A Doll's House - Asphalt Festival Düsseldorf
Klingelstreich bei Helmers
28. Juli 2025. Zum Finale des Asphalt Festival in Düsseldorf erzählt das dänische Kollektiv Fix & Foxy Ibsens "Nora" im Ambiente einer Privatwohnung – als immersives Abenteuer für das dort tatsächlich lebende Ehepaar und das Publikum.
Von Michael Laages
"A Doll's House" vom Kollektiv Fix & Foxy beim Düsseldorfer Asphalt Festival © Fix & Foxy
28. Juli 2025. Linksrheinisch, gegenüber der Düsseldorfer Altstadt, liegt Oberkassel, eines der feineren Wohngebiete der Landeshauptstadt; die parallel zum Fluss gelegene Brend'amourstraße wurde benannt nach dem 1915 in Düsseldorf verstorbenen Aachener Xylographen (also Holzschnitzer und Drucker) Richard Brend'amour. Hier lebte und arbeitete ziemlich lange auch der 1966 verstorbene deutsche Maler Otto Pankok.
Und hier im Viertel wohnt auch Anja Steinbeck, die 2014 zur Rektorin der Heinrich-Heine-Universität gewählt wurde und seit 28 Jahren mit Herrn Menke verheiratet ist, einem Juristen, der sich sehr gut auskennt mit Prozessen von Unternehmensübernahmen. Für den finalen Nachmittag beim Düsseldorfer Asphalt Festival ist das Ehepaar Menke-Steinbeck zu Nora und Thorwald Helmer geworden, sie sind die zentralen Protagonisten in einer sehr privaten Version von Henrik Ibsens Klassiker "Nora oder Ein Puppenheim".
Eine sehr geräumige Wohnlandschaft im Hochparterre wird zum "Doll's House", und wir, das Publikum, dabei. Tue Biering und Jeppe Christensen, die kreativen Geister des Kopenhagener Kunst-Kollektivs Fix & Foxy, haben dieses Konzept vor über zehn Jahren entworfen und realisieren es seither immer wieder auf Festivals; jetzt war es erstmals auch in Deutschland zu sehen, in vier privaten Wohnungen, die mit dem Asphalt Festival zusammengearbeitet haben.
Sitzplätze auch auf dem Balkon
Drei Akteure klingeln für uns. Auch sie haben – so erklärt nach der Vorstellung Mit-Akteur Jakob Hannibal – die Location vorher noch nicht gesehen; das gehört zum Konzept. Und tatsächlich haben sie nur einen kleinen Marshall-Lautsprecher dabei, auf dem sie per Handy Atmosphäre stiftende Musik abrufen können, sowie karnevalstypische bunte Hütchen und einige Getränke für's Publikum.
Dies ist die letzte von vier Vorstellungen, auch die drei Gastgeber-Paare der vorigen Festival-Tage sind dabei; etwa vierzig Menschen finden Platz an Tischen und auf Sesseln und Sofas in beiden Wohnräumen, in der großen Küche und auch noch draußen auf dem Balkon mit Blick auf Innenhof und Garten.
Theater am Küchentisch © Morten Abrahamsen
Anja Steinbeck und Herr Menke werden vorgestellt – sie, die Uni-Rektorin, und er, der Anwalt: ein glückliches Paar seit drei Jahrzehnten. Irgendwann später erinnern sie sich sogar an den ersten Kuss, und speziell Mit-Akteur Hannibal befragt sie über die wichtigen Werte, die das Leben der beiden bestimmen. Natürlich gehört bedingungslose Aufrichtigkeit dazu – aber jetzt durchleben die beiden, geführt und angeleitet vom Schauspieler-Trio, den zerstörerischen Vorgang von Lüge und Betrug.
Ibsen in der Altbauwohnung
Nora, also Frau Rektorin, hat (um dem Gatten eine lebensrettende medizinische Behandlung im Ausland zu ermöglichen) große Geldmengen geliehen; und um die zu bekommen, hat sie die Unterschrift des eigenen Vaters gefälscht. Das war kriminell – und fliegt jetzt auf, da der Leihgeber das Geld zurückfordert: ein gewisser Krogstad, den Thorwald Helmer gerade entlassen hat.
Das ist der Kern von Noras Untreue – von dieser Geschichte hat sie Thorwald nie erzählt; und jetzt, da er gerade vor einer lebensentscheidenden Beförderung steht (im Original bei einer Bank: er wird Direktor!), würde die ganze Schuld- und Schulden-Geschichte diesen Aufstieg stoppen, ihn beruflich vermutlich vernichten. In diesem Düsseldorfer Fall wäre die Uni-Rektorin mit Sicherheit auch beschädigt.
Ibsen bringt neben Krogstad noch zwei weitere wichtige Rand-Figuren ins Spiel - zunächst Frau Linde, Noras Freundin, einst mit Krogstad liiert und jetzt wieder darauf aus, in der Firma von Noras Gatten zu arbeiten, und den Arzt Rank, der ein sehr inniges, beinahe intimes Verhältnis zu Nora pflegt. Dass dieser Rank aber todkrank ist und die Liebe zu Nora die letzte ist, interessiert im "Fix & Foxy"-Konzept am Ende nicht mehr.
Gesellschaftliche Zwänge, Kaffee und Kuchen © Morten Abrahamsen
Anna Björgulf spielt Frau Linde, Ben Samuels den Arzt – und mit ihnen wird in der "Fix & Foxy"-Version auf nachdrückliche Weise sichtbar, dass alles, was über das Paar hereinbricht, von außen kommt; gesellschaftliche Zwänge und Verpflichtungen zerstören alle Möglichkeiten des Verzeihens zwischen den Eheleuten. Zumal sich vor allem Thorwald diesen gesellschaftlichen Regeln fraglos unterwirft – und darum am Ende natürlich nicht verstehen kann, warum Nora ihn verlässt, ja verlassen muss, der Achtung vor sich selber wegen. In Düsseldorf kommt übrigens das freundlichere Finale zum Einsatz – Nora kehrt zurück. Friede, Freude, Eierkuchen? Nein. Der Bruch, die Beschädigung bleibt für immer.
"Das kommt aber nicht in die Rheinische Post!"
Björgulf, Hannibal und Samuels lassen sich mit Menke und Steinbeck treiben durch die Wohnräume; wir treiben mit. Zuweilen wird's recht schräg – wenn etwa Frau Steinbeck Herrn Menke eine Massage zur Beruhigung verpasst, auf seinem Rücken sitzend. Da macht sich Frau Rektorin dann doch ein bisschen Sorgen: "Das kommt aber nicht in die Rheinische Post!" Fotos sind jedoch ohnehin nicht erlaubt. Und wenn das Paar einen längeren Umzug für ein Fest benötigt, wird das Publikum kurzfristig in Party-Wahn versetzt: mit viel Halligalli, Freigetränken, den ulkigen Hütchen und einer Polonäse durch die Wohnung.
Konzept und Setting sind grandios; und die alte Story kommt uns zuweilen tatsächlich ziemlich nahe. Und vor allem für die Gastgeber ist das ein Abenteuer der Extraklasse. Ganz anders, eher um die soziale Erkenntnis von wirklichem Leben im Alltag bemüht, hatte vor eineinhalb Jahrzehnten das "Theater der Welt"-Projekt mit dem Titel "X-Wohnungen" das Private zum Theater werden lassen – aber auch jetzt, beim Asphalt Festival bleibt die Herausforderung stark. Was geschieht, wenn das Private zum Theater wird, und unser Leben nur noch Bühne ist?
A Doll's House
nach Henrik Ibsen
Konzept & Text: Tue Biering, Jeppe Christensen und Fix & Foxy, Regie Original: Tue Biering, Fix & Foxy, Regie Asphalt Version: Jonas Preben Jörgensen, Produktion: Annette Max Hansen, Fix & Foxy.
Mit Familie Steinbeck-Menke sowie Anna Björgulf, Jakob Hannibal und Ben Samuels.
Düsseldorf-Premiere am 25. Juli 2025
www.fixfoxy.com
www.asphalt-festival.de
Kritikenrundschau
"Bei allem Ernst der Geschichte um Verrat und Vertrauensbruch in einer Beziehung, Emanzipation und Ausbrechen aus Konventionen, ist auch noch Raum für Humor," schreibt Claudia Hötzendorfer in der Rheinischen Post (29.7.2025). Denn natürlich komme es auch zu unfreiwilliger Situationskomik. "Beispielsweise, als Patrick zunächst noch in seiner Rolle als Torvald seiner Susanne sagen soll, was er an ihr besonders mag. Er ist noch so in seiner Figur, dass er seinen Text – wie über den gesamten Abend hinweg – auf Englisch spricht. 'Sag es in deiner Sprache', schlägt ihm das Ensemble vor. Das braucht dann doch noch einen weiteren Anlauf. Schließlich sitzt das Paar zwar in seinem vertrauten Wohnzimmer, aber 25 Augenpaare beobachten es dabei."
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