Theater der Verstrickungen

6. Juni 2024. Was können Haare über Kolonialismus, Ausbeutung und Emanzipation erzählen? Dieser Frage geht der neue Theaterabend von Manuela Infante nach. Mit einem starken Ensemble und starken Bildern.

Von Theresa Schütz

"100% peruanisch-amazonisches Haar" von Manuela Infante am Schauspielhaus Bochum © Fabian Ritter

6. Juni 2024. Manuela Infantes neue Theaterarbeit sollte eigentlich "Verflechtungen. Das Leben der Haare" heißen. Da dieser Titel während des Stückentwicklungsprozesses zu sehr nach einer "ernsthaften Abhandlung" klang, feierte in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum nun "100% peruanisch-amazonisches Haar" Uraufführung. Dabei geht es vor allem um eines: Verflechtungen.

Überaus kunstvoll werden an diesem Abend mindestens drei Stränge miteinander verflochten: Altern und Krankheit, die Geschichte der (Theater-)Perücke sowie globaler Echthaarhandel und Haarraub. Verwoben werden sie inhaltlich wie ästhetisch durch die Materialien Text, Bühne, Klang und Spiel-/Sprechweise. Hier ein Entflechtungsversuch.

Verletzlichkeit, Krankheit, Tod

Inhaltlich knüpft die Arbeit an Infantes Hannoveraner Produktion "Was ihr nicht sehen könnt" (2023) an. Dort wurde mit der Figur des Vampirs auf das verwiesen, was aus unserer neoliberalen, kapitalistischen Leistungsgesellschaft – und eben auch dem Theater – gern systematisch ausgeklammert wird: Verletzlichkeit, Krankheit, Tod. In Bochum steht über das Motiv des (möglicherweise) krankheitsbedingten Haarausfalls zunächst die Geschichte einer Ü60-Schauspielerin im Fokus, deren Selbstwertgefühl gemeinsam mit dem fallenden Haar verlustig geht. Um trotzdem weiter spielen zu können, lässt sie sich eine getragene Theaterperücke umfrisieren. Nicht zuletzt, weil mit den verinnerlichten, normativen Schönheitsidealen ihrer Branche verflochten ist.

Geschichte der Perückenindustrie

Damit ist die Spur zur Perückengeschichte gelegt. Sie weist in die Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV., der nämlich krankheitsbedingt schon früh sein Haupthaar verlor. Man könnte schließen, dass insbesondere männliche Eitelkeit ausschlaggebend für die Entstehung der Perückenindustrie im 17. Jahrhundert in Frankreich war; einer Industrie, die nur florieren konnte, weil andere Menschen – zumeist in den Kolonien – dafür ihre Haare ließen. Auf dem globalen Haarhandel, der für die Schönheits- und Kosmetikindustrie auch heutzutage unverzichtbar ist, gilt dabei insbesondere das titelgebende, peruanische Haar als das beste und widerstandsfähigste. Greenwashed auch gern mal als "100% ethisch" im Handel angepriesen.

100 peruanisch amazonisches Haar c Fabian Ritter 7 3Schlangenhaupt der Medusa? Performerin Jing Xiang  © Fabian Ritter

Ein Haartest konfrontiert die Schauspielerin schließlich mit der Tatsache, dass 159 verschiedene DNA-Spuren auf ihrem Kopf nachgewiesen werden konnten. Womit wir beim Haarraub-Komplex wären, dem zuvorderst Frauen aus verarmten, weil landwirtschaftlich ruinierten Regionen Südamerikas ausgeliefert sind. Stimmen berichten auch von Frauen, die aus Angst lieber ihre Haare essen. Und so steht die haarige Frage im Raum: Wussten wir von dieser Verflechtung? Wollen wie es überhaupt wissen? Reicht es nicht zu wissen, dass das Haarteil von Amazon kommt?

Vielstimmiger Gruppenkörper

Auch wenn häufig Veronika Nickl als Schauspielerin angespielt wird, spielt weder sie sich noch spielen die anderen sich selbst. Aber Figuren verkörpern sie auch nicht. Gina Haller, Abenaa Prempeh, Jing Xiang, William Cooper und Lukas von der Lühe stehen in "100% peruanisch-amazonisches Haar" als Sprechende gewissermaßen immer zugleich für eine Vielheit. Wie sie das machen, ist nicht nur sehr beeindruckend, sondern auch ziemlich komplex und schwer zu beschreiben. Denn auch "chorisch" trifft es nicht.

Sie bearbeiten das recherchiere Material als vielstimmiger Gruppenkörper, dessen Sprechweise etwas tastendes, stammelndes, Emotionen und Haltungen der Wut oder der Ironie suchendes und wieder verwerfendes hat. So werden Humor, Understatement, Wut und Ambivalenz zum verhandelten kapitalistischen Verstrickungskomplex möglich, ohne dass es moralisierend wird. Und das ist große Kunst und Wohltat zugleich.

100 peruanisch amazonisches Haar c Fabian Ritter 10 3Das Ensemble: Gina Haller, William Cooper, Jing Xiang, Lukas von der Lühe, Veronika Nickl, Abenaa Prempeh (v. li.) © Fabian Ritter

Der weiß gerahmte Bühnenraum wird von Beginn an von einer Art Baum-Skulptur dominiert. Sie besteht aus schwarzen, festen Seilen, deren Verknotung mittig den Beginn der Baumkrone markiert, während das Wurzelwerk sich auf der weißen Bühnenoberfläche ausbreitet und zur Spielfläche wird. Zum Thema Haare werden also nicht abermals (importierte oder geraubte) Haare auf die Bühne gebracht, sondern viel schwerer wiegendes Material: dicke, schwarze Seile hängen vom Schnürboden hinab. Visuell wirken sie viel gewaltvoller, spielen auf das Schlangenhaupt der Medusa an, erinnern aber auch an Tauwerk zu Schiff.

Das beeindruckende und einzigartig vielschichtige Theater der Verstrickungen von Manuela Infante ist schwer greifbar, ist weder Diskurs- noch Dokumentartheater und hat doch von beidem etwas. Es ist abstrakt, dicht und trotzdem spielerisch. Es ist ein Schauspiel, das Theater feministisch und dekolonial perspektiviert, und mit all seinen Mitteln ernsthaft beforscht.

100% peruanisch-amazonisches Haar
von Manuela Infante
Uraufführung
Regie & Sounddesign: Manuela Infante, Bühne & Licht: Rocio Hernández Marchant, Kostüm: Lara Suppe, Dramaturgie: Dorothea Neweling, Camila Valladares Farrú
Mit: William Cooper, Gina Haller, Lukas von der Lühe, Veronika Nickl, Abenaa Prempeh, Jing Xiang
Premiere am 4. Juni 2024
Dauer: 90 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Vermutlich ist es nicht die beste Idee, eine Uraufführung auf einen Mittwoch zu legen. Auch der kryptische Titel des Abends wirkt eher abschreckend, und richtig viel darunter vorstellen kann man sich selbst nach der Aufführung nicht. (...) Und ach: Auch das Thema will einen nach 90 halbwegs kurzweiligen Minuten nicht so recht vom Sessel reißen", schreibt Sven Westernströer in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (7.6.2024). "Eine matte Schwermut liegt auf der Bühne, zwischendurch herrscht einiger Leerlauf, der nur durch den geschickten Einsatz eines Klaviers am rechten Bühnenrand aufgelockert wird." Freude bereite es aber immerhin, das Ensemble zu beobachten, "denn das Stück ist klasse besetzt."

"Nur knapp halb gefüllt waren die Bochumer Kammerspiele bei der Premiere von '100% peruanisch-amazonisches Haar' von Manuela Infante am Donnerstagabend. Ein angekündigter 90-minütiger Abend über die natürliche und vor allem künstliche menschliche Kopfbedeckung hatte offenbar das meist Grau bis Silber tragende Publikum abgeschreckt. Leider. Denn es ist ein kluger, reflektierte und informierter Abend über ein Tabuthema", schreibt hingegen Tom Thelen in den Ruhr Nachrichten (7.6.2024). "Ein Abend voller starker Bilder und sprachlichem Witz, der schwer greifbar ist, weil er weder dokumentarisch noch dramatisch fest verortbar ist. Ein Abend, der schon bei der Premiere klug erklärt, warum er schlecht besucht ist. Frischer langer Applaus und Bravi in hohen Tonlagen."

Das eigentümliche Stück verbinde Poesie, Banalität, Witz und ein bisschen Kapitalismuskritik miteinander, so Stefan Keim im Deutschlandfunk (6.6.2024)

 

Kommentar schreiben