Bomben legen für die Zukunft

28. Juni 2024. Das Stadttheater Gießen eröffnet die Hessischen Theatertage mit einem Stück, in dem zwei Strategien gegeneinander antreten, das Klima zu retten: maßvolle Reform auf der einen und radikale Umwälzung auf der anderen Seite. Nur eine Seite kann den Kampf gewinnen.

Von Martin Schäfer

"Fifty Degrees of Now" nach Kim Stanley Robinson am Stadttheater Gießen © Lena Bils

28. Juni 2024. So abwegig ist die dystopische Rahmenhandlung des Stücks gar nicht. Während die reale Welt schon von Temperaturrekord zu Temperaturrekord eilt, übernehmen die Regisseurin und Gießener Intendantin Simone Sterr sowie Dramaturg Tim Kahn einige Motive aus dem Klima-Science-Fiction-Roman "Das Ministerium für die Zukunft" von Kim Stanley Robinson (2020): Die Weltbevölkerung schwitzt bei 50 Grad Celsius. Innerhalb weniger Tage sterben in Indien rund 20 Millionen Menschen. Der Entwicklungshelfer Frank überlebt und wandelt sich in der Folge zum Aktivisten und Extremisten, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Er kämpft gegen das politische System.

Welt am Abgrund

Eben dieses System in Form der Staaten und des Staatenverbunds UNO gründet ein mit 60 Milliarden Dollar Jahresbudget ausgestattetes Ministerium für die Zukunft, das – modern gesprochen – die Welt ‘enkelgerecht’ machen soll. Deren Leiterin Mary (souverän: Carolin Weber) schart die Expertise der Wissenschaft um sich: einen Ökologen (Ben Janssen), einen Experten für Geoengineering (Roman Kurtz), eine Finanzexpertin (Nina Plagens), eine Glaziologin (Paula Schrötter) und eine Juristin (Germaine Sollberger). Die Wissenschaftler*innen machen eine düstere Bestandsaufnahme – sie entspricht unserer Gegenwart. In ihren Montagsmeetings diskutieren sie Ideen, wie die Klimakatastrophe abzuwenden wäre wie zum Beispiel mit Wasserstofftechniken oder einer digitalen Währung, die an Kohlendioxidreduktion gekoppelt wäre. Mary weiß aber auch: "Jede Lösung bringt ein neues Problem."

FiftyDegrees3 1200 Lena Bils uPlanetare Krisensitzung in "Fifty Degrees of Now" am Stadttheater Gießen © Lena Bils

Spannung entwickelt das Stück durch die Gegenüberstellung von ihr und Frank. Auf der einen Seite die kühl abwägende politische Beamtin, auf der anderen Seite der an einer Belastungsstörung leidende, psychisch labile Frank, der von Davíd Gaviria grandios verkörpert wird. Mit Parka, Schlabberlock und vernachlässigtem Äußeren wirkt er äußerlich gebrochen, ist dabei aber völlig klar in seinen Ansichten.

Reform oder Revolte?

Er konfrontiert Mary mit seiner Überzeugung, dass sich ein System nicht selbst transformieren könne. Man müsse schon Kohlekraftwerke zerbomben und die Hauptakteure der Gas- und Ölindustrie ermorden, um Wandel herzustellen. Seiner Ansicht nach laufe die Welt sehenden Auges in die Klimakatastrophe. Mary aber schreckt vor radikalen Schritten zurück, sie glaubt an die Reformierbarkeit des Systems durch wissenschaftliche Expertise und neue Regelungen und Gesetze. Das geht jedoch zu langsam, stößt auf Hindernisse. Immer wieder besucht sie Frank und gewinnt Sympathien für dessen Aktivismus.

Das Publikum sitzt in zwei Teile geteilt vor und hinter der Bühne, deren Boden sich während des Stücks mehr als einmal bewegt. Sie spiegelt unsicheres Terrain der Aushandlungsprozesse wieder. Darüber prangt eine meterdicke Stoffkugel, die mal als Erde, mal als Sonne projiziert und inszeniert wird. Das Sounddesign von dystopischen orchestralen Intonationen bis zu erlösenden sphärischen Klängen hat der Zürcher Musiker Jojo Büld eigens entwickelt.

FiftyDegrees2 1200 Lena Bils uDavíd Gaviria als Aktivist Frank © Lena Bils

Da das Stadttheater nicht nur zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielen, sondern das auch leben will, stammen alle Requisiten und Kostüme aus dem Fundus des Theaters oder sie wurden unter klimaschonenden Gesichtspunkten produziert und transportiert. Für das Gesamtkonzept erhielt das Haus von der Bundeskulturstiftung in der Förderlinie "Zero – Klimaneutrale Kunst- und Kulturprojekte" eine Förderung. Nach Angaben der Intendantin hat das Stadttheater in zahlreichen Workshops die eigenen Prozesse hinterfragt und die Erkenntnisse in die Aufführung einfließen lassen.

Süßliches Happy End

Hier trifft sich in gewisser Weise die Produktion des Stücks mit seiner Handlung, in deren Folge nach langen Aushandlungsprozessen die wissenschaftlich-technischen Projekte des Ministeriums letztendlich aufgehen. Die Gelder wurden richtig eingesetzt und die nötigen Mehrheiten gewonnen, auch in der zunächst skeptischen Finanzindustrie. Zum süßlichen Ende liegen alle Akteur*innen wie auf einer Blumenwiese auf dem harten Boden der Bühne, blicken in den Theaterhimmel und zählen die Errungenschaften auf. Es sind bekannte Techniken, die es gibt, teils auch Visionäres, wozu aber bislang der politische Wille fehlte.

Fifty Degrees of Now
nach Motiven aus "Das Ministerium für die Zukunft" von Kim Stanley Robinson
Regie: Simone Sterr, Bühne & Kostüme: Sabina Moncys, Musik: Jojo Büld, Dramaturgie: Tim Kahn, Licht: Karin Gebert, Regieassistenz und Abendspielleitung: Izad Safaeiyan, Soufflage: Eva-Maria Höckendorff, Inspizienz: Nina Vetter, Felipe Moretti, Bühnenmeister: Marc Keremen, Ausstattungsassistenz: Johanna Hofmann.
Mit: Carolin Weber, Davíd Gaviria, Roman Kurtz, Nina Plagens, Ben Janssen, Germaine Sollberger, Paula Schrötter.
Premiere am 27. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten

www.stadttheater-giessen.de 

Kritikenrundschau

Simone Sterr mache aus dem erfolgreichen Roman von Kim Stanley Robinson ein Debattenstück, bei dem das Publikum Teil von Meetings wird, so Esther Boldt im hr2 (28.6.2024). Am Ende des Stücks siege die Vernunft, "aber erst, nachdem ein junger Mann 'angry' wird". Fazit: "Kein schwieriger Stoff fürs Theater, aber wenn in der ersten Stunde ausschließlich bekannte Fakten wiederholt werden, ermüdet das die dem Thema doch aufgeschlossenen Zuschauer zu arg."

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