Schlussstrichchor

15. März 2025. Kathrin Mädler lädt zum finsteren Familienfest: Dafür verzahnt sie Heinar Kipphardts Dokumentarstück "Bruder Eichmann" über den Prozess gegen den Holocaust-Mitorganisator und "Geschwister Eichmann" von Lukas Hammerstein, der aus der Gegenwart auf die verdrängte Vergangenheit blickt.

Von Marin Krumbholz

"Bruder Eichmann / Geschwister Eichmann" von Heinar Kipphardt und Lukas Hammerstein am Theater Oberhausen © Birgit Hupfeld

15. März 2025. Adolf Eichmann, 1906 in Solingen geboren, als ältester Spross einer vielköpfigen protestantischen Familie in der österreichischen Provinz aufgewachsen, ohne Schulabschluss, frühzeitiges NS-Mitglied, niederer Dienstgrad, hat maßgeblich die Transporte jüdischer Menschen in die Vernichtungslager organisiert. 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien geschnappt ("gekidnappt"), wurde er in Jerusalem vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im Mai 1962 hingerichtet.

Heinar Kipphardt hat die Verhörprotokolle zu einem dokumentarischen Text verarbeitet, der 1983 uraufgeführt wurde; in Anlehnung an Thomas Manns legendären Essay "Bruder Hitler" trägt das Stück den Titel "Bruder Eichmann". Inzwischen findet es nicht mehr häufig den Weg auf die Bühne; die Oberhausener Intendantin Kathrin Mädler kombiniert es nun für einen dreistündigen Abend mit einem neuen Text des 1958 geborenen Lukas Hammerstein, der seinerseits unter dem Titel "Geschwister Eichmann" firmiert. Das Ganze findet, unter Auslassung des Zuschauerraums, auf der großen Bühne des Theaters statt.

Unschuldig im bösen Getriebe

Die Philosophin Hannah Arendt war es, die den Prozess in Jerusalem seinerzeit beobachtete und zum Ausgangspunkt ihrer These von der "Banalität des Bösen" nahm. Denn der durchaus redselige Eichmann inszeniert sich in seinem Prozess als zwar nicht ahnungsloses, aber letztlich unschuldiges Opfer einer Dynamik, die er, ein "Rädchen im Getriebe", nicht beeinflussen konnte. Zum Sicherheitsdienst (SD) war er sozusagen aus Langeweile gekommen, erzählt er recht jovial; für das Politische im engeren Sinn habe er sich nicht interessiert. "Es war ja mehr das Nationale als die politischen Detailsachen", souffliert seine Frau Vera, "was die Menschen begeisterte."

Eichmann 3 CBirgit Hupfeld uVor Gericht: Klaus Zwick, Torsten Bauer (als Adolf Eichmann) und Regina Leenders © Birgit Hupfeld

So war denn auch Bruder Eichmann ein Begeisterter, ein "Idealist", der um seine Ideale bitter betrogen wurde. Im Grunde war an allem das Ausland schuld, das die Juden partout "nicht nehmen wollte". Aber die "Endlösung" hat ihn eigentlich empört, berichtet der Angeklagte, und sein Darsteller Torsten Bauer echauffiert sich an dieser Stelle tatsächlich sehr. Das war doch keine Lösung! Aber was sollte man machen. Selbstverständlich habe er persönlich keinen einzigen Juden getötet, auch nicht den Befehl dazu gegeben. Im Grunde war Eichmann, so bringt es ein Prozessbeteiligter sarkastisch auf den Punkt, "ein gemäßigter Judenfreund und Quasi-Zionist".

"Es war immer etwas Schamvolles in mir"

Kathrin Mädler interessiert sich in ihrer Inszenierung vor allem für die grotesken und sarkastischen Aspekte des Geschehens. Das Publikum, das im Karree an Tischen um die Spielfläche herum sitzt, einen Teller und ein Glas vor sich, ist Teil einer gespenstischen Feier, vielleicht eines Abschiedsrituals; in der Mitte wölbt sich ein monumentaler Grabhügel. Die Spieler, Familienangehörige und Prozessbeteiligte zugleich, umkreisen und durchqueren die Bühne, mischen sich unter die Zuschauer. Eine irrwitzige Bedienerin (Clara Schwinning) bietet Wein an und legt jedem eine gekochte Kartoffel hin.

Für Torsten Bauer ist der Text eine gewaltige Tour-de-force. Meistens sanft und "kooperativ", versöhnlich lächelnd, schlägt Eichmanns Performance in beinahe glaubhaft simulierte Empörung um, wenn es an die Substanz geht, also um seine moralische Schuld. Mit Gas hatte er rein dienstlich gar nichts zu tun, und wenn er die Lager besuchte (dreimal war er in Auschwitz), hat es ihn innerlich geschüttelt. "Es war immer etwas Schamvolles in mir", bekennt er, und im Grunde habe er ein Leben lang gebetet. Aber, meine Herren, "das Gewissen muss ja der Befehlshaber haben!"

Eichmann 5 CBirgit Hupfeld uWirkmächtig: Anna Polke, Anke Fonferek, Torsten Bauer, Oliver El-Fayoumy, Clara Schwinning, Philipp Quest, Klaus Zwick, Nadja Bruder © Birgit Hupfeld

Das achtköpfige Ensemble agiert vorzüglich präzise, und das gilt auch für den zweiten Teil des Abends. Lukas Hammerstein, anknüpfend an Arendts und Kipphardts Theorie von der Banalität des Bösen, lässt in seinem Fließtext die Verdrängungs- und "Bewältigungs"-Anstrengungen im Nachkriegsdeutschland Revue passieren. Jetzt wird meist, sehr schnell, sehr flüssig, im Chor gesprochen.

Hammerstein geht nicht gerade zimperlich vor. Bei der Fußball-WM 2006, dem sogenannten Sommermärchen, ähnlich wie schon die WM 1954 eine Art Beitrag zur "Normalisierung" Deutschlands innerhalb der Völkergemeinschaft, habe es nicht zum "Endsieg" gereicht (man ist ja, gottlob, im Halbfinale ausgeschieden). In die rhapsodisch aufgerufene Liste der mehr oder weniger korrumpierten Künstler, Breker, Gründgens, Karajan, bindet der Autor auch den 1959 geborenen Thielemann ein. (Weil er ein eher konservativer Musiker ist?)

Subtil ist das nicht, aber es lässt sich wirkungsmächtig herbeten. Und so geschieht es, an diesem vermutlich notwendigen und sich heftig einbrennenden Theaterabend in Oberhausen, unweit von Solingen.

Bruder Eichmann / Geschwister Eichmann
von Heinar Kipphardt und Lukas Hammerstein
Regie: Kathrin Mädler, Bühne und Kostüme: Mareike Delaquis Porschka, Musik: Cico Beck, Licht: Stefan Meik, Dramaturgie: Laura Mangels.
Mit Torsten Bauer, Nadja Bruder, Oliver El-Fayoumy, Anke Fonferek, Regina Leenders, Anna Polke, Philipp Quest, Clara Schwinning, Klaus Zwick.
Premiere am 14. März 2025
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

Kritikenrundschau

Einem "Deutschlandbankett spezieller Art" wohnte Anke Demirsoy von der Westfälischen Rundschau (17.3.2025) bei. Die Positionierung des Publikums sei "genial hintersinning", "denn das Premierenpublikum, das an diesem Abend die deutsche Gesellschaft symbolisiert, kann nicht am Grabhügel vorbeisehen". Insgesamt ist die Kritikerin sehr angetan von der Art, wie Kathrin Mädler "das dokumentarische Theaterstück mit einer frei assoziativen Wortkaskade" von Lukas Hammerstein verschränkt.

Die "Charakterstudie eines so biederen wie selbstgerechten Mannes" Adolf Eichmann sah Alexander Menden von der Süddeutschen Zeitung (17.3.2025) und kritisiert, dass die Inszenierung Analogieszenen von Kipphardt gestrichen habe, die "das Fortleben der 'Eichmann-Haltung' als autoritätshöriges Verhaltensmuster aufzuzeigen" (etwa Bezüge zum amerikanischen Atomangriff auf Japan). Lob fällt auf den Hauptdarsteller Torsten Bauer. Er "leistet als Eichmann Großes, indem er ohne jede falsche Dämonie die lavierende Selbstentlarvung eines befehlsgläubigen Technokraten zeigt". Der zweite Teil von Lukas Hammerstein "ist eine tonale Umstellung und bedeutet leider auch eine deutliche Verflachung des Abends".

"Torsten Bauer spielt den Eichmann souverän und mit überheblicher Gelassenheit", berichtet Klaus Stübler in den Ruhr Nachrichten (17.3.2025). Der Kern des Abends liegt für den Kritiker in dem Satz des Sprechchors aus dem Lukas-Hammerstein-Teil: "Stell dir vor, es ist Vergangenheit und keiner hört hin." Stübler pointiert: "Kathrin Mädler erhebt in Oberhausen so laut ihre Stimme, dass das nicht geschieht."

Kommentare  
Bruder Eichmann, Oberhausen: Mit Abstrichen
Ein eindrücklicher Theaterabend mit Abstrichen. Gerade die Figur des „Eichmann“ wird eindrücklich und beängstigend dargestellt, während die Figuren „Chass“ und „Ofer“ in ihrer unauthentischen Spielweise leider oft aus dem Rahmen fallen.
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