Boing, boom, schepper, klong

8. August 2025. In der Welt von Fitnessgeräten, Körpern und Maschinengeräuschen bewegt sich dieser Abend von Daniel Wetzel von Rimini Protokoll. Auf den Tonleitern der Selbstoptimierung geht es laut und manchmal auch erkenntnisstiftend zu.

Von Elena Philipp

"Sweat. Ein Musclical" von Daniel Wetzel | Rimini Protokoll im Radialsystem Berlin © Lilli Kuschel

8. August 2025. Wie klingt ein Rudergerät, wie tönt eine Hantelbank oder eine Abduktorenmaschine? Je nachdem, welche Sounds man ihnen unterlegt, lautet die Antwort von Daniel Wetzel und Team. In "Sweat. Ein Musclical" funktionieren sie Fitnessgeräte zu Musikinstrumenten um und entlocken den stählernen Apparaturen mehr als nur ihr mechanisches Klong, Schepper, Surr. Um das Konzert "Sweat. Songs of Push and Pull" zu realisieren, ziehen, drücken, hebeln sechs Kräftigungsprofis Gewichte – und performen so live zehn eigens für die Show komponierte Tracks.

Via Rudergerät ertönen in Sophia Winds klassisch inspiriertem "Inside – Voices from Far-Off Shores" Harfenklänge oder Wellenrauschen; in "My Body, My Choice (Black Mirror Park Remix)" von Brigitta Muntendorf erzeugen die gleichen repetitiven Zugbewegungen rhythmische Techno-Beats. Und die Seilzüge, mit denen man die Oberkörpermuskeln trainiert, klingen mal nach Streichern, mal nach einer verwegen verzerrten E-Gitarre.

Beatbeschleuigung per Pedal

Aufwändige Tüftelei liegt den "Songs of Push and Pull" zugrunde, erklären die Macher (in der Technik sind’s tatsächlich weitgehend männlich lesbare Personen): Sensoren an den Maschinen nehmen Daten ab und erlauben den Performer*innen die Modifikation der Klänge. Das Tempo, in dem die Pedale des Air Bike getreten werden, beschleunigt die tanzbaren Beats, die der Computer errechnet und an die Soundanlage des Radialsystems sendet. Je weiter das Zugband des Rudergeräts gezogen wird, desto höher klettern die Harfenklänge die Tonleiter hinauf.

Als Installation mit dem Titel "Sweat Machines. Ein akustischer Spielplatz" kann das Publikum die für die Performance umkonstruierten 'Instrumente' vorab ausprobieren. Angeleitet von den Performerinnen Shar Adams und Lisa Wadle, die als Trainerinnen die korrekte Nutzung der Geräte vermitteln, begreift man, wie später die Sounds entstehen. Zusätzlich zu diesem Gerätetest kann man an zehn Hörstationen die Rimini-Recherchen nachvollziehen. Vom erhebenden Verschmelzen mit dem Gewicht erzählt die Berliner Bodybuilderin Bea Edwards; ein anonymer Apparate-Aficionado wird zum Sisyphos stilisiert, der immer wieder das Gewicht des "Steins" stemmt, um sein Ideal eines makellos skulpturierten Körpers zu erreichen.

Mechanisierte Körperformung

Musikalisch ist das Ergebnis der Mensch-Maschine-Interaktion interessant. Als Album mit einem stilistisch weiten Spektrum zwischen Neuer Musik, Elektro, Hip Hop und Techno hätte "Sweat" aus Sicht einer Theaterkritikerin Charts-Potenzial. Und Daniel Wetzels Umdichtung von Schuberts "Leiermann" zum "Hantelmann", im Video performt von der Grips Theater-Musikerin Öz Kaveller, ist ein gelungenes kabarettistisches Kabinettstückchen. Theatral gibt das Bühnenereignis hingegen nicht viel her: Man beobachtet die Performer*innen beim Stellungswechsel. 

Mensch-Maschinen im Studio Nackt © Lilli Kuschel

Kursorisch macht "Sweat" auch mit der Historie mechanisierter Körperformung vertraut. Fotos der Muskelmaschinen von Gustav Zander, die an einer Hörstation ausliegen, flackern auch durchs Video des Duos abraso zum IDM-Track "Kontrast Training" von Schneider TM. Zander, ein schwedischer Arzt und Sportlehrer, entwickelte ab 1865 "Widerstandsapparate" aus Stahl, Gusseisen, Holz und Leder, mit Riemen und Rollen, Gewichten und Stangen – die Vorläufer heutiger Fitnessgeräte. Kaiser Wilhelm II. soll ein Anhänger der Beckenhebemaschine gewesen sein, und auch auf der Titanic gab es einen Kraftraum mit den "medico-mechanischen" Wundergeräten aus dem Zeitalter der Industrialisierung.

Utopie oder Dystopie?

Kuriositäten wie diese lenken allerdings kaum davon ab, dass "Sweat" nicht wirklich ein Musical oder "Musclical" ist. Dafür bleibt die Story vom klingenden Studio Nackt (nach dem griechischen Wort gymnós) viel zu dünn. Und was ist mit der Geschichte der Mensch-Maschinen, mit dem Transhumanismus – Utopie oder Dystopie? Was mit Bands wie Kraftwerk und der Entwicklung elektronischer Musik? Hier gäbe es noch Etliches zu erkunden.

Am ehesten verbindet ein queerender Gestus die einzelnen Nummern und Infotainment-Happen – die feministisch-kapitalismuskritischen Lyrics der Rapperin Bush.ida mit den akustischen Reflexionen von Trans*-Trainierenden oder Woody Aziz’ migrationspolitisch grundierten Elektro-Track "Blurred" mit den Luckenwalder Jugendlichen, die von krassen Six-Packs, Prügeleien und gesellschaftlichen Vorbehalten erzählen. Es bleiben Schlaglichter, untermalt vom experimentellen Körper-Kraft-Klang.

Sweat. Ein Musclical
von Daniel Wetzel / Rimini Protokoll
Musik von: Aigel, Black Mirror Park, Bush.ida, Güner Künier, Brigitta Muntendorf, Schneider TM, Franz Schubert, Fabian Tombers, Daniel Wetzel, Sophia Wind, Wooly Aziz.
Konzept, Text und Regie: Daniel Wetzel, Dramaturgie, Recherche und Text: Arved Schultze, Erik Veenstra, Digital Conductor, Sound Design und Programmierung: Fabian Tombers, Interaktive Kunstinstallation und Instrumente: Alfredo Bautista, Benjamin Maus und Klaudiusz Schimanowski, Notation: Peter Breitenbach, Florian Wulff, Szenografie: Lena Lupo Loy, Videodesign: abraso (Juan Pablo Gaviria Bedoya, Camillo Londoño Hernández), Lichtdesign: Hendrik Borowski, Grafikdesign: Marie Faass, Videotechnik: Marius Bratoveanu, Künstlerische Mitarbeit: Luna Anogiati, Yiannis Panagopoulos, Olesya Lakshtanova, Christiane Löll, Lou Marin, Patricio Suárez, Savina Tsafa, Technische Leitung: Patrick Tucholski, Produktionsleitung: Monica Ferrari, Ksenia Lukina.
Mit: Shar Adams, Lisa Wadle, Patricio Suárez, Katharina Bernier, Tobi Ibikunle, Yiannis Panagopoulos.
Premiere am 7. August 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause 

www.radialsystem.de
www.rimini-protokoll.de

Kritikenrundschau

Bei allem Unterhaltungswerk gehe es durchaus ernst zu, schreibt Uwe Sauerwein in der Berliner Morgenpost (9.8.2025). "Der ironischste Beitrag stammt von Daniel Wetzel selber: In 'Der Hantelmann' taucht der Leiermann aus Schuberts 'Winterreise' auf – und wird am Ende zum Eiermann." Auch gebe es die Möglichkeit, die 'Sweat Machines' selber zu testen und Musik darauf zu erzeugen. "Man ist zunächst verwirrt, weil der Klang nicht direkt aus dem Gerät kommt, sondern irgendwo aus einem der Lautsprecher." Eine "schweißtreibende Angelegenheit", liest man an einer Stelle auch.

"'Sweat´ ist energiegeladen und neuartig – eine Bühne, auf der Fitness, Sound und Bewegung zu einem mitreißenden Erlebnis verschmelzen," schreibt Antonia Schöne in der BZ (8.8.2025). "Allerdings: extrem laut und stilistisch so speziell, dass es sicher nicht für jedes Ohr gemacht ist."

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