Nicht lautlos abtreten!

6. April 2025. Hans Falladas großer Roman vom kleinbürgerlichen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur hat Konjunktur. Weil Diktaturen Konjunktur haben. Heute mehr denn je. Nora Schlocker inszeniert Falladas Werk als kluges Lehrstück.

Von Martin Krumbholz

Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" in der Regie von Nora Schlocker in Düsseldorf © Sandra Then

6. April 2025. Wie lange sind die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg jetzt her? Achtzig Jahre? Wenn es schon so lange her ist, wie konnten die Leute damals dann Sorgen aus ihren Köpfen in unsere stecken?

Dieses schöne Bonmot stammt von Charles Dickens, aber es passt ein bisschen auch zu Hans Falladas düsterem NS-Roman "Jeder stirbt für sich allein" und seiner heutigen Rezeption. Ein bizarrer Führerkult erlebt ein weltweites Revival, in den USA stellt sich scharf die Frage nach dem Widerstand, der immerhin in der Türkei losgetreten ist, und was in Deutschland (oder Frankreich) noch passieren könnte, mag man sich gar nicht ausmalen. Aktualität und Relevanz der Widerstandserzählung von Fallada, wenn es auch nicht das Gleiche ist, stehen also außer Frage.

Postkarten gegen Hitler

Fallada hat seinen voluminösen Roman direkt nach dem Krieg auf Grundlage von Gestapo-Akten geschrieben. Otto Quangel, Werkmeister ausgerechnet in einer Sargtischlerei, und seine Frau Anna haben ihren einzigen Sohn an der Front verloren; anfangs haben sie noch Hitler gewählt, jetzt aber, 1940, schreiben sie Hunderte von Postkarten mit subversiven Botschaften und legen sie in Treppenhäusern und anderswo heimlich aus. Natürlich werden sie irgendwann erwischt, sie haben keine Chance, das (unter anderem) macht die Lektüre des Buchs zu keinem Vergnügen. Die Menschen, die die Karten finden und eigentlich aufgerüttelt werden sollten, haben Angst, keiner gibt sie weiter. Alles vergebens?

Jeder stirbt 02 1200 Sandra ThenDer Terror trägt Orange: Blanka Winkler und Jürgen Sarkiss in der Ausstattung von Jana Findeklee und Joki Tewes © Sandra Then

Nicht zuletzt das ist die Frage, die Nora Schlocker und ihre Dramaturgin Birgit Lengers sich bei der Adaption des Buchs stellen. Schlocker, eine kluge (und übrigens nicht selten unterschätzte) Regisseurin, hat Respekt vor dem Roman, aber auch nicht zu viel. Sie entfernt das Folklorehafte, etwa das penetrant Berlinernde des Textes, und sie fokussiert nicht auf den kriminalistischen Aspekt der Geschichte, sondern auf die (im Ergebnis überraschende) Komplexität der vielen Charaktere.

Angst allerorten

Das betrifft nicht nur das Ehepaar Quangel, das von Florian Lange und Cathleen Baumann ernst und bitter gespielt wird. Die Bühne ist ein beweglicher Kubus, der aus Papiersäulen gebildet ist (Akten!), in der Mitte befindet sich ein schmaler Lichtspalt, der für Auftritte genutzt werden kann. Hier erscheint zum Beispiel, kopfüber, Ingo Tomi in der Rolle des windelweichen Enno Kluge, eines charmanten und arbeitsscheuen Frauenhelden, der sich anpasst, wo es nur geht, und doch mit dem Leben bezahlt.

Oder Jürgen Sarkiss als Gestapo-Mann Escherich: Einer, der sich gern forsch gibt, aber im Grunde genau so viel Angst hat wie diejenigen, denen er sie so gerne einjagt. Keiner ist sicher, auch Escherich wird sich das Leben nehmen. Blanka Winkler in der Rolle der Trudl Baumann, der Schwiegertochter der Quangels, die in den Untergrund geht, oder Claudius Steffens in mehreren disparaten Figuren: Es ist ein bravouröses Ensemble, das den Abend trägt und von Anfang an eine beklemmende, nicht nachlassende Spannung erzeugt.

Dazu tragen auch die unheimlichen Nazi-Kinder bei, die in Fantasieuniformen mit orangenen Hemden und schwarzen Lederhosen stecken, die im Hintergrund ständig zu lauern und zu spionieren scheinen, die aber immer wieder aus ihren kleinen Rollen heraustreten dürfen und, als Repräsentanten der Zukunft jenseits des Terrors, die Frage danach stellen, wie wir leben wollen.

Dem Tod ins Auge sehen

Alles vergebens? Indem sie aus Falladas Kolportageroman ein Lehrstück macht, beantwortet Nora Schlocker diese Frage entschieden mit: Nein. Die Sorgen, von denen in Charles Dickens' Bonmot die Rede ist, mögen sich von Generation zu Generation vererben, aber der Widerstand ist eben nicht "zwecklos". Oder er ist zwecklos, aber nicht sinnlos.

Einiges erscheint auf der Bühne sogar plausibler als im Roman: Etwa, warum die Quangels nach ihrer Verhaftung die Blausäure nicht schlucken, die ihnen der Ex-Richter Fromm (Rainer Philippi) zugesteckt hat. Sie wollen nicht einfach lautlos abtreten, sondern, etwas pathetisch gesagt, dem Tod ins Auge sehen. Sie haben eine Botschaft für die Nachwelt.

 

Jeder stirbt für sich allein
nach Hans Fallada
Regie: Nora Schlocker, Ausstattung: Jana Findeklee und Joki Tewes, Musik: Lars Wittershagen, Licht: Christian Schmidt, Dramaturgie: Birgit Lengers.
Mit: Florian Lange, Cathleen Baumann, Friederike Wagner, Claudius Steffens, Jürgen Sarkiss, Blanka Winkler, Ingo Tomi, Melanie Lüninghöner, Rainer Philippi, Adrian Geulen / Raphael Abilgaard, Maxim Kirsa-Straubel / Julian Lambrozov, Kassandra Giftaki, Julian Lambrozov, Sena Kaya, Theodor Taprogge, Veronika Regent.
Premiere am 5. April 2025
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.dhaus.de

Kritikenrundschau

"Ein Lehrstück, vorrangig für die Jugend - mit reichlich Gefühligkeit und Moralin, verabreicht in alt bekanntem Aufarbeitungs-Tonfall" sah Michael-Georg Müller und beschreibt die Inszenierung in der Westdeutschen Zeitung (7.4.2025) als "konsequent, aber auch ziemlich konventionell". Immerhin die Schauspieler*innen werden gelobt.

Das Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses erwecke wieder einmal den Eindruck hoher Geschlossenheit, lobt auch Bertram Müller in der Rheinischen Post (7.4.2025). Die Inszenierung bringe nicht nur einen Spiegel der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands hervor, sondern zugleich eine Mahnung für die Gegenwart. Ein bisschen skeptisch hinterlassen den Rezensenten die expliziten Gewaltdarstellungen. "Eine Erschießungsszene, die man auch ins Off hätte verlegen können, war gewagt angesichts des großen Maßes an Gewalt, von dem wir heutzutage nicht nur in Medien umgeben sind."

"Klug hat Regisseurin Nora Schlocker Hans Falladas Roman gekürzt, verzichtet auf Regiemätzchen, inszeniert klar und stringent," so Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (7.4.2025). Gespielt werde in beklemmender Intensität.  Die Aktualität und Allgemeingültigkeit des Stoffs werden so aus Sicht der Kritikerin sichtbar. "Was kann der Einzelne leisten gegen das Unrecht eines übermächtigen Staatsapparats?"

Kommentare  
Jeder stirbt ..., Düsseldorf: Großes Kompliment
Natürlich steckt alles schon im Titel. Jeder stirbt für sich allein, und es liegt auch wenig Trost in diesen Toden, bis hin zum Kind das am Schluss sagt: in 80 Jahren werde ich tot sein. Aber...!
Dieses "aber" oder dieses "trotzdem" für sich an diesem Abend zu finden, ist für mich die größte Herausforderung. Angesichts eines Systems, einer Maschinerie, einer banalen Menschlichkeit, die alle Menschen verkrümmt, zermürbt und zermalmt, dass am Ende nur bleibt, ein bisschen anständig zu sein, der eigenen Feigheit kleine aufmüpfige Momente eines verzweifelten Muts abzuringen.
Dass es diesem Abend gelingt, all' dies zu zeigen, sich für diese, für unsere ganz banale Menschlichkeit zu interessieren, sich nicht einer Täterpornografie ("Hitlers Helfer") hinzugeben, einen über diese lange, desolate Strecke mit Genauigkeit und Spannung mitzunehmen, ist einfach großartig. Es bleiben viele tolle Bilder auf einer minimalistischen Bühne, präzisem Licht und einer wunderbar flirrenden, dräuenden, sich aber nie nach vorne drängenden Ton-Ebene. Diese hat paradoxerweise ihren stärksten Moment als sie abbricht und einfach den Ton der Drehbühne als Knochenmühle stehen lässt.

Gibt es Hoffnung? Schwer zu sagen, aber glücklicherweise gibt es Momente der Hoffnung: ein Kind das Liebe annehmen kann, ein Ausblick in eine vielleicht bessere Zukunft. Ist das aktuell, hat das Gegenwartsbezug? Nach der Premiere habe vermutlich nicht nur ich darüber diskutiert. "Lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit", sicher, aber die Härte einer Zeit hart, aber mit großer Empathie zu zeigen, ist eine Kunst.
Großes Kompliment an alle Beteiligten.
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