Di-vi-si-on - Renaissance-Theater Berlin
Und wieder explodiert ein Mann
8. Juli 2025. Forever young, Reproduktion mit Ende siebzig: Eine revolutionäre Erfindung der Humangenetikerin Serafina macht's möglich im Stück von Katja Riemann und ihrer Tochter Paula Romy. Ob die Anti-Aging-Droge auch alle Fairnesstests besteht und langfristig Glückshormone freisetzt, zeigt Riemann in ihrem Bühnen-Solo.
Von Sophie Diesselhorst
"Di-vi-si-on" von Katja Riemann und Paula Romy im Renaissance-Theater Berlin © M. Knickriem
8. Juli 2025. Das Renaissance-Theater ist in Berlin vielleicht nicht der letzte, aber auch definitiv nicht der erste Ort, an dem man feministisches Theater suchen würde. Auch Katja Riemann, als Filmschauspielerin zum Promi geworden, hat als Theaterschauspielerin doch auf der politischen Bühne des Gorki Theaters reüssiert (in Sibylle Bergs Stück "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden") ...?
Nun aber hat sie sich für die erste Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Paula Romy (und deren Debüt als Theaterregisseurin) das schmucke Boulevard-Theaterchen in der City West ausgesucht, und: Es ist ein schlauer Move. Denn ein großer Teil des Charmes der One-Woman-Show besteht gerade darin, dass Riemann nicht zu den Bekehrten predigt, sondern ihr Thema deutlich feministisch, aber gleichzeitig eben auch boulevardesk locker aus dem Ärmel schüttelt.
20 Jahre in die Zukunft
Schon die Eröffnungsszene, in der Katja Riemann von der verheerenden Wirkung der Schwerkraft auf den alternden Körper spricht und dabei sowohl Frauen- als auch Männerkörper mit hängenden Gliedmaßen beschreibt, nimmt alle mit. Sie erntet bei der Premiere gleich die ersten dankbaren Lacher.
Der flotte 90-Minüter blickt 20 Jahre in die Zukunft. Humangenetikerin Serafina Grau ist 78 Jahre alt, sieht aber mindestens 30 Jahre jünger aus, was sie dem selbstentwickelten Präparat Serafim verdankt, das den weiblichen Alterungsprozess stoppt, so dass der Körper jung und straff bleibt und und auch die Reproduktion mit Ende 70 noch funktioniert. Im ersten Drittel des Stücks erwartet Serafina bange das Ergebnis eines Schwangerschaftstests, das sich zu ihrer Erleichterung als negativ herausstellt, und nimmt ganz nebenbei noch einen Preis für ihre revolutionäre Erfindung entgegen.
Revolutionäre Erfindung: Katja Riemann als Wissenschaftlerin in der Inszenierung ihrer Tochter Paula Romy © M. Knickriem
Die politische Stimmung wendet sich, und eine rechtsextreme Sekte zerrt die Forscherin vor Gericht. Sie gewinnt den Prozess, bekommt den antifeministischen Backlash aber als Symbolfigur des Progressiven mit voller Wucht ab und zeigt sich getroffen von der Macht der ewig wiederkehrenden "Patriarchate" (die das Stück immer nur im Plural betitelt) und der Sinnlosigkeit des Hasses auf sie, die als "Wissenschaftsterroristin" beschimpft wird. Auch im Jahr 2044 gibt es noch einen Abtreibungsparagraphen – und nun soll es aber auch unter Strafe gestellt werden, wenn Frauen auch in höherem Alter noch die Möglichkeit haben wollen, Kinder zu kriegen?
Anti-Aging als Rachestrategie
Serafina will ja gar nicht noch ein Kind kriegen. Der Antrieb, ihr Wundermittel zu schaffen, war eigentlich Rache, kommt im letzten Drittel des Abends heraus. "Es war das Jahr 2025, die Amerikaner wählten Trump, die Deutschen Merz und mein Mann eine neue Frau." Eine neue Frau, die ihn "erinnert an dich als junge Frau" und mit der noch ein weiteres Kind gezeugt wird. Lilly Charlotte Dreesen tritt im Videoeinspieler als Serafinas Tochter auf und ist Gesicht und Stimme des Gewissens.
Schnell werden verschiedene mögliche Kritikpunkte an Serafim durchdekliniert – der Schönheitsdruck, den es als ultimatives Anti-Aging-Mittel ins Unendliche erhöht, zum Beispiel. Was mit denen ist, die es sich nicht leisten können, wird gar nicht angesprochen. Denn eigentlich dient das Mutter-Tochter-Gespräch doch vor allem dazu, das Wundermittel ultimativ als feministischen Befreiungsschlag zu framen.
Gut durchdachtes Gedankenexperiment: Katja Riemann auf Alice Wongs Bühne © M. Knickriem
Auch wenn die Handlung etwas holzschnittartig ist, kommt "Di-vi-si-on" (= Trennung, Zellteilung, aber auch, Achtung Wortspiel: Die Vision(!)) als ziemlich gut durchdachtes Gedankenexperiment über die Rampe und hält sich ehrlich, wenn die feministische Rage in kleinen Boshaftigkeiten kanalisiert wird, die Sibylle-Berg-mäßig aus der Hüfte geschossen werden. So ist die Nebenwirkung von Serafim für Männer fatal, die Einnahme führt zur Explosion, was die Herren der Schöpfung natürlich nicht davon abhält, es immer wieder zu versuchen.
In nüchternen Tagesschau-Einspielern berichtet Pegah Ferydoni regelmäßig von Männer-Explosionen, die irgendwann fast zum Stadtgeschehen zu gehören scheinen. "Di-vi-si-on" mutet dem Publikum einen deutungsoffenen Schluss zu und verschlüsselt seine Message noch einmal subversiv, wenn Serafina das Mittel am Ende doch vom Markt nimmt, nur für sich selbst einen Vorrat aufbewahrt und sich so zum Denkmal ihres aktivistischen Tricks macht, den sie aber eben nicht ins Dystopische sich verselbständigen lassen will.
Feministisches Stand-up-Theater
Und Katja Riemann macht sich mit diesem Abend zum Denkmal des feministischen Stand-Up-Theaters, ein derzeit populäres Genre, das sie hier an ungewohntem Ort zu neuen Höhen führt. Die Bühne ist funktional gehalten mit einer Treppe, einem Requisitenregal, einem Rückzugsraum mit Fleischervorhang und einer Leinwand für die Einspieler. Mit virtuosen, manchmal bewusst ein bisschen übertriebenen Stimmungswechseln hält Riemann die Spannung, gibt dem Affen Zucker mit gelegentlichen Gesangseinlagen und macht sich selbst immer mal wieder in befreienden Billie-Eilish-Tanzeinlagen locker. Unterhaltsames und wirkungsvolles Feminismus-Mainstreaming. Durchaus politisch.
Di-vi-si-on
von Katja Riemann und Paula Romy
Regie: Paula Romy, Bühne: Alice Wong, Kostüme: Tanja Forgo, Julius Forgo, Videokunst: Etritane Emini.
Mit: Katja Riemann, und in den multimedialen Einspielern: Andreas Fröhlich, Pegah Ferydoni, Lilly Charlotte Dreesen, Cynthia Micas, Melika Foroutan, Alice Julie Noack, Nadine Schori, Gerhard Kämpfe, Max Befort.
Premiere am 7. Juli 2025
Dauer: 2 Stunden, eine Pause
www.renaissance-theater.de
Kritikenrundschau
"Es steckt viel interessante Theorie, viel Wissen in Riemanns und Romys erstem Theaterstück – dafür aber wenig Drive, Drama oder komplexe Figurenzeichnung", resümiert Barbara Behrendt im rbb (8.7.2025). Riemann habe sich "eine Figur auf den Leib geschrieben, die ihren Filmrollen ähnelt: tough, kühl, smart, mit bissigem Humor". Das spiele sie "schön und klar" und werde dafür von ihren Fans gefeiert. Was die Regie betrifft, sei es "kein schlechtes Theaterdebüt von Paula Romy, doch auch keine sichtbar ausgeprägte eigene künstlerische Handschrift".
Paula Romy inszeniere den gemeinsam mit Katja Riemann verfassten Abend "als Mischung aus Sciencefiction-Farce, Realsatire und feministischem Diskurs", der von Riemann "energetisch, singend und tanzend performt" werde, schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (8.7.2025). Was "Di-vi-si-on" allerdings vermissen lasse, sei die Vision, so der Kritiker. "Vor allem in Bezug auf das Geschlechter-Verhältnis. Die Männer gehören hier größtenteils in die Caveman-Abteilung."
"Pointen, manchmal zu schnell und manchmal genau für diesen Effekt rausgehauen", erlebte Judka Strittmatter für die Berliner Zeitung (€ | 9.7.2025). Das Stück biete "zwar nichts Neues, wenn man eine debattenaffine und feminismusgeladene Zeitgenoss:in ist, aber wenigstens ist es schön formuliert. Und vorgetragen in einem Ambiente, das dem altehrwürdigen und plüschigen Renaissance-Theater ein bisschen Dampf unter der alten Bühne macht. Radikalmodernes Bühnenbild, cooles Kostüm, eingestreute Videoschnipsel und die unvermeidliche Billie Eilish als musikalische Intentionsuntermalung – das bringt natürlich Punkte."
"Solch tosenden Applaus, so viel Jubel hat man in diesem Haus lange nicht mehr gehört", berichtet Peter Zander in der Morgenpost (9.7.2025). "Obwohl die Riemann ganz allein auf der Bühne steht, ist das kein monotoner Monolog. Sondern vielmehr ein sehr unterhaltsamer, manchmal saukomischer, mal gemein ehrlicher Abend."
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Insgesamt ist diese Saison-Abschluss-Produktion der gelungene Versuch, sehr verschiedene Publika anzusprechen: das ältere Charlottenburger Stammpublikum murmelt oder nickt an vielen Stellen zustimmend, freut sich über den Star auf der Bühne und mischt sich mit jüngeren Frauen, die die feministische Agenda des Abends anlockte.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/07/16/di-vi-si-on-renaissance-theater-kritik/