So manche Liebe stirbt im Winter

14. September 2025. In "Gier / Sonne" führt Regisseur Philipp Preuss die Stücke von Sarah Kane und Elfriede Jelinek zusammen. Zweimal Apokalypse also, aber auch eine überzeugende Analogie auf die Jahreszeiten einer Liebe. 

Von Uwe Loebens

"Gier / Sonne" : Philipp Preuss' Inszenierung der Stücke von Sarah Kane und Elfriede Jelinek in Saarbrücken © Martin Sigmund

14. September 2025. Die Sonne hat, gelinde gesagt, die Schnauze gestrichen voll. Sie ist von sich selbst, ihrer Selbstherrlichkeit und Allmacht angeödet. Besonders nervt sie aber der Klumpen aus Dreck und Müll in ihrem Orbit, auf dem zweibeinige Krabbeltiere die aus ihrer Sicht seltsamsten Anschauungen über sie hegen. Wie eine indische Sonnengottheit mit Feuerkrone gekleidet (Kostüme Eva Karobath) führt sie im Kreis ihrer goldglitzernden Assistenz-Gottheiten Klage über die Menschen und ihre anthropozentrische Weltsicht. Sie ignorieren die von ihnen verursachte ökologische Apokalypse und nehmen lieber exzessive Sonnenbäder. Wie gut, dass auch sie selbst, die Sonne, dereinst den Sternentod erleidet, und dann ist sowieso alles vorbei.

Regisseur Philipp Preuss hat für das Saarländische Staatstheater Elfriede Jelineks anspielungsreichen Theatertext "Sonne, los jetzt!" mit dem düsteren Stück "Gier" der britischen Autorin Sarah Kane zu einem Theaterabend kombiniert. Entstanden ist ein zweiteiliges Sprachoratorium, dessen Inszenierung die Texte wie Säulen hintereinanderstellt. Ihnen gemeinsam ist neben dem Fehlen einer Handlung das fortwährende Reflektieren über Zustände und Befindlichkeiten.

Ins Dunkel kreisend

Mit "Gier" steigen wir zuerst in die Hölle der fehlgeleiteten Begierden, Sehnsüchte und Leidenschaften. Auf einer fast leergeräumten Bühne (Sara Aubrecht) erzählen vier nicht näher charakterisierte Personen in gleicher Kleidung fragmentarisch über die Spielarten und Unarten der Liebe, geht es um die Sehnsucht nach Entgrenzung durch sie wie auch um ihre zerstörerische Gewalt. Von angedeutetem Kindesmissbrauch bis zu Wegwerfsex.

Gier Sonne 4 CMartin Siegmund uÜbergroße Gesichter auf der Leinwand: "Gier" in Philipp Preuss' Doppel-Inszenierung in Saarbrücken © Martin Sigmund

Es bleibt vage, ob hier eine Frau episodisch in unterschiedliche Gestalten aufgesplittet von den Stationen ihrer Liebeserfahrung berichtet. Oder ob personifizierte Prinzipien verschiedene Liebesmodelle exemplifizieren. Über allem steht die Frage nach der Grenze, an der Liebe in körperlichen oder seelischen Missbrauch umschlägt. Und wo die Sehnsucht nach Selbstentgrenzung zur Selbstaufgabe führt.

Preuss schafft mit einem streng komponierten Einsatz von Videotechnik nicht nur einen Wechsel von Identitäten, sondern auch von bedrängender Nähe und kühler Distanz. Mal bewegen Gesichter, übergroß auf eine Leinwand projiziert, die Münder zum Text anderer, die im Dunkel stehen. Mal erscheinen Gesichter auf Papiertüten, die über die fremden Köpfe gezogen sind. Dem steht etwa der zarte, fast schon klassische Monolog über die Wünsche nach einer ganz normalen Beziehung und einem banalen Alltag gegenüber (glänzend gespielt von Christiane Motter).

Jahreszeiten einer Liebe

Beeindruckend ist die Analogie der Jahreszeiten als Lebensgeschichte einer Liebe. Mit ganz wenigen Requisiten und während des Spiels vollzogenen Kleiderwechseln gelingt es, Frühling für das Aufkeimen der Gefühle, Sommer als volle Entfaltung, ihr Erkalten als Herbst und Winter für ihr Verlöschen parallel zu schalten. Da eine Erfüllung durch entgrenzende Liebe sich als unerfüllbare Utopie erweist, bleibt nur der Freitod, der Gang als Winterbraut ins kalte Licht.

Gier Sonne 2 CMartin Siegmund uKlagendes, exzentrisches Zentralgestirn: Die Sonne in "Sonne, los jetzt!" in Philipp Preuss' Saarbrücker Inszenierung © Martin Sigmund

Ohne Pause folgt der schon geschilderte Auftritt der Sonne in ihrer ganzen dekadenten Blasiertheit (herrlich: Sébastien Jacobi). Und damit beginnen auch die Schwierigkeiten mit der Inszenierung. Beide Stücke sind in ihrer Sprachgewalt, ihrer inhaltlichen Dichte und Umsetzung stark genug, dass sie jeweils einen eigenen Theaterabend verdient hätten. Eine Verbindung zwischen ihnen stellt sich nur mit einiger Gedankenakrobatik her, sie wirkt gewaltsam. Die auch weiterhin geschickt eingesetzte Videokamera, die diesmal wie ein Planet um die Sonne kreist, bekommt mehr und mehr den faden Beigeschmack einer Attitüde.

Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?

Ja, man möchte die Inszenierung großartig finden. Beeindruckend ist die Fülle der Bilder, die Preuss auf die Bühne bringt, und ihre präzise Komposition. Da ist das konzentriert spielende Ensemble, das eine irrsinnige Textmasse bewältigt. Da sind mit Gaby Pochert und Jonathan Lutz zwei Schauspieler:innen, die nicht nur spielen, sondern auch die Musik beigesteuert haben und live performen. Aber die Begeisterung bleibt gedämpft. Ist es das überfordernde Dauerfeuer der Themen? Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass der Abend überinszeniert ist und einfach nicht zusammenkommen will?

Beim Einlass wird dem einströmenden Publikum ein Stempel auf die Hand gedrückt. Er zeigt die halbe Sonnenscheibe vor dem fernen Meereshorizont. Geht sie nun auf oder unter?

Gier / Sonne
von Sarah Kane / Elfriede Jelinek
Regie: Philipp Preuss, Bühne: Sara Aubrecht, Kostüme: Eva Karobath, Video: Konny Keller, Dramaturgie: Simone Kranz, Licht: Nikolas Heinz.
Mit: Verena Bukal, Christiane Motter, Gaby Pochert, Lea Ostrovskij, Jan Hutter, Sébastien Jacobi, Jonathan Lutz.
Premiere am 13. September 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.saarlan

 

Kritikenrundschau

"Hochgradig konstruiert" findet auch Isabell Schirra in der Saarbrücker Zeitung (14.09.2025) die Zusammenführung der beiden Texte, zwischen denen auch die Inszenierung keinen Zusammenhang schaffe. Bei "Sonne" machten die Regie-Strategien, das Bühnengeschehen dynamisch zu halten – mehrstimmiges Sprechen, in dem Schauspieler*innen Sätze des personifizierten Zentralgestirns aufgriffen und fortsetzten, oder die das Geschehen umkreisende Kamera –, Jelineks komplexe Satzgefüge teils schwer verständlich, zur "Dechiffrierarbeit". "Gier" funktioniere besser: Preuss inszeniere genauso düster, wie es der Ursprungstext nahe lege, und die vier Schauspieler*innen erschafften "sprachlich einen musikalisch klingenden Sog ins Abgründige", so die Kritikerin, die lobend die Live-Musik hervorhebt.

Durch Jelineks vertrauten Sound in Überlänge laufe sich der Sprachwitz tot, werde der zweite Teil der Inszenierung "auf Dauer langweilig", bemerkt Karsten Neuschwender beim Saarländischen Rundfunk (14.9.2025). "Ein früheres Ende, was für eine Wucht hätte das nach Sarah Kanes 'Gier' gehabt." Trotzdem sei der Theaterabend "sehr sehenswert", aufgrund opulenter Kostüme, eines starken Schauspielensembles und Philipp Preuß’ Regie, die "klug und fantasievoll die beiden Stücke verbindet". Fürs "Melodram über das ewige Ringen nach Lebenssinn" gab es dem SR-Kritiker zufolge "langen Applaus und Bravi-Rufe".

Kommentare  
Gier/Sonne, Saarbrücken: Reise durch Schatten und Licht
Was für ein großartiger Abend, superb! Eine Reise durch Schatten und Licht, man ist gebeutelt, tief gerührt und erhellt! Merci!
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