Todesfuge - Maxim Gorki Theater Berlin
Ein Kleister aus Deutschland
26. Oktober 2025. Paul Celan und seine Lyrik sind delikates Terrain. Am Berliner Gorki hat Nazanin Noori die Bühnenadaption einiger zentraler Gedichte gewagt. Mit dickem Soundteppich, höchstem Pathos und einer unzweideutigen Botschaft am Ende. Man muss fürchten, dass es ernst gemeint ist.
Von Esther Slevogt
"Todesfuge" am Maxim Gorki Theater Berlin © Etritanë Emini
26. Oktober 2025. "Fa – Fa – Fa" beginnt es lautmalerisch wie enigmatisch. Countertenor Steve Katona intoniert die Silben mit bebenden Lippen, die so recht zunächst noch nicht einzuordnen sind. Das Ambiente ist minimalistisch, Rot die vorherrschende Farbe: rot ist der Boden im Studio des Maxim Gorki Theaters, rot ein dicker Vorhang aus Kunststoff, der sich symmetrisch hinter dem Geschehen wellt. Davor haben kurz zuvor statuarisch gemessenen Schritts drei Musiker*innen ihre Plätze eingenommen: eine Hornistin (Elena Kakaliagou), ein Cellist (Guido Kohn) und hinter seinem elektronischen Equipment Andrea Belfi, der auch den Sound für diesen Abend von Nazanin Noori auf der Basis von Gedichten Paul Celans komponiert hat.
Das Unsagbare in Lyrik gefasst
Es hat am Gorki Theater schon einige Anläufe gegeben, performative Formen für Lyrik zu finden. Die 1991 in Wiesbaden geborene Noori hat sich vergangene Spielzeit in der Reihe "Fremde Poesie?" bereits mit dem Werk der 1967 mit Anfang dreißig tödlich verunglückten iranischen Lyrikerin Forugh Farrokhzad befasst: ein dunkles Exerzitium, für dessen trancehafte elektroakkustische Tonspur auch schon Andrea Belfi verantwortlich war.
Jetzt also Paul Celan, dieser Dichter, der nach der Shoah in der Sprache der Täter das Unsagbare in Lyrik zu fassen versuchte. Es beginnt mit dem Gedicht "Fadensonnen": zu diesem Wort setzt sich das "Fa – Fa- Fa" des Beginns allmählich zusammen, und es dauert lange, bis man es überhaupt hört und versteht. Es kommen drei weitere Performer*innen dazu, mit weiteren Texten – die mit tonlosem Pathos und betroffener Miene vorgetragen werden. In englischer Sprache zumeist, weshalb sich ein Celan-Feeling (wenn man das Werk in deutscher Sprache kennt) nicht so recht einstellen mag.
Den Unterschied macht schon der Titel des Gedichtbands deutlich, in dem die "Todesfuge" zuerst erschien: "Mohn und Gedächtnis" heißt er im Original, "Poppy and Memory" im Englischen (wenn auch vom bedeutenden Lyriker und Celan-Übersetzer Michael Hamburger übertragen). Das Englische ebnet Schroffheiten und Sprachwiderstände des Originals ins Kompatible ein – das tonlose Pathos, mit dem die Texte vorgetragen werden, die stoischen Mienen (und leider auch die zunehmend von schwerster Bedeutungsschwangerschaft gezeichneten Akteur*innen) erwecken die Texte nicht, sondern nutzen sie eher als Material für die Simulation irgendwelcher Stimmungen und Abgründe, die aber stets nur Pose bleiben.
Sprache bleibt Beiwerk
Die ambitionierte Textur von Belfis Musik fügt Celans Lyrik und seiner dunklen Semantik nichts hinzu, ihr kalkulierter repetitiver Gestus ertränkt sie eher, deckt sie mit einem dichtgestrickten, aber irgendwie auch beliebigen Soundambiente zu: da sind düstere langgezogene elektronische Soundcluster, die vom klagenden Ton des Horns verlängert werden. Manchmal durchzucken Riffs oder das Kratzen auf Celloseiten den Klagemodus des Sounds dieser Celan-Verkitschung. Oder es dräut flüsternd nur harsche Perkussion. Die Sprache, um die es doch gehen müsste, bleibt irgendwie Beiwerk – immer nur geht sie in diesem exerzitienhaften Pathos auf (oder eben unter). Lindy Larsson singt und spricht, Dalia Neis dito. Steve Katona steigen manchmal gar Tränen in die Augen. Die Selbstergriffenheit der Performer*innen ist streckenweise schwer erträglich, das Pathos manchmal dann auch unfreiwillig komisch.
Der Hauptpart kommt dann Edgar Eckert zu, darunter auch das titelgebende Gedicht mit dem berühmt-berüchtigten Satz, dass der Tod ein Meister aus Deutschland ist. Starr wie der Nussknackerkönig steht Eckert in seiner schwarzen Montur vor dem roten Vorhang, die Arme leicht angehoben, den Blick in eine diffuse Ferne gerichtet: als läse er die Texte irgendwo von einem Teleprompter ab. Aber da ist keiner, er schaut nur so ins Nichts und spricht vollkommen hölzern.
Man müsste schreien
Zu allem Überfluss hat sich nach etwa einer Stunde der rote Vorhang geöffnet und gibt den Blick auf ein dreigeteiltes Vorhangarrangement frei: oben Schwarz, in der Mitte Rot und unten Gold. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich darunter die deutsche Fahne vorzustellen. Die der Bundesrepublik Deutschland, nicht von Nazideutschland, auf das sich Celan stets bezieht. Und damit wird dann auch die Hohlheit dieser Veranstaltung überdeutlich, die offenbar nur darauf zusteuern möchte, mit dem Holzhammer den Satz vom Tod als einen Meister aus Deutschland vor der bundesdeutschen Fahne aufsagen zu lassen. Dass einige Akteur*innen zum Applaus mit Kufiya oder kufiya-ähnlichen Tüchern erschienen, ließ dann an Deutlichkeit kaum noch etwas zu wünschen übrig. Man müsste eigentlich schreien.
Todesfuge
nach Gedichten von Paul Celan
Regie: Nazanin Noori, Bühne & Kostüm: Nazanin Noori, Komposition: Andrea Belfi, Lichtdesign: Juri Rendler, Dramaturgie: Murat Dikenci.
Mit: Edgar Eckert, Steve Katona, Lindy Larsson, Dalia Neis, Livemusik: Andrea Belfi (Schlagzeug und Electronics), Elena Kakaliagou (Französisches Horn), Guido Kohn (Cello).
Premiere am 25. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.gorki.de
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1. Celan als abgeschlossenes Mahnmal
Slevogt liest Celan als Dichter der Vergangenheit, dessen Zorn ausschließlich dem nationalsozialistischen Deutschland galt. Doch Celans „Meister aus Deutschland" bleibt eine Diagnose, keine historische Fußnote. Sein Misstrauen galt auch der jungen Bundesrepublik, die von ehemaligen NS-Eliten geprägt war. Wer Celan nur als Dichter der Shoah liest, verkennt, dass seine Sprache die bleibende deutsche Sprach- und Erinnerungspathologie bloßlegt - bis heute.
2. Das Missverstandnis der Farben
Slevogt emport sich uber Nooris rot-schwarz-goldenen Vorhang und nent das „Hohlheit". Doch vielleicht verwechselt sie Ironie mit Naivität. Noori stellt keine Gleichsetzung her, sondern öffnet eine Spannung: Die Farben der Demokratie begegnen
Celans Satz vom „Meister aus Deutschland". Das ist kein Holzhammer, sondern eine präzise theatralische Dialektik - die Ästhetik der Nation gegen die Ethik der Dichtung.
3. Privatisierte Kritik
Slevogts Polemik ersetzt Analyse durch Affekt.
„Verkitschung", „Pose",
" „Hohlheit" - das sind Urteile,
keine Argumente. Wo Noori Pathos als Stilmittel nutzt, sieht Slevogt nur Überwältigung. Wo die Performance Englisch spricht, vielleicht um Celans „Täter-Sprache" zu brechen, hort sie bloß Verlust. Die Kritik urteilt von einem Besitzstand aus: als gehorten Celans Verse der deutschen Literatur, nicht der Menschheit.
4. Historische Tiefenschärfe
Slevogts Empörung über die Fahnenfarben verrät ein merkwürdig unhistorisches Verständnis. Celans Misstrauen gegen Deutschland war kein Anachronismus. Die BRD war kein unschuldiger Neuanfang: alte Funktionäre, alte Strukturen, alte Rhetorik. Wenn Noori diesen Gedanken sichtbar macht, ist das keine platte Provokation, sondern eine legitime Fortschreibung von Celans Skepsis.
5. Zwischen Ästhetik und Ethik
Slevogt verlangt Reinheit - Celans Schweigen, seine Verdichtung - und lehnt das Körperliche, Uberbordende ab. Doch Celans Sprache ist selbst Atem, Bruch, Schrei. Nooris elektroakustische Wucht und das Pathos der Performer*innen mögen riskant sein, aber sie nehmen Celans Texte ernst: als körperliche Erfahrung, nicht als sakrale Reliquie.
6. Kritik und Kunst
Slevogts Text ist brillant formuliert, doch ihre Brillanz dient der Abwehr. Sie verteidigt das Denkmal, Noori öffnet die Wunde. Das Theater riskiert Missverständnis, die Kritik riskiert nichts. Dabei wäre gerade Celans Werk eine Einladung zum Risiko - sprachlich, politisch, existenziell.
7. Fazit
Slevogt hat recht, dass Celans Werk „delikates Terrain" ist. Aber Delikatesse bedeutet nicht Unberührbarkeit.
Nooris Inszenierung provoziert, überfordert, vielleicht scheitert sie - doch sie scheitert produktiv. Slevogts Rezension dagegen triumphiert in der eigenen Gewissheit.
Der eigentliche Skandal ist nicht Nooris Pathos, sondern die Angst der Kritik vor Emotionalitat und Gegenwart.
Celan gehört nicht den Archiven, er gehört den Widerspruchen.
Noori riskiert diese Widersprüche.
Und das ist - bei allem Pathos - mehr Celan, als die Kritikerin sehen will.
Ein Beitrag von zwingender Notwendigkeit und brillant in seiner Klarheit. Dank!
Die Bühne ist leer! Leer wie das Versprechen von Leben in einem Raum, der nur für die Bequemlichkeit der Privilegierten gebaut wurde! Alles, was atmet, was fragt, was stört, wird sofort zum Statisten degradiert. Das Glanzlicht verschluckt die Stimmen des Publikums – nicht aus Versehen, sondern aus Gewohnheit, aus Machtgier, aus dieser ignoranten und arroganten Selbstverständnis, das denkt, Theater sei nur für die, die schon oben stehen.
Seht ihr nicht? Das Leben ist kein schöner Scheinwerfer. Das Leben ist ein Schrei, ein Stolpern, ein Chaos, das auf dieser Bühne niemals wohnen darf, weil niemand da ist, der es wagt
Jedoch wenn die Hälfte von dem, was Slevogt schreibt zutrifft, sollten wir die Karten wieder abgeben. Am besten, an jemanden, den man nicht mag.
Die, leider sehr umständlichen und wenig überzeugenden "Erläterungen" von Frau Bilmen helfen leider nicht weiter, mir jedenfalls nicht. Schade eigentlich.
Aber die Headline "Ein Kleister..." ist super, wenigstens das.
Was mich sehr iritiert, ist die Verwendung einer englischen Übersetzung, sei sie auch noch so gelobt.
Ein wichtiges Prinzip der Lyrik Celans ist das Bilden von Wortzusammensetzungen, die etwas völlig Neues darstellen und eigenständige Bilder, Vorstellungen hervorrufen: In "Nacht" gibt es "Augentausch", "Ewgkeitszeichen" und "Weltgestänge": Ich glaube nicht, dass Übersetzungen dieser Wörter (wohl immer mit einem "of", das dann Zusammenhänge eindeutiger macht, als sie es im Deutschen sind) auch nur ansatzweise auslösen können, was die Originale auslösen
Wie man "Gewimper" übersetzt, kann ich mir auch nicht vorstellen.
Zur "Todesfuge":
Aus
"wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng"
macht Hamburger:
"we dig a grave in the breezes there one lies unconfined" (im Internet so gefunden)
Das Pons-Lexikon (online) übersetzt "unconfined" mit "uneingeschränkt", "grenzenlos": Ich glaube "eng" ist da doch ein bisschen anders, vom beengenden (!) Klang einmal abgesehen.
Also: Warum auf Englisch?
"Ein Celan-feeling stellt sich nicht ein" Ernsthaft? Was genau soll das bitte sein?
Die Beschreibung und Kritik der Musik offenbart ein äußerst rudimentäres Verständnis von zeitgenössischer Musik. "Es dräut flüsternd nur harsche Perkussion" - Hohle Phrasen.
(...)
Der Abend plätscherte meiner Ansicht nach völlig phantasielos vor sich hin, mehrere Zuschauer schliefen ein (ich auch), ein hochkonzeptueller musealer kühler Abend, dem - vom sehr starken vorletzten Gesang abgesehen - jegliche Emotion, Poesie, Tiefe fehlte. Und tatsächlich eine für mich verpasste Chance, Celan 2025 zu begegnen.
Erst kurz vor Schluss ertönt der bekannteste Celan-Text, die „Todesfuge“ über den Holocaust, mit der berühmten Zeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Der Hintergrund ist in Schwarz-Rot-Gold eingefärbt. Die Kontinuität rechter Gesinnung und Nazi-Seilschaften ist am Gorki Theater ein wiederkehrendes Thema, insbesondere in Arbeiten von Ersan Mondtag und Oliver Frljić.
Keinerlei Comic Relief, keinerlei Ablenkung gibt es in diesem 90minütigen Kunstexerzitium, das Nazanin Noori als zweite Arbeit im Studio des Gorki Theaters eingerichtet hat. Anerkennend, aber doch verhalten ist der Applaus des überwiegend jungen Publikums nach der zweiten Vorstellung.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/10/27/todesfuge-gorki-theater-kritik
mir geht es nicht um die Verteidigung eines Theaterabends. Theater darf scheitern, langweilen, scheitern gnadenlos – das ist sein ureigener Ort der Wahrheit. Was mir Sorgen macht, ist die Art von Kritik, die sich als moralische Autorität aufspielt, ohne überhaupt eine Diskussion zuzulassen.
Es ist diese Zerstörungswut, die aus einem tendenziösen „Geschmäckle“ heraus entsteht – die hohnvolle Wut der Kritikerin, die jede inhaltliche Auseinandersetzung verweigert, aber sich selbst als Richterin über Ambition und Wert ausgibt. Qualität der Beobachtung? Fehlanzeige. Analytische Schärfe? Abwesend. Nur ein Reflex der Zerstörung, der flache Konventionen und persönliche Vorlieben schützt.
Vergessen wir dabei nicht, dass das Einschlafenlassen, die vermeintliche Langatmigkeit von Inszenierungen, das Markenzeichen von Marthaler und Frank Castorf sind und waren – Künstler, die mit radikalem Tempo, mit Muße, mit Langsamkeit und Wagnis das Theater verändert haben. Wer hier selektiv „Langweile“ kritisiert, zeigt nur, dass es ihm um persönliche Vorlieben geht, nicht um Theater.
Meine Mutmaßung ist: Diese Kritik verfolgt vor allem ein Ziel – neben der Tatsache, jegliche Diskussion im Keim zu ersticken, die Leserschaft subtil zu manipulieren und ihnen unausgesprochen zu signalisieren: „Geht bloß nicht in diesen Müll, ja, wo sind wir denn gelandet?“ Künstlerisch wertvoll wäre die Kritik nur gewesen, wenn die Kritikerin sich getraut hätte, genau das explizit zu schreiben: „Geht bloß nicht in diesen Müll.“
Solche Texte sind nicht nur inhaltsleer – sie sind toxisch für das Theater, für die Möglichkeit, dass etwas Neues, Unbequeme, Risikoreiches entsteht. Müller hätte gesagt: Wir müssen die Bühne von Vetternwirtschaft, kleinbürgerlicher Sicherheit und falscher Rücksicht freiräumen, sonst sterben wir im Applaus der Mittelmäßigkeit. Und genau das passiert, wenn kritische Stimmen sich in gnadenloser Ablehnung suhlen, statt zu analysieren.
Noori’s Abend mag nicht perfekt sein, aber er versucht zu tun, was Theater tun muss: riskieren, irritieren, provozieren. Und allein dafür verdient er Respekt – und eine Kritik, die wirklich diskutiert, statt nur zu zerlegen.
Wir leben 2025. Mit solch selbstgerechten Texten hätten viele Künstler:innen der 90er und frühen 2000er nie den Raum bekommen, den sie brauchten. Es ist Zeit, diese Art von Kritik klar zu benennen, sie analytisch zu entlarven und die Bühne wieder für die, die wagen, freizuräumen.
ich wollte gerade in der Kritik, die ich übrigens sehr differenziert fand, noch etwas nachlesen, da uns Celan aktuell sehr wichtig scheint.
Neugierig wie ich bin, tauchte ich weiter runter und lese - bis zur Hälfte, zu viel Wut - Ihre Einlassungen. Liebe Bilmen Mizgin, Ihr Beitrag ist derart aggressiv und voller Wut, dass es schwierig wird, die Stellen in der moderaten Kritik zu erloten. SIE teilen schwer aus, eher blind als sonstwas. Macht a) keine Freude und b) wenig Sinn c) hilft uns nicht weiter, das Theater, das wir lieben besser, interessanter, erlebnisreicher und schöner zu machen.
Ich lese schon genaue Beobachtung wenn einem distanzlose Tränen bei einem Dartsteller während des Votrages auffallen und wenn hier Instrumentarium genau beschrieben wird, was sonst bei Bühnenmusiken nicht oft so gnau geschieht. Ich finde es außerdem sehr gut, wenn KritikerInnen sich zu ihren eigenen Vorlieben bekennen, weil fürs Neutrale haben wir ChatGPdingsda und die Schreibsoftware der Zeitungsverlage. Und dann ist es so: Publikum hat auch seine Vorlieben. Da bieten die persönlichen Vorlieben von KritikerInnen also Realbedingungen für Theatermacher wenn sie in ihren Reszensionen dazu stehen. Manipulativ find ich, wenn Publikum veranlasst werden soll, aus politischer Haltung ins Theater zu gehen und zu bleiben und nicht einfach aus Lust, dort Vergnügen, Unterhaltung und anregende Denkverquirlung einheimsen zu können. Ich würde auch Frau Slevogt nicht unterstellen, dass sie ein ZIEL verfolgte mit ihrer Kritik - außer natürlich das, etwas Geld zu verdienen und hier die Seite und die Debattierlust der Kommentatoren am Laufen zu halten. Wenn man eine Diskussion will, dann stellt man am besten erst mal hin und sagt, ich finde das so und so und sage das, weil ich nicht anders kann. Dann sieht man schnell, dass viele anders als man selbst und die eigenen Blasenpeers können. Und NUR DAS ist interessant. Dass andere auch anders können als man selbst. Man selbst weiß ja immer, was man kann oder noch können möchte. Und: sie möchten doch nicht allen Ernstes diesen Abend mit einem Marthaler-Abend oder einem Castorf-Abend vergleichen? Marthaler hat sich, so er sich der Lyrik angenommen hat, dies in einen unterhaltsamen dramaturgischen und immer auch ironisierenden Rahmen gestellt, Was den Zuschauern viel Platz zum individuellen Denken und Fühlen gelassen hat. Und Castorf hat seine Langsamkeiten für weiträumige Ausflüge links und rechts der Haupt-Text-Thematik genutzt. Und zwar für extemporierende Ausflüge sowohl seiner DarstellerInnen als auch aller anderen Beteiligten einschließlich des Publikums...Si sagen es, wir leben 2025. Ich kenne einen Haufen selbstgerechter Texte aus den von Ihnen beschriebenen Jahren, die m.E. nur wegen ihrer Selbstgerechtigkeit den Raum bekommen haben, den andere vielleicht besser hätten gebrauchen können undoder genutzt hätten...
Bei Celan heißt es: "... da liegt man nicht eng". "Nicht eng" heißt, ähm, NICHT eng. Das "nicht" löst die Enge auf bzw. verneint sie. Können sie mir folgen? Also ist "nicht eng" eher weitläufig oder unbegrenzt oder uneingeschränkt. Nicht eng = grenzenlos.
Was war noch mal ihr Problem mit der Übersetzung? Ich habs nicht verstanden
Hier äußert sich die Regisseurin zur Zusammenarbeit mit Mizgin:
https://refugeworldwide.com/news/interview-nazanin-noori
Dieser Auftritt hatte wohl auch etwas Traumatisches, denn Paul Celan hielt sich hiernach mit Vortrag bzw. Veröffentlichung der "Todesfuge", die (eben) umso häufiger übersetzt wurde, sehr zurück. Übersetzung kann hier also auch bedeuten: dem (trügerisch ?!) vertrauten Zugang entziehen. Und (nicht zuletzt) zum Thema "Musik" mag ein Beitrag in textkritik de. hilfreich sein..
Oje....
Genau so ist es. Eine theater-und theaterpolitische Hülse reiht sich an die andere. Das ist unerträglich. Leider genauso hülsenhaft wie ihr Darmstädter Macbeth, den ich gesehen habe. Nicht wirklich was zu sagen gehabt, aber schön den politischen Mantel drübergeworfen. Das ist unehrliches eitles Theater!!
@14, aus meiner Sicht wäre Ihr Kommentar (erlebe ich als „passiv-aggressiv“ )interessanter gewesen, wenn Sie in Form von Ich-Botschaften geäussert wären.
Nachbemerkung: Celan ist sehr anspruchsvoll und bringt eine jahrzehntelange Rezeptionsgeschichte mit. Da braucht es jene Gedankentiefe und Komplexität im Denken und Schaffen, die etwa ein Anselm Kiefer in seiner bildnerischen Beschäftigung mit Celan mitbringt. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man lieber andere Vorlagen und Themen wählen oder sich über negatives Echo nicht wundern.
_______
(Anm. Redaktion. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Kommentare, die sich im Ton vergreifen oder Kommentare, die einzig dazu dienen, Polarisierung zu bewirtschaften, nicht veröffentlichen. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow. | PS. Dieser Kommentar wurde gekürzt.)
Worte wie „Verkitschung“ oder „Hohlheit“ sind keine Analyse, sondern Abwehr. Sie schützen nicht das Werk, sondern die Komfortzone derjenigen, die lieber über Form reden, wenn Inhalt zu unbequem wird. Es ist kein Zufall, dass auf Bilmens Argumente nicht mit Argumenten geantwortet wird, sondern mit Tonfall-Beschwichtigungen, persönlichen Unterstellungen und Ausweichbewegungen.
Nooris Arbeit stellt Fragen, wo die Kritik bloß Etiketten klebt. Wer das nicht aushält, schreibt nicht kritisch – sondern verteidigt Besitzstände. Und genau das hat Bilmen präzise benannt.
Das alles dann als »persönliche vernichtende Kritik« (#25) oder als »Zerstörungswut« zu bezeichnen als »hohnvolle Wut«, als »Reflex der Zerstörung« (alles Bilmen) und es gar mit der Argumentation der Neuen Rechten zu vergleichen (irgendwer, irgendwo) – sag mal, habt Ihr es auch eine Nummer kleiner?
Gehen Sie jetzt von der Kritik (allein) aus oder haben Sie den Abend auch besucht ?
Es mag ja sein, daß sich auch mir, wäre ich im Fluß des Abends verwoben oder gar ge- oder befangen, eine Interpretationsvariante wie die folgende verschließen würde,jedoch vom bloßen "Symbole-Auflesen" her ergibt sich für meine Begriffe kein Zwang, die Sache möglichst peinlich aufzufassen; die besagte Variante: Mit Schwarz-Rot-Gold hob die Bundesrepublik (und die DDR) an, und mit Celan hob sie an ,auch nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben (siehe Adorno) und die Sprache nicht zu verlieren..
Für mich absolut nicht!!! akzeptabel.
Celan war ein hochsensibler Dichter, der jeder Aneignung und Verwurstung seines Werks extrem empfindlich gegenüber stand. Dass palästinabewegte Kufiyah-Träger es wagen, einem Celan-Abend zu applaudieren, grenzt an intellektuelle Leichenschändung. Ein Gedicht, das weder an diesem noch an jedem anderen von linken Avantgardisten organisierten Celan-Abend zur Sprache kommen würde:
Denk dir:
der Moorsoldat von Massada
bringt sich Heimat bei, aufs
unauslöschlichste,
wider
allen Dorn im Draht.
Denk dir:
die Augenlosen ohne Gestalt
führen dich frei durchs Gewühl, du
erstarkst und
erstarkst.
Denk dir: deine
eigene Hand
hat dies wieder
ins Leben empor-
gelittene
Stück
bewohnbarer Erde
gehalten.
Denk dir:
das kam auf mich zu,
namenwach, handwach,
für immer,
vom Unbestattbaren her.
Oder, in anderen Worten Celans, aus einem Brief vom 24. Mai 1967 an Gisèle Celan-Lestrange:
Puisse Israel durer et vivre !
Seitdem wiederholt sich dasselbe Muster: Empfindlichkeit statt Argument, Besitzdenken statt Analyse. Man empört sich über Farben, Sprachen, Stoffe - aber nicht über das, was auf der Bühne wirklich passiert. Es ist, als ginge es gar nicht um Kunst, sondern um die Bewahrung einer moralischen Ordnung, in der Celan nur dann willkommen ist, wenn er nicht stört.
Diese Diskussion offenbart, worum es hier wirklich geht: um den Schutz einer kritischen Elite, die lieber über Form urteilt, als sich mit der Zumutung von Inhalt auseinanderzusetzen. Mizgîn Bilmen hat recht - der Skandal liegt nicht im Theater, sondern im Bedürfnis, es zu zähmen.
Die Angst vor Kontrollverlust wird als Geschmack getarnt, und die Abwehr der Gegenwart als Kulturkritik verkauft. Doch wer bei einem brennenden Abend über den Rauch klagt, hat das Feuer nie verstanden.
Wieso werde ich das Gefühl nicht los daß hier Frau Bilmen selbst, oder mehrere Freundinnen und Freunde unter diversen Pseudonymen kommentieren?
Oder täusche ich mich?
Ich zumindest lese Frau Slevogts Abbügeln der Schwarz-Rot-Gold-Assoziation als simpel und vorhersehbar jetzt weniger als große Empörung über diese Setzung, als halt eher als Langeweile angesichts der schieren Offensichtlichkeit dieser Setzung. Und langweilig ist sie halt tatsächlich, egal wie oft man hier als erweitertes Programmheft in den Kommentaren behauptet, es wäre total spannend und widerständig.
Ja ne is klar… Finde den Fehler.
1. "Symptome" spielen sich nicht ab. Sie sind passiv vorhanden und lediglich AUSDRUCK eines mehr oder weniger krankhaften Geschehens. Gute Ärzte können von Symptomen auf Krankheitsursachen schließen und dann sehr detaillierte und sehr individuelle Therpieideen entwickeln. Schlechte können das nicht.
2. Wage ich zu behaupten, dass (wenn es je Komfortzonen der Erinnerung geben kann - ich bezweifle das, denn "Komfortzonen" der Seele bestehen meist genau darin, dass sie Erinnerung ausklammern, d.h. genaue Historisierung gerade vermeiden!) ausgrechnet Celan sich nicht darin befindet. Ich lese allerdings gern begründet (mit Celan selbst begründet bitte), dass ich mich irre und mein Widerspruch also unberechtigt ist...
3. "Herausschneiden" ist ziemlich martialisch ausgdrückt für ohne Poetik, also im unkünstlerischen Sprachgebrauch - diese Art Pathos konnte sich Heiner Müller in Interviews erlauben - und der war nun wirklich obsssiv geschichtsbewusst bis in die griechische Antike zurück hinein! - (leider nicht noch weiter zurück...) und der sind Sie ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.
4. Ich denke nicht, dass ein Nicht-Bubble-Publikum ins Theater geht, weil es sich irgendetwas "Herausschneiden" lassen möchte und ich traue nur wenigen KritikerInnen zu, dass die helfen Publikum ins Thater zu locken, damit ihm, also dem Publikum, was rausgeschnitten werden soll...
5. Ich denke nicht, dass das Theater als solches zähmbar ist und dass JEDER, der hier schreibt, das auch weiß oder zumindest erfreulicherwise ahnt. Es geht hier nur darum, was für Theater für welches Publikum mit konkret wessen Geld und in konkret wessen Häusern gemacht wird. Ansonsten kann das beste Theater im Prinzip auch da stattfinden, wo es kein Mensch erwartet und kein Staat und Steuerzahler es finanziert. Wenn da dann ohne jeden Kritik-Trigger auch noch Publikum hinkommt, ist das ganz gewiss ungezähmtes Theater...
Ja, und halten wir den Spiegel vor 1 Machwerk, so beschlägt er von dessen Gestank.
O-Ton Belfi: "I sampled all these sounds and used them as notes and rhythms. It was a funny piece, coming from my inner struggle with my passion for certain Jewish music somehow related to Zionism and that horrible situation that got worse and worse within the last years."
Link zum ganzen Interview: https://kaput-mag.com/stories_en/andrea-belfi-i-appreciate-being-temporary/?utm_source=chatgpt.com
Ich denke, die hier besprochene Veranstaltung zeigt exemplarisch, wie Regie die Rezeption behindern kann. Weniger ist mehr, und manchmal ist viel weniger viel mehr. Beispielhaft möchte ich hier auf „Letters to Fred“ in Darmstadt verweisen, wo Musik und Text Raum gegeben wurde, konsequent auf Englisch, unter anderem aus Respekt vor einem Holocaust-Überlebenden, der sich zeitlebens vom Land der Täter distanzierte. (Nachzulesen hier: https://opernmagazin.de/letters-to-fred-urauffuehrung-des-liederzyklus-von-bracha-bdil/)