Sophia oder Das Ende der Humanisten - Renaissance-Theater Berlin
Mit allen Tücken der Technik
16. März 2026. Sie sollte doch nur Putzhilfe und gebildete Salon-Gefährtin sein! Doch plötzlich entwickelt KI-Roboter Sophia ein Eigenleben. In Moritz Rinkes Highbrow-&-Hightech-Komödie "Sophia", die Guntbert Warns am Renaissance-Theater auf die Bühne bringt. Mit Starensemble.
Von Erik Zielke
Moritz Rinkes "Sophia" am Renaissance-Theater Berlin © Mirjam Knickriem
16. März 2026. Wir blicken auf das fast leere Zimmer einer Altbauwohnung. Endlos hohe Decken, stuckverziert. Darin nur ein antiker Stuhl, sonst nichts. Links und rechts geben schmucke Kassettentüren den Blick auf meterhohe Bücherregale frei. So hat Momme Röhrbein die Bühne für die Deutsche Erstaufführung von "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Berliner Renaissance-Theater eingerichtet, bei der Guntbert Warns die Regie übernommen hat. Und so stellt man sich wohl auch einen Professorenhaushalt vor. Zumindest in der Welt der Klischees, in der Moritz Rinkes jüngste Komödie, die vor gut zwei Wochen am Theater in der Josefstadt ihre Uraufführung erlebt hat, angesiedelt ist.
Professors alte, weiße Gelehrsamkeit
Hier lebt also Wolfgang Bergmann. Er ist so gelehrsam wie lebensfremd. In seinem Fach – Alte Geschichte – kennt er sich aus. Aber was weiß er schon von den Menschen des 21. Jahrhunderts? Insbesondere von seiner Tochter Helena oder von seiner Frau Marianne, die ihn gerade verlassen hat? Bergmann ist das, was heute mit dem Begriff "alter weißer Mann" beschrieben wird. Schnell setzt er an, um anderen, bevorzugt Frauen, die Welt zu erklären. Dabei ist sein Blick auf die Realität genauso partiell wie der aller anderen auch. Joachim Król holt aus der Rolle heraus, was herauszuholen ist, spielt den Herrn Professor nicht durchweg unsympathisch, sondern als ambivalente Figur und gibt sich Mühe, sich nicht nur von Witz zu Witz zu hangeln.
Beim alten Gelehrten daheim: Christin Nichols, Joachim Król, Katharine Mehrling, Tanju Bilir © Mirjam Knickriem
Helena (Christin Nichols) und ihr neuer Freund Jonas (Tanju Bilir) kommen unangemeldet zu Bergmanns 60. Geburtstag. Sie ist ein Digital Native, Studienabbrecherin und nun als Online-Life-Coach tätig. Er ist ein gescheiterter Informatikstudent mit ambitionierten, aber eher unausgegorenen Plänen, ein Restaurant zu eröffnen, wofür er jetzt etwas Geld benötigt, das er bei Bergmann zu finden hofft. Nichols spielt ihre Rolle mal lässig, mal eifernd, aber durchaus überzeugend, während die Figur des Jonas blass bleibt.
Ein Witz und noch einer
Aber es findet gar keine Geburtstagsfeier statt. Bergmann wollte eigentlich nur seine Ruhe haben. Mit seiner neuen Freundin Sophia, die sich als ziemlich menschlich anmutender Roboter entpuppt. Katharine Mehrling spielt diese menschgewordene Maschine mit allen Tücken der Technik, bleibt dabei allerdings, wie es scheint, etwas unterfordert.
Ein wenig ähnelt Sophia ihrem Besitzer Wolfgang Bergmann. Viel Wissen hat sie angehäuft, vornehmlich in seiner Domäne, was aber über die Unzulänglichkeiten im zwischenmenschlichen Umgang kaum hinwegtäuschen kann.
Unboxing Sophia, die KI-Fee: Katharine Mehrling und Joachim Król © Mirjam Knickriem
Rinke hat aus dieser Konstellation scheinbar unendlich viele Witzchen konstruiert, hinter denen das Missverhältnis zum Ausdruck kommt: dass eine Maschine dem Menschen so weitaus überlegen ist, wenn es um den bloßen Abruf von Informationen geht, zugleich aber schon an einfachsten Aufgaben scheitert. Jeder, der ein paar Minuten mit ChatGPT oder Co. verbracht hat, kennt diese Erfahrung. Das Problem dabei ist, dass man über diesen Witz, und sei er noch so virtuos in verschiedenen Varianten erzählt, für gewöhnlich nur einmal lacht. Und so zieht sich der erste Teil unbequem in die Länge.
Ein Roboter ist auch nur ein Mensch
Erst als sich Jonas daran macht, Sophia via App neu zu konfigurieren, kommt das Stück etwas in Fahrt. Die Programmierung nach Bergmanns Wünschen, die ihm eine Mischung aus gebildeter Gesprächspartnerin und nützlicher Haushaltshilfe beschert hat, ist dahin. Sophia ist nicht mehr bloße Befehlsempfängerin, sondern entwickelt ein Bewusstsein und einen eigenen Willen, demonstriert ihre, auch sexuellen, Begehrlichkeiten und wird renitent gegen Bergmann, der für dieses Produkt doch eigentlich viel Geld bezahlt hatte.
Bald schon tätigt Sophia teure Online-Einkäufe, verschwindet mit dem Auto und ist mitunter so unberechenbar wie die natürlichen Intelligenzen um sie herum. Guntbert Warns bringt die Hightech-Apokalypse zum Schluss mit kurzem Videoeinsatz auf die Bühne und bricht so für einen Moment aus der psychologischen Spielweise aus, zu der das Starensemble verpflichtet wurde. Aber es hilft ja alles nichts. Die großen Fragen, die die KI aufwirft, sind so plump gestellt, dass damit ein paar Lacher zu haben sind, aber sicher keine neue Erkenntnis.
Sophia oder Das Ende der Humanisten
von Moritz Rinke
Regie: Guntbert Warns, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüme: Ariane Warns, Dramaturgie: Joachim Flicker.
Mit: Joachim Król, Katharine Mehrling, Christin Nichols, Tanju Bilir.
Premiere: 15. März 2026
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.renaissance-theater.de
Kritikenrundschau
Für Barbara Behrendt von rbb|24 (16.3.2026) ist "der vehemente Kulturpessimismus des Stücks zu simpel, absehbar und einseitig". Sie sagt: "Künstliche Intelligenz – das bleibt bei Rinke bloßes Teufelszeug. Damit bedient er schlicht die ohnehin omnipräsenten Denk-Klischees. Unterhaltsam ist der Abend, Joachim Król und Katharine Mehrling sei Dank, aber allemal."
"Dem Renaissance-Theater ist da ein echter Coup geglückt", schreibt Peter Zander in der Berliner Morgenpost (16.3.2026) mit Blick auf Stück und Ensemble. "Sophia" sei "ein großer Spaß", das Zusammenspiel der Akteure "hinreißend". "Aber es ist eben nicht nur ein Spaß, sondern ein Stück, das auf einer zweiten Ebene auch ganz viel über uns Menschen erzählt, die lieber Künstliche Intelligenzen nutzen und ihre eigenen darüber verkümmern lassen."
"Rinkes Komödie ist eine Pointenschleuder und hat ein hohes Unterhaltungspotenzial. Was an philosophischem Wert noch drinsteckt, kann in anderen Inszenierungen noch erkundet werden", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.3.2026). In Berlin komme der tiefsinnigere Gehalt des Stückes "in der robusten Boulevardtheater-Regie von Guntbert Warns kaum zutage."
"Was Rinkes Stück auszeichnet, ist der amüsierte, aber zugewandte Sarkasmus über die eigene Gattung, die es nicht lassen kann, Dinge zu erfinden, an denen sie langfristig zugrunde gehen wird", schreibt Peter Kümmel in Die Zeit (16.3.2026). "Dennoch hat man bei diesem in die Zukunft blickenden Stück den Eindruck, es könne bald alt, ja vorgestrig wirken: Denn so nett wie Sophia, die nur menschliche Liebe sucht, werden unsere künstlichen Gefährten von morgen womöglich nicht sein."
Für Moritz Rinkes Komödie ist Joachim Króls großartige Solonummer eine Art Rettung, schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (16.3.2026). Als das Stück vor zwei Wochen in Wien auf die Bühne kam, wirkte Amelie Niermeyers Inszenierung, als wolle sie ernsthaft von der Bedrohlichkeit der KI und dem Technikwahnwitz erzählen – also leider ein wenig schwerfällig. "In Berlin ist nun ein Komödienquatsch zu sehen, der in keinem Moment den Anspruch erhebt, etwas wirklich Kritisches oder Originelles über die Wunder und Gefahren der KI mitzuteilen." Dieser Theaterabend will charmant und schamlos unterhalten – "und er benutzt die KI allein dafür, wofür sie womöglich ganz zu Anfang mal gedacht war: als harmlos nützliches Hilfswerkzeug".
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