Grabeland - Theater Oberhausen
Welt sehen, bevor sie weg ist
1. November 2024. Die Schriftstellerin Nora Bossong erzählt in ihrem ersten Theaterstück kenntnisreich und poetisch von der Seidenraupenzucht im Ruhrgebiet während der Nazizeit. Intendantin Kathrin Mädler bringt den Stoff zur Uraufführung.
Von Dorothea Marcus
Nora Bossongs "Grabeland" von Kathrin Mädler inszeniert am Theater Oberhausen © Forster
1. November 2024. Weiß sind sie, irgendwie gepolstert, niedlich zuckend arbeiten sie da auf der Videoleinwand vor sich hin: die Seidenraupen, eifrige Tierchen, die in ihren Leben rund 60 Kilogramm Maulbeerbaumblätter verspeisen und pro Stunde zehn Meter kostbaren Faden spinnen. Wie Seidenraupen sehen auch die drei Schauspieler aus, die bald auf die Bühne kugeln und kriechen: weiß geschminkte Augen, wattierte weiße Kleidung – und zugleich erinnert ihr Outfit mit Schlips und kurzen Hosen an eine Uniform der Hitler-Jugend.
Es ist 1936, jenes "Jahr des Aufbruchs". Schorsch (David Lau) und Gustav (Philipp Quest), Bergbaukumpel, wollen mit Seidenraupenzucht der Schufterei unter Tage entkommen: "Jetzt ist alles möglich, sogar für uns!" Nur Lotte, die regelmäßig von ihrem Ehemann Schorsch misshandelt wird, wenn der mal wieder das Geld versoffen hat, plagen düstere Vorahnungen: Simin Soraya spielt sie wie eine somnambule Seherin, sie ahnt schon den Untergang.
Auf in die Versorgungsschlacht!
Doch zunächst läuft alles gut. Wer hätte gedacht, dass die Seidenraupenzucht im Ruhrgebiet öffentlich gefördert wurde, dass sie als "Teil der landwirtschaftlichen Versorgungsschlacht" unverzichtbares Material für Fallschirme lieferte und die Arbeitslosigkeit in der Region senkte? Tatsächlich wurde in Gelsenkirchen, kaum 20 Kilometer vom Theater Oberhausen entfernt, in den dreißiger Jahren in großem Stil Seide produziert, auf sogenanntem "Grabeland" – Brachflächen in der Stadt.
Auf dem Weg nach oben: Simin Soraya und Daniel Rothaug erzählen von Entrepreneuren in der Nazi-Zeit © Forster
Als sich die preisgekrönte Romanschriftstellerin Nora Bossong im Jahr 2023 als Metropolenschreiberin im Ruhrgebiet aufhielt, stieß sie auf das Thema und wurde zu ihrem ersten Theaterstück inspiriert. Inszeniert wird es nun von der Oberhausener Intendantin Kathrin Mädler. Einen riesigen Setzkasten, eine Art multifunktionales Regal hat Franziska Isensee auf die Bühne gestellt, halb bedeckt mit einem riesigen, seidigen Fallschirm: Kampfgerät und Projektionsfläche zugleich, immer wieder werden darauf Regieanweisungen oder Spielorte eingeblendet.
Wie beengte Lebensgefängnisse – oder auch Grubenschächte – wirken einzelne Fächer, wenn sich die Schauspieler darin einklemmen, bald aber weitet die Lichtregie den Raum, zugleich öffnen sich darin Falltüren oder fällt später die Rückwand weg: Das neue Leben, der bürgerliche Aufstieg des Trios auf mehr Raum, im neuen, dem Juden zwangsabgekauften Haus, ist durch das Leid Anderer erkauft. Eifrig und mit leuchtenden Augen reproduzieren die drei die allgegenwärtign Nazi-Propaganda, eben: kleine Menschentierchen ohne Überblick.
Für die Sache
Ein starkes, interessantes Symbol sind die Seidenraupen, in die sich die Schauspieler verwandelt haben. Einerseits stehen sie für die Jämmerlichkeit und Winzigkeit des Menschen, andererseits für die Sehnsucht nach Luxus und einem besseren Leben. Oder wie es Gustav ausdrückt: "Wie die Raupenzucht ist das ganze Volk. Aufopfernd für die Sache. Die Seide. Den Sieg."
Ein "Chor", von Daniel Rothaug in dunkler Uniform verkörpert, setzt den historischen und lokalen Kontext, seien es die triumphierenden Verkündungen bei "Aufklärungsversammlungen", nun am "wirtschaftlichen Aufbauwerk des Führers" teilnehmen zu können, seien es – später im Stück – die aktuellen Sterbezahlen in den Kriegsjahren. Gelsenkirchen: allein 1402 im Jahr 1942. Tief ist Nora Bossong in die Gelsenkirchener Stadtarchive gestiegen und doch findet sie einen schwebenden Tonfall, der einen größeren Rahmen setzt: Wie konnte eine Gesellschaft dermaßen in die Irre, in den Abgrund gehen?
Sie glauben an die Seide und den Sieg: Aktion im Bühnenbild von Franziska Isensee © Forster
Und so folgen wir Gustav, Schorsch und Lotte durch die Nazi-Jahre, sehen sie stolz Propaganda reproduzieren, ihren rücksichtslosen Aufstieg feiern, nur durch die zögernde Lotte zuweilen aufgehalten – während die drohende Weltkriegs-Apokalypse in vielen Sätzen lauert. "Ich hätte schon gern die Welt gesehen, bevor sie weg ist", sagt Lotte einmal, als Schorsch sie nach Paris mitnehmen will. Sirenenartige, ziehende Warnklänge unterbrechen die einzelnen Szenen, die den Verlauf der Geschichte jeweils nur antippen, kleine psychologische und historische Schlaglichter setzen.
Kein Boden unter den Füßen
Gut ist dieses Stück konstruiert, gute Bilder hat Regisseurin Kathrin Mädler gefunden: Einmal verrenkt sich der "Chor" am Regal hängend zum Hakenkreuz, einmal liegen die Menschenraupen auf dem Rücken und trampeln düster klingend an die Decke. Die Welt taumelt in den Krieg und hat den Boden unter den Füßen verloren. Gut spielen die Schauspieler, auch wenn sie weniger schreien, mehr Ruhe in die psychologischen Szenen legen könnten, eigentlich ist das Stück ja auch eine unglückliche Liebesdreiecks-Geschichte.
Und selbst wenn der Abend durch die formale Setzkasten-Beschränkung ein paar Längen hat, ist hier in Oberhausen doch ein kluger, historischer und zugleich poetischer Abend entstanden, in dem das Lokale, Alltägliche mit der Wucht der Schuld, der kleine Aufstiegswillen der echten Bürger mit der Weltgeschichte verschmilzt. Ein Abend, der zeigt, dass das Große eben im Insektenkleinsten liegt. Und dass wir es nur so werden verstehen können.
Grabeland
von Nora Bossong
Uraufführung
Regie: Kathrin Mädler, Bühne und Kostüme: Franziska Isensee, Musik, Sound und Video: Cico Beck, Dramaturgie: Saskia Zinsser-Krys.
Mit: David Lau, Daniel Rothaug, Simin Soraya, Philipp Quest.
Premiere am 31. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.theater-oberhausen.de
Kritikenrundschau
Als Akrobaten zwischen den Regalfächern leisteten die vier Schauspieler*innen "Staunenswertes - und geben, akzentuiert von blassblau ummalten Augen der Inszenierung das Gepräge expressionistischen Theaters", schreibt Ralph Wilms in der WAZ (2.11.2024). "Fast wirkt es, als hätte Oberhausens Intendantin einen raren Fund aus den 1930er Jahren hervorgeholt. Zu einer Sprache, die teils virtuos Motive der Seidenraupenzucht umtänzelt, wirkt diese Umgarnung des Stoffs wie maßgeschneidert."
"Bossongs Text hat sehr viel Kraft", schreibt Michael Laages in der Deutschen Bühne (1.11.2024). Mädlers Inszenierung setze sehr konzentriert auf die Abstraktion. "Ein verblüffendes und sehr überzeugendes Stück Regionalgeschichte hat das Oberhausener Theater da in den Spielplan genommen. (...) Simin Soraya und Daniel Rothaug, David Lau und Philipp Quest sind ein starkes Quartett – in einer Arbeit, mit der sich das kleine Haus in Oberhausen einmal mehr und unbedingt sehen lassen kann."
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@Kommentarschreiber #1 Woher kommt ihr Groll auf Frau Mädler?
Der Text ist vielleicht manchmal ein bisschen pädagogisch, absolut klasse und fesselnd sind aber die Figuren und die Art und Weise, wie sie sich durch dieses Bühnenbild schlängeln, turnen, Purzelbäume schlagen oder einfach nur militärischen Frühsport machen. Das Bühnenbild: große Klasse auf dieser kleinen Studio Bühne! Spannend und eine Geschichte des Ruhrgebiet, die man erst mal finden muss. Alle Achtung, dafür bin ich im Ruhrgebiet einige Kilometer bis nach Oberhausen gefahren.