Prozess - Maxim Gorki Theater Berlin
Die Qual der persönlichen Schuld
22. September 2024. Was hat Joseph K. eigentlich verbrochen? Die Frage zieht sich durch Franz Kafkas Roman "Der Prozess". Und auch Regisseur Oliver Frljić schickt der Hauptfigur höhere Instanzen an den Hals, aber Justitia wird abtransportiert. Es spielt ein großartiges Gorki-Ensemble, dabei auch die Schauspielerin Christiane Paul.
Von Gabi Hift
Franz Kafkas "Der Prozess" von Oliver Frljić inszeniert am Maxim Gorki Theater © Ute Langkafel / Maifoto
22. September 2024. "Wer sind Sie?" ist Joseph K.‘s erster Satz. "Wer sind Sie" ist die große Frage die Kafkas Prozess durchzieht: Wer sind diese anonymen Mächte, die den ahnungslosen Bankbeamten K. anklagen? Wie lautet das Gesetz, gegen das er verstoßen haben soll? Der "Prozess" lässt sich auf ganz unterschiedliche Weisen deuten, die strafende Instanz könnte eine göttliche sein, oder eine psychologisch zu erklärende, das Gewissen oder das Überich, oder eine reale gesellschaftliche Bedrohung außerhalb des Individuums. Kafka wird oft als Prophet gesehen, der das Schicksal des jüdischen Volkes und seine Vernichtung vorhergesehen hat, oder allgemeiner das Heraufkommen von Diktaturen und Überwachungsstaat.
Von Oliver Frljić, dessen Inszenierungen meist wütende Anklagen gegen die Gesellschaft darstellen, hätte man eine politische Deutung erwartet, erst recht in dieser Zeit, in der überall nationalistische rechtsextreme Gruppierungen an die Macht kommen. Aber es kommt zunächst anders. Kaum hat K. die fremden Männer, die plötzlich in seinem Schlafzimmer auftauchen, gefragt: "Wer sind Sie?", erklingt symphonische Musik und statt einer Antwort schubsen und walzen ihn die beiden in einer höchst vergnüglichen Tanznummer durch den Raum.
Bedrohliche Clowns
Die Musik, Alfreds Schnittkes Suite "Clowns und Kinder" (von mir in der ersten Fassung fälschlich als Nussknacker Suite bezeichnet- shame on me) evoziert eine komische aber gleichzeitig bedrohliche Atmosphäre. Das passt gut zu Kafkas Prozess. Trotzdem verwundert einen dieser Einstieg, der an ein klassisches Weihnachtmärchen erinnert, von einem Regisseur, der sonst fürs Grenzenüberschreiten bekannt ist. Das Kind in dieser unheimlichen Phantasiewelt, der naive Joseph K., ist Edgar Ekert, neu am Gorki, ein lockiger, charmanter Komiker, der seine Erschrockenheit sofort überspielt. Alles an ihm ist weich, die Stimme, die Bewegungen, die wuscheligen Löckchen.
Die restlichen fünf Schauspieler*innen bewegen sich in einem ganz anderen Formenkosmos als er. Sie skizzieren mit spitzer Schauspielerfeder die verschiedenen Figuren aus dem Umfeld des Gerichts als Karikaturen. In jeder Phrase pfeffern sie ein einzelnes Wort mit Aplomb heraus, pointieren es mit einer stilisierten Geste und setzen danach ein auftrumpfendes Päuschen. Eckerts Joseph K. versucht, diese Leute zu verstehen, indem er sie spiegelt, daraus werden kleine Spielchen und Tanzeinlagen. Es gelingt ihm aber nie ganz, sein Fremdsein in einer nie ganz zu begreifenden Welt vermittelt sich dadurch sehr gut.
Justitias Abtransport
Die Ausstattung ist sparsam: zwei Sessel, ein Bett, ein Schreibpult, eine Schreibmaschine, ein antikes Bakelittelefon mit zwei Klingeln, die aussehen wie Silberbrüstchen. Im Hintergrund eine große Justitia Statue, ganz klassisch mit verbundenen Augen, Schwert und Waage, später statt der Waage einen Infusionsbeutel, an dem der bettlägerige Anwalt am Tropf hängt. Über der Bühne schwebt ein Metallgitter, auf dem höhere Instanzen amtieren. Wenn es herunterfährt, wird es zum Gefängnis für K.
Die höhere Instanz im Rücken: Edgar Eckert, vorne, und das Ensemble in "Der Prozess" © Ute Langkafel / Maifoto
Die Stationen, die K. durchläuft, entsprechen genau dem Roman (in der Anordnung von Max Brod, der das Fragment nach Kafkas Tod gegen dessen Willen veröffentlicht hat). Die Erzählweise ist klar und unspektakulär, sowohl Folter- als auch Sexszenen werden in Tanzeinlagen nur ganz abstrakt angedeutet. Der berüchtigte brachiale Regiestil von Oliver Frljić, mit oft exzessivem Einsatz von Körperflüssigkeiten, ist hier kaum wiederzuerkennen. Alle sechs Schauspieler*innen brillieren.
Lea Draeger ist besonders lustig als gnomartiger Hausmeister, der sich in Rachefantasien à la Tarantino hineinsteigert. Christiane Paul, die sich hier nach vielen Jahren Film wieder am Theater versucht, merkt man die Bemühung an, sich akribisch an die Form zu halten, was sehr gut zu den diversen Angestellten des Gerichts passt, die immer alles richtig machen wollen. Besonders charmant wirkt es, wenn sie auf diese ruckelige Weise die Verführerische gibt. Yanina Cerón begeistert mit dem mexikanischen Schlager "Esclavo i amo", obwohl man nicht genau weiß, warum sie ihn singt (weil hier alle irgendwie versklavt sind?)
Wendung zur Selbstanklage
Gut verständlich und interessant hingegen das homosexuelle Doppelgänger-Motiv: immer wieder taucht ein Mann auf, der Joseph K.’s Gesicht- eine Latexmaske- trägt, aber eine andere Frisur hat: helle glatte Haare statt schwarzer Locken. Er ist plötzlich da, wenn K. eine Frau küssen will, und spielt auf die These an, Kafkas Vision einer irrationalen Instanz, die ihn aus unerklärlichen Gründen bestrafen wolle, sei auf seine Schuldgefühle wegen seiner homoerotischen Impulse zurückzuführen.
Erst kurz vor Schluss weicht die Aufführung vom Roman ab. Der Prozess beginnt von Neuem, aber nun ist Franz Kafka selbst der Angeklagte. Ihm wird vorgeworfen, Informationen über die Existenz des geheimen Gerichts an die Öffentlichkeit gebracht zu haben. Kafka verteidigt sich damit, dass seine Texte ja auf seine Anweisung hin verbrannt worden seien. Der Untersuchungsrichter klärt ihn auf, dass Max Brod seinen letzten Willen nicht befolgt und alles veröffentlicht hat. Auf einmal sieht sich Kafka/K. von fünf Spiegelbildern umringt, die ihn mit Elvis Presleys "Only you" ansingen: You are my destiny, only you can make my dream come true. Vielleicht ist hier die intendierte Botschaft Oliver Frljić‘ versteckt. Im Juli hat er in einem Interview eine Philippika gegen cancel culture und Selbstzensur gehalten.
Verschmelzung mit den Doppelgängern
Womöglich wollte er zeigen, dass Kafka Selbstzensur betrieben hat. Dass er das, was sich in der Welt zusammenbraute, als seine persönliche Schuld empfand und deshalb Joseph K. im Prozess widerstandslos zur Schlachtbank gehen ließ. Tatsächlich hat K. in der finalen Szene glatte Haare, ist von seinen unheimlichen Doppelgängern nicht mehr zu unterscheiden. Die Beamten stechen ihn unspektakulär ab und K.'s letzte Worte sind – texttreu – "Wie ein Hund".
Die Aufführung ist rhythmisch und amüsant, aber ohne jegliches darunterliegendes Grauen. Sie läuft Schlittschuh übers gefrorene Eis, schlägt aber nie mit der Axt hinein. Vom existentiellen Entsetzen abgekoppelt wird der Witz allerdings mit der Zeit schal. Dass K. sterben muss ohne je zu erfahren, worin seine Schuld bestehen sollte, scheint dem Regisseur gleichgültig zu sein, auch sonst bleibt die Absicht hinter der Aufführung letztlich unklar. Es bleibt die Freude an Kafkas Humor und an den großartigen Schauspieler*innen.
Prozess
Ein Projekt von Oliver Frljić nach Franz Kafka
Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Jelena Miletić & Janja Valjarević, Choreografie: Evelin Facchini, Lichtdesign: Connor Dreibelbis, Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy & Johannes Kirsten.
Mit: Edgar Eckert, Çiğdem Teke, Yanina Cerón, Lea Draeger, Christiane Paul, Marc Benner.
Premiere am 21. September 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.gorki.de
Hinweis: In einer ersten Fassung der Kritik war fälschlicherweise von Tschaikowskis "Nussknacker" die Rede. Das wurde zwischenzeitlich korrigiert - wir bedauern den Irrtum.
Kritikenrundschau
"Unter der Einheitsmaske grauen Beamtentums ist Frljićs 'Prozess' im reinsten Sinn eine Ensemblearbeit, die Kafkas Gerichtsalbtraum (...) auf das knappste Gerüst der Handlung eindampft, dieses aber dennoch ganz linear, Kapitel für Kapitel durchspielt", so Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (22.9.2024). Das Publikum selbst dürfe sich als Teil der mysteriösen Verhandlungen begreifen, als Mitankläger und Beklagter zugleich. Fazit: All das bleibe neben einer schunkelnden Justitia-Statue so schnipselhaft harmlos und fröhlich allgemein, "dass nurmehr das kafkaesk Zeitlose übrig bleibt und alle Schärfe möglicher Gegenwärtigkeit im Slapstick verfliegt".
Oliver Frljić bringe den "Prozess" als "eine Art zeitlos-abstrakte Albtraum-Revue auf die Bühne, in der zirzensisch angehauchter Slapstick unvermittelt in bedrohliche Symbolik kippen kann und wieder zurück", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (22.9.2024). Über die "höchst interessante Frage", wer Josef K. in unserer Gegenwart sein könnte, werde am Gorki indes leider nur in Begleitformaten diskutiert. Dabei hätte man hierzu sehr gern auch auf der Bühne Konkretes erfahren, so die Kritikerin.
Diesmal betreibe der politische Skandalregisseur Oliver Frljic "klassische Literaturpflege", berichtet Barbara Behrendt im Deutschlandfunk (22.9.2024). Dagegen sei nichts einzuwenden, nur gerate sie "reichlich bieder". Beunruhigen oder "in aller Groteske beängstigen" könne das alles jedenfalls nicht, urteilt die Kritikerin und schlussfolgert: "So harmlos hat man den düsteren Kafka selten in Berlin inszeniert gesehen."
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Auch sonst ist der Regie-Zugriff von Frljić nicht sehr originell. Sein Josef K. wird von einem Spieler verkörpert: Edgar Eckert, den das Berliner Publikum von Uli Khuons DT kennt, wo er von 2015-2020 in vielen meist kleineren Rollen zu erleben war. An diesem Premieren-Abend gab er seinen Einstand im Gorki-Ensemble.
Die restlichen Figuren aus dem Roman teilen sich die fünf anderen Spieler*innen: Marc Benner (frisch von der HfS Ernst Busch), die drei Gorki-Stammkräfte Yanina Cerón, Lea Draeger und Çiğdem Teke sowie als Gast Christiane Paul, die Ende der 1990er Jahre ein Star im deutschen Kino war und zuletzt vor allem in TV-Serien auftrat.
Ihre Aufgabe ist es, in einer Slapstick-Choreographie, die mit der Italienerin Evelin Facchini entwickelt wurde, die Hauptfigur und die Justitia-Statue zu umkreisen. Frljićs Ansatz betont eine Facette von Kafkas Werk: die absurde Komik, die in vielen Szenen des „Prozess“ durchschimmert, rückt dieser Gorki-Abend in den Mittelpunkt.
Dieser Ansatz ist valide, aber nicht sehr überraschend: in der Literaturwissenschaft wird seit Jahrzehnten über die Interpretation von Kafkas Werk gestritten. Manche Exegeten betonen statt der traditionellen Sichtweise auf den Apparat, der das Individuum zermalmt, diese groteske Komik der Miniaturen und stützen sich dabei auf Berichte, dass Kafka und seine Zuhörer oft laut lachen mussten, als er damals aus den unveröffentlichten Manuskripten las.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/09/21/prozess-oliver-frljic-gorki-theater-kritik/
Deshalb hier ein kleiner kostenloser Bildungsbeitrag für die Mitarbeiter dieser Website.: https://www.youtube.com/watch?v=1ETO_i0kMyQ
Es wäre das Mindeste an intellektueller Ehrlichkeit, diesen Fehler zuzugeben.
danke für Ihren Hinweis, Sie haben völlig Recht, bei der Anfangsmusik handelt es sich um Schnittkes “Clowns und Kinder” und nicht um die Nussknacker Suite. Ich habe meinen Fehler in der Kritik korrigiert.
Dass Sie mir für diesen Bildungsbeitrag nichts berechnet haben, ist sehr großzügig von Ihnen.
Ihren Verdacht, ich würde mich generell in einer Welt “alternativer Fakten” bewegen und dadurch zu “bedauerlichen Interpretationen” kommen, muss ich allerdings zurückweisen. “Clowns und Kinder” hat in beiden Aspekten, auf die ich mich in der Kritik bezogen habe, dieselben Qualitäten wie die Nussknacker Suite, mit der ich es verwechselt habe: 1. Beides sind Gassenhauer der symphonischen Musik, die man im Kopf sofort mitsingt. 2. Beide führen in die Welt der Kinderspiele, in der nicht-menschliche Spielkameraden auf einmal bedrohlich werden- im einen Fall sind es zum Leben erwachte Holzspielzeuge, im anderen sind es Clowns. Clowns gehen ein wenig mehr in Richtung Horror, Nussknacker wäre ein deutlicherer Hinweis auf eine Traumwelt gewesen. Eine großartig andere Deutung, die daraus resultieren würde, kann ich nicht erkennen.
Mit besten Grüßen und –wie ich hoffe- gebührender intellektueller Ehrlichkeit, Gabi Hift