Hannah Zabrisky tritt nicht auf - Schaubühne Berlin
Schlag gegen die Ohrfeigen-Probe
23. November 2025. Draußen dauern die Kriege an. Drinnen wird durch Selbstzerfleischung auch alles kaputtgemacht, so die Ausgangslage von Falk Richters neuem Stück. An der Berliner Schaubühne setzt er seine Künstler-Selbstbefragung angesichts verdüsteter Weltlage fort. Mit einer Szene, für die es sich unbedingt lohnt, ins Theater zu gehen.
Von Christian Rakow
Falk Richters neuer Abend "Hannah Zabrisky tritt nicht auf" an der Schaubühne Berlin © Gianmarco Bresadola
23. November 2025. Hannah Zabrisky ist down, down, down, auch wenn sie noch recht rank und schlank im Raum steht. Sie sagt Dinge wie: "Etwas hat aufgehört in mir zu leben." Aber wenn sie diese Worte ausspricht, weiß sie nicht einmal, ob sie von ihr selbst stammen, oder aus einem Skript, das ihr irgendwie auf den Leib geschrieben sein soll.
Denn Hannah Zabrisky ist Schauspielerin und steckt gerade in den Proben zu einem Theaterstück, das für Frauen ihres Alters nurmehr abgegriffene Rollenklischees vorsieht: alternde Diva, einsames Herz, trostlose Hotelzimmer-Eule. Oh, Whiskey, mein Retter in der Not! Oh, Lack, der ab ist! Aber für den in der Bar abgeschleppten Klempner reicht's vielleicht noch. "Langsamer Tod" heißt dieses fiktive Stück, das Hannahs Leben einfangen soll.
Netz aus Befindlichkeiten
Tatsächlich befinden wir uns mit Hannah Zabrisky auf den Brettern der Schaubühne, mitten in einer Theaterbetriebssatire, die Falk Richter als Autor und Regisseur in Personalunion in den großen Saal des Hauses geschnippt hat. Und "schnippen" ist schon auch das richtige Wort, weil's hier so federleicht aus den Fingerkuppen zu kommen scheint.
"Draußen wird alles kaputtgemacht", sagen die Akteure. Draußen sind Kriege. Aber drinnen, in der karikierten Theaterwelt, seziert man lieber Befindlichkeiten: die Lasten des Alterns, des Frau-Seins, des Mann-Seins, des Schauspieler-Seins. Drinnen sind auch alle kaputt. Aber hübscher. Und ihr Kaputtgehen ist nicht in Gräuel-Videos eingefangen (sondern in lässigen Autorenfilmeinstellungen, die Videomacher Chris Kondek auf Leinwänden zum Geschehen beisteuert).
Der Regisseur muss auch noch Schlafzimmer-Konflikte lösen: Renato Schuch und Ruth Rosenfeld in "Hannah Zabrisky tritt nicht auf" © Gianmarco Bresadola
Falk Richter macht also in etwa dort weiter, wo er vor Jahresfrist an der Schaubühne mit "Bad Kingdom" begann: bei der Künstler-Selbstbefragung angesichts der sich verdüsternden Weltlage. Mit ästhetischen Anklängen an die Arthouse-Filme der 1970er Jahre. Doch während "Bad Kingdom" noch mächtig holperte, schnurrt "Hannah Zabrisky tritt nicht auf" geradezu boulevardesk reibungslos ab. In präzise getimten Schauspielszenen führt Richter sein Ensemble runde zwei Stunden durch das Theater-Spiel-im-Spiel, auf rotierender Glamour-Bühne von Nina Wetzel, voll smooth groovender Synthiepop-Chansons (Remix-Musik von Daniel Freitag), mit Jule Böwe als einer durch und durch faszinierenden Hannah Zabrisky, die noch in den unwürdigsten Herbst-des-Lebens-Szenen eine unbeirrbare Widerständigkeit bewahrt.
Seelenstriptease, Eifersucht, Abgeklärtheit
Man schaut ihnen allen wirklich ungemein gern zu: Alina Vimbai Strähler als Dramatikerin, die das Schauspielteam mit Seelenstriptease-Dialogen vor sich hertreibt; Renato Schuch als Regisseur, der sein Ensemble lieber durch feuchte Küsse und "Psychologie" als durch Haltungen und Visionen zusammenhält. Nebenher muss er noch Schlafzimmer-Konflikte und Eifersüchteleien mit seiner Partnerin bewältigen (Ruth Rosenfeld gibt hier das notorisch unbefriedigte Pendant zu Hannah Zabrisky).
Die Riege der abgehalfterten Recken komplettieren mit klarem Sinn für Selbstironie: Kay Bartholomäus Schulze als Hannahs erkalteter Lebensgefährte und Damir Avdić als der ihr vom Skript zugedachte jüngere One Night Stand (Marke Klempner mit Ladehemmung). Und dann ist da noch Pia Amofa-Antwi, die zunächst als Berufsteenie und Geliebte der Dramatikerin eingeführt wird und sich generationengerecht mit allen Fragen der Diversität, Inklusion und Intimitätskoordination auskennt, aber bald eine erstaunliche Abgeklärtheit entwickelt und zunehmend der ruhende Pol im ansonsten turbulenten Geschehen wird.
Betont außen vor
Wenn man dem Stück eines vorwerfen mag, dann dass hier ein Autor von Rang doch etwas unter seiner eigenen Messlatte hindurch springt. Falk Richter steht ja mit Referenzwerken wie "Fear" oder "Small Town Boy" nicht im Verdacht, vor politischen Auseinandersetzungen seinen Kopf einzuziehen. Wen also porträtiert seine Satire? Die hier dargestellte Schauspieltruppe auf Dopamin-Entzug steht näher an Gute-Laune-Krachern wie "Der nackte Wahnsinn" als an der Realität seines eigenen Theaters. Überhaupt ist Richter am besten, wenn er Stoffe wie in "The Silence" oder "In My Room" radikal persönlich auffasst. Wenn er sich selbst ausstellt. An diesem Abend bleibt er betont außen vor, fasst alles mit spitzen Fingern an. Die im Samthandschuh der Ironie stecken.
Widerstand gegen die Kunst-Selbstzerfleischung: Jule Böwe und Pia Amofa-Antwi © Gianmarco Bresadola
Und ja, natürlich. Ein bisschen Fallhöhe kauft er sich schon auch ein. Die tragenden Motive des Stückes und die zentrale Szene, in der sich Hannah Zabrisky auf einer Probe der schallenden Ohrfeige eines Kollegen entzieht, entstammen dem Arthouse-Filmklassiker "Opening Night" von John Cassavetes, der in immer wiederkehrenden Verarbeitungen zum Signature Piece des Theaters von René Pollesch wurde. Von dessen Reflexionsschleifen sind wir hier ein gutes Stück entfernt. Und wenn man zudem erlebt hat, wie Pollesch in seinem letzten Abend "ja nichts ist ok" die Selbstzerfleischung der Künstler-Bohème in der "Zeitenwende" vorführte, ebenfalls mit Anklängen an die Boulevardkomödie, dann nimmt sich Richters Pendant dagegen seltsam abgesichert aus. Trotz des finalen Aufbegehrens von Hannah Zabrisky gegen das Stückkonstrukt.
Jule Böwes unbeirrbares Widerstandsspiel
Gleichwohl. Man muss den Abend auch nicht zerreden. Er sucht gute, intelligente Unterhaltung. Und findet sie. Und bietet sogar eine bleibende, besondere Szene auf. Eine von denen, für die man ins Theater geht. Da ist sie also: die berühmte Ohrfeigen-Probe. Und Regisseur Renato Schuch und Kay Bartholomäus Schulze in der Rolle des schlagenden Ehemanns machen wiederholt vor, wie locker man so einen Schlag wegsteckt. Die Backpfeifen knallen. Aber nicht bei Jule Böwe alias Hannah Zabrisky. Die steht scheinbar verstockt, aber lauernd vor den Männern. Und wehrt sie ab, wenn die Hand anfliegen will, und bleibt weiter gewappnet. Minutenlang, bis alle um sie herum bis aufs Blut lächerlich gemacht sind. Nur Böwe nicht.
Und als schließlich der Hieb doch noch kommt, da wirft sie sich schon vorher auf den Boden. Und liegt da, sodass der Ehemann nurmehr kauernd nachsetzen kann und den reglosen Körper längst außerhalb jeder Szenenlogik erwischt. Ein sagenhaftes Bild, ein bis zum Zerreißen gespanntes: gewaltvoll und zugleich würdevoll, unverschont, doch unzerbrechlich. Jule Böwes Widerstandsspiel macht diesen Abend unvergesslich.
Hannah Zabrisky tritt nicht auf
von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Nina Wetzel, Kostüme: Andy Besuch, Musik: Daniel Freitag, Video: Chris Kondek, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Damir Avdić, Jule Böwe, Ruth Rosenfeld, Renato Schuch, Kay Bartholomäus Schulze, Alina Vimbai Strähler, Pia Amofa-Antwi.
Premiere am 22. November 2025
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause
www.schaubuehne.de
Kritikenrundschau
"Eine durchaus unterhaltsame Satire in boulevardeskem Grundton auf durchgängig sehr hohem darstellerischem Niveau. Die allerdings sehr nah bei den Befindlichkeiten der Figuren bleibt und sich eher wenig durchlässig zeigt für weitreichendere gesellschaftliche Diskurse", schreibt Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (24.11.2025).
Eine "Meta-Satire" sah Ulrich Seidler, "in der die Theaterleute nur als erschreckend talentlose, unprofessionelle und zynische Karikaturen auftreten. Klischees von halb gescheiterten, eitlen Kulturbetriebsprostituierten an der Schwelle zum Erfolg oder zur Abhalfterung, gefangen nicht nur in dem Irrtum ihres beruflichen Daseins, sondern auch in offenen Kreuz-und-quer-Beziehungen, die die künstlerischen Krisen abfedern sollen und lediglich als Ausdrucksmittel narzisstischer Syndrome herhalten." "Dabei reden sie unentwegt aufeinander ein, als hätte man sie an einen KI-Generator angeschlossen, der mit Selbstoptimierungsratgebern und Feuilletondebatten-Textbausteinen gefüttert wurde", schreibt Seidler in der Berliner Zeitung (24.11.2025). "Merken die überhaupt, was für einen zusammengerührten Filterblasenquark die da auswerfen? (...) Nach zwei Stunden ist der Sketch vorbei, und die Arroganz hat keinen Kratzer abbekommen."
"Wie Jule Böwe das spielt – wie tief sie einsteigt in die Form jener wahren Widerständigkeit, die so unglaublich einsam macht und deshalb so irre viel kostet, und wie sie sich in einer Szene, in der sie symbolträchtig geohrfeigt werden soll, dieser fatalen Symbolproduktion ganz buchstäblich entzieht, das ist schlichtweg sensationell und ohne jede Frage eine der größten Schauspielleistungen der Saison. Mindestens!", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (24.11.2025). "Aber es gibt auch Situationen an diesem Abend, in denen Hannah Zabriskys "Langsamer Tod" ziemlich nahe an Michael Frayns "Nacktem Wahnsinn" siedelt, der unverwüstlichen Backstage-Klamotte aus dem Jahr 1982. Hinzu kommt, dass der verbale Übergang von der kleinen Theater- in die globale Krisenwelt mitunter recht thesenhaft gerät."
"Die sarkastische Selbstironie dieser Theaterbetriebskomödie ist so lustig und lässig, dass man fast vergessen könnte, dass im wahren Bühnenleben die Kombination aus Sexismus und Altersdiskriminierung für jede Schauspielerin ab spätestens 40 zum echten Berufsrisiko wird", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.11.2025). Im Kern bleibe der Abend "modernes Boulevardtheater, bei dem auch echte Probleme vor allem dafür da sind, für ein paar Lacher zu sorgen".
"Als Spiegel des Gegenwartstheaters ist 'Hannah Zabrisky tritt nicht auf' interessant", schreibt Jakob Hayner in der Welt (24.11.2025). "Weniger interessant ist der knapp zweistündige Abend als Gegenwartstheater selbst. Die Figuren finden selten zu einer eigenen Sprache, sondern charakterisieren sich meist selbst, als würden sie sich in einer Vorstellungsrunde befinden oder ein soziologisches Kurzreferat halten. So entstehen mehr Abziehbilder als aus dem Leben gegriffene Menschen."
Im nd (25.11.2025) winkt Erik Zielke ab: "Der Selbstbezogenheit des Theaterbetriebs und seiner Blindheit gegenüber Problemen, die größer sind als das eigene Ego, wird man dramatisch nicht beikommen mit einem boulevardesken Theaterstück über das Theater. Wie lächerlich sich der sogenannte zivilisierte Mensch für gewöhnlich macht, das haben andere schon eindrucksvoller vor Augen geführt. Hier wird man das Gefühl nicht los, dass die Inszenierung in genau die Fallen tappt, auf die doch etwas laut polternd den ganzen Abend hingewiesen wird."
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Die Meta-Farce „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ kommt jedoch nicht über fade Klischees und eine Selbstbespiegelung hinaus, die nur für den Kulturbetrieb interessant ist. Die meisten Figuren sind reine Abziehbilder, besonders schlimm trifft es eine so talentierte junge Spielerin wie Alina Vimbai Strähler, die als Autorin Tamara eine überspannte Karikatur spielen muss. Der Text, den sie und ihre Kolleg*innen zu sprechen haben, ist mit „zusammengerührter Filterblasenquark“ (Uli Seidler in der Berliner Zeitung) noch freundlich, aber leider treffend beschrieben.
Am ehesten können zwei Spielerinnen ihren Figuren noch etwas Würde retten: zum einen Jule Böwe in der Titelrolle, als alternde Schauspielerin, die sichtlich von Gena Rowlands im New Hollywood-Drama „Opening Night“ (1977) inspiriert ist. Sie trauert nicht nur dem Verlust ihrer Jugend hinterher, der mit weniger attraktiven Rollen einher geht, sondern verliert generell die Orientierung und den Boden unter den Füßen in einer Polykrisen-Welt jenseits des Theater-Probenraums. Jule Böwe spielt zum Glück an diesem Abend weniger die fiktive Hannah Zabrisky aus einem papiern-belanglosen Stück, sondern eine Jule Böwe-Figur wie in vielen anderen Abenden aus ihren vergangenen 25 Jahren an der Schaubühne: widerständig, trotzig, mit rau-kratziger Stimme, tragikomisch und mit einer zumindest angedeuteten Fallhöhe, die dem Rest des Abends fehlt. Die andere ist Ruth Rosenfeld, die ihrer Nebenfigur, der Partnerin des Regisseurs (Renato Schuch), viel Autofiktionales aus ihrer eigenen Biografie mitgibt. Aufgewachsen in New York und Tel Aviv spielt sie auf die Proteste gegen Trump, den Gaza-Krieg und Netanyahu an. Leider versanden diese Gedanken und Monologe, Falk Richter gelang es nicht, diese Ebene schlüssig in seine Farce über depressiv-frustrierte Künstler*innen hineinzumontieren.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/11/23/hannah-zabrisky-tritt-nicht-auf-schaubuehne-kritik
Nur die Videos und Jule Böwe retten den Abend, sonst wirkt er leider unfertig.
Was hat das mit „Hanna Zabrisky“ zu tun? Backstage Comedy, also eher leicht und witzig gemeint, [es geht um eine Schauspielerin in der Sinnkrise: brüchige Stimme] über weite Strecken orientierungslos zwischen Diskursthemen hin und her zwitschernd. Ansonsten mit vielen guten Schauspielern besetze Unterhaltung, also geht gerade so …
Beide Unternehmungen haben Programmbücher herausgegeben: Schaubühne im kleinen Format [mit verkopften Artikeln, Schauspieler-Rollen-Zuordnung wird nicht angegeben], Netflix im Mega-Souvenir Format, gratis, auf Deutsch!, [Lars‘ Name oder Bild kommt darin nicht vor] als Bewerbungsmappe für Oscar-Nominierungen.
„Es ist eine gewaltige Verantwortung, du selbst zu sein. Es ist viel einfacher, jemand anderes zu sein.“ Stammt nicht von Richter oder Pollesch, sondern von Sylvia Plath und ist „Jay Kelly“ vorangestellt …
Leider gehörte die Inszenierung Hannah Zabrisky nicht dazu. Relevante Emotionen habe ich in dieser Inszenierung nicht sehen können.
@Anna #4 möchte ich zustimmen, dass die Drehbühnenfahrt von Jule Böwe und ihr Monolog ein sehr starker Moment war. Leider einer der wenigen Momente, in denen authentisch eine Emotion erzeugt und weiter ausformuliert wurde.
Hervorheben möchte ich das sehr gute Spiel von Alina Vimbai Strähler als Drehbuchautorin und vor allem Renato Schuch als Regisseur, der viel aus seiner Figur rausholen konnte.