Ohne dich zu verraten

5. April 2025. Miriam Ibrahim ist eine Spezialistin für die Lyrik von May Ayim. In Münster inszeniert sie eine sensible Annäherung an die Pionierin des Schwarzen Schreibens in Deutschland.

Von Falk Schreiber

"May Landschaften" von Penda Diouf in der Regie von Miriam Ibrahim © Sandra Then

5. April 2025. Es gibt eine enge Verbindung zwischen May Ayim und Münster. Die Lyrikerin und Aktivistin kam zwar 1960 in Hamburg als Tochter eines aus Ghana stammenden Vaters und einer deutschen Mutter zur Welt, kam dort zunächst in ein Kinderheim. Aber mit zwei Jahren wurde sie von Pflegeeltern in Münster/Westfalen adoptiert, in einer Region, zu der sie ein kompliziertes Verhältnis entwickelte. Nach einem Pädagogikstudium in Regensburg ging sie schließlich 1984 nach Berlin, wo sie eine multikulturelle Gemeinschaft fand, die ihr die Enge der Provinz nicht bieten konnte. Zumindest bis 1989 – der wachsende Rassismus im Zuge der deutschen Einheit (die sie im Gedicht "grenzenlos und unverschämt" als "sch-einheit" bezeichnete) setzte ihr zu, 1996 beging sie Suizid.

Abhärtung gegen den rassistischen Alltag

Der Münsteraner Theaterabend "May Landschaften" (zu einem Text der französischen Autorin Penda Diouf) kann so als Versuch verstanden werden, Ayim mit der Stadt ihrer Kindheit zu versöhnen. Ein schwieriges Unterfangen. Ayim erlebte hier den xenophoben Alltag in der Bundesrepublik. Die Erziehung war geprägt von Härte und Gefühlskälte – und dass die Autorin ihren Pflegeeltern später zugestand, sie so gegen rassistische Anfeindungen abhärten zu wollen, als Kind, das in jeder Hinsicht besser sein sollte als die Weißen, macht diese Erfahrungen nicht angenehmer.

Mit Miriam Ibrahim hat das Theater Münster eine Regisseurin verpflichtet, die man als Ayim-Spezialistin bezeichnen darf: 2023 brachte sie schon deren Gedichtband "Blues in schwarz weiß" auf die Bühne des Münchner Residenztheaters.

May Ayim lesen: Sera Ahamefule im Bühnenbild von Nicole Marianna Wytyczak © Sandra Then

Was einen Hinweis darauf gibt, dass diese Theatermacherin versteht, wo der Knackpunkt der Ayim-Rezeption auf deutschen Bühnen ist: Die Autorin ist Lyrikerin, ihre Texte sind nicht in erster Linie fürs Theater gedacht. „May Landschaften“ löst dieses Problem, indem der Abend eben kein Ayim-Stück ist, sondern eines von Diouf. Und die umkreist die Texte, um die es eigentlich geht, vorsichtig. "Ich möchte dich lebendig werden lassen, ohne dich zu verraten, ohne deine Worte zu verdunkeln", heißt es gleich zu Beginn, und das ist der Gedanke, der grundsätzlich hinter diesem Abend steht: Bloß nichts kaputtmachen, immer sensibel das abtasten, um das es eigentlich geht. Was als Haltung nicht unsympathisch ist, szenisch ergiebig aber ist es weitestgehend nicht.

"Ich möchte May den gesamten Raum überlassen!"

Dass hier praktisch nichts passiert, wird ein wenig aufgefangen von den drei Schauspielerinnen. Sera Ahamefule, Agnes Lampkin und Rakiyat Rasheed tun gar nicht so, als ob sie klar umgrenzte Figuren darstellen würden, sie nähern sich nicht einer Protagonistin an, sondern Texten, und diese Annäherungen unterfüttern sie dann mit der Gefühlswelt von Schwarzen Frauen in einer weißen Umgebung. Irgendwann geht es nicht mehr um Ayim, es geht um gemeinsam durchlebte Erfahrungen von, so Rasheed, "allen, die wie wir aussehen".

Der Abend braucht es freilich, dass er sich neben solchen direkt einleuchtenden Szenen immer wieder in sprachtheoretischen Sphären verliert. Dann gibt es lange Passagen, die die performative Kraft der Sprache beschwören, es wird ein Verhältnis zwischen der Autorin Diouf und der von ihr beschriebenen Ayim aufgemacht: "Kann ich 'Du' schreiben, ohne zu viel Platz einzunehmen?", heißt es dann, und das ist einerseits wichtig, weil es klarstellt, wer hier warum spricht, es wirkt auf der Bühne aber auch auf eine kokette Weise skrupulös. Und wenn Lampkin "Ich möchte May den gesamten Raum überlassen!" ausruft, dann könnte man zurückfragen, weswegen sie es denn dann nicht mache?

Und, ja, man weiß schon weswegen – weil Ayim dem Raum zu überlassen hieße, die Gedichte in den Mittelpunkt zu stellen, und die geben eben für die Bühne wenig her. Aber wenn die Skrupel so groß sind, dann stellt sich schon die Frage, ob eine Theaterinszenierung hier tatsächlich passend ist. Auf der anderen Seite ist es nicht uninteressant, zu beobachten, wie Ibrahims Inszenierung sich genau diese Frage die ganze Zeit zu stellen scheint.

Gastmahl mit Brot und Suppe

Erst kurz vor Schluss gibt es einen radikalen Bruch. Nach rund einer Stunde verändert sich Nicole Marianna Wytyczaks Bühne, eine Tafel wird aufgebaut, das Publikum wird zu Tisch gebeten, es gibt vegane Suppe und Brot. "May Landschaften" geht noch ein paar Minuten weiter, verliert dabei aber an Strenge und wird zum Raum, der Inklusion und Abgrenzung verhandeln kann. In einem letzten Text sprechen die drei Darstellerinnen gemeinsam, gemeinden Ayim in eine Riege Schwarzen Schreibens ein, zwischen Toni Morrison, Natasha A. Kelly und Bell Hooks, während über die Videowand Bilder einer augenscheinlich glücklichen Autorin flimmern. Und mit einem Schlag versteht man, wie diese Annäherung funktionierte, und man versteht auch, weswegen die Verweigerungshaltung des restlichen Abends notwendig war. Spröde war sie gleichwohl.

 

May Landschaften
von Penda Diouf
Deutsch von Remsi Al Khalisi
Regie, Fassung und Sound: Miriam Ibrahim, Bühne: Nicole Marianna Wytyczak, Kostüme: Sarah Seini, Video: Amon Ritz, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi.
Mit: Sera Ahamefule, Agnes Lampkin, Rakiyat Rasheed.
Uraufführung am 5. April 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-muenster.com

Kritikenrundschau

"Wer war eigentlich May Ayim? Unter anderem mit dieser Frage beschäftigt sich der Abend", so Robin Gerke in den Westfälischen Nachrichten (7.4.2025). Die Inszenierung sei keine reine Nacherzählung ihrer Biografie, vielmehr gestalten die Schauspielerinnen einen Abend voller Erinnerungen. Szenisch passiere wenig. "Mal offen, mal konkret, hier klagend, da humorvoll geht es um Aspekte Schwarzer Geschichte." Zum Ende falle dann die vierte Wand, eine lange Tafel werde aufgebaut und man ist eingeladen, Platz zu nehmen. 

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