Wut auf "Wokes"

8. Juni 2024. Dünn ist der Firnis der Zivilisation. Diesem Gedanken folgt Philipp Löhle konsequent – in seiner schwarzen Komödie, die vom Niedergang der Mittelschichten kündet. Christoph Mehler bringt das Auftragswerk zur Uraufführung.

Von Anina Valle Thiele

"Firnis" von Philipp Löhle am Saarländischen Staatstheater © Martin Sigmund

8. Juni 2024. Wenn der Lack blättert, berauschen die Menschen sich an Gewalt. "Firnis" heißt Philipp Löhles Komödie vom gesellschaftlichen Abstieg der Mittelschichten, die der Schauspieldirektor am Saarländischen Staatstheater, Christoph Mehler, in der Alten Feuerwache uraufführt. Leonard Müller hat sich verschuldet, seine Familie ist weg, er lebt auf der Straße. Konstanze und Daniel Wagner nehmen ihn bei sich auf – und dann kippt die Stimmung.

Dem Niedergang entgegen

Fetzig kommt die Inszenierung daher. Das Bühnenbild (Stefano Di Buduo) wirkt rockig und doch aus der Zeit gefallen: graue Treppenstufen, anhand derer sich der Abstieg der Figuren symbolisieren lässt, ein altes Bushäuschen und eine Telefonzelle – wann gab es die noch? Oberhalb der Bühne prangt ein leuchtender Schriftzug des Autohauses "Gitter". Doch da die Figuren von Anbeginn dem Niedergang entgegen taumeln, wird auch der Schriftzug irgendwann erlöschen.

Dunst liegt über der Bühne und anfangs herrscht wildes Gewusel. Ein Notarzt-Einsatzteam kommt hektisch mit Bahre herbeigestürmt und lässt die Patientin fallen. Leonard Müller (Raimund Widra) sitzt im beigen Anzug auf den Treppen und blickt von Anbeginn wie ein geprügelter Hund. "Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh. Ne?", kommentiert Fränk Gitter (Jan Hutter als schmieriger Autohändler) sein Unglück, um kleinlaut einzuwerfen: "Ich komm hier eigentlich gar nicht vor."

Gelüste hinter der Wohlstandsfassade

Leonard, an dem Löhle die Spirale des gesellschaftlichen Abstiegs veranschaulicht, gerät von einem Unglück ins Nächste. Ein Familienvater, der die öffentliche Ordnung im Sinn hat, hält den im Gebüsch Kauernden für einen Spanner und schlägt ihn windelweich. Hochverschuldet und obdachlos, wird Leonard von der Familie Wagner aufgenommen, die ihn anfangs noch wie einen Hund verhätschelt, dann aber sukzessive als Hausmann und Gespielen instrumentalisiert. Die sadomasochistischen Sexspiele kulminieren im Anketten und in körperlichen Demütigungen – hinter der Wagner’schen Wohlstandsfassade stinkt es.

Ausweglos gefangen: eine der Unterdrückerinnen (Gaby Pochert) © Martin Sigmund

Familie Wagner macht Urlaub in Italien. Ihr verwöhnter Sohn Paul (Jonathan Lutz), ein Vertreter der "Fridays for Future", ist ein naiver Weltverbesserer. Seine Mutter, die von Haselnüssen schwärmt, belehrt der überzeugte Veganer: "Das ist reinste Monokultur. Bis zum Horizont! Voller Pestizide, weil sonst ein kleiner Erreger alles auffrisst. Und wofür? Für ne Schokocreme!!" In Löhles Wortspielen wird der "Agrotourismus" zum "Aggrotourismus". Im Text wabert Zorn auf die Woke-Bewegung und die Moralkeulen des Bürgertums: "Jetzt führ dich doch nicht so als Heldin auf, nur weil du ein Würstchen aus Erbsen isst", schleudert Paul seiner Mutter an den Kopf.

Stark ist Christiane Motter in der Rolle der Mutter und affektierten Therapeutin Konstanze Wagner, die betulich dozierend ihren nachhaltigen Lebensstil verteidigt und doch von alten Zeiten schwärmt, in denen sie noch Fleisch aß. Kein Wunder, dass sie beim Anblick des aufgesammelten Leonards fleischliche Gelüste bekommt. Ihr Mann Daniel gerät hingegen nur hinter dem Steuerrad in Ekstase und macht deshalb Testfahrten mit E-Autos. Und ausgerechnet die Notärztin (Verena Bukal) berauscht sich am Anblick von Blut.

Herrschaft der Gewalt

Die ulkigsten Momente dieser Inszenierung entstehen immer dann, wenn zu Jazz-Musik die Bühne im Chaos versinkt. Als es zum Unfall kommt, mimt der Chor (das gesamte Schauspiel-Ensemble) diesen als Pantomime. Mutig wird die Vierte Wand durchbrochen. Chor: "Es gibt sogar Szenenapplaus!!!" Ganz stark schließlich die Szene, in der Fränk Gitter in den Trümmern versinkt.

Firnis 1 C MartinSigmund uNoch fast ein Idyll: Christiane Motter (Konstanze Wagner); Raimund Widra (Leonard Müller) und Fabian Gröver (Daniel Wagner); hinten links: Jan Hutter (Frank Gitter) © Martin Sigmund

In der zweistündigen Inszenierung regiert bald die Gewalt. Blut fließt, die Opfer werden in Plastikfolie gewickelt. Paul und seine Freundin Maja (Anna Jörgens) finden Lust am Voyeurismus und filmen das Opfer Leonard, in der Selbstvergewisserungs-Manier der Generation Z: ich fotografiere mich, also bin ich. Wenn der Geknebelte auf der Leinwand erscheint und auf die ZuschauerInnen blickt, macht auch die anfangs irritierende Videoprojektion Sinn.

Irgendwann stehen allerhand Geprügelte aufgereiht da, abgestempelt zu gesellschaftlichen Verlierern, behangen mit Schildern, an denen die Aufschrift prangt "Ich habe es zu nichts gebracht" oder "Kosten Nutzen negativ". Die Frage ins Publikum, von Papa Buggy: "Hä? Seid ihr etwa alle der Meinung, dass ihr was bringt?", bleibt im Raum hängen.

Beklemmende Realsatire

Am Ende steht ein großes Tableau der Zügellosigkeit. Die Unterdrücker mit den Bierbäuchen stopfen Wurst in sich hinein und frönen in jeder Hinsicht der Fleischeslust, auf Kosten der willenlosen Unterdrückten. Autor Philipp Löhle hat seinem Auftragswerk für das Saarländische Staatstheater ein Zitat des Marquis de Sade aus "Die 120 Tage von Sodom" vorangestellt. Es verleiht dem Text eine fast parabelhafte Dimension, denn das bei Sade inszenierte Sodom und Gomorra ist ja nur vordergründig. Eigentlich geht es um die Frage: Wie kann sich das Individuum auflösen? "Firnis" erzählt demnach vom Verschwinden – dem Ende der Zivilisation.

Das Woke wird als folgenlose Kritik entlarvt. Die Alten kreisen um sich selbst und die Jungen stecken in der Nachhaltigkeitsfalle. Ein jeder richtet sich in seiner verzweifelten Existenz ein und sucht gewaltsam Auswege. Das ist de Sade und bleibt doch die männliche Perspektive einer älteren Generation. Oder ist diese Kritik am 'Scheiß'-Bürgertum nicht am Ende Theater für Sahra Wagenknecht? Für Mehlers Inszenierung von Löhles Text, die über weite Strecken als beklemmende Realsatire daherkommt, gibt es rauschenden Applaus.

 

Firnis
Von Philipp Löhle
Regie: Christoph Mehler, Bühnenbild & Video: Stefano Di Buduo, Kostümbild: Jennifer Hörr, Dramaturgie: Gesa Oetting, Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Patrik Hein.
Mit: Raimund Widra, Laura Trapp, Christiane Motter, Fabian Gröver, Jonathan Lutz, Anna Jörgens, Jan Hutter, Lucas Janson, Gaby Pochert, Verena Bukal, Linus.
Uraufführung am 7. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.saarland

Kritikenrundschau

Vielleicht ist der aufgenommene Obdachlose Leonard ein bisschen zu dankbar und zu hilflos, "jedenfalls fühlen sich seine Retter zunehmend zu sadistischen Machtspielchen ermutigt. Bis die bürgerliche Fassade bröckelt", schreibt Kerstin Krämer in der Saarbrücker Zeitung (10.6.2024). Löhles Gesellschaftsgroteske sei gespickt mit Themen, "die der Autor einem mit absurdem Witz unterjubelt und dabei die Frage nach individueller Verantwortung stellt." All das forme die Regie zu einem furiosen Ensemblestück, das sich temporeich in irrsinnige Wendungen schraube. Christoph Mehler lasse Handlungsstränge ineinander laufen, buttere das Geschehen mit burlesker Komik und integriere zahlreiche ironische Brüche.

Mehlers Inszenierung von Löhles bitterböser Gesellschaftsabrechnung brilliere damit, wie mühelos sie einem das Lachen über die vielen gelungenen Gags aus dem Gesicht wischen kann, so Oliver Sandmeyer im Saarländischen Rundfunk (10.6.2024). Das Stück halte einem den Spiegel vor. "Das Ensemble begeistert."

Kommentare  
Firnis, Saarbrücken: Empfehlung
2 Stunden Lachen und auch immer wieder Lachen verschlucken. Mit Spannung eine Gesellschaftsgroteske
verfolgen. Brisante Atemlosigkeit. Keine Langeweile. Wenn es zu schräg wird, BigBand zuhören. Firnis ist zu empfehlen!
Firnis, Saarbrücken: Hat sich gelohnt
Einfach sensationell!
Genial, mitreißend, bitterböse und entlarvend und dabei auch noch urkomisch. Ein kluges Stück genial auf die Bühne gebracht. Dafür gab es zu Recht Riesenapplaus. Unser Besuch hat sich mehr als gelohnt.
Firnis, Saarbrücken: Realsatire
Wunderbare Inszenierung, gut geschrieben, mit starken Schauspielern!
Eine sehr interessante Realsatire, die uns allen das Dilemma, in dem wir stecken, vor Augen hält, uns zum Lachen und zum Weinen bringt!
Gut gemacht, von allen Gewerken, weiter so!
Firnis, Saarbrücken: Andere Wahrnehmung
Ohne dem begeisterten Chor von Jamie, Katrin und Gerda seine Wahrnehmung in Abrede stellen zu wollen, bringe ich noch meine Stimme dazu, um den Chor noch um meine individuelle Wahrnehmung zu ergänzen. Ich habe ein Theaterstück mit sich mir sehr bieder anfühlendem Humor erlebt, das über ein durch ironische Distanz überhöhtes Nachklappern der Realität nicht hinauskommt. Das Stück hat mir keine neuen Perspektiven auf die Realität eröffnet. Es wurde über die Klischees gelacht, die allen wahrscheinlich schon bekannt sind. Da gab es nicht aufwühlendes, unbekanntes, den Blick erweiterndes. Eher nur Bestätigung dessen, was man eh schon zu wissen meint. Irgendwie bieder eben, das Stück. Das Regie-Team und die Schauspieler*innen vermochten für mich durch das, was auf der Bühne stattfand, auch nicht etwas anderes, neues, neue Perspektiven eröffnendes aus dem Stück herauszuholen. Aber dieser sich mir bieder Selbstbestätigende anfühlende Humor macht mit anderen Menschen ja offensichtlich etwas anderes, wie der Chor von Jamie, Katrin und Gerda zeigt. Diesen Chor wollte ich nur eine andere Wahrnehmungs-Klangfarbe noch erweitern.
Firnis, Saarbrücken: Weltverbessernd?
Schauspielerisch stark, die Umsetzung ist kurzweilig und überraschend, es entstehen Bilder die zeitweise an die Wimmelgemälde des Hieronymus Bosch erinnern lassen. Aber ist der Autor nun tatsächlich genervt von den besserwissenden Weltverbesserern oder will er uns auf den Pfad der es besser”machenden” Weltveränderer führen? So absurd wie mit aktuellen Themen wie Klimawandel und dem möglichen Weg zu einer gerechteren Gesellschaft umgegangen wird, könnte man deren Brisanz auf diese Art erzählt auch gut von sich weisen. Satire, klar! Über andere lachen fällt ja bekanntlich immer leichter als über sich selbst. So verrückt sind wir Ottonormalos im echten Leben nicht. Oder vielleicht doch? Falls ich solch bizarre Parallelitäten in meinem Alltag finden sollte, kann ich ja berichten.
Firnis, Saarbrücken: Nicht lustig!
(...) Ich konnte selten lachen, meistens blieb mir das Lachen dieser Tragödie im Halse stecken. Klar geht unsere Gesellschaft schlecht mit „Versagern“ um, das kann man gar nicht böse genug darstellen. Und ja, wir stecken alle in Widersprüchen. Fliegen oder auf tolle Reiseerlebnisse verzichten? Auf Fleisch verzichten und dafür die Rodung des Regenwaldes für Soja in Kauf nehmen? Usw. Wir haben es nicht einfach. Dennoch, mir fehlt die Art von Humor, mich auf so brutale und gewalttätige Art darüber lustig zu machen. Schade, ein bisschen mehr Feinsinn, weniger Übertreibung hätten mich mehr inspiriert. Ich fand den dargestellten brutalen Sadismus einfach nur abstoßend und widerlich. Und beängstigend in einer Welt, die durch Kriege und Rechtspopulismus ohnehin immer unkontrollierbarer und brutaler wird - das wären übrigens meiner Meinung nach die eigentlichen Themen der Zeit!
Dennoch: Hut ab vor der schauspielerischen Leistung, und auch die Regie samt Bühnenbild waren klasse.
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