Ein Kleister aus Deutschland

26. Oktober 2025. Paul Celan und seine Lyrik sind delikates Terrain. Am Berliner Gorki hat Nazanin Noori die Bühnenadaption einiger zentraler Gedichte gewagt. Mit dickem Soundteppich, höchstem Pathos und einer unzweideutigen Botschaft am Ende. Man muss fürchten, dass es ernst gemeint ist.

Von Esther Slevogt

"Todesfuge" am Maxim Gorki Theater Berlin © Etritanë Emini

26. Oktober 2025. "Fa – Fa – Fa" beginnt es lautmalerisch wie enigmatisch. Countertenor Steve Katona intoniert die Silben mit bebenden Lippen, die so recht zunächst noch nicht einzuordnen sind. Das Ambiente ist minimalistisch, Rot die vorherrschende Farbe: rot ist der Boden im Studio des Maxim Gorki Theaters, rot ein dicker Vorhang aus Kunststoff, der sich symmetrisch hinter dem Geschehen wellt. Davor haben kurz zuvor statuarisch gemessenen Schritts drei Musiker*innen ihre Plätze eingenommen: eine Hornistin (Elena Kakaliagou), ein Cellist (Guido Kohn) und hinter seinem elektronischen Equipment Andrea Belfi, der auch den Sound für diesen Abend von Nazanin Noori auf der Basis von Gedichten Paul Celans komponiert hat. 

Das Unsagbare in Lyrik gefasst

Es hat am Gorki Theater schon einige Anläufe gegeben, performative Formen für Lyrik zu finden. Die 1991 in Wiesbaden geborene Noori hat sich vergangene Spielzeit in der Reihe "Fremde Poesie?" bereits mit dem Werk der 1967 mit Anfang dreißig tödlich verunglückten iranischen Lyrikerin Forugh Farrokhzad befasst: ein dunkles Exerzitium, für dessen trancehafte elektroakkustische Tonspur auch schon Andrea Belfi verantwortlich war.

Jetzt also Paul Celan, dieser Dichter, der nach der Shoah in der Sprache der Täter das Unsagbare in Lyrik zu fassen versuchte. Es beginnt mit dem Gedicht "Fadensonnen": zu diesem Wort setzt sich das "Fa – Fa- Fa" des Beginns allmählich zusammen, und es dauert lange, bis man es überhaupt hört und versteht. Es kommen drei weitere Performer*innen dazu, mit weiteren Texten – die mit tonlosem Pathos und betroffener Miene vorgetragen werden. In englischer Sprache zumeist, weshalb sich ein Celan-Feeling (wenn man das Werk in deutscher Sprache kennt) nicht so recht einstellen mag.

Den Unterschied macht schon der Titel des Gedichtbands deutlich, in dem die "Todesfuge" zuerst erschien: "Mohn und Gedächtnis" heißt er im Original, "Poppy and Memory" im Englischen (wenn auch vom bedeutenden Lyriker und Celan-Übersetzer Michael Hamburger übertragen). Das Englische ebnet Schroffheiten und Sprachwiderstände des Originals ins Kompatible ein – das tonlose Pathos, mit dem die Texte vorgetragen werden, die stoischen Mienen (und leider auch die zunehmend von schwerster Bedeutungsschwangerschaft gezeichneten Akteur*innen) erwecken die Texte nicht, sondern nutzen sie eher als Material für die Simulation irgendwelcher Stimmungen und Abgründe, die aber stets nur Pose bleiben.

Sprache bleibt Beiwerk

Die ambitionierte Textur von Belfis Musik fügt Celans Lyrik und seiner dunklen Semantik nichts hinzu, ihr kalkulierter repetitiver Gestus ertränkt sie eher, deckt sie mit einem dichtgestrickten, aber irgendwie auch beliebigen Soundambiente zu: da sind düstere langgezogene elektronische Soundcluster, die vom klagenden Ton des Horns verlängert werden. Manchmal durchzucken Riffs oder das Kratzen auf Celloseiten den Klagemodus des Sounds dieser Celan-Verkitschung. Oder es dräut flüsternd nur harsche Perkussion. Die Sprache, um die es doch gehen müsste, bleibt irgendwie Beiwerk – immer nur geht sie in diesem exerzitienhaften Pathos auf (oder eben unter). Lindy Larsson singt und spricht, Dalia Neis dito. Steve Katona steigen manchmal gar Tränen in die Augen. Die Selbstergriffenheit der Performer*innen ist streckenweise schwer erträglich, das Pathos manchmal dann auch unfreiwillig komisch.

Der Hauptpart kommt dann Edgar Eckert zu, darunter auch das titelgebende Gedicht mit dem berühmt-berüchtigten Satz, dass der Tod ein Meister aus Deutschland ist. Starr wie der Nussknackerkönig steht Eckert in seiner schwarzen Montur vor dem roten Vorhang, die Arme leicht angehoben, den Blick in eine diffuse Ferne gerichtet: als läse er die Texte irgendwo von einem Teleprompter ab. Aber da ist keiner, er schaut nur so ins Nichts und spricht vollkommen hölzern.

Man müsste schreien

Zu allem Überfluss hat sich nach etwa einer Stunde der rote Vorhang geöffnet und gibt den Blick auf ein dreigeteiltes Vorhangarrangement frei: oben Schwarz, in der Mitte Rot und unten Gold. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich darunter die deutsche Fahne vorzustellen. Die der Bundesrepublik Deutschland, nicht von Nazideutschland, auf das sich Celan stets bezieht. Und damit wird dann auch die Hohlheit dieser Veranstaltung überdeutlich, die offenbar nur darauf zusteuern möchte, mit dem Holzhammer den Satz vom Tod als einen Meister aus Deutschland vor der bundesdeutschen Fahne aufsagen zu lassen. Dass einige Akteur*innen zum Applaus mit Kufiya oder kufiya-ähnlichen Tüchern erschienen, ließ dann an Deutlichkeit kaum noch etwas zu wünschen übrig. Man müsste eigentlich schreien.
 

Todesfuge
nach Gedichten von Paul Celan
Regie: Nazanin Noori, Bühne & Kostüm: Nazanin Noori, Komposition: Andrea Belfi, Lichtdesign: Juri Rendler, Dramaturgie: Murat Dikenci.
Mit: Edgar Eckert, Steve Katona, Lindy Larsson, Dalia Neis, Livemusik: Andrea Belfi (Schlagzeug und Electronics), Elena Kakaliagou (Französisches Horn), Guido Kohn (Cello).
Premiere am 25. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

Kommentare  
Todesfuge, Berlin: Klingt erschreckend
Das hört sich erschreckend an... mir erschließt sich auch nicht, warum Gedichte von Paul Celan auf einer deutschen Bühne auf englisch erscheinen? Kaum vorstellbar, dass sich ihre dunkle Kraft so übermittelt... Will man die Sprache des "Todesmeisters" nicht mehr in den Mund nehmen? Zum Glück ist das von der BRD für die Produktion ausgeschüttete Geld ja offenbar neutraler anzusehen... Ironie off...
Todesfuge, Berlin: Denkmal und Wunde
Paul Celan ist kein Ort der Beruhigung. Seine Gedichte sind keine Gedenktafeln, sondern offene Nerven. Dass Nazanin Noori am Berliner Gorki Theater Celans Todesfuge in die Gegenwart holt, ist mutig - und notwendig. Dass Esther Slevogt dieses Unterfangen als „Celan-Verkitschung" abtut, sagt weniger über die Inszenierung als über die Grenzen einer Kritik, die Celan als Denkmal verwaltet, statt ihn als Wunde zu begreifen.
1. Celan als abgeschlossenes Mahnmal
Slevogt liest Celan als Dichter der Vergangenheit, dessen Zorn ausschließlich dem nationalsozialistischen Deutschland galt. Doch Celans „Meister aus Deutschland" bleibt eine Diagnose, keine historische Fußnote. Sein Misstrauen galt auch der jungen Bundesrepublik, die von ehemaligen NS-Eliten geprägt war. Wer Celan nur als Dichter der Shoah liest, verkennt, dass seine Sprache die bleibende deutsche Sprach- und Erinnerungspathologie bloßlegt - bis heute.
2. Das Missverstandnis der Farben
Slevogt emport sich uber Nooris rot-schwarz-goldenen Vorhang und nent das „Hohlheit". Doch vielleicht verwechselt sie Ironie mit Naivität. Noori stellt keine Gleichsetzung her, sondern öffnet eine Spannung: Die Farben der Demokratie begegnen
Celans Satz vom „Meister aus Deutschland". Das ist kein Holzhammer, sondern eine präzise theatralische Dialektik - die Ästhetik der Nation gegen die Ethik der Dichtung.
3. Privatisierte Kritik
Slevogts Polemik ersetzt Analyse durch Affekt.
„Verkitschung", „Pose",
" „Hohlheit" - das sind Urteile,
keine Argumente. Wo Noori Pathos als Stilmittel nutzt, sieht Slevogt nur Überwältigung. Wo die Performance Englisch spricht, vielleicht um Celans „Täter-Sprache" zu brechen, hort sie bloß Verlust. Die Kritik urteilt von einem Besitzstand aus: als gehorten Celans Verse der deutschen Literatur, nicht der Menschheit.
4. Historische Tiefenschärfe
Slevogts Empörung über die Fahnenfarben verrät ein merkwürdig unhistorisches Verständnis. Celans Misstrauen gegen Deutschland war kein Anachronismus. Die BRD war kein unschuldiger Neuanfang: alte Funktionäre, alte Strukturen, alte Rhetorik. Wenn Noori diesen Gedanken sichtbar macht, ist das keine platte Provokation, sondern eine legitime Fortschreibung von Celans Skepsis.
5. Zwischen Ästhetik und Ethik
Slevogt verlangt Reinheit - Celans Schweigen, seine Verdichtung - und lehnt das Körperliche, Uberbordende ab. Doch Celans Sprache ist selbst Atem, Bruch, Schrei. Nooris elektroakustische Wucht und das Pathos der Performer*innen mögen riskant sein, aber sie nehmen Celans Texte ernst: als körperliche Erfahrung, nicht als sakrale Reliquie.
6. Kritik und Kunst
Slevogts Text ist brillant formuliert, doch ihre Brillanz dient der Abwehr. Sie verteidigt das Denkmal, Noori öffnet die Wunde. Das Theater riskiert Missverständnis, die Kritik riskiert nichts. Dabei wäre gerade Celans Werk eine Einladung zum Risiko - sprachlich, politisch, existenziell.
7. Fazit
Slevogt hat recht, dass Celans Werk „delikates Terrain" ist. Aber Delikatesse bedeutet nicht Unberührbarkeit.
Nooris Inszenierung provoziert, überfordert, vielleicht scheitert sie - doch sie scheitert produktiv. Slevogts Rezension dagegen triumphiert in der eigenen Gewissheit.
Der eigentliche Skandal ist nicht Nooris Pathos, sondern die Angst der Kritik vor Emotionalitat und Gegenwart.
Celan gehört nicht den Archiven, er gehört den Widerspruchen.
Noori riskiert diese Widersprüche.
Und das ist - bei allem Pathos - mehr Celan, als die Kritikerin sehen will.
Todesfuge, Berlin: Schreien, Stolpern, Chaos
#2
Ein Beitrag von zwingender Notwendigkeit und brillant in seiner Klarheit. Dank!

Die Bühne ist leer! Leer wie das Versprechen von Leben in einem Raum, der nur für die Bequemlichkeit der Privilegierten gebaut wurde! Alles, was atmet, was fragt, was stört, wird sofort zum Statisten degradiert. Das Glanzlicht verschluckt die Stimmen des Publikums – nicht aus Versehen, sondern aus Gewohnheit, aus Machtgier, aus dieser ignoranten und arroganten Selbstverständnis, das denkt, Theater sei nur für die, die schon oben stehen.
Seht ihr nicht? Das Leben ist kein schöner Scheinwerfer. Das Leben ist ein Schrei, ein Stolpern, ein Chaos, das auf dieser Bühne niemals wohnen darf, weil niemand da ist, der es wagt
Todesfuge, Berlin: Text gelesen?
#2 Haben Sie en Text gelesen oder überhaupt verstanden? Nichts, was Sie so hochtrabend monieren, steht da drin. Ich glaube, die Kritik sieht mehr, als Sie ertragen können und wollen.
Todesfuge, Berlin: Wenig hilfreiche Erläuterungen
Wir haben Karten für das Stück, weil wir neugierig waren, was Frau Nuri erarbeiten würde.
Jedoch wenn die Hälfte von dem, was Slevogt schreibt zutrifft, sollten wir die Karten wieder abgeben. Am besten, an jemanden, den man nicht mag.
Die, leider sehr umständlichen und wenig überzeugenden "Erläterungen" von Frau Bilmen helfen leider nicht weiter, mir jedenfalls nicht. Schade eigentlich.
Aber die Headline "Ein Kleister..." ist super, wenigstens das.
Todesfuge, Berlin: Warum auf Englisch?
Es mag kleinlich sein, aber:
Was mich sehr iritiert, ist die Verwendung einer englischen Übersetzung, sei sie auch noch so gelobt.
Ein wichtiges Prinzip der Lyrik Celans ist das Bilden von Wortzusammensetzungen, die etwas völlig Neues darstellen und eigenständige Bilder, Vorstellungen hervorrufen: In "Nacht" gibt es "Augentausch", "Ewgkeitszeichen" und "Weltgestänge": Ich glaube nicht, dass Übersetzungen dieser Wörter (wohl immer mit einem "of", das dann Zusammenhänge eindeutiger macht, als sie es im Deutschen sind) auch nur ansatzweise auslösen können, was die Originale auslösen
Wie man "Gewimper" übersetzt, kann ich mir auch nicht vorstellen.
Zur "Todesfuge":
Aus
"wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng"
macht Hamburger:
"we dig a grave in the breezes there one lies unconfined" (im Internet so gefunden)
Das Pons-Lexikon (online) übersetzt "unconfined" mit "uneingeschränkt", "grenzenlos": Ich glaube "eng" ist da doch ein bisschen anders, vom beengenden (!) Klang einmal abgesehen.
Also: Warum auf Englisch?
Todesfuge, Berlin: Stoff für konstruktiven Diskurs
Auch wenn die Inszenierung mich selbst nicht zu 100% Überzeugt hat, ist sie dennoch an vielen Stellen beeindruckend und faszinierend. Vor allem gibt es reichlich Stoff für einen (konstruktiven) Diskurs. Leider Hat diese Kritik nichts dergleichen im Sinn.
"Ein Celan-feeling stellt sich nicht ein" Ernsthaft? Was genau soll das bitte sein?
Die Beschreibung und Kritik der Musik offenbart ein äußerst rudimentäres Verständnis von zeitgenössischer Musik. "Es dräut flüsternd nur harsche Perkussion" - Hohle Phrasen.
(...)
Todesfuge, Berlin: Verstehe die Punkte
Ich war auch da und sehe es nicht ganz so krass wie die Kritik, verstehe aber schon die Punkte. Das war avantgardistische Durchschnittsware, genau so stellt man sich sowas vor im Kunstverein einer ambitionierten Kleinstadt. Das alles gibt den Texten gar nichts, übertönt und kleistert die zu.
Todesfuge, Berlin: Too much of alles
Das war in my humble opinion wirklich too much. Pathos which I don't kauf ab the actors. And the music is nur dazu da, um trotzdem nochmal (sehr überdeutlich) eine Schicht draufzuschmieren. Somehow I have the impression that die Crew ihrem eigenen Konzept nicht traut und deshalb alles so groß machen muss. Und zu der Frage, warum man Celans Lyrik in Berlin unbedingt in der Englischen Übersetzung spielen muss: I simply don't know. Hier stimme ich der sehr klugen Anmerkung von #6 zu. (@ Herforder: That's not kleinlich at all.)
Todesfuge, Berlin: Eingeschlafen
Ich bin ganz überrascht, bei #2 zu lesen : "Nooris Inszenierung provoziert, überfordert, ... Noori riskiert Widersprüche."
Der Abend plätscherte meiner Ansicht nach völlig phantasielos vor sich hin, mehrere Zuschauer schliefen ein (ich auch), ein hochkonzeptueller musealer kühler Abend, dem - vom sehr starken vorletzten Gesang abgesehen - jegliche Emotion, Poesie, Tiefe fehlte. Und tatsächlich eine für mich verpasste Chance, Celan 2025 zu begegnen.
Todesfuge, Berlin: 90minütiges Kunstexerzitium
Mal im deutschen Original, mal in englischer Übersetzung, stets untertitelt, vorzugsweise aus den Bänden „Atemwende“ und „Die Niemandsrose“, die in den 1960er Jahren erschienen sind, stammen die Gedichte. Gemeinsam ist den Texten ihre düster-melancholische Grundstimmung, die sich auch in den musikalischen Arrangements transportiert. Ein raunender, zum Teil wehklagender Ton, dazu das Kratzen der Instrumente. Ganz zurückgenommen ist die Körpersprache der Sänger*innen und Sprecher*innen: kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet, performen sie die Texte mit großem Ernst.

Erst kurz vor Schluss ertönt der bekannteste Celan-Text, die „Todesfuge“ über den Holocaust, mit der berühmten Zeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Der Hintergrund ist in Schwarz-Rot-Gold eingefärbt. Die Kontinuität rechter Gesinnung und Nazi-Seilschaften ist am Gorki Theater ein wiederkehrendes Thema, insbesondere in Arbeiten von Ersan Mondtag und Oliver Frljić.

Keinerlei Comic Relief, keinerlei Ablenkung gibt es in diesem 90minütigen Kunstexerzitium, das Nazanin Noori als zweite Arbeit im Studio des Gorki Theaters eingerichtet hat. Anerkennend, aber doch verhalten ist der Applaus des überwiegend jungen Publikums nach der zweiten Vorstellung.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/10/27/todesfuge-gorki-theater-kritik
Todesfuge, Berlin: Mutmaßung
Liebe Freundinnen und Freunde,
mir geht es nicht um die Verteidigung eines Theaterabends. Theater darf scheitern, langweilen, scheitern gnadenlos – das ist sein ureigener Ort der Wahrheit. Was mir Sorgen macht, ist die Art von Kritik, die sich als moralische Autorität aufspielt, ohne überhaupt eine Diskussion zuzulassen.
Es ist diese Zerstörungswut, die aus einem tendenziösen „Geschmäckle“ heraus entsteht – die hohnvolle Wut der Kritikerin, die jede inhaltliche Auseinandersetzung verweigert, aber sich selbst als Richterin über Ambition und Wert ausgibt. Qualität der Beobachtung? Fehlanzeige. Analytische Schärfe? Abwesend. Nur ein Reflex der Zerstörung, der flache Konventionen und persönliche Vorlieben schützt.
Vergessen wir dabei nicht, dass das Einschlafenlassen, die vermeintliche Langatmigkeit von Inszenierungen, das Markenzeichen von Marthaler und Frank Castorf sind und waren – Künstler, die mit radikalem Tempo, mit Muße, mit Langsamkeit und Wagnis das Theater verändert haben. Wer hier selektiv „Langweile“ kritisiert, zeigt nur, dass es ihm um persönliche Vorlieben geht, nicht um Theater.
Meine Mutmaßung ist: Diese Kritik verfolgt vor allem ein Ziel – neben der Tatsache, jegliche Diskussion im Keim zu ersticken, die Leserschaft subtil zu manipulieren und ihnen unausgesprochen zu signalisieren: „Geht bloß nicht in diesen Müll, ja, wo sind wir denn gelandet?“ Künstlerisch wertvoll wäre die Kritik nur gewesen, wenn die Kritikerin sich getraut hätte, genau das explizit zu schreiben: „Geht bloß nicht in diesen Müll.“
Solche Texte sind nicht nur inhaltsleer – sie sind toxisch für das Theater, für die Möglichkeit, dass etwas Neues, Unbequeme, Risikoreiches entsteht. Müller hätte gesagt: Wir müssen die Bühne von Vetternwirtschaft, kleinbürgerlicher Sicherheit und falscher Rücksicht freiräumen, sonst sterben wir im Applaus der Mittelmäßigkeit. Und genau das passiert, wenn kritische Stimmen sich in gnadenloser Ablehnung suhlen, statt zu analysieren.
Noori’s Abend mag nicht perfekt sein, aber er versucht zu tun, was Theater tun muss: riskieren, irritieren, provozieren. Und allein dafür verdient er Respekt – und eine Kritik, die wirklich diskutiert, statt nur zu zerlegen.
Wir leben 2025. Mit solch selbstgerechten Texten hätten viele Künstler:innen der 90er und frühen 2000er nie den Raum bekommen, den sie brauchten. Es ist Zeit, diese Art von Kritik klar zu benennen, sie analytisch zu entlarven und die Bühne wieder für die, die wagen, freizuräumen.
Todesfuge, Berlin: Ohne Argumente
Das ist ja schlimm, Frau Bilmen, wie Sie hier Aussage nach Aussage heraushauen, ohne Argumente mitzuliefern. Das immerhin macht Esther Slevogts Kritik: Sie macht nachvollziehbar, was sie urteilt.
Todesfuge, Berlin: Schwierig
Werte Bilmen Mizgin,
ich wollte gerade in der Kritik, die ich übrigens sehr differenziert fand, noch etwas nachlesen, da uns Celan aktuell sehr wichtig scheint.
Neugierig wie ich bin, tauchte ich weiter runter und lese - bis zur Hälfte, zu viel Wut - Ihre Einlassungen. Liebe Bilmen Mizgin, Ihr Beitrag ist derart aggressiv und voller Wut, dass es schwierig wird, die Stellen in der moderaten Kritik zu erloten. SIE teilen schwer aus, eher blind als sonstwas. Macht a) keine Freude und b) wenig Sinn c) hilft uns nicht weiter, das Theater, das wir lieben besser, interessanter, erlebnisreicher und schöner zu machen.
Todesfuge, Berlin: Kleidungsstück der Hetze?
Der von der Kritik ja eher nur beiläufig erwähnte Skandal, daß beteiligte Künstler*innen ausgerechnet bei Celan zum Applaus mit einem Kleidungsstück erschienen, das aktuell auch gerne getragen wird, wenn auf deutschen Straßen wieder gegen Juden gehetzt wird, scheint hier wohl niemanden sonderlich zu erregen. Auch interessant.
Todesfuge, Berlin: Beobachtung und Vorlieben
Liebe Mizgin Bilmen, Frau Slevogt wäre meiner Ansicht nach sehr gut in der Lage zu schreiben "Geht nicht in diesen Müll", wenn sie es denn für Müll hielte und Leute davon abhalten wollen würde, ins Theater zu gehen, um explizit diesen Abend anzuschauen. Sie verfasst ja nicht umsonst eine Kolumne unter dem Titel "aus dem bürgerlichen Heldenleben".
Ich lese schon genaue Beobachtung wenn einem distanzlose Tränen bei einem Dartsteller während des Votrages auffallen und wenn hier Instrumentarium genau beschrieben wird, was sonst bei Bühnenmusiken nicht oft so gnau geschieht. Ich finde es außerdem sehr gut, wenn KritikerInnen sich zu ihren eigenen Vorlieben bekennen, weil fürs Neutrale haben wir ChatGPdingsda und die Schreibsoftware der Zeitungsverlage. Und dann ist es so: Publikum hat auch seine Vorlieben. Da bieten die persönlichen Vorlieben von KritikerInnen also Realbedingungen für Theatermacher wenn sie in ihren Reszensionen dazu stehen. Manipulativ find ich, wenn Publikum veranlasst werden soll, aus politischer Haltung ins Theater zu gehen und zu bleiben und nicht einfach aus Lust, dort Vergnügen, Unterhaltung und anregende Denkverquirlung einheimsen zu können. Ich würde auch Frau Slevogt nicht unterstellen, dass sie ein ZIEL verfolgte mit ihrer Kritik - außer natürlich das, etwas Geld zu verdienen und hier die Seite und die Debattierlust der Kommentatoren am Laufen zu halten. Wenn man eine Diskussion will, dann stellt man am besten erst mal hin und sagt, ich finde das so und so und sage das, weil ich nicht anders kann. Dann sieht man schnell, dass viele anders als man selbst und die eigenen Blasenpeers können. Und NUR DAS ist interessant. Dass andere auch anders können als man selbst. Man selbst weiß ja immer, was man kann oder noch können möchte. Und: sie möchten doch nicht allen Ernstes diesen Abend mit einem Marthaler-Abend oder einem Castorf-Abend vergleichen? Marthaler hat sich, so er sich der Lyrik angenommen hat, dies in einen unterhaltsamen dramaturgischen und immer auch ironisierenden Rahmen gestellt, Was den Zuschauern viel Platz zum individuellen Denken und Fühlen gelassen hat. Und Castorf hat seine Langsamkeiten für weiträumige Ausflüge links und rechts der Haupt-Text-Thematik genutzt. Und zwar für extemporierende Ausflüge sowohl seiner DarstellerInnen als auch aller anderen Beteiligten einschließlich des Publikums...Si sagen es, wir leben 2025. Ich kenne einen Haufen selbstgerechter Texte aus den von Ihnen beschriebenen Jahren, die m.E. nur wegen ihrer Selbstgerechtigkeit den Raum bekommen haben, den andere vielleicht besser hätten gebrauchen können undoder genutzt hätten...
Todesfuge, Berlin: Übersetzungsproblem?
@6 Entschuldigung Herforder, ich will auch nicht kleinlich erscheinen, aber irgendwie ...

Bei Celan heißt es: "... da liegt man nicht eng". "Nicht eng" heißt, ähm, NICHT eng. Das "nicht" löst die Enge auf bzw. verneint sie. Können sie mir folgen? Also ist "nicht eng" eher weitläufig oder unbegrenzt oder uneingeschränkt. Nicht eng = grenzenlos.

Was war noch mal ihr Problem mit der Übersetzung? Ich habs nicht verstanden
Todesfuge, Berlin: Komplizinnenschaft
Wie man sehr schnell ergoogeln kann, arbeitet die Regisseurin mit Mizgin Bilmen bei einer Produktion in Kurdistan zusammen. Bestehen hier nicht Interessenskonflikte bzw. verstehe ich absolut nicht, warum eine Kritik von einer renommierten Kritikerin kritisiert wird. Viel mehr ist es doch genau der geschmackliche Unterschied, den Sie, Mizgin Bilmen thematisieren. Slevogt beschreib rein handwerkliche Aspekte, die der jungen Regisseurin nicht geglückt sind.
Hier äußert sich die Regisseurin zur Zusammenarbeit mit Mizgin:
https://refugeworldwide.com/news/interview-nazanin-noori
Todesfuge, Berlin: Übersetzung verfremdet
Nein, ich habe den Abend (noch ?) nicht erlebt, würde mich durch die Nachtkritik hier aber auch nicht abschrecken lassen; ich sehe dergleichen Abende selten, und dann ist die Neugier stärker. Bei der Verwendung des Englischen könnte vielleicht ja eine Rolle spielen, daß Paul Celan tatsächlich nicht nur Anglistik studiert hat, sondern selbst als Übersetzer tätig gewesen ist und daß sein Auftritt bei der Gruppe 47 als eine Art Befremdung wahrgenommen wurde, gerade wegen seiner speziellen Art des Vortrages.
Dieser Auftritt hatte wohl auch etwas Traumatisches, denn Paul Celan hielt sich hiernach mit Vortrag bzw. Veröffentlichung der "Todesfuge", die (eben) umso häufiger übersetzt wurde, sehr zurück. Übersetzung kann hier also auch bedeuten: dem (trügerisch ?!) vertrauten Zugang entziehen. Und (nicht zuletzt) zum Thema "Musik" mag ein Beitrag in textkritik de. hilfreich sein..
Todesfuge, Berlin: Oje...
#12
Oje....
Todesfuge, Berlin: Hülse an Hülse
#13#14
Genau so ist es. Eine theater-und theaterpolitische Hülse reiht sich an die andere. Das ist unerträglich. Leider genauso hülsenhaft wie ihr Darmstädter Macbeth, den ich gesehen habe. Nicht wirklich was zu sagen gehabt, aber schön den politischen Mantel drübergeworfen. Das ist unehrliches eitles Theater!!
Todesfuge, Berlin: Pro #7, Contra #14
Ich möchte mich eher #7 anschliessen, vor allem bzgl. „…gibt es reichlich Stoff für einen (konstruktiven) Diskurs. Leider hat diese Kritik nichts dergleichen im Sinn“.
@14, aus meiner Sicht wäre Ihr Kommentar (erlebe ich als „passiv-aggressiv“ )interessanter gewesen, wenn Sie in Form von Ich-Botschaften geäussert wären.
Todesfuge, Berlin: Kritik vor 20, 30 Jahren
Bilmen hat natürlich Recht, dass Theater Wagnisse eingehen möge (wie eigentlich jede Kunstform). Aber Wagnis als Merkmal für Relevanz ist zu wenig, auch völlig Misslungenes kann gewagt sein. Und wenn das Wagnis daraus besteht, Misslungenes dem Publikum vorzusetzen, anstatt es zu überarbeiten oder überhaupt abzusagen, hat das mit Kunst an sich nichts zu tun. Widersprechen möchte ich auch einer nostalgischen Verklärung der Kritik vor 20, 30 Jahren. Die war überhaupt nicht mild, sondern konnte - ganz im Gegenteil zu heute - ziemlich heftig und mitunter sogar persönlich werden. Da wurden wirklich auch noch Abende an Spitzenhäusern mit großen Leuten völlig verrissen und in Grund und Boden vernichtet. Da gab es noch die unanfechtbaren Großkritiker, die durch nichts zu besänftigen waren - aber deren Begeisterung auch überschäumend werden konnte. Vermutlich war das auch gut so und Leute wie Müller, Castorf, Marthaler wurde absolut nichts geschenkt, die mussten da durch und sich beweisen, die wurden gemessen an Peymann, Stein, Grüber, Zadek, Wilson, Heyme, Freyer, Bondy usw, da gab es kein Pardon. Vielleicht sind sie aber eben gerade deshalb so gut geworden, weil sie gut sein mussten, weil sie gefordert und nicht in einer kleinen Theaterbubble geschont und verwöhnt wurden. Interessanterweise hatte Theater damals noch weitaus mehr Bedeutung und konnte in einer Stadt oder sogar überregional zum Tagesgespräch werden.
Nachbemerkung: Celan ist sehr anspruchsvoll und bringt eine jahrzehntelange Rezeptionsgeschichte mit. Da braucht es jene Gedankentiefe und Komplexität im Denken und Schaffen, die etwa ein Anselm Kiefer in seiner bildnerischen Beschäftigung mit Celan mitbringt. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man lieber andere Vorlagen und Themen wählen oder sich über negatives Echo nicht wundern.
Todesfuge, Berlin: Analogien
der Regisseurin (und ihrer Kommentar-Freundin) scheint es ja vor allem um eine Analogie zu gehen: So wie die Shoa durch Deutschland systematisch tötete, so werden heute Palästinenser*innen mit deutscher Billigung getötet. Und Celan soll der literarische Zeuge sein davon. Die Deutschland-Fahne ist das Symbol dafür. Das ist wirklich zum Schreien und diskreditiert jedes pseudo Reflektieren in Kommentar 2 bzw. 12. Ein gespielter Holocaust-Vergleich also. Bravo.
Todesfuge, Berlin: Tut weh
Durch Bilmens Kommentare verschiebt sich meiner Meinung nach der eigentliche Skandal, dass Frau Slevogt @18 meiner Meinung nach eben nicht „rein handwerkliche Aspekte“ beschreibt, sondern die Darsteller_Innen in ihrer Kritik ungemein bloßstellt. Lange habe ich eine solche persönliche vernichtende Kritik nicht mehr gelesen. Das tut echt weh beim lesen und ich hoffe, ich muss sowas nie selber aushalten. Und zu Frau Bilmen: Ihre Kommentare klingen derart gestelzt, wahrscheinlich AI inspiriert- man mag gar nicht weiterlesen. @Erbse #21 ja, teile ich - der Bilmen Macbeth war blutleer und hülsenhaft, hatte nix zu sagen.
Todesfuge, Berlin: Igitt
(....) "Igitt!"

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(Anm. Redaktion. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Kommentare, die sich im Ton vergreifen oder Kommentare, die einzig dazu dienen, Polarisierung zu bewirtschaften, nicht veröffentlichen. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow. | PS. Dieser Kommentar wurde gekürzt.)
Todesfuge, Berlin: Abwehr
Mizgîn Bilmen benennt hier das, was in der ursprünglichen Kritik mit voller Absicht übergangen wird: die Wucht, der historische Ernst und die politische Sprengkraft dieses Abends. Statt sich dieser Realität zu stellen, zieht sich die Kritik in eine Rhetorik der Distanz zurück – ein altbekanntes Muster, das radikale Kunst kleinmacht, indem es sie ästhetisch entwaffnet.
Worte wie „Verkitschung“ oder „Hohlheit“ sind keine Analyse, sondern Abwehr. Sie schützen nicht das Werk, sondern die Komfortzone derjenigen, die lieber über Form reden, wenn Inhalt zu unbequem wird. Es ist kein Zufall, dass auf Bilmens Argumente nicht mit Argumenten geantwortet wird, sondern mit Tonfall-Beschwichtigungen, persönlichen Unterstellungen und Ausweichbewegungen.
Nooris Arbeit stellt Fragen, wo die Kritik bloß Etiketten klebt. Wer das nicht aushält, schreibt nicht kritisch – sondern verteidigt Besitzstände. Und genau das hat Bilmen präzise benannt.
Todesfuge, Berlin: Nummer kleiner?
Es ist eine Kritik, die einem Kunstwerk ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Es wird mehrfach »tonloses Pathos« erwähnt, »Selbstergriffenheit«, »unfreiwillige Komik« durch genanntes Pathos, »hölzernes Sprechen« und eine Unterkomplexität, die Slevogt als »Hohlheit« der Inszenierung bezeichnet.
Das alles dann als »persönliche vernichtende Kritik« (#25) oder als »Zerstörungswut« zu bezeichnen als »hohnvolle Wut«, als »Reflex der Zerstörung« (alles Bilmen) und es gar mit der Argumentation der Neuen Rechten zu vergleichen (irgendwer, irgendwo) – sag mal, habt Ihr es auch eine Nummer kleiner?
Todesfuge, Berlin: Genau
@27, ja GENAU! Auch ich verstehe Frau Bilmen so wie Sie darstellen. Sehr Bedauerlich die persönlichen Unterstellungen mancher Kommentatoren.
Todesfuge, Berlin: Interpretationsvariante
at 24

Gehen Sie jetzt von der Kritik (allein) aus oder haben Sie den Abend auch besucht ?
Es mag ja sein, daß sich auch mir, wäre ich im Fluß des Abends verwoben oder gar ge- oder befangen, eine Interpretationsvariante wie die folgende verschließen würde,jedoch vom bloßen "Symbole-Auflesen" her ergibt sich für meine Begriffe kein Zwang, die Sache möglichst peinlich aufzufassen; die besagte Variante: Mit Schwarz-Rot-Gold hob die Bundesrepublik (und die DDR) an, und mit Celan hob sie an ,auch nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben (siehe Adorno) und die Sprache nicht zu verlieren..
Todesfuge, Berlin: Inakzeptabel
@15, ja, beim lesen der Kritik waren das auch genau meine Gedanken. Der Abend ist meines Erachtens von den beteiligten Künstler:innen „missbraucht“ worden. Eine Instrumentalisierung…
Für mich absolut nicht!!! akzeptabel.
Todesfuge, Berlin: Hilft mir
Danke, St. Pauli, dafür, dass Sie die Relativierung der Shoa ansprechen. Vor Ihnen ist das gar keinem aufgefallen. Das ist schlimm genug. Ich möchte mit Frau Slevogt, deren Geschmack ich bestimmt nicht immer teile, laut schreien. Bis auf weiteres nicht mehr ins Gorki zu gehen und Inszenierungen der Todesfuge überhaupt zu meiden, hilft mir persönlich schon ein wenig.
Todesfuge, Berlin: Was Kunst ist
Kunst ist, wenn man Inhalt und Form nicht voneinander trennen kann. Kann man, handelt es sich nicht um Kunst. Celan hat sich also erfolgreich gewehrt, das von ihm in der damals einzig möglichen humanen Weise gefasste Unsagbare vertheatern zu lassen. Wer was von Lyrik versteht, hätte das absehen können. Wer da ins Theater geht, um sich das intendiert vortragen zu lassen ist zu faul undoder zu feige das allein zu lesen und auszuhalten. Ich hoffe also, dass die Massen, die sich das ansehen, sich die Gedichte besorgen und jeweils ganz alleine lesen. Ganz. Laut, leise, immer und immer wieder, und sie nie loswerden können... gleich unter welcher Fahne.
Todesfuge, Berlin: Überlesen
@15: Oh,Giselle, Sie haben hier als erstes darauf hingewiesen. Bitte entschuldigen Sie, ich habe das ohne Brille überlesen.
Todesfuge, Berlin: Hochsensibler Dichter
Starke Kritik, die von Werk- und Biografiekenntnis zeugt. Wer Kunst macht, muss das Urteil aushalten, sonst ist er Antidemokrat.
Celan war ein hochsensibler Dichter, der jeder Aneignung und Verwurstung seines Werks extrem empfindlich gegenüber stand. Dass palästinabewegte Kufiyah-Träger es wagen, einem Celan-Abend zu applaudieren, grenzt an intellektuelle Leichenschändung. Ein Gedicht, das weder an diesem noch an jedem anderen von linken Avantgardisten organisierten Celan-Abend zur Sprache kommen würde:

Denk dir:
der Moorsoldat von Massada
bringt sich Heimat bei, aufs
unauslöschlichste,
wider
allen Dorn im Draht.

Denk dir:
die Augenlosen ohne Gestalt
führen dich frei durchs Gewühl, du
erstarkst und
erstarkst.

Denk dir: deine
eigene Hand
hat dies wieder
ins Leben empor-
gelittene
Stück
bewohnbarer Erde
gehalten.

Denk dir:
das kam auf mich zu,
namenwach, handwach,
für immer,
vom Unbestattbaren her.

Oder, in anderen Worten Celans, aus einem Brief vom 24. Mai 1967 an Gisèle Celan-Lestrange:
Puisse Israel durer et vivre !
Todesfuge, Berlin: Feuer und Rauch
Was sich hier in den Kommentaren abspielt, ist kein Diskurs - es ist ein Symptom. Eine Inszenierung, die wagt, Celan aus der Komfortzone deutscher Erinnerung herauszuschneiden, ruft nicht Denken hervor, sondern Abwehr. Die Kritik hat das vorweggenommen: Sie hat den Reflex der Empörung schon geschrieben, bevor überhaupt jemand die Bühne betreten hatte.
Seitdem wiederholt sich dasselbe Muster: Empfindlichkeit statt Argument, Besitzdenken statt Analyse. Man empört sich über Farben, Sprachen, Stoffe - aber nicht über das, was auf der Bühne wirklich passiert. Es ist, als ginge es gar nicht um Kunst, sondern um die Bewahrung einer moralischen Ordnung, in der Celan nur dann willkommen ist, wenn er nicht stört.
Diese Diskussion offenbart, worum es hier wirklich geht: um den Schutz einer kritischen Elite, die lieber über Form urteilt, als sich mit der Zumutung von Inhalt auseinanderzusetzen. Mizgîn Bilmen hat recht - der Skandal liegt nicht im Theater, sondern im Bedürfnis, es zu zähmen.
Die Angst vor Kontrollverlust wird als Geschmack getarnt, und die Abwehr der Gegenwart als Kulturkritik verkauft. Doch wer bei einem brennenden Abend über den Rauch klagt, hat das Feuer nie verstanden.
Todesfuge, Berlin: Täusche ich mich?
Ach Gott, ach Gott- was für ein pathetischer Satz. Es könnte auch gesagt werden, Sie haben den Rauch nicht verstanden. Bei einem Brand klagt man nur wenig über den Rauch, der verfliegt - man klagt über das Feuer.
Wieso werde ich das Gefühl nicht los daß hier Frau Bilmen selbst, oder mehrere Freundinnen und Freunde unter diversen Pseudonymen kommentieren?
Oder täusche ich mich?
Todesfuge, Berlin: Langweilig legitim
Den absolut unnötigen Seitenhieb auf Kufiyas beim Applaus jetzt mal geschenkt, sehe ich in dieser Kritik jetzt nichts, das man fundamental infrage stellen müsste. Die Vorwürfe "alles ein bisschen wenig und bisschen arg pathetisch und damit in der Summe langweilig" muss man sich als Theaterschaffende_r nun wirklich aushalten können.
Ich zumindest lese Frau Slevogts Abbügeln der Schwarz-Rot-Gold-Assoziation als simpel und vorhersehbar jetzt weniger als große Empörung über diese Setzung, als halt eher als Langeweile angesichts der schieren Offensichtlichkeit dieser Setzung. Und langweilig ist sie halt tatsächlich, egal wie oft man hier als erweitertes Programmheft in den Kommentaren behauptet, es wäre total spannend und widerständig.
Todesfuge, Berlin: Pseudonyme
Das fragt ernsthaft jemand, der/ die sich hinter einem Pseudonym versteckt?!
Ja ne is klar… Finde den Fehler.
Todesfuge, Berlin: Nicht zähmbar
#36:
1. "Symptome" spielen sich nicht ab. Sie sind passiv vorhanden und lediglich AUSDRUCK eines mehr oder weniger krankhaften Geschehens. Gute Ärzte können von Symptomen auf Krankheitsursachen schließen und dann sehr detaillierte und sehr individuelle Therpieideen entwickeln. Schlechte können das nicht.
2. Wage ich zu behaupten, dass (wenn es je Komfortzonen der Erinnerung geben kann - ich bezweifle das, denn "Komfortzonen" der Seele bestehen meist genau darin, dass sie Erinnerung ausklammern, d.h. genaue Historisierung gerade vermeiden!) ausgrechnet Celan sich nicht darin befindet. Ich lese allerdings gern begründet (mit Celan selbst begründet bitte), dass ich mich irre und mein Widerspruch also unberechtigt ist...
3. "Herausschneiden" ist ziemlich martialisch ausgdrückt für ohne Poetik, also im unkünstlerischen Sprachgebrauch - diese Art Pathos konnte sich Heiner Müller in Interviews erlauben - und der war nun wirklich obsssiv geschichtsbewusst bis in die griechische Antike zurück hinein! - (leider nicht noch weiter zurück...) und der sind Sie ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.
4. Ich denke nicht, dass ein Nicht-Bubble-Publikum ins Theater geht, weil es sich irgendetwas "Herausschneiden" lassen möchte und ich traue nur wenigen KritikerInnen zu, dass die helfen Publikum ins Thater zu locken, damit ihm, also dem Publikum, was rausgeschnitten werden soll...
5. Ich denke nicht, dass das Theater als solches zähmbar ist und dass JEDER, der hier schreibt, das auch weiß oder zumindest erfreulicherwise ahnt. Es geht hier nur darum, was für Theater für welches Publikum mit konkret wessen Geld und in konkret wessen Häusern gemacht wird. Ansonsten kann das beste Theater im Prinzip auch da stattfinden, wo es kein Mensch erwartet und kein Staat und Steuerzahler es finanziert. Wenn da dann ohne jeden Kritik-Trigger auch noch Publikum hinkommt, ist das ganz gewiss ungezähmtes Theater...
Todesfuge, Berlin: Spiegel und Machwerk
"Picasso sagt: 'halten wir einen Spiegel vor 1 wahres Kunstwerk, so muss er sich von dessen Atem beschlagen'". (Friederike Mayröcker)

Ja, und halten wir den Spiegel vor 1 Machwerk, so beschlägt er von dessen Gestank.
Todesfuge, Berlin: Dialektik
#12 Innerhalb einer Diskussion einer Nachtkritikerin zu unterstellen, sie wolle jede Diskussion im Keim ersticken. Herrlich. (Englisch: die Verwendung der "Mördersprache" als "Dichtersprache" in der Todesfuge spielte m.E. in der Rezeption eine grosse Rolle, so erinnere ich mich jedenfalls. Als müsse das bei jeder Übersetzung angemerkt werden, dass der Text zwingend deutsch sein müsse und eine Übersetzung nur ein Verweis auf das eigentliche Werk ist. Die Wahl einer anderen Sprache schreibt quasi Täterschaft zu, es sei daher unübersetzbar. Aus diesem Verständnis ist die Entscheidung für Englisch die Zuschreibung von Täterschaft.)
Todesfuge, Berlin: Interview Andrea Belfi
Man hätte es auch vorher wissen können: hier ein Interview von 2023 mit dem Musiker Andrea Belfi, wo er schon von seiner Beunruhigung über seine Neigung zu jüdischer Musik spricht - und zwischen Juden, Zionismus und dem israelisch-pälästinensischen Konflikt nukl Unterschied macht. Hier wird John Zorn dann musikalisch scheinbar gegen sich selbst verwendet.

O-Ton Belfi: "I sampled all these sounds and used them as notes and rhythms. It was a funny piece, coming from my inner struggle with my passion for certain Jewish music somehow related to Zionism and that horrible situation that got worse and worse within the last years."

Link zum ganzen Interview: https://kaput-mag.com/stories_en/andrea-belfi-i-appreciate-being-temporary/?utm_source=chatgpt.com
Todesfuge, Berlin: Betroffenheitsinvektive
Grundgütiger, was eine selbstbesoffene Betroffenheitsinvektive #2, da weiß man doch gleich, welche Regiearbeiten man in Zukunft auch noch meiden muss. Schon Gottfried Benn wusste: Gut gemeint ist das Gegenteil von Kunst. Ach, ja: Mitunter könnte so manchen angesagten Regisseur*innen ein bisschen Bildung bezüglich der verwendeten Textvorlagen nicht schaden, Halbwissen hat noch nie zur Kunst geführt. Btw.: Frau Slevogt wie (fast) immer eloquent auf den Punkt. Danke dafür.
Todesfuge, Berlin: Weitere Ebene
Mir kam der Gedanke, dass das die Wahl der Sprache eine weitere Deutungsebene sein könnte. (Danke, Herr Heinse, für Ihre Anmerkungen unter #42.) Nur, wer sollte gemeint sein? Großbritannien, die USA, das Internet vielleicht. Konsequent wäre gewesen, alle Texte zu übersetzen und dies zu begründen. Ich denke, am Ende ist die Sprachwahl doch nur eine bedeutungsleere Schwäche.

Ich denke, die hier besprochene Veranstaltung zeigt exemplarisch, wie Regie die Rezeption behindern kann. Weniger ist mehr, und manchmal ist viel weniger viel mehr. Beispielhaft möchte ich hier auf „Letters to Fred“ in Darmstadt verweisen, wo Musik und Text Raum gegeben wurde, konsequent auf Englisch, unter anderem aus Respekt vor einem Holocaust-Überlebenden, der sich zeitlebens vom Land der Täter distanzierte. (Nachzulesen hier: https://opernmagazin.de/letters-to-fred-urauffuehrung-des-liederzyklus-von-bracha-bdil/)
Todesfuge, Berlin: Spannungsvergleich
Wenn Theater mal wieder in der Kommentarspalte spannender ist als auf der Bühne.
Todesfuge, Berlin: AI-Desaster
Schon bemerkenswert, dass im Jahr 2025 ein aufgrund klarer Merkmale (Mehrpunkt-Struktur, die immer ähnlich formulierten Absatzenden) so offensichtlich mit AI geschriebener Kommentar zu einer großen und langen Diskussion führen kann. Als Impulsgeber funktioniert das Geschwafel der künstlichen Intelligenz also immerhin ganz gut. Passt auch zu der beschriebenen Inszenierung: Die von Slevogt geschilderten Bilder, Umsetzungen und Ideen könnten auch 1:1 einem Konzept von ChatGPT entsprungen sein. Diese Konzepte wirken auch immer erstmal irgendwie überzeugend, entpuppen sich aber dann schnell als hohle Oberfläche ohne echte Substanz. Besonders schaurig, wenn dem Texte eines Dichters wie Celan zum Opfer fallen. Ich persönlich bin dankbar für so scharf beobachtete und argumentativ nachvollziehbar Haltung beziehende Kritiken und würde mir viel mehr davon wünschen. Selbst als von der Kritik Betroffene wäre mir sowas 10x lieber als das so häufige ungebildete, schaulahme Beschreibungs-Blabla so mancher Provinzkritik, die aus dem Bauch heraus schreibt, ohne das diffuse Gefühl nochmal vom Hirn einem intellektuellen Compliance-Audit zu unterziehen.
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