Don Karlos (A New Morning) - Theater Bonn
Die Welt wird verändert sein
21. März 2026. War Friedrich Schiller Avantgarde? Und ob – nämlich als Pionier unserer gegenwärtigen Blockbuster-Hits und Streaming-Serien! So sieht es jedenfalls Felix Krakau in seiner Bonner "Don-Karlos"-Überschreibung – und hat durchaus einen Punkt.
Von Sascha Westphal
"Don Karlos (A New Morning)" von Felix Krakau am Schauspiel Bonn © Matthias Jung
21. März 2026. "Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce." Dieses berühmte Zitat aus Karl Marx' "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" passt selbstverständlich nicht richtig auf Felix Krakaus Überschreibung von Friedrich Schillers "dramatischem Gedicht". Schließlich wiederholt sich mit diesem neuen "Don Karlos" statt Geschichte nur ein Stück, ein literarisches Werk, das sich historische Ereignisse anverwandelt. Und doch drängt sich Marx' Bonmot von der Tragödie und der Farce hier regelrecht auf.
Im Zerrspiegel der Verhältnisse
Felix Krakau blickt durch die Brille der Popkultur des 21. Jahrhunderts auf Schillers Verse. Also entdeckt er in ihrem Pathos, das so reich an politischen und philosophischen Gedanken ist, nichts als einen Vorläufer heutiger Blockbuster-Filme und Streaming-Serien. Ganz falsch liegt er damit natürlich nicht. Schon Schillers Stück ist ein seltsames Konvolut aus Politdrama, Verschwörungsszenario, Freiheitsplädoyer und Familien-Soap. Gerade die Liebeswirrungen, die im "Don Karlos" die Maschinerie der politischen Intrige am Laufen halten, wirken recht holzschnittartig. Dennoch birgt Schillers Stück eine solche Vielzahl von Facetten, dass es zum Klassiker geworden ist. Einem Klassiker, der seit seiner Uraufführung 1787 immer wieder neu gelesen und als Spiegel der aktuellen Ereignisse und Verhältnisse inszeniert worden ist.
Überfordert von den Umbrüchen unserer Zeit: Jacob Z. Eckstein als Don Karlos (Mitte) mit Riccardo Ferreiras Posa (links) und Daniel Stocks König Philipp © Matthias Jung
Eben diesen Reichtum der Interpretationen und der Erkenntnismöglichkeiten nimmt Krakau dem Stoff mit seiner Bearbeitung. Er eignet sich zwar Schillers Dramaturgie und damit die Mechanik des Stücks an. Aber er verengt sie auf einen einzelnen, zugegebenermaßen höchst aktuellen Aspekt, den Elisabeth von Valois, die spanische Königin, in einer der ersten Szenen auf den Punkt bringt: "Es sind unruhige, Angst machende Zeiten / nicht mehr lang / und die Welt wird verändert sein." Mit diesen Worten will sie ihren Stiefsohn Don Karlos, dem sie einst versprochen war, aus der Lethargie seiner unglücklichen Liebe zu ihr reißen. So will sie ihn davon überzeugen, dass es an ihm ist, diese bevorstehende Veränderung in seine Hände zu nehmen und sie in die richtigen Bahnen zu lenken.
In Krakaus Bearbeitung wird der spanische Hof zu einer Übergangsgesellschaft, die sich mitten in einer Zeitenwende befindet und damit auf unsere gegenwärtige Welt gemünzt ist. Diese Formatierung hin auf die Krisen und Umwälzungen, die uns gerade mitzureißen scheinen, offenbart sich am deutlichsten in der zugleich auch deutlichsten Abweichung von Schillers Text. Krakau hat Schillers Personal auf die sechs zentralen Figuren reduziert, auf den König "Philipp 2", Elisabeth, Don Karlos, den Marquis von Posa, den Heerführer Alba und "La Eboli". Aber diese Sechs treten zugleich immer wieder als eine Art von Chor auf, den Krakau einfach nur "Der Hof" nennt. Als Hof sind sie, wie es einmal heißt, "Adelige 7 Kardinäle / Menschen mit Manieren / die komplette Grandezza / Rang & Namen / aber da sind auch / Bedienstete / kleine Leute / winzige Leute".
Überfordert von den eigenen Ränken
In dieser Aufzählung, die vor Ironie regelrecht zu triefen scheint, offenbart sich das uneigentliche Wesen dieser Überschreibung. Krakau versucht, den pathetischen Ton Schillers herunterzubrechen. Er verwandelt ihn in eine von Serien wie auch von Social-Media-Feeds geprägte Alltagssprache und überhöht diese zugleich wieder ein wenig, aber immer mit einem Augenzwinkern. Hier ist nichts wahrhaftig, alles wird ironisch gebrochen. Das gilt auch für Felix Krakaus Inszenierung und die Bilderwelten, die der Bühnenbildner und Videokünstler Florian Schaumberger erschafft.
Aranjuez, der Sommersitz des spanischen Hofes, ist nichts als ein glänzender, spiegelnder Boden: eine leere Bühne und eine riesige Videoprojektion im Hintergrund, die einen kitschig blauen Himmel zeigt, über den malerische weiße Wolken ziehen. Um die einzelnen Orte im Königspalast in Madrid anzudeuten, lässt Schaumberger mal drei hintereinander gestaffelte immer kleiner werdende Lichtrahmen vom Bühnenhimmel herunterkommen, die einzeln wieder hochgezogen werden können und auf die Machtverhältnisse am Hof verweisen. Von diesen durchaus beweglichen Verhältnissen, die mal den Marquis von Posa – der bei Riccardo Ferreira immer etwas überfordert wirkt, von seinen Idealen ebenso wie von seinen eigenen Ränken –, und mal den von Paul Michael Stiehler gespielten Alba begünstigen, zeugen auch Bühnenelemente, die in die Höhe fahren und sich wieder senken.
Monarchendämmerung: Julia Kathinka Philippi, Imke Siebert, Daniel Stock, Jacob Z. Eckstein, Paul Michael Stiehler und Riccardo Ferreira in Florian Schaumbergers spektakulärem Video- und Licht-Design © Matthias Jung
Das von Schaumberger kreierte Zusammenspiel von Bühnentechnik, Videobildern und Lichtdesign entwickelt in seiner seltsamen Mischung aus Abstraktion und Symbolik sogar einen gewissen Reiz. Es lässt weitaus mehr Spielraum für Assoziationen und eigene Gedanken als Text und Inszenierung. Die bemühen sich um eine Eindeutigkeit, die letztlich Krakaus gesellschaftlichen Befund, seinem Streben, eine Welt ihm Übergang zu zeigen, widersprechen. Er gestattet seinem Ensemble praktisch keine Gestaltungsmöglichkeiten, die über das Offensichtliche hinausgehen. Nur Daniel Stocks König Philipp kann so etwas wie innere Zerrissenheit zum Ausdruck bringen. Er ist Machtmensch und Sehnsüchtiger, Tyrann und Idealist, und man ahnt angesichts seines Spiels, dass sich das eine weitaus schwerer vom anderen trennen lässt, als man denken möchte.
Bei den Comic-Bösewichten
Jacob Z. Ecksteins Don Karlos ist schlicht ein netter, ziemlich unbedarfter junger Mann, der eben nicht nur die Erwartungen seines Vaters enttäuscht. Er muss auch Posa und Imke Sieberts Elisabeth, die auf eine überaus pragmatische Weise von einer besseren Welt träumt, enttäuschen. Von seinem ersten Auftritt an kann es keinen Zweifel geben, dass Ecksteins Don Karlos einfach mit den Umbrüchen der Zeit überfordert ist und sie ihn erschlagen werden.
Noch klischeehafter und eindimensionaler sind allerdings seine beiden Gegenspieler Alba und die Prinzessin Eboli gezeichnet. Julia Kathinka Philippi und Paul Michael Stiehler geben sie als Comic-Bösewichte, als Karikaturen von Intriganten, die dennoch erfolgreich sind. So kann die Tragödie letzten Endes nur in die Farce kippen: ein Absturz, der jede ernsthafte Auseinandersetzung mit den heutigen Verhältnissen zunichtemacht.
Don Karlos (A New Morning)
von Felix Krakau nach Friedrich Schiller
Uraufführung
Regie: Felix Krakau; Bühne, Video, Lichtkonzept: Florian Schaumberger; Kostüme: Jenny Theisen; Musik: Timo Hein; Licht: Ewa Górecki; Dramaturgie: Sarah Tzscheppan
Mit: Daniel Stock, Imke Siebert, Jacob Z. Eckstein, Riccardo Ferreira, Paul Michael Stiehler, Julia Kathinka Philippi
Premiere am 20. März 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
https://www.theater-bonn.de
Kritikenrundschau
"Autor und Regisseur Krakau hat Schillers schier endloses, zwischen 1784 und 1787 entstandenes dramatisches Gedicht überschrieben: etwas Neues, im besten Sinne Gegenwärtiges geschaffen, ohne dem Autor untreu zu werden", schreibt Dietmar Kanthak im General-Anzeiger (23.3.2026). "Florian Schaumberger (Bühne, Video und Lichtkonzept) hat Wechselrahmen unterschiedlicher Größe entworfen, in denen sich die Handlung – temporeich, effektvoll, transparent und audiovisuell auf der Höhe der Zeit – entfaltet. Begleitet wird Krakaus fabelhafte Inszenierung von Timo Heins suggestiver Musik." "Es ist faszinierend zu sehen, wie sich alle Facetten der Vorlage organisch durchdringen. Das Persönliche ist hier immer politisch, und das Politische stets persönlich", so der begeisterte Rezensent. "Der im Stück enthaltene Generationenkonflikt behauptet seine zeitlose Aktualität."
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