Hinter dem goldenen Vorhang

14. Juni 2024. Monika Gintersdorfer und ihre Gruppe La Fleur erzählen in ihrer neuen Produktion von einem queeren Sehnsuchtsort der Achtziger: dem mexikanischen Nachtclub "El 9" zwischen Nachtleben, Gegenkultur und politischem Aktivismus. Und schaffen damit einen Abend, der in vielerlei Hinsicht in der Gegenwart landet. 

Von Falk Schreiber

"El 9 – Las Noches de las Reinas" von Monika Gintersdorfer und La Fleur auf Kampnagel Hamburg © Nathanael Megui

14. Juni 2024. Normalerweise steht Monika Gintersdorfer nicht selbst auf der Bühne. Aber heute abend ist eine Ausnahme, heute erzählt die Theatermacherin ihre eigene Geschichte im Hamburger Produktionshaus Kampnagel: wie sie 1987 als Zwanzigjährige in Mexiko-Stadt den Club "El 9" entdeckte, eine ganz eigene Mischung aus queerem Nachtleben, Gegenkultur und politischem Aktivismus. Und weil Gintersdorfer weiß, dass sie keine geborene Performerin ist, entschuldigt sie sich: Eigentlich sollte Clubgründer Henri Donnadieu als "Anfitriona" durch den Abend "El 9 – Las Noches de las Reinas" führen, aber, naja, das Alter. Und deswegen erzählt die Regisseurin heute selbst, es sei ihr nachgesehen.

Feier gefallener Engel

Gegründet wurde "El 9" in den Siebzigern in der zentrumsnahen Zona Rosa als Club für die wohlhabende Gay-Szene – ein Novum, weil schwule Locations damals vor allem in den Vorstädten versteckt existierten. Donnadieu aber wollte das Publikum diversifizieren, und das machte er mittels einer durchdachten Programmdramaturgie: Die Kunstwelt wurde bedient durch die dem Club angeschlossene Kunstzeitschrift "La Regla Rota", an bestimmten Wochentagen wurden Avantgardefilme gezeigt, an anderen gab es Punk- und Rockkonzerte, die eine jüngere, weniger zahlungskräftige Klientel anlockten.

"El 9" blieb grundsätzlich ein queerer Ort, akzeptierte so aber auch ein heterosexuelles Publikum. Im Zentrum stand dabei die Theatergruppe "The Kitsch Company", die innerhalb des Clubkontextes kurze, schnell geprobte Camp-Miniaturen aufführte, und der erste Akt von "Las Noches de las Reinas" besteht aus einem (sehr freien) Reenactment solch einer Miniatur durch Gintersdorfers Gruppe La Fleur, basierend auf Picassos "Les Demoisselles d'Avignon": ein Tableau vivant, das mittels Bühnenrede und Songs zur Feier gefallener Engel wird.

lafleur5CNATHANAEL MERGUIKlubkonzept mit Kunst-Charakter: La Fleur reenacten das historische "El 9" © Nathanael Megui

Das ist hübsch inszeniert, bewusst unperfekt, aber mit Herzblut, viel Schminke und nicht zuletzt mit Gespür für den historischen Hintergrund. Und es schlägt Brücken: von der sexuellen Befreiung in Mexiko zur "Movida" im postfranquistischen Spanien, die mit der Popsängerin und Almodóvar-Actrice "Alaska" Ovido Gara zitiert wird. Aber es führt nicht deutlich über die nostalgische Erinnerung an die Achtziger hinaus, es bleibt das Nachstellen einer spezifischen soziokulturellen Situation, der goldene Vorhang als Ausstattungelement bleibt ein Vorhang, wie er im "El 9" hing. Und weil Gintersdorfer darauf hinweist, dass im freien Theater ja meist ohne Vorhang gespielt werde, hier aber die Einrichtung des Clubs imitiert werden solle, fühlt man sich kaum in die Gegenwart geholt.

Grenzauflösung im Tanz

Das passiert dann in einem zweiten Schritt. Das Publikum nämlich wird zu Tequila eingeladen, verlässt den Saal und verschwindet hinter die Bühne. Wo ein Disco-Setting wartet: Das Licht ist gedimmt, elektronische Beats wummern, Alkohol fließt. Und die Leute? Tanzen. Wer will, kann noch einen Raum weitergehen, dort laufen Vintage-Videos aus dem echten "El 9", aber das, worum es eigentlich geht, findet im Club statt: die Auflösung der Grenzen zwischen Darsteller*innen und Zuschauer*innen im Tanz. Zwischendurch tauchen immer wieder kurze Choreografien auf, eine Drag-Performance zum Gassenhauer "It's raining Men", ein Spiel mit dem heterosexistischen Charakter des Fußballs, das wird angetäuscht, um dann wieder in der kollektiven Bewegung zu verschwinden. Und wie der Abend diesen Formverlust, diese Auflösung arrangiert, das ist ziemlich klug gemacht.

Auch wenn der Preis dafür ist, dass der im ersten Akt noch extrem präsente mexikanische Club hier ein wenig aus dem Blick gerät. "Las Noches de las Reinas" ist immersiver als man es von früheren La-Fleur-Arbeiten gewohnt ist, aber auch weniger fokussiert, zwischendurch gibt man sich ganz den Beats und dem eigenen Körper hin und vergisst, dass man hier ja eigentlich einem Theaterstück beiwohnt.

lafleur6CNATHANAEL MERGUIEinladung zum Mittanzen: La Fleur auf Kampnagel © Nathanael Megui

Entsprechend ist es auch ein etwas unvermittelter Bruch, als Gintersdorfer das Geschehen zum dritten Akt wieder einfängt. Das Publikum muss zurück auf seine Plätze, und die Regisseurin erzählt vom Ende des wilden Lebens: Ende der Achtziger wütete AIDS auch im "El 9", was für die autoritäre mexikanische Politik eine willkommene Gelegenheit war, den Club zu schließen. Eine Krankheitswelle als Vorwand für Repressionen gegen das Nachtleben, man versteht den Bezug zu den Kontaktbeschränkungsmaßnahmen während der Covid-Pandemie, auch wenn man ihn nicht zu 100 Prozent teilen mag. Dennoch: dass Nachtleben, dass Popkultur politische Kategorien sind, dass es hier um eine Diversität geht, die aktiv verteidigt werden muss, ist nachvollziehbar.

Empowernder Charakter

"Las Noches de las Reinas" endet mit einer "Hommage an Aya": Die französisch-malische Popsängerin Aya Nakumara soll angeblich bei der olympischen Eröffnungszeremonie in Paris singen, was insbesondere von Marine Le Pen, aber auch bis ins liberalkonservative Lager hinein rassistisch kritisiert wird. Die Vollplayback-Hommage hat empowernden Charakter, sie spendet Kraft. Auf dass das Publikum zwei Hallen weiterziehen möge, zur Aftershowparty mit DJ Chino. Denn daran lässt dieser kluge, charmante, inhaltlich ein wenig richtungslose Abend keinen Zweifel: Das, worum es eigentlich geht, ist der Tanz.


El 9 – Las Noches de las Reinas
von La Fleur
Regie: Monika Gintersdorfer, Künstlerische Leitung: Franck Edmond Yao.
Performance/Choreografie: Gregor Zoch, Brayant Salome Solis Leyva, Pedro Ivan Montoya Casasolas, Carlos Gabriel Martinez, Arturo Lugo, Montserrat Gardó Castillo, Pohe Cedric Kevin Bah, Annick Agbadou, Rhama.
Uraufführung am 13. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause, im Anschluss Clubnacht

www.kampnagel.de

Kommentar schreiben