Guter Mond, schau nicht so böse

15. März 2026. Drei alt gewordene Geschwister streiten in Peter Handkes 1982 uraufgeführtem Stück im Dorf ihrer Herkunft übers Erbe. Auch eine Art Heilsbringer tritt auf. Roberto Ciulli hat den seltsamen Seelen eine Prise Beckett beigemischt.

Von Andreas Wilink

"Über die Dörfer" von Peter Handke im Theater an der Ruhr Mülheim (Regie: Roberto Ciulli) © Elisabeth Strauß

15. März 2026. Die "zärtliche Langsamkeit“ als "Tempo dieser Reden“, die der Autor mit einem Wort von Nietzsche vorgibt, spricht im Theater an der Ruhr der Regisseur Roberto Ciulli als Anweisung ein, wobei es scheint, als würde er ebenso sein Darsteller-Quartett wie das Publikum einstimmen auf: slow motion.

Beseelter Verkündigungston

Wozu dient eine Inszenierung? Wohl auch der Überprüfung ihres Stoffes. Weshalb dieser Text – Peter Handkes "Über die Dörfer“ – jetzt und heute? Was kann ihn tragen über fast ein halbes Jahrhundert aus der Saturiertheit der scheinbar klar geordneten westlichen Welt, in der es entstand, in die vieler Gewissheiten verlustig gegangene kriegslaute Wirklichkeit Europas, die einmal aus dem Off als Explosions- und Bombengeräusch zu uns dringt? Nicht selten destilliert sich aus Handkes beseeltem Verkündigungston, der Leser und Hörer in Gläubige und Glaubensverweigerer aus noch anderen Gründen als literarisch-ästhetischen spaltet, der hellsichtige Kommentar auf die "Unheimlichkeit der Zeit“, wie der gerade verstorbene Jürgen Habermas gesagt hat. Unserer Zeit.

Welcher "Geist des neuen Zeitalters" ist gemeint, den bei Handke jemand namens Nova vertritt? Welche Pathosformeln, Aufrufe, Aufträge sollen ge- und erhört sein? Nova, genderneutrales Wesen aus Sternenritter, Erwecker, Mahner, Tröster besitzt Urvertrauen in die Kraft zur Menschheitserlösung (bitternötig, wenn eben nur nicht die selbst erlösungsbedürftigen Erlöser wären). In Mülheim ist Nova bei Bernhard Glose ein erwachsener Junge mit der Mundharmonika, patent praktischer Bescheidwisser, der bestimmt, aber beiläufig und unbeschwert von Bedeutungsgewichten seine Weisheit mitteilt. Anfangs bedarf es eines fernen Glockenklangs, um ihn aus dem Bannkreis des Planquadrats Bühne zu entlassen. Er wird wiederkehren.

Mittel der Beschwörung

Das Theater an der Ruhr folgt seit einiger Zeit dem Prinzip, "Theaterinseln" zu erkunden und hat für sich die Insulaner Artaud, Pasolini, Nietzsche entdeckt. Mit einiger Berechtigung lassen sie sich unter die Rubrik prophetisch und messianisch fassen, was auch für Handke (und Wim Wenders, den Uraufführungsregisseur von "Über die Dörfer“ 1982) gilt. Handke: "Das früheste Erlebnis der Kunst muss ihr Erlebnis als Mittel der Beschwörung, der Magie gewesen sein; die Kunst war ein Instrument des Rituals.“

Realistisch gehärtet: Sophie (Maria Neumnann) © Franziska Götzen

"Über die Dörfer" formiert äußerlich eine Familienaufstellung. Drei Geschwister, drei Verlierer, die wortreich ein Bild des "Jammers" abgeben: der aus der Fremde zurückkehrende Gregor; der daheim gebliebene, auf Baustellen schuftende, hier mit einer Sense, als sei ihre Handhabe eine lang vermisste Kulturtechnik, weit ausholende Arbeitsmensch Hans ("Wir sind die Vaterlosen, die Freigesprochenen, die großen Unbekannten, die Menschen aller Zeiten“). Dazwischen Schwester Sophie, realistisch gehärtet, ihr Ich nicht liebend ("Geschäftsinhaberin wird schon bei Lebzeiten ein Grabsteinname“) und atemlos angesichts des Nichts. Der ehemals dörfliche Kindheits-Raum existiert nicht mehr, ist von Beton zugeschüttet als Sinnbild für Brutalismus, naturfeindlichen Raubbau und die Todsünde der Gleichgültigkeit.

Von der Regie erweckte Sprechkörper

Keine Individuen, vielmehr auf Standpunkte gesetzte Sprechkörper, wobei der Autor in einem ebenfalls vorangesetzten Diktum dekretiert: "Alle sind im Recht“. Die starre Poetik ist die lähmende Schwäche des Stücks, die erst Regie vom Tod erwecken muss – so etwa durch vitalisierende Amputation. Der Eingriff in den ihn stark verkürzenden Text lüftet ihn durch. Roberto Ciulli hat in seiner imponierenden Karriere, die er mit vitaler Produktivität fortsetzt, 1987 Handkes "Kaspar“ in einer Referenz-Aufführung inszeniert; und 2012 die kärntnerisch-slowenischen Besinnungsszenen "Immer noch Sturm" in fluid rhythmischer Einfachheit wie ein Prospero, der sich seiner Zauberkräfte willentlich entledigt, weil er ihrer nicht mehr bedarf, um wirksam zu sein.

Uber den Dorfern 1 Elisabeth StraussMüde Menschen, denen Beckett Pate stand, gespielt von Maria Neumann, Albert Bork und Joshua Zilinske © Elisabeth Strauß
Eine verwüstete Bühnen-Landschaft mit Ziegelscherben, geborstenen Glocken, einer gestrandeten leeren Registrierkasse, Milchkannen, Grabkreuzzeichen, zerstreuten Büchern, einem kahlen Ast und einer Leiter auf schwarz-weiß gemusterten Fliesen. Herbst des Lebens mit müden Menschen, denen Beckett Pate stand. Gebückt, aber aufrecht, in Groll und Gram stimmen Maria Neumann (Sophie), die markant präzise ist wie Therese Giehse, Albert Bork (Gregor) und Joshua Zilinske (Hans) den Klagegesang an in seinem Verneinungs-Furor, bevor sie, im Schnee kauernd, verdämmern. Atmosphärisch-artifiziell und intim fein versponnen bildet sich der Ciulli-Kosmos, darin im Finale Nova seine bejahende Rolle spielt. Nova fordert "Geistes-Gegenwart", wache Augen, Bedacht und Liebe ein, um so die Erde, neuen Ursprung und selige Freude zurückzugewinnen – in der Erkenntnis, dass "unsere Geborgenheit das Nirgendwo" bleibt.

Abschied vom Abendland

Handkes Sprache, die Zivilisationsskepsis ("Ich sehe hinter dem bösen Mond einen noch böseren aufgehen") mit Kunsttempeldienst und Evangelien-Ernst verbindet, fordert zu Kleiderzwang heraus: zum Ornat. In Mülheim hüllt das Theater sich in das abgetragene Gewand des Tramps oder Clochards, der Unbehausten, der Seiltänzer des Lebens. "Die Festlichkeit besteht darin, das Rätsel zu erfinden." Sagt eine von Handkes Figuren. Es tut wohl, dass Ciulli dieser Anmaßung nicht Folge leistet, sondern seinen eigenen Kunstsinn entgegensetzt, der im Adagio von Schuberts Streichquintett C-Dur überirdisch weh-süßen Ausdruck findet und den Zauber der entzauberten Welt entfaltet. Melancholie. Letzte Riten. Ersterbende Schönheit. Das Abendland nimmt – bei Roberto Ciulli – Abschied. Was bleibt ihm übrig außer dem utopischen Rest.

Über die Dörfer
von Peter Handke
Inszenierung: Roberto Ciulli (Regie-Mitarbeit: Dijana Brnic, Dramaturgie: Helmut Schäfer, Bühne und Kostüme: Elisabeth Strauß, Sound und Musik: Adriana Kocijan, Licht: Bekim Aliji.
Mit: Albert Bork, Bernhard Glose, Maria Neumann, Joshua Zilinske.
Premiere am 14. März 2026
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theateranderruhr.de

Kritikenrundschau

"Die Inszenierung setzt eher aufs Wort. Das Ensemble rezitiert viel, oft sehr eindringlich, gelegentlich (dem Text entsprechend) pathetisch – aber insgesamt sehr gekonnt", schreibt Andreas Müller für die Neue Ruhr/Rhein Zeitung (16.3.2026). "Roberto Ciulli liefert (mit Handke) ein Mutmach-Stück, mit Verweis darauf, dass unserer schnelllebigen Welt mehr Achtsamkeit und Langsamkeit guttäten. Es lohnt sich, darüber nachzudenken."

Dem Ensemble gelingen "intensive, packende Darstellungen", berichtet Klaus Stübler in den Ruhrnachrichten (16.3.2026). "Insgesamt mutet die Inszenierung fast an wie eine Art Schubert'scher 'Winterreise', nur halt mit gesprochener statt gesungener Poesie. Besonders deutlich wird das bei den Ausführungen über den Tod, zu denen das düstere Adagio aus Schuberts Streichquintett zugespielt wird."

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