armenische Kleidungsstücke, aber auch Militäruniformen. Mit den Kostümen soll ein Stück Erinnerung erhalten und öffentlich zugänglich gemacht werden, in Form einer Ausstellung etwa oder einer Theaterinszenierung – Hauptsache, sie vergammeln nicht irgendwo im Archiv und werden vergessen.
Was bleibt: Edgar Eckert und Arsinée Khanjian in "Donation" © Ute Langkafel MAIFOTO
Atom Egoyan verwebt die Interviewsequenzen mit Szenen aus "Ararat" und anderen Filmen, in denen Khanjian auftritt, zu einer installativen Performance. In der Mitte der Bühne von Igor Pauška sitzt Arsinée, ringsherum stapeln sich die Kostüme und deren Transportboxen. Eckert befragt Khanjian zu den Gewändern, von denen sie selbst kein einziges getragen hat, zu ihrem Weg als Schauspielerin und verstrickt sie mit der Zeit immer tiefer in ein Gespräch über die Situation der Armenier*innen in der Diaspora und in Armenien, die Velvet Revolution 2018, der Angriff auf Arzach 2023.
Verloren in der eigenen Vergangenheit
Arsinée Khanjians Bühnenfigur ist leicht zu durchdringen. Edgar Eckert versucht 90 Minuten lang, ihr ein klares Bekenntnis darüber abzuringen, dass sie die Kostüme aus politischen Gründen übergeben möchte; dass es eigentlich um den Völkermord geht – und nicht um irgendwelche alten Stofffetzen. Während Khanjians Anliegen fast überdeutlich wird, verwischt der narrative Fokus der Inszenierung zunehmend. Egoyan verfängt sich im gemeinsamen filmischen Werk. Die Aneinanderreihung von Filmszenen irritiert in ihrer übermäßigen Selbstreferentialität.
So stapeln sich am Ende nicht nur Kartons auf der Bühne, sondern auch Referenzen, Ausschnitte und Kommentare – vor allem auf das eigene künstlerische Werk. Was als performative Übergabe eines historischen Archivs beginnt, verliert sich zunehmend in der Selbsterzählung eines Künstler*innenduos, das lieber über sich spricht als über das, worum es eigentlich gehen müsste: kollektives Gedenken, Verantwortung, Zukunft. Khanjians Anliegen, die Kostüme als Träger kultureller Erinnerung öffentlich zugänglich zu machen, ist nachvollziehbar. Leider verharrt Egoyans Inszenierung zu sehr im Rückblick auf frühere Positionen und wirkt als Theaterstück über die mögliche Verwendung von Kostümen aus einem Film für ein zukünftiges Theaterstück unnötig kleinteilig.
Donation
Text und Regie: Atom Egoyan
Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Atom Egoyan, Video Design: Jesse Jonas Kracht, Lichtdesign: Günter Berghaus, Outside Eye: Oliver Frljić, Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy.
Mit: Edgar Eckert, Arsinée Khanjian.
Premiere am 25. April 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.gorki.de
Kritikenrundschau
"Es geschieht nicht oft, dass Weltgeschichte und persönliches Drama einen so klaren, bewegenden und konzentrierten Ausdruck finden", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (26.4.2025). "Donation" erweise sich als historische Lektion. "Vor allem aber ist es eine Hommage an die wunderbare Schauspielerin Arsinée Khanjian."
"Verschränkt in Khanjians eigene Lebensgeschichte und ihre politische Repräsentativität verhandelt der Abend das Verhältnis von Kunst, Moral und Wirklichkeit", schreibt Sophie Klieeisen in der Morgenpost (28.4.2025). "Es ist kein Wunder, sondern Können, dass dieser Abend in einem Salzkorn eine ganze Welt zeigt, universelle Poesie entfaltet und dieses schlichte Gespräch zwischen zwei Schauspielern zu einem großen Theaterabend macht."
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Rüdiger Schaper trifft es im Tagesspiegel meiner Meinung nach mit seiner klugen und präzisen Kritik deutlich besser und auf den Punkt.
https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-schatten-des-armenischen-genozids-atom-egoyans-donation-am-maxim-gorki-theater-13596901.html
Das 90 Minuten kurze Stück wird mehr und mehr zur Bilanz: was ist in den Jahren seit dem Genozid-Jahrestag passiert? Auf der Habenseite steht, dass der Deutsche Bundestag 2016 nach langem Widerstand der damaligen Kanzlerin Angela Merkel und des damaligen Außenministers/heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier eine Reolution zum Genozid an den Armeniern verabschiedete. Cem Özdemir, damals Parteivorsitzender der Grünen und aktuell noch geschäftsführend als Minister der zerbrochenenen Ampel im Amt, war eine der treibenden Kräfte.
Doch schwer wiegen die Verluste – politisch wie privat. Khanjian, die als Vertreterin der armenischen Diaspora und Aktivistin der Revolution von 2018 vor Ort mitjubelte, drückt ihren Schmerz über eine weitere Niederlage der Armenier aus. 2020-2023 wurden Armenier im Krieg um Berg-Karabach/Arzach von Aserbaidschan mit Unterstützung der Türkei vertrieben. Ein neues Trauma, wieder schaute die Welt weg. Die Pandemie stand im Zentrum der Aufmerksamkeit, das verbündete Russland konzentrierte sich bekanntlich auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Aber auch privat waren es bittere Jahre für Egoyan/Khanjian: die Schauspielerin überlebte eine Krebserkrankung nur knapp, ihr Körper ist sichtlich mitgenommen, während im Hintergrund immer wieder Aufnahmen aus ihren Filmen mit Atom Egoyan oder Paolo und Vittorio Taviani flimmern, in denen sie jung und schön zu erleben ist.
Es handle sich bei „Donation“ um ihr persönlichstes Theaterstück, sagten Egoyan/Khanjian vorab im Tagesspiegel. Das Stück der beiden Enkel von Genozid-Opfern ist ihre persönliche und politische Bilanz eines Herzensanliegens. Wie schon von Egoyans Filmen gewohnt, die auf großen Festivals wie Cannes prämiert wurden, ist „Donation“ keine leichtfüßige Unterhaltung, sondern auf Metaebenen unterwegs.
Als Theaterstück funktioniert „Donation“ nur eingeschränkt. Zu minimalistisch ist die Form dieser installativen Performance, zu „selbstreferentiell“ der um eigene Arbeiten kreisende Fokus, wie die Nachtkritik zurecht kritisierte. Karge Kost zum Festivalauftakt: „Donation“ ist harte Erinnerungsarbeit, auf die man sich einlassen muss.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/28/donation-gorki-theater-kritik/
Sie haben meinen Kommentar zu Falk Lörchers Artikel über diese Aufführung niemals veröffentlicht. Vielen Dank für Ihren Beitrag zur wachsenden Zensur in Deutschland.
Ihr Sigmund
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Werter Sigmund, Ihr Beitrag wurde nicht veröffentlicht, weil er Beleidigungen und unwahre Behauptungen enthielt, sich mehrfach im Ton vergriff, statt sachlich Kritik zu üben. Mit freundlichen Grüssen aus der Redaktion, Esther Slevogt