Einer für alle

4. August 2025. Aus dem russischen Landgut wird ein irischer Kartoffelhof und aus dem egozentrischen alten Professor ein abgehalfterter Filmregisseur in Simon Stephens' Update von Anton Tschechows "Onkel Wanja". So weit, so plausibel. Die zentrale Neuerung ist allerdings eine handfeste Überraschung – die erstaunlich gut funktioniert. 

Von Esther Slevogt

"Vanya" von Simon Stephens an der Komödie am Ku'damm im BE © Franziska Strauss

4. August 2025. Die Idee ist natürlich bestechend, die der britische Dramatiker Simon Stephens in seinem Stück "Vanya" umgesetzt hat: nämlich alle Charaktere von Anton Tschechows berühmtem Drama "Onkel Wanja" als Variationen ein und derselben Figur zu betrachten und entsprechend von einem einzigen Schauspieler darstellen zu lassen – dieses Drama über lauter irgendwie unfrohe Leute, die glauben, dass sie am Leben vorbeileben, weil sie das Leben immer da vermuten, wo sie selber nicht sind.

Und so ist Stephens’ aus dem russischen in ein irisch-britisches Provinzmilieu verlegte Neufassung eine Art vielstimmiger Monolog. Die Wiedergänger aus Tschechows Original haben zwar alle Namen, als wären sie unterschiedliche Menschen: Ivan, Alexander, Helena, Sonia, Michael oder Elisabeth – doch werden sie alle von einem einzigen Schauspieler gespielt. Bei der Londoner Uraufführung 2023 war es Andrew Scott. Jetzt, bei der Deutschsprachigen Erstaufführung in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm (die mangels eigener Spielstätte im Berliner Ensembles zu Gast ist), ist es Oliver Mommsen.

Endstation Sehnsucht mit Tschechow-Flair

Die Szenerie, die Kaspar Zwimpfer ins Kleine Haus des BE gebaut hat, erweist der Tschechow-Tradition (und dem Klischee) mit leisem Birkenflair und verrumpeltem Gutshauscharme zwar seine Referenz. Doch es ist eher eine Endstation Sehnsucht, auf die man hier schaut. Ein Fernseher läuft und wirft sein kaltes blaues Licht auf ein großes Regal, in dem lauter VHS-Kassetten stehen. Zusammengewürfelte Stühle, ein alter Kühlschrank, ein Esstisch mit Geschirrstapeln. Hier würden sich auch Figuren, wie sie der irische Dramatiker Sean O’Casey erdachte, heimisch fühlen.

Sieht aus wie einer aus dem Publikum: Oliver Mommsen als Vanya und alle anderen © Franziska Strauss

Im Zentrum ein riesiger Holzschrank, in den sich immer mal wieder einzelne Figuren verkriechen, aus dem aber vor allem einmal Mengen von Kartoffeln purzeln. Denn auch hier wurde das Edle, das das Tschechow-Drama so oft umweht, downgegraded: kein Gut, eher ein Kartoffelhof ist es, in den der einstmals berühmte Filmregisseur Alexander (bei Tschechow ist es ein Professor) und seine junge Frau Helena aus der Großstadt zurückgekehrt sind, wo das Leben zu teuer war. Hier nun stellen sie das gemächliche Leben der Bewohner auf den Kopf und provozieren vor allem all die quälenden Fragen nach dem berühmten richtigen Leben im falschen.

Mit einem Arm im Bademantel

Es ist, wie gesagt, ein einziger Schauspieler, der all diese Figuren spielt. Oliver Mommsen sieht dabei aus wie jemand aus dem Publikum. Nichts an seiner Kleidung weist ihn explizit als Theaterfigur aus. Erst sind es noch Sprachfärbungen oder verschiedene Temperamente, mit denen er – und Regisseur Felix Bachmann – die Figuren abgrenzen: die Haushälterin lässt Mommsen Kölsch sprechen, Michael (der Arzt Astrow) erhält einen leicht getragenen Unterton – und einen Arztkoffer. Als zum ersten Mal Titelfigur Ivan auftritt, schlüpft Mommsen mit einem Arm in einen Bademantel. Um die von allen angebetete Helena zu markieren, reichen ein Fächer und eine gewisse melancholische Eindringlichkeit in Sprach- und Spielduktus, der gealterte und ausgebrannte Filmregisseur Alexander wird am Gehstock und einem alten Pelz erkennbar.

Vanya4 Franziska StraussMit Fächer als Helena: Oliver Mommsen auf Kaspar Zwimpfers Bühne © Franziska Strauss

Mit spielerischer Leichtigkeit schaltet Mommsen zwischen den Figuren hin und her, schafft immer wieder – fast pantomimisch – intensive Szenen, etwa wenn Michael und Helena sich kurz näherkommen. Es gibt komische, tragische und dramatische Momente. Manchmal scheinen sich die Stimmen der Figuren fast vom Körper dieses Schauspielers zu lösen. Dann schweben sie einfach im Raum – wie die weißen dünnen Hemdchen, die anfangs noch geisterhaft an einer Leine auf der Bühne hängen. Es sind ja all die Gestalten des Stücks eben nur Variationen ein und derselben Figur: jenes Typus Mensch (in dem wir wahrscheinlich alle uns wiedererkennen können), der glaubt, dass man das Leben mit einer gewissen Todsicherheit verfehlt.

Wenn sich alles zum Sinn fügt

Ivan liebt Helena, Helena liebt Michael, ist aber mit Alexander verheiratet, Sonja liebt Michael, und Ivan hat sein Leben der Verehrung für Alexander geopfert. Dabei hat auch Alexander stets nur Adaptionen und nie wirklich eigene Stoffe verfilmt. Am Ende hat, wie schon bei Tschechow, Sonja das Wort und vertröstet sich (und uns) auf das Ende unseres Lebens: wenn sich alles zum Sinn fügt, was uns jetzt noch so aussichtslos und ohne Hoffnung erscheint.

Ein klug komponiertes Drama, ein unprätentiöser Abend, der von Menschenliebe und zärtlicher Beobachtungsgabe lebt. Eigentlich genau das, was wir gerade brauchen.

Vanya
von Simon Stephens nach "Onkel Wanja" von Anton Pawlowitsch Tschechow. Deutsch von Barbara Christ
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Felix Bachmann, Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Martina Müller, Musik: Dominik Dittrich.
Mit: Oliver Mommsen.
Premiere am 3. August 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.komoedie-berlin.de

Kritikenrundschau

"Dem Theaterfuchs Stephens ist Anton Tschechow natürlich heilig (...) Die Emotionen und Konflikte bleiben erhalten und werden im Spiel Oliver Mommsens so eindrücklich wie unaufgeregt plastisch", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (5.8.2025). Er stürze sich in dieses Stück wie in eine historische Abenteuerreise, die am Schluss direkt in der Gegenwart münde. "Männer und Frauen, alt und jung, bodenständig und exaltiert, Mauerblümchen und Städterin, Liebe und Verzweiflung – für Oliver Mommsen gibt es in diesem Einpersonenstück fabelhafte Gelegenheiten, seine menschlich-allzumenschliche Gestaltungskunst zu zeigen." Fazit: "In der zurückhaltenden, klug temperierten Regie von Felix Bachmann wird 'Vanya' bei Oliver Mommsen eine zirzensisch virtuose, aufregende, absurd amüsante Aufführung."  

Eine immense Herausforderung, umso erstaunlicher, wie hervorragend das funktioniere, so Christine Wahl im Tagesspiegel (5.8.2025). "Und zwar unter vollständigem Verzicht auf jedwede Verkleidungs- und Verstellungsfolklore." Wie Mommsen widerstehe, in Klischeefallen zu tappen, sei eine Wohltat. Die fehladressierten Lieben, die ernüchternden Lebensbilanzen oder die verflossenen Möglichkeiten seien zeitlos – "ein Gefühl, das durch die intensive, gleichermaßen verdichtete wie differenzierte Darstellung Oliver Mommsens noch einmal in seiner gegenwartsdurchlässigsten Form potenziert wird. Absolut sehenswert!" 

"Regisseur Felix Bachmann belässt es nicht nur bei der Figurenführung. Ihm gelingen schöne Ideen wie ein Tanz mit dem Kühlschrank. Oder ein Schrank voller Kartoffeln, die auf die Bühne kullern", findet Peter Zander in der Berliner Morgenpost (5.8.2025). "Die Kartoffeln hätten auch zum Minenfeld für den Mimen werden dürfen." Eine minimalistische Kulisse wäre konsequenter gewesen. "Auch sonst hätte die Inszenierung ruhig etwas weniger brav ausfallen können." 

"Eine Tour de Force durch verpasste Chancen, enttäuschte Träume und stille Sehnsüchte – kein Monolog", so Regine Bruckmann im rbb24 (4.8.2025). Obwohl Oliver Mommsen die Spannung fast den ganzen Abend über halten könne, wären auch etwas mehr spielerischer Mut, mehr Anarchie und Komik denkbar gewesen. "So ist es ein sehr innerlicher, ernsthafter Abend an der Komödie über verpasste Chancen und unerwiderte Liebe geworden, ein bisschen brav, aber auch sehr fein erzählt." 

Kommentare  
Vanya, Berlin: Kampf im Bühnenbild
Oliver Momsen muss sich leider gegen ein völlig überladenes und uncharmantes Bühnenbild kämpfen, sodass er regelrecht darin manchmal untergeht und sein schauspielerisches Können sich verliert. Das hätte der Regie auffallen müssen.
Vanya, Berlin: Zu brav
Ich schätze Oliver Momsen als Schauspieler sehr, aber hier ist er wohl nicht der Richtige. Vielleicht liegt es aber auch an der Regie. Ich fand das Stück zu brav, zu langweilig gespielt. Der Wechsel zwischen den sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten war nicht prägnant genug. Momsen hat sich bemüht, aber irgendwie wurde es ein gleichförmiger Einheitsbrei ohne wirkliche Höhen und Tiefen. Schade!
Vanya, Berlin: Fallhöhe
In der Vorstellung, die ich besucht hatte, gab es 2 Stellen, an denen Oliver Mommsen kurz aus dem Spiel ausgestiegen ist, einmal sah es aus wie eine Textunsicherheit und einmal meinte er, er habe ein Requisit vergessen bzw. falsch eingerichtet. Mir kam vor allem die 2. Stelle wie inszeniert vor, im britischen Theater kommen solche eingebauten "spontanen" Momente öfters vor, was ich jedes Mal sehr befremdlich finde. Weiß jemand etwas dazu?

Was aber dadurch für mich offensichtlich wurde, war, wie gering die Fallhöhe und die Dichte der Charaktere von Mommsen war, da die Unterbrechung dieselbe harmlose (Unter-)Spannung hatte wie die Figur, in die er dann wieder "einstieg". Auch zeigte das "vergessene" Requisit, dass die Inszenierung sich aus diesem, anfänglich für die Zuordnung der Figuren noch hilfreichen, Kleinklein an Requisiten, nie wirklich befreien konnte und der Abend auch dadurch das "Brave" bekam, was jetzt mehrmals auftaucht.
Das Bühnenbild hat mir eigentlich sehr gut gefallen und das "Ausformulierte" fand ich auch einen lobenswerten anderen Zugang als in der Produktion vom National Theatre mit Andrew Scott.

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@Sich Fragender - falls Sie sich auf Szene mit der nicht weggeräumten Tasse beziehen: die gab es auch in der Premiere. Viele Grüsse aus der Redaktion, Esther Slevogt
Vanya, Berlin: Erste Stelle
@Esther Slevogt:

Ja, das war die erste Stelle! Dann ist das (leider) wirklich inszeniert.
Vanya, Berlin: Freiheit
Die Momente wenn Oli Mommsen aussteigt, weil er zB. ein wichtiges Requisit vergessen hat einzurichten, sind nicht von der Regie inszeniert. Sie passieren ihm und er nimmt sich die Freiheit damit zu spielen.
Vanya, Berlin: Stiller Abend
Ein Fächer, ein Gehstock, rheinischer Dialekt: Es sind nur ein paar Requisiten oder eine veränderte Stimmlage, die den Übergang von einer Figur zur nächsten markieren. Gemeinsam ist allen acht Figuren ihre Melancholie, ihre unerfüllte Sehnsucht und ihr ungelebtes Leben.

Oliver Mommsen spielt erstaunlich zurückgenommen. Inmitten einer Retro-Kulisse von Kaspar Zwimpfer betont er im ersten Teil das Komödiantische in Tschechows tragikomischem Setting stärker, gibt dem Affen aber nie zu viel Zucker. Im Mittelpunkt stehen stets die sehnsuchtsvoll Leidenden, jede und jeder auf seine Art unglücklich.

Felix Bachmann, der ansonsten vor allem am St. Pauli Theater in seiner Heimatstadt arbeitet, führt die Regie ebenso betont minimalistisch. Mehr Anarchie und Komik hätte sich Regine Bruckmann im rbb gewünscht und das wäre auch zu erwarten gewesen, aber diese Tschechow-Adaption ist keine Rampensau-Ein-Mann-Show eines TV-Promi, sondern ein stiller Abend, der in seiner melancholischen Figurenzeichnung eine Farbe betont.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/08/16/vanya-komodie-am-kudamm-kritik/
Vanya, Berlin: Unterschied
Hier zeigt sich schmerzhaft, das eigentliche Debakel: das deutsche Theater, dass sich immer etwas überheblich für den Weltmaßstab hält, wird hier ad absurdum geführt. Nichts gegen den ehrenwerten Mommsen, der einer der wenigen Schauspieler ist, der nicht nur im TV gut ist. Aber wer Andrew Scott gesehen hat, muss feststellen, dass eben doch auf einem ganz anderen Niveau gespielt und inszeniert wird. Die Präzision der Engländer, die mühelose Verbindung von U und E, die (meist) uneitle Regie, die immer und ausnahmslos Diener der Story ist und nicht des eigenen Geschmacks - all das macht das englische Theater so viel moderner. Wir werden es in den nächsten Jahren erleben, dass die Überlebensfähigkeiten des Theater durch all die Eitelkeiten und Unfähigkeiten auf eine harte Probe gestellt werden. Ausgang ungewiss!
Vanya, Berlin: Theaterfolklore
"Und zwar unter vollständigem Verzicht auf jedwede Verkleidungs- und Verstellungsfolklore." Christine Wahl - Ich habe den Abend genau anders erlebt: Verkleidungsschlacht und Theaterfolklore pur. Ohne die Mäntel, Taschen und Fächer wäre es wahrlich fast unmöglich gewesen, den Figurenwechseln zu folgen. Ich empfand alles völlig überdreht und mit verstaubten Theatertricks angereichert. Die stärksten Momente waren immer die von Helena, wo Mommsen auch mal eine gewisse Durchlässigkeit zeigte.
Vanya, Berlin: Auch in Hamburg
Derzeit jedenfalls gastiert Oliver Mommsen in Hamburg am Winterhuder Fährhaus (noch bis einschließlich 21.9.2025). Insofern dürfte es neben der NDR-Besprechung auf NDR-Kultur (11.9., 20:23 Uhr, Danny Marques Marcalo) noch weitere Kritiken geben. Auf Bremen 2 hat Oliver Mommsen zudem ein Interview gegeben, in dem er in Aussicht stellt, mit dem „Vanya“ auf größere Tournee zu gehen, er wolle das 300 Male spielen, wird er zitiert; auch nach Bremen wolle er kommen. Wahrscheinlich ist das Stück irgendwie auch ganz heilsam für ihn (zunächst ?, eine Mühle ist ja auch dies), der doch einen so durchschlagenden Erfolg als Kommissar Stedefreund hatte, daß er quasi -auch privat !- immer stärker mit diesem identifiziert wurde und -übergriffig- darauf reduziert (was ich so las). Wie wohltuend muß es zunächst sein, dieser „Brennglasrolle“ des „Stante-pede-Freund“ (er war auch für mich ein Sympathieträger in dieser Rolle, gestehe ich) nun gleich in 8 Rollen „entfliehen“ zu können: hin zum Instant-Vanya ! Toitoitoi desweiteren, Oliver Mommsen !.
Vanya, Berlin: Keine Verkleidungsschlacht
Ich freue mich, mich spontan via Hamburger Theaternacht und der heutigen Posterei ein wenig auf diesen Abend eingestellt zu haben, so daß ich ihn spontan noch ansteuerte. Es gab die acht Stückpersonen und Oliver Mommsen; das macht viel von seinem Charme aus: der Abend spricht ebenso tröstlich zu uns wie Sonia zuletzt zu Vanya: ja, das ist -neben dem Bühnensolomarathon- eine bemerkenswerte, berührende, erinnerliche ( denke ich) Leistung. Das war für mich doch keine Verkleidungsschlacht, wirklich nicht, war ziemlich minimalistisch. Alles ohne Hektik, unverhuscht, gut nachvollziehbar (wobei mir die „Onkel Wanja“-Verfilmung, die ich kenne, gewiß auch hilfreich gewesen ist).
Das Bühnenbild: nichts Einengendes, Raum für all die Fluchten und etwa den Auftritt von einer anderen Seite lassend. Verstaubte Theatergags ? Eigentlich auch nur scheinbar: den Spiegel im Kühlschrank fand ich beispielsweise großartig, den Tanz mit dem Kühlschrank sehr schön, die kleinen Trinkverstecke lustig, auch deren sprachliche Anbindung im Grunde: „Stiefelsaufen“ zum Beispiel oder „Spiegeltrinker“. Sisyphos werde ich mir fernerhin nun als Sonia mit ihrem Kartoffelschrank denken,,
Vanya, Berlin: Durch die Zeiten
Einmal fährt ein kurzer Blitz durch die Zeiten: Oliver Mommsen hebt an, humorvoll, die Rede des Mark Anton aus dem „Julius Cäsar“ anzustimmen. Der Ururenkel des Literatur-Nobelpreisträgers Theodor Mommsen, der „Die Römische Geschichte“ schrieb und drei Jahre nach der Uraufführung des Tschechowschen „Onkel Wanja“ eben den Nobelpreis für Literatur erhielt..
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