Was ihr wollt - Schauspiel Köln
Upgrade fürs Jahrhundertgame
25. Januar 2025. Shakespeares Verwechslungskomödie ist ein Theaterhit: Alle spielen jemand anderen als sie sind, und dann kreuzt auch noch die Liebe wirr die Pfade. Charlotte Sprenger lässt viel von diesem Verwirrspiel beiseite – und fokussiert auf eine Meta-Pointe.
Von Martin Krumbholz
Shakespeares "Was ihr wollt" in Charlotte Sprengers Regie am Schauspiel Köln © Birgit Hupfeld
25. Januar 2025. "Ich bin nicht, was ich bin", sagt Viola, die sich in Shakespeares toller Komödie Cesario nennt, erstens weil sie inkognito in die Dienste des Herzogs Orsino tritt, in den sie sich verlieben wird, und zweitens, weil sie für diesen Orsino unerkannt um die Gräfin Olivia wirbt, die ihrerseits den postillon d'amour liebt. Der Satz ist banal und tiefgründig, paradox und anspielungsreich zugleich, er stellt eine Tautologie auf den Kopf, parodiert den alttestamentarischen Gott ("Ich bin, der ich bin") und enthält den Kern des Stücks.
Besetzungspolitische Lösung
"Ich bin nicht, was ich bin": Der Satz, obwohl komischerweise nicht gestrichen, ergibt in Charlotte Sprengers Inszenierung keinerlei Sinn, denn die Regisseurin ist der Meinung, dass man den ganzen androgynen Identitätsquatsch nicht braucht, da die Sache sich auch besetzungspolitisch abbilden lasse. Tatsächlich sind in Köln-Mülheim einige Rollen umgedreht, Malvolio und Sir Toby sind weiblich, die Zofe Maria männlich besetzt. Nur sind solche Entscheidungen natürlich komplett austauschbar und haben mit der zentralen dramaturgischen Pointe von "Was ihr wollt" nichts zu tun.
Tollkühn karnevalesker Mummenschanz
In diesem wunderbaren Stück haben alle Figuren, bis auf Viola/Cesario, einen gewaltigen Knall, soweit sind Autor und Regisseurin sich durchaus einig. Der bescheuerte Orsino hat sich die Gräfin in den Kopf gesetzt, obwohl sonnenklar ist, dass sie ihn nicht will (eben weil er bescheuert ist), die Gräfin macht ein Mordstrauertheater um ihren toten Bruder, vergafft sich aber in den erstbesten hergelaufenen Bengel, der stockbetrunkene Sir Andrew bildet sich ein, er könnte die Gräfin verführen, der eitle Haushofmeister Malvolio glaubt allen Ernstes, er müsse die Rüpelbande in seinem Haus Mores lehren, und so weiter.
Flotte Truppe: Das Ensemble in den Kreationen von Kostümbildner Josa Marx © Birgit Hupfeld
Nun gibt der witzige Kostümzeichner Josa Marx wirklich sein Bestes, mit diesen Figuren einen tollkühnen karnevalesken Mummenschanz zu veranstalten. (Das Stück spielt übrigens, obwohl es "Die zwölfte Nacht" heißt, das ist die Dreikönigsnacht, im Sommer.) So ist etwa der Narr eine Libelle mit Struwwelpeterkrallen, Sir Toby eine Drag Queen im Reifrock, Sir Andrew ein Frosch in Plastikfolie, Malvolio eine Raupe, Orsino ein Marshmallow, Olivia eine Dame mit hochtoupiertem Ich-weiß-nicht-was und Viola, kein Scherz, ein Reh. Ein niedliches Bambilein. Grotesk und lustig auf seine Art, wobei man wissen muss, dass hier die Figuren Komponenten eines Computerspiels sind: eine kleine Zugabe, die die Regisseurin sich ausgedacht hat, um das einige Jahrhunderte alte Game upzugraden.
Nett anzusehen, sonst nichts
Ob das funktioniert, ist ein bisschen egal. Festzustellen bleibt aber, dass zugunsten dieser Meta-Pointe die eigentlich komödiantischen Elemente des Stücks krass vernachlässigt bleiben und der Blick permanent auf Nebensachen geworfen wird. Die berühmte Doppelszene, in der Malvolio, scharf auf seine Herrin, einen vermeintlichen Liebesbrief entziffert und sich dann in das dämlichste aller Outfits wirft (es ist ja eigentlich die köstlichste Komödienszene nicht nur dieses Stücks, sondern überhaupt): Die bedauernswerte Sabine Waibel muss sie erst sinnlos breitwalzen und dann schlicht und einfach kaputtschreien. Die Regisseurin, die permanent schlauer sein will als der Autor, hat keinen Sinn für Nuancen und Subtilitäten.
"Wähle Deine*n Spieler*in": Theatergame von Charlotte Sprenger © Birgit Hupfeld
Und dann eben Viola, die nicht Cesario sein darf, gespielt von der hochbegabten Kristin Steffen, zweifellos ja die liebenswerteste Figur des Stücks (des "Games"): Sie trippelt als niedliches Rehlein durch den Abend, knutscht ein bisschen wahllos, wie es scheint, mit der sie begehrenden, aber ziemlich uninteressanten Olivia, vernachlässigt Orsino (das geht noch hin, denn auch der ist uninteressant), vor allem aber hat sie keinerlei eigenes dynamisches und erotisches Profil. Eigentlich das Zentrum des Stücks, ist sie hier nett anzusehen – und sonst gar nichts.
Ein hinuntergestürztes Gläschen Rieslingsekt in der Pause vermag an diesem scheußlichen Regenabend in Köln nichts zu ändern an einem frustrierenden Gefühl der Vergeblichkeit und der bitteren Shakespeare-Abwesenheit. Billy, so heißt der Gamer, hat kein nächstes Level erreicht. Enjoy, wenn Du kannst!
Was ihr wollt
von William Shakespeare
Deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec
Fassung von Julia Fischer und Charlotte Sprenger.
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne: Max Schwidlinski, Kostüm: Josa Marx, Musik: Philipp Plessmann, Kamera: Max Schlehuber, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Julia Fischer.
Mit: Johannes Benecke, Sinan Gülec, Ronald Kukulies, Andreas Leupold, Lisa-Katrina Mayer, Kei Muramoto, Philipp Plessmann, David Rothe, Kara Schröder, Kristin Steffen, Sabine Waibel.
Premiere am 24. Januar 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.schauspielkoeln.de
Kritikenrundschau
"Wenn der Abend nur mehr Spaß machen würde", stöhnt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (27.1.2025)."Während in der elisabethanischen Vorlage jede Liebesbeteuerung zur nächsten Verwirrung führt, Handlungen und Nebenhandlungen nahtlos ineinandergreifen, wirkt hier jede neue Szene wie eine vom Spieler ausgelöste Skriptsequenz, die in einem Game zum nächsten Level führt. Das mag sogar beabsichtigt sein, aber es führt dazu, dass die Inszenierung immer wieder von Neuem Anlauf nehmen muss, ohne jemals richtig in Schwung zu kommen."
"Relativ schnell passiert bei dieser Premiere das Schlimmste, was an einem Theaterabend passieren kann", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (26.1.2025): "Es wird langweilig." Da erzeugten "selbst die sinnlich-fantasievollen Kostüme von Josa Marx nicht genug Ablenkung von den Kopfgeburten am Regiepult", so der Kritiker.
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